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Politik, Ökonomie, digitale Öffentlichkeit

Freitag | 22.09.2017

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Letzte Kommentare

Opposition aus SPD, Grünen und Linken verhilft LSR zum (vorläufigen) Sieg

Als Oppositionsführer würde ich so denken: Jedes dumme Gesetz, dass die Koalition verabschiedet, ist ein Pluspunkt für die Opposition im Wahlkampf.

Tatsächlich dürften die Parteispitzen das LSR politisch nicht besonders ernst mehmen, also ist es ideales Material für taktische Sielchen. Und taktisch ist es schlauer, die Koalition jetzt in diese Themenfalle laufen zu lassen.

So oder so wird die Koalition damit noch einigen Ärger haben. Und wenn es nur der ist, dass sie beim Wahlkampf im Netz noch ein paar höhnische Gegner mehr hat.

Joachim Gaucks einäugiger Blick auf Europa

Bei Erzählungen ist ja nicht nur die Frage wichtig, wie zutreffend oder wie hübsch sie sind, sondern wer sich davon bewegen lässt.
Das Ursprungsmotiv der europäischen Einigung war politisch: Aussöhnung und engültiges Überwinden der kleingeistigen und teilweise auch rassistischen Nationalismen des 19. Jahrhundert. Dafür gab’s neulich einen Nobelpreis. Stünde heute noch einmal ein Kriegsheimkehrer draußen vor der Tür und würde sich 60 Jahre Koma aus den Augen wischen, er würde staunen, was nach 60 Millionen Weltkriegstoten für ein friedlicher, grenzfreier Kontinent entstanden sind. Die Nationalitäten mischen sich von Jahr zu Jahr mehr – toll.
Das ist aber auch das Problem: Die Gründungsutopie ist doch mehr oder weniger eingelöst. Was erzählt man jetzt den Menschen? Und nicht nur den Antifaschisten oder den Gewerkschaften (das ist ja leicht und solche Stories laufen ja nur offene Türen ein), sondern auch den Vorgartenspießern, die ja auch an Europa geglaubt haben, weil „nie wieder Krieg“ durchaus breitenwirksam war, die aber jetzt überall aus den Löchern kommen und aus dem Projekt Europa aussteigen wollen, weil es ein paar lumpige Milliarden extra kosten könnte.
Ich glaube nicht, dass man die nächste bewegende Europa-Story noch in der Vergangenheit findet. Das ist möglicherweise der fatale Irrtum – alle Sonntagsredner gucken rückwärts, um da den Anknüpfungspunkt zu finden. Für die Menschen ist das aber längst ziemlich irrelevant angesichts der erreichten europäischen Realität.
Eine vorwärtsblickende Story hat die Wirtschaft – „Europa wird von Asien marginalisiert, wenn wir nicht einen starken politischen Block bilden.“ Das ist eine Angst- und Brutto-Sozial-Produkt-Story, die Nationalisten gut verstehen. Das ist eine Allianz der Chauvinisten, wenn man so will.
Die neue Story Europas ist wirklich keine leicht zu erzählende Geschichte. Sie müsste etwas zu tun haben mit den Problemen und historischen einmaligen Unsicherheiten, vor denen die Welt heute steht – was hat Europa sich und der Welt zu geben? Was ist die „Markenbotschaft“ dieses Europas, mit der sich die Europäer identifizieren könnten? Dazu muss man von außen auf Europa schauen. Dann wird einiges sichtbar … in puncto Friedlichkeit, Demokratie, Sozialsysteme, Wissenschaft, Kultur, Umweltschutz, Überwindung des Hungers, etc. Das sind doch Kernprojekte für die nächsten 50 Jahre. Ist nicht die ganze Idee des nachhaltigen Wirtschaftens eine europäische Idee? Ist nicht der Sozialstaat eine europäische Idee? Ist nicht „Wohlstand für alle“ eine europäische Idee? Ist nicht Demokratie eine europäische Idee?
Wie auch immer, Europa ist wichtig, wenn man nach vorne schaut – obwohl der Laden im Moment so eine kümmerliche Figur abgibt.

Die Null-Euro-Utopie

Das Problem mit der Ökonomie ist, dass sie sich regelmäßig als zu schwierig für einfache und verkürzte Denkwege entpuppt. In diesem Fall wird z.B. mal einfach so getan, als gäbe es keine Produktions- und Arbeitskosten, wenn es keine Vertriebskosten gibt. Oder als wäre das Refinanzierungsmodell „Straßenmusikant“ a) bspw. auch auf Film und Literatur anwendbar und b) zielführender im Sinne des „Gemeinwohls“ als das jetzige Marktmodell, bei dem Angebot, Nachfrage, Preise und Zugangsmöglichkeiten so organisiert sind, dass die Produktion knapp damit zu Rande kommt und die Nachfrager im Überfluss leben, wobei sie, wenn sie es denn wollen, auch GRATIS an alles herankommen, was sie lesen wollen oder lesen müssen. Damit will ich nicht sagen, dass das jetzige Modell perfekt ist. Gerade nicht. Es protegiert „marktförmige“ Produkte, es verschiebt die Anreize viel zu sehr Richtung Rendite durch Marktbeherrschung und Marketing. Das wäre ein Grund für Korrekturen.
Etwas lächerlich finde ich die moralische Argumentation über „Demokratie“ und „Gemeinwohl“. Als würden die bestehenden Vermarktungsmodelle Abermillionen geistig darbende Menschen an Zugang zu wichtigen „Informationen“ hindern. Wenn es doch nur so wäre! Es geht aber in diesen Urheber- und Verwertungsrechts-Kämpfen gar nicht um „Informationen“, sondern zu 99% um doofes, marktförmiges Entertainment, dessen Gemeinwohlbedeutung geringer ist als Kamillentee. Wenn davon irgendetwas nicht gratis zu haben ist, ist das „Gemeinwohl“ davon überhaupt nicht betroffen, einfach weil das Gemeinwohl davon nicht abhängt.
Weniger Rendite aufs nackte Marketing und den Rechtehandel, mehr Rendite für Kreativität, neues Denken, Erfinden, Ausdenken, kulturelle Anstrengungen, Kunst und Wissenschaft wäre schön, aber dieses Problem ist am Ende eben kein Ökonomisches, jedenfalls nicht so in so plumper Form. Das Problem ist, dass die Allgemeinheit dafür gar nicht ausreichend Nachfrage entwickelt. Wenn es im Bereich der Content-Ökonomie eine Krise gibt, über die sich lohnen könnte, nachzudenken, dann liegt sie eben eher darin, dass die Leute inzwischen sich so den Kopf mit nährstoffarmen Gratis-Brei zukloppen können, dass sie für anderes und Mühevolleres gar keine Zeit mehr haben.

Finanz“markt“ – eine Irreführung

Richtig ist, dass man an den Fnanzmärkten quasi Casino spielen kann. Das sind allerdings genau die Marktteilnehmer, die gewöhnlich über kurz oder lang zerrissen werden. Im vergangenen Jahr haben etliche Hedgefondsmanager das Handtuch geworfen – die Risiken wurde quasi für sie nicht mehr handelbar, ohne Verluste zu machen.
Die Märkte selbst funktionieren anders als Casinos. Sie sind Risikotransformatoren, teilweise werden da auch Fristen umgewandelt (Zeit ist ja auch ein Risiko).
In der Risikotransformation liegt der eigentliche Kern des Bankgeschäfts. Banken übernehmen ständig anderer Leute Risiken auch im klassischen Geschäft – und sichern die Risiken ab über Menge und Marge. Das hat viel mehr Ähnlichkeit mit Versicherungen als mit Casinos.
Eine Großbank wie die Deutsche Bank hat, wenn’s gut läuft, auf diese Weise jährlich „nur“ zwischen 500 und 1 Mrd. Euro an Krediten aller Art in den Schornstein zu schreiben, wenn’s schlecht läuft mehr ;)
Diese Risikotransformation ist existenziell wichtig für die ganze „Investitionskultur“ einer Wirtschaft. Und hier – im klassischen spekulationsarmen Geschäft – haben sich bekanntlich weit größere Risiken bemerkbar gemacht als im spekulativen Bereich. Ob USA, Irland oder Spanien – daneben gelungen ist den Banken dort so etwas „Unspekulatives“ wie das Hypothekengeschäft. Den griechischen Banken oder auch der verstorbenen Dexia ist noch etwas Banaleres missraten – das Geschäft mit „sicheren“ Staatsanleihen ;) Die HypoRealEstate ist u.a. daran zugrunde gegangen, weil sie das Problem der Fristentransformation bei ihren Immobilien-Krediten übersehen hat oder nicht wahr haben wollte. In Deutschland liegt momentan das weitaus größte Problem auch im Kreditbereich, nämlich bei Schiffskrediten.
Auch in den Aktienmärkten geht es primär darum, dass Leute Risiken übernehmen, die es sich leisten können oder die Wege finden, die Risiken abzufedern und unter Kontrolle zu halten (das aber nicht immer schaffen). Der Begriff „Wette“ trifft für den größten Teil der Anleger und Fonds weder den ökonomischen noch den psychologischen Kern. Wenn man sich an einem Unternehmen beteiligt, geht man ja keine „Wette“ ein, sondern investiert in eine wirtschaftliche Unternehmung. Sonst könnte man auch sagen, wenn ich mein Geld in die Brieftasche stecke, gehe ich die Wette ein, dass man weder überfallen wird noch die Brieftasche verliert. Und dann ist überhaupt das ganze Leben ein Casino ;)
Ein gewisser „Wettcharakter“ kommt dennoch paradoxerweise dort ins Geschäft, wo Atomphysiker Risiken berechnen und die Einzelrisiken durch abstruse Mischrisiken nahezu komplett aufzulösen versuchen. Das wussten die aber auch erst hinterher, dass es da eine Unsicherheit gab, die sie nicht in ihren Berechnungen drin hatten. In der Regel nehmen die Risikomanager die Risiken heraus und machen sie handel- und tragbar.

Finanz“markt“ – eine Irreführung

Moment. Der letzte Absatz soll richtig so anfangen: Die Kritik an den Kapitalmärkten …

Finanz“markt“ – eine Irreführung

Ach. Nein. Der Kapitalmarkt ist mancher Hinsicht unterschiedlich vom Gemüsemarkt, das ist ja richtig. Der wichtigste Unterschied ist wohl der, dass das Gemüse gegessen wird, während Finanzpapiere gar nicht aus dem Markt verschwinden, sondern potenziell dem Angebot weiter zur Verfügung stehen.

Dennoch wirken auch auf dem Kapital in vielfältiger Form Angebot und Nachfrage. „Im Anlagegeschäft existiert weit und breit kein Ausgleichsmechanismus“ ist von daher … sagen wir mal „schwer unrichtig“. Um nur einmal den bekanntesten Ausgleichsmechanismus zu nennen: Es geht mehr Geld in Aktien, wenn die Anleihenzinsen zurückgehen. Und umgekehrt.

Im übrigen sind ja Kredit und Geldanlage gar nicht zu trennen, sondern nur die gleiche Geschichte mit umgekehrten Vorzeichen. Wer Kapital anlegt, gibt Kredit. Wer Aktien kauft, ist von daher auch nicht nur ein Spekulant, sondern investiert ins Unternehmenskapital. Legt er es dabei auf die Dividendenkontinuiät an, ist das weniger eine „Wette“ als eine Überlegung in die Vertrauenswürdigkeit des Kapitalnehmers – kaum ein Unterschied zum Kredit.

Die Kredit an den Kapitalmärkten aus Anlegersicht liest man in letzter Zeit häufiger. Z.B. hatte Seeßlen neulich auch schon auf hohem Niveau geflucht. Darin spiegelt sich die Hilflosigkeit vieler Sparer, für die die Kapitalmärkte zu kompliziert und frustrierend (geworden)sind. Die meisten Deutschen haben sich ihre Guthaben zusammengespart, seit Jahrzehnten unter weiträumiger Umgehung der Aktienmärkte, meist über schwach rentierliche Lebensversicherungen und Bausparverträge – und haben heute pro Kopf geringere Kapitalguthaben als Franzosen, Italiener, Schweizer oder Norweger. Die großen deutschen Konzerne gehören daher mehrheitlich zu über 50% ausländischen Pensionsfonds und Geldanlegern. Das geht alles tagtäglich nach „Ask“ und „Bid“ …

Internetentwicklungsland Deutschland: Bei sozialen Netzwerken ganz hinten

Jetzt haben wir aber ein logisches Problem: USA und GB – starke strukturelle Probleme in der Wirtschaft mit viel zu viel Staatsverschuldung und viel zu viel Arbeitslosigkeit und Armut, speziell GB schwache Industrie und stark rezessives Klima. Beide Staaten kurz vor dem endgültigen Abdriften in die Abwärtsspirale. D mit seiner Ablehung von Twitter und Facebook der einzige der G8-Staaten, dem es wirtschaftlich gut geht.
Daraus wäre doch zu folgern … oder? Also der Wirtschaft fehlt in Deutschland jedenfalls nichts, wenn sie soziale Netzwerke für drittrangig hält gegenüber diversen anderen Netznutzungsformen. Auch die Produktivität scheint eher dort höher zu sein, wo die Verbreitung der sozialen Netzwerke etwas geringer ist.

Der weiße Ritter Springer und die Hehlerbande Google

Das mit dem BILD-Niveau ist nicht richtig. Der Satz ist dank der vielen mitgedachten Bezüge dem normalen BILD-Leser zu hoch: „Das ist so, als würde eine Hehlerbande bei Amnesty International eine Menschenrechtspetition zur Verteidigung der freien Bürgerrechte beim Ladendiebstahl einreichen.”
Eine Katastrophe von Satz, weil der Anfang des Satzes eine Veranschaulichung verspricht, die er dann aber nicht liefern kann, sondern nur einen zusammengerührten Keese teilweise hoch abstrakter Nomen. Damit käme der Verlagschef bei der Hamburger Journalistenschule nicht weiter.
Und schon in seiner Sprache verrät sich, wie sehr Döpfner die Suche nach einem Argument durch bloßes Herumformulieren zu lösen versucht, weil er kein echtes Argument mitzuteilen hat. Eine Nebelbombe im Meinungskrieg nach dem Motto: Wir bemühen uns redlich, das Gesetzesvorhaben in größtmögliche Unklarheit einzuhüllen.

Finanzierung des Journalismus: Die falsche Debatte

„Die Medienbranche – wie jede andere Branche – kann nur existieren, wenn Menschen für ihre Produkte Geld ausgeben, auch im Netz. Und das geht nur über Qualität.“
Das bezweifel ich ganz gewaltig.
Die Frage ist zum Beispiel, wie groß die Bezahl-Nachfrage nach „Qualität“ überhaupt ist. Nach allen bisher vorliegenden Erfahrungen ist sie gering und insgesamt (einschließlich Printprodukte) abnehmend.
Die TAZ hat neulich ausführlich dargestellt, dass sie aus der hohen Besucherfrequenz auf ihrem Internetangebot nicht annhähernd einen subsistenzfähigen Betrag erlösen kann, trotz inständiger Bettelei bei den politisch hoch bewussten Leserinnen und Lesern.
Was im Netz mengen- und daher auch einkommensmäßig reüssiert, ist eben nicht „Qualität“, sondern eher das, wofür man gut ausgebildete, von Idealen erfüllte und fair bezahlte Journalisten gerade nicht benötigt.
Dass die großen Verlagshäuser keine Existenzschwierigkeiten haben, liegt ebenfalls nicht an der Treue zur journalistischer Qualität, sondern an der Abkehr davon. Qualitätsprodukte müssen sich aus sich selbst heraus kalkulatorisch darstellen lassen. Wo das nicht der Fall ist, ist ein Objekt entsprechend bedroht. Daher das Heulen und Zähneklappern.
Wenn jetzt überall festgestellt, es gäbe kein Internet-induziertes Zeitungssterben, ist das zwar teils richtig. Aber jede Zeitung kennt ihre eigene Situation, die abnehmenden Abo-Zahlen, das nahezu komplette Ausklinken der nachwachsenden Generation aus der Schicht der Zeitungskäufer etc.
Am Ende zieht sich die Schlinge beschleunigt zu. Es gibt bei jeder Zeitung einen negativen Tipping-Point, also den Punkt der unumkehrbaren Agonie.
Das eigentlich Desaster ist aber, wie gesagt, dass sich bald nur noch Müll bezahlt macht, während Qualität zum Subventionsgeschäft wird. Und irgendwoher müssen die Subventionen kommen: von „quer“, von Stiftungen, von Steuern, von Abgaben …
(P.S. Ich finde es zunehmend rührend zu sehen, wie eifrig die sog. „Netzbefürworter“ in ihren Antworten auf den bitteren Schirrmacher sich an ihre Hoffnungsschimmer und Visionen anklammern und sich mehr oder minder fadenscheinige Gegenargumente zusammensuchen, ohne zu sehen, dass sie von der massiven Beschädigung des professionellen Journalismus letztlich auch derbe betroffen sind. Das ist doch alles ein in enger Verbindung stehendes System. Geht ein Blatt wie die FR ein, stirbt eine Informationsquelle – z.B. tiefes Aufatmen bei der Polizeibehörde Frankfurt, die bislang vom Netz eben gar nichts zu befürchten hat …)

18 Thesen zur schwindenden Pressevielfalt

Danke für diese Analyse.
Vielleicht war die Arbeit der Redaktionen immer schon problematisch und fand meistenorts in einiger Entfernung von den Idealen statt, doch in den letzten Jahren greift die Banalsierung des Berufs des Journalisten bis in die Sektoren über, die früher diesen Idealen noch nahe standen. Die Lethargie, mit der dieser Agonie zugeguckt wird, empfinde ich zunehmend als gespenstisch.
Trotzdem, man kann sich darüber streiten, ob das Ende des Bezahl-Journalismus eine Katastrophe ist oder nicht – aber eben dies muss man viel, viel dringender tun als z.B. Google vor irgendwelchen LSR-Zumutungen zu retten.
Vielleicht wäre ja ein QSR (Qualitätsschutzrecht) angebracht, bei dem eher die Journalisten über die Verteil-Modalitäten entscheiden würden als ausgerechnet die nur noch zahlenorientierten Manager der Verlagskonzerne.
Welche demokratische, politische, gesellschaftliche Öffentlichkeit wollen wir haben? Der Totalausfall der Medienpolitik und der medienpolitischen Debatte ist seltsam. Eine kritisch kompetente Öffentlichkeit stand allerdings noch nie im Fokus der Interessen von Regierungsparteien.
Ein Punkt fehlt übrigens in der Analyse: Was ist mit den Leserinnen und Lesern? Wo sind die hin?

Das Leistungsschutzrecht, das wir wirklich brauchen

Ach Harry, ach je. Wer will den in deinem 21. Jahrhundert ankommen?
„Das Internetportal ticle united lebt von Inhalten, welche durch Redakteure bzw. Journalisten und Autoren veröffentlicht werden. Es gibt verschiedene themenbasierte Unterportale, … kann dort jeder – egal ob ausgebildeter Journalist oder nicht – zum Redakteur werden. Der Start beginnt in der Rolle als ‚Autor‘. Durch die Veröffentlichung von Artikeln/Beiträgen können die Autoren bis zu 20 Punkte jeweils sammeln. Ab einer Punktzahl von 3000 steigen die Autoren zu ‚Redakteuren‘ mit mehr Rechten auf ticle united auf.“
Bevor einer, ob er den Griffel halten kann oder nicht, sich in die Hände von solchen Spielern begibt, die ihn außer „Punkten“ nichts gewinnen lassen, während aber die Veranstalter vermutlich doch ein paar nebenberufliche Euros auf ihr Konto fließen lassen – so derbe sind ja nicht mal Zeitungsverleger jemals mit den Textfabrikanten umgegangen, bevor also das passiert, sollte man vielleicht lieber und ehrlicherweise den ganzen Offline- und Online-Journalismus gemeinschaftlich beerdigen. Was tot hier ist, wird nämlich auch tot dort sein.
Angeblich sind ja Zeitungsredaktionen nur noch die nutzlosen Untoten veralteter „Geschäftsmodelle“ – aber um wieviel Mal nutzloser ist denn so eine netzgestützte Textmüllkippe?!
Und als Grabblume dann diesen Spott gepflanzt: „Alle Interessierten, die der Welt ihre Informationen mitteilen möchte, sind herzlich eingeladen, sich kostenlos anzumelden!“ (Grammatik-Fehler in eurem Original)

Das Leistungsschutzrecht, das wir wirklich brauchen

Ist doch eine lustige Idee: Eine Art „Briefmarke“ auf jeden PR-Artikel, den eine Firma an eine Redaktion versendet. Das Geld wird gepoolt etc…
Oder gleich die „Jahreszustellgebühr für Firmen und Verbands-PR“ einführen ;)

Das Leistungsschutzrecht, das wir wirklich brauchen

Aha!
Finde ich gut, mal in eine Richtung zu schauen, wo einerseits mehr, andererseits auch aus naheliegenden Gründen etwas geholt werden könnte.
Gerade gestern an anderer Stelle geschrieben: „Diese Debatte [ob Google was zahlt oder nicht] ist mE unter großer Aufregung am Thema vorbei… Es müssten mMn ganz andere zahlen; und es müsste primär darüber geredet werden, wie dieses Geld verteilt wird. Ich denke z.B. an alle Unternehmen, Lobbyisten-Vereinigungen und Verbände, die PR-Abteilungen betreiben bzw. PR-Agenturen für sich arbeiten lassen. Ich denke an alle stillen Nutznießer, die tatsächlich geldwerten Vorteil daraus ziehen, dass es Zeitung/Medien gibt. Und ich denke daran, dass die Verleger sich nicht so ohne weiteres das Geld selbst zuteilen können – ohne Qualitätsschlüssel geht gar nichts, weil nur ein Qualitätsschlüssel dazu führen kann, dass die Verlage sich Qualität wieder etwas kosten lassen.“

Man muss da mal die Fantasie spielen lassen, wie sich recherchierte, editierte und qualifizierte journalistische Inhalte unterstützen lassen – gegen den Markttrend, der gegenwärtig das, was an den alten Strukturen sinnvoll war, unterspült und sozusagen ins Unterirdische hinunterzieht.

Hat das Netz seine Kraft verloren?

„Ob man sich vielleicht etwas vorgemacht hat …“
Das muss ja so gewesen sein.
Z.B. hat man sich vorgemacht, angesichts der Millionen Netzbewohner wären 50.000 Unterzeichner ein Klacks.
Ferner dürfte es eine Fehleinschätzung sein, die Netzbewohner seien alles politische bewegte Leute – ich glaube das nicht (und halte schon die Piratenpartei für den Aufstand der Unpolitischen). „Politisch“ wach werden die meisten offenbar nur, wenn sie sich sehr direkt, vor allem beim Geld, persönlich betroffen fühlen dürfen, z.B. wenn sie etwas zahlen sollen.
Vielleicht hat man sich auch vorgemerkt, die Leute würden wirklich glauben, der Kampf zwischen Großverlagen und Google hätte viel mit ihrem Bloggen, Tweeten und Posten zu tun – diese Argumentation hat wenig gegriffen, egal mit vielen Taxifahrer-Vergleichen und Angstszenarios sie veranschaulicht wurde. Da machen viele einen Haken unter die entsprechende Blogartikel, aber die innere Überzeugung war augenscheinlich gar nicht so hoch.
Wahr ist allerdings auch, dass die LSR-Debatte nur eine künstliche Öffentlichkeit hatte. Damit meine ich: Niemand hat darüber irgendwo in Kneipen, auf Parties, in den Kantinen diskutiert. Das Thema war nicht da außer bei denen, die es zum Thema machen wollten.
Vermutlich reibt sich Keese jetzt die Augen: So elendig schwach sind die?! Wer hätte das gedacht. Die Überraschung scheint zu sein, dass die Netzöffentlichkeit _als solche_ nicht so wahnsinnig gut funktioniert. Das Netz besteht aus sehr vielen unterschiedlichen Milieus. Was sich als „Netzgemeinde“ tituliert findet, ist offenbar nur ein Milieu unter 50 anderen und längst nicht das Bedeutsamste. Hochmeinungsaktiv, aber auch stark abgekapselt gegen andere „Lebenskreise“.
(Disclaimer: Alles nur Thesen. Ohne ein bisschen Umfrageforschung unter Nicht-Zeichnern tappt man da im Dustern.)

Vom Kontrollverlust zur Filtersouveränität

Zweifellos spitzt sich der Beitrag auf einen Punkt zu, wo die entscheidende Divergenz auszumachen ist gegenüber allen früheren Formen von Informationskulturen.
Allerdings habe ich den Eindruck, dass die Dialektik dieser neuen Öffentlichkeit nicht richtig angepackt wird. Z.B. hier: „Der Kontrollapparat wird nun zum Kontrollverlustinstrument.“ Die Anekdote illustriert das scheinbar genau – du kannst aber aus der gleichen Anekdote nahezu das Gegenteil folgern: Das Kontrollinstrument richtet sich nämlich nun plötzlich gegen den Kontrolleur – bleibt aber selbstverständlich eine Überwachungskamera und zwar viel mehr als je zuvor.
Du bist schon näher dran an der Dialektik, wenn du schreibst: „‚Leaken‘ ist sozusagen die Standardeinstellung des Netzes.“ Leaken ist ja nichts anderes als die Erweiterung der Kontrolle der Öffentlichkeit auf die früheren Arkanbereiche.
Aus genau diesem Grund sind die Debatten um „Privacy“/Geheimhaltung bzw. No-Privacy/radikale Offenlegung auch hoch politisch und alles andere als Debatten, die angesichts des allgemeinen Weltenuntergangs niemanden interessieren müssten. Mit am rabiatesten verteidigen derzeit China, Russland und USA ihr Geheimhaltungsprinzipien – denn Macht braucht Geheimhaltung als modus operandi des Machtmissbrauchs. Das Wort „Filtersouveränität“ hat daher für die KP eine exakt umgekehrte Bedeutung wie bei dir.
Wo die Entwicklung hingeht, weiß keiner. Ich würde nicht nach 5 Jahren Facebook gleich hoch spekulative Extrapolationen auf die nächsten 50 Jahre veranstalten. Vorsichtig vermuten würde ich lediglich Folgendes: Solange vom letzten Kuhkaff bis zur hohen Geopolitik Tag für Tag Scheiße passiert, wird es Kämpfe geben, wie diese Scheiße nicht ruchbar wird. Der vermehrte Kontrollverlust ist ja auf der Rückseite der Medaille eben mehr Kontrolle, übrigens sowohl für den Staat wie für die Bürger. Beide Seiten sind jetzt Überwachte und Überwacher. In irgendeiner Form wird es daher unvermeidlich eine Reguierung des „Kontrollverlusts“ geben – Kompromissformen. Genau solche Ansätze zu Kompromissen sind gegenwärtig überall zu beobachten. Bei den neuartigen Institutionen wie Facebook genauso wie bei den neuartigen Subjekten der Öffentlichkeit, also den Menschen, die sich immer mehr überlegen, wo sie wem gegenüber auf welchem Kanal was mitteilen und worüber sie lieber nichts sagen.

Guttenberg und das anti-elitäre Sarah-Palin-Ticket

Lieber Suppenkasper, gehört nicht in die Debatte hier, aber:

Der Kampf gegen die Begriffe „Geistiges Eigentum“, „Urheberrrecht“ und insbesondere „Verwertungsrecht“ ist doch viel romantischer als diese Begriffe selbst.

Mehr als romantisch ist jedenfalls die Ansicht, die Arbeit eines Künstlers oder Erfinders geschehe um ihrer selbst willen und könne daher nicht einen Warencharakter haben wie die Arbeit eines Tischlers, eines Druckers oder eines Kameramanns.
Das „geistige Eigentum“ ist daher dann gut begründet, wenn es a) auf Arbeit beruht (daher wird nach „Schöpfungshöhe“ verlangt) und b) für jemand anderen einen Wert besitzt, für den er Geld auf die Theke legt. Dann kann nicht jemand anders kommen und sagen, er habe zwar die Arbeit nicht gehabt, Geldverdienen möchte er aber gerne dabei sein. Das wäre etwa so, als wenn Warner Brothers zwar noch CDs verkauft, den Künstlern aber nichts zahlt, weil „geistiges Eigentum“ eine Chimäre sei.
Was ich damit sagen will: „Geistiges Eigentum“ und die Urheberrechte, die sich daraus ableiten, sind sicherlich begriffliche Krücken und schwierige Begriffe, deren Inhalt und konkrete Ausformungen sich auch historisch wandeln können, jeder Künstler und Wissensarbeiter ist aber sicherlich froh, dass es hier noch Schutz für seine Arbeit gibt, so dass nicht jeder x-beliebige Verwerter ihm seinen Aufwand klauen kann.
Den Begriff „Monopol“ kannst du dir in Zusammenhang mit geistigem Eigentum sowieso sparen, der macht da überhaupt keinen Sinn. Die Kulturmärkte sind die kleinteiligsten Märkte überhaupt. Selbst die „Großen“ wie Warner Brothers sind doch nur winzig kleine Nummern, wenn man es gesamtwirtschaftlich betrachtet. Was meinst du, wie viele Labels und Buchverlage nicht mal den Umsatz einer Arztpraxis erreichen?!
Im übrigen sind die gesetzlichen Bestimmungen ja gerade bei der Wissenschaft so, dass dort die Urheberrechte eingeschränkt sind: Im wissenschaftlichen Kontext darf alles zitiert werden – es muss nur eben als Zitat deutlich gemacht sein und dann natürlich lediglich den Hintergrund für die eigene geistige Leistung darstellen.
Guttenberg durfte selbstverständlich gratis zitieren, was er wollte. Es mangelte bei ihm lediglich zum ersten an den Nachweisen der Zitate, zum zweiten an eigenen Gedanken.

Guttenberg und das anti-elitäre Sarah-Palin-Ticket

Guter Kommentar, aber ich stimme nicht zu ;)

Du schreibst: „Ich glaube nicht, dass Guttenberg jetzt schwächer ist als vorher, eher das Gegenteil. Ich glaube aber, dass seine Machtbasis sich verändert hat, und zwar auf eine Weise, die nichts Gutes verheißt.“

Ich glaube das nicht. Ich denke eher, es wird ihm gehen wie Koch (der es ja auch einige Male sehr unverfroren versucht hat, mit blankem Stammtisch-Populismus Wahlen zu gewinnen): Von den Affären und Skandalen bleibt genug in den Klamotten hängen, um eine höhere Karrierestufe nicht mehr erreichen zu können.
Auch wenn er gerade viel trotzige Beliebtheit abbekommt, die Leute merken doch, dass der Typ weit mehr eine Flasche ist, als es bisher den Anschein hatte.
Natürlich gibt man es nicht zu, weil man ja auch zugeben müsste, dass man sich selbst geirrt hat und das tun Menschen nun mal höchstens im Stillen, aber ganz wohl fühlen sich nur wenige mit ihm. Und Merkel ist heilfroh, dass G. sich künftig linientreu verhalten muss, denn ohne die Krücken von BILD und den Drahtziehern in der Partei ist er ruck zuck weg vom Fenster.
Und zum echten Volkstribun taugt er sowieso nicht. Er redet ziemlich schlecht. Wirkt immer noch wie ein Schulsprecher. Abiturienten-Rhetorik. Liest die einfachsten Passagen ab. Überbetonungen an den falschen Stellen. Der hat sein Publikum nicht wirklich im Griff. Im Grunde ist er vor allem sehr gut und immer passend angezogen und macht sich gut auf Fotos, zumal mit seiner Frau daneben.
Als politisches Talent kann man ihn auch nicht gerade bezeichnen. Es kommt mir vor, als gleiche er den fehlenden Machtinstinkt durch einen Willen zum Machtinstinkt aus. „Ich bin jetzt ganz fest“, „ich bleibe auch bei Sturm an Bord“ etc. – so reißt er sich mühselig am Riemen.
Diese fotogenen Politiker hat es immer gegeben (Leisler-Kiep, remember?). Wenn Sie aber ansonsten nichts drauf haben, bringen Sie’s nicht weit.
Ich bin mir eigentlich ziemlich sicher, dass G. mit dieser Affäre seinen Zenith gehabt hat. Man braucht ihn noch, weil er bestimmte unpolitische Wählerkreise anspricht, aber dass ihn in CDU/CSU noch einer für eine politische Führungspersönlichkeit hält, das glaube ich nicht. Der hat seine ganze Truppe wie ein kompletter Idiot geschlossen in den Kessel der Fakten geführt und dann kapituliert. Der kann die einfachsten Situationen nicht richtig einschätzen. Und der als Kanzleranwärter?! In den USA geht sowas, weil die Republikaner das Präsidentenamt dort seit jeher gerne mit Schauspielern bestücken, um desto besser im Hintergrund die Fäden ziehen zu können. Das läuft bei uns aber auch aus strukturellen Gründen nicht so.
Die Leute lieben ihn vielleicht noch, aber an seine politischen Fähigkeiten glauben nur noch die Allerdümmsten. FAZ und Wirtschaftspresse haben ihn ja auch zerschossen.
Nee, G. ist hinüber, die Anhänger haben es nur noch nicht so ganz mitgekriegt, dass sie einfach die Dümmsten im Lande sind und überhaupt nicht mitkriegen, wie sie doppelt für dumm verkauft werden.

Aufstand gegen die Eierköpfe?

Die Abneigung gegen intellektuelle Hochnäsigkeit mag eine Rolle spielen. Entscheidend dürfte aber sein, dass generell – und das ist weltweit zu beobachten – die politisch rechts angesiedelten Wählerkreise sehr stark von dem Bedürfnis nach Leitfiguren geprägt sind. Wieso die psychisch so verdrahtet sind, weiß ich nicht. Aber es ist immer wieder zu beobachten: autoritäres Auftreten kommt gut an. Aus irgendwelchen Gründen haben sich diese Rechtswähler zuletzt Guttenberg als ihren liebsten Leithammel ausgesucht. Nachvollziehbar ist das kaum, weil der Typ ja nicht gerade „bodenständig“ und volksnah wirkt. Eventuell hat G. aus dem Posten des Verteidigungsministers (seit jeher ein Sprungbrett für höhere Image-Weihen) eine Menge Beliebtheit bezogen. Allerdings verkörpert G. „männliche Entschlossenheit“ und ähnliche Eigenschaften, die man rechts von einem Politiker regelrecht benötigt. Man denke auch daran, dass „Schmidt-Schnauze“ immer höchste Anerkennung bei den beinharten CDU Wählern genoss, weil er – wie seit her nie wieder ein Politiker – unglaublich autoritativ reden konnte. Doktor, Professor oder Ungelernter ist eigentlich egal – Hauptsache „schneidig“. Intellektuelle sind demgegenüber für rechtsgedrehte Menschen keine Führungsfiguren, weil Reflektieren verunsichert. Die Borniertheit ist inneres Bedürfnis. Das Zumachen gegenüber Gedanken und Fkten, die nicht ins Weltbild passen, ist ja allen Menschen eigentümlich, im rechten Spektrum finden sich allerdings oft die unglaublichsten Auswüchse.
Zum Schluss nur eins: Reagan wurde mal gefragt, wie er seine Wahlkämpfe gewonnen hat. Er antwortete: „Make those people feel good about themselves“. Das ist tatsächlich der Königsweg jeder Wahlkampftaktik, die rechts Stimmen holen will. Und sich mit sich seinen eigenen Ansichten gut fühlen, das können die rechts offenkundig sogar über den Beweis des Gegenteils hinaus …

Verlegerforderung Leistungsschutzrecht: Ja, habt ihr denn überhaupt keinen Stolz?

Ja, richtig, Zwangsabgaben will keiner. Schon weil mit Gebühreneintreiberei der ganze Entertainment-Journalismus, den deutsche Verlage bekanntlich überwiegend produzieren – Gala, Bunte, BILD, Programmzeitschriften, etc bis zum Erbrechen – pauschal mit gefördert werden würde.
Aber: Vielleicht gibt es ja ganz andere Finanzierungsunterstützungen für das, was man als wichtig für die demokratische Willensbildung bezeichnen könnte? Um nur mal die naheliegenste zu nennen: steuerliche Absetzbarkeit von Abos für Zeitungen und Zeitschriften, die eine Reihe von Kriterien erfüllen?
Wenn eine funktionierende, kritische, professionell recherchierende Öffentlichkeit konstitutionell wichtig ist, kann und darf der Staat dann zusehen, wie die Magazine und Zeitungen unter dem Druck der sich verändernden Märkte ihre Redaktionen immer weiter ausdünnen? Wie redaktionelle Vielfalt eingeht? Wie überhaupt die ganze kritische Öffentlichkeit an den Bettelstab gebracht wird?
Ich meine nein.
Das Perspektive ist ja nicht, dass die herkömmlichen Medien eingehen. Die werden schon irgendwie überleben. Aber in welcher Verfassung?!

Informationen sind Viren

Die Analogien sind bestechend. Und vielleicht begreift man tatsächlich einen Teil dieses flüssigen Gewebes namens „Informationen“ und damit die „Informationsgesellschaft“, wenn man es mit Viren vergleicht. Es gibt aber – glaube ich – einen Haken: Informationen sind keine objektiven Entitäten, die ihren Wirkungsmechanismus in sich tragen. Oder anderes gesagt: Informationen sind hochgradig veränderlich. Während Viren sich identisch multiplizieren, kann eine und dieselbe Quellinfo im Nu ganz unterschiedlich aufgefasst werden und bei der Weitergabe eine komplett andere, unter Umständen konträre Gestalten annehmen. Hinzu kommt, dass Informationen sich gegenseitig überdecken, also wie von alleine verschwinden, weil die Wirtspersonen nur begrenzt empfänglich sind für Infos. Informationen brauchen Aufmerksamkeit und manchmal auch die aktive Suche, um sich zu verbreiten, Viren benötigen nur die räumliche Dichte.
Deshalb scheint mir, Infos verhalten sich zwar ähnlich wie Viren, irgendwie aber auch ganz und gar nicht so.
Immerhin kann man aber deine Analogie noch fortführen und davon sprechen, dass den Menschen ein wunderbares Info-Immunsystem mitgegeben, das alle Infos neutralisiert, die nicht zum jeweilig voreingestellten geistigen Organismus passen („kognitive Dissonanz“).

Verlegerforderung Leistungsschutzrecht: Ja, habt ihr denn überhaupt keinen Stolz?

@OH Vielleicht bin ich noch nicht wieder ganz klar im Kopf, aber den Unterschied zwischen deiner Position und dem klassischen Liberalismus, dem zufolge sich der Staat so weit wie möglich aus den wirtschaftlichen Daseinskämpfen herauszuhalten habe und einfach die unternehmerischen Kräfte walten lassen sollte, damit das Beste für die allgemeine Wohlfahrt entsteht, diesen Unterschied sehe ich nicht. Ist aber auch egal. Ich gebe nichts auf Begriffe und Parolen…
Natürlich geht es weder darum, unternehmerische Bequemlichkeit zu fördern, noch darum, dass auch in Zukunft möglichst viel Papier bedruckt wird, geschweige denn darum, dass Verleger vor Wettbewerb geschützt werden müssten. Im Raum steht einzig und allein die Frage, wie sich journalistische Arbeit refinanziert. Und eben damit gibt es ein Problem, dass nicht mit dem Versagen und dem Strukturkonservatismus einzelner Verlagslenker zu tun hätte. Sogar die New York Times sieht ihrem Ende entgegen. Und die haben weiß Gott ziemlich früh und konsequent versucht, durch offensives und experimentierfreudiges Verhalten ihre Position zu verteidigen.
So viel wie ich weiß, ist es bislang weltweit keinem Verleger gelungen, die Strukturkrise des Journalismus so zu lösen, dass wieder mehr Journalisten eingestellt statt abgebaut werden könnten. Die vorherrschende Tendenz ist eine radikale Abwertung der journalistischen Arbeit – und das geschieht überraschenderweise konträr zum boomenden Konsum journalistischer Texte. Ich vermute, viele nutzen heute weit mehr journalistische Erzeugnisse und Quellen als früher (für mich kann ich das jedenfalls so feststellen).
Die Litanei des „Selber schuld, ihr dummen Verleger“ hat ja in vielen Fällen ihre unbezweifelbare Berechtigung. Sie hilft aber niemanden und sollte nicht den Blick dafür verstellen, dass wir es nicht mit individuellem Managementversagen zu tun haben, sondern mit einem Strukturproblem. Dabei ist noch zu berücksichtigen, dass die Presse über ihre Breite noch nie so wirklich toll funktioniert hat. Zu dem, was als Massenerzeugnis an den Kiosken aushing, war es ja immer schon nötig, Gegenöffentlichkeit herzustellen. Unglaublich, was früher alles NICHT und von niemanden gedruckt wurde. Unglaublich, welche Kontrollmacht ein Verbund wie Döpfner/Friede Springer/Angela Merkel bis heute haben. Unglaublich die Verbindungslinien zwischen CDU und ZDF. Das alles führt mich aber zur Frage: Wäre es nicht spätestens jetzt an der Zeit, über Möglichkeiten nachzudenken, bestimmte journalistische Anstrengungen (also „Qualität“) zu prämieren bzw. strukturell zu bevorzugen? Jetzt – weil wir sonst endgültig in der Breite nur noch eine Öffentlichkeit haben, die praktisch nur noch aus Boulevard besteht?
Dass jede Form von Gebührenmodell die dämlichste aller denkbaren Lösungen wäre – geschenkt! Braucht man doch nicht ernsthaft drüber reden. Aber es gibt doch ganz andere Möglichkeiten. Vermutlich Dutzende. Und mit diesen Argumentationslinien a la Sixtus p.p. verbaut man sich die Offenheit der Debatte. Und deshalb meine ich: Mit umgekehrten Vorzeichen sind einige, die den Verlegern hier so derb den Vogel zeigen, genauso strukturkonservativ wie jene.

Verlegerforderung Leistungsschutzrecht: Ja, habt ihr denn überhaupt keinen Stolz?

„Es ist Aufgabe der Verleger, entweder die Menschen davon zu überzeugen, dass das, was sie liefern, Geld wert ist, oder aber das was sie liefern zu ändern in etwas, was den Menschen Geld wert ist.“
Ja, das ist natürlich die klassisch markt-liberalistische Position. Genau darauf läuft es bei Sixtus hinaus, der selbst aber schon im Schutzraum der ÖR überlebt.
Diese Position leidet daran, sich nicht den Folgen stellen zu wollen, d.h. der Dialektik der Märkte. Lässt man den Liberalismus sich voll und unreguliert austoben, fördert man unvermeidlich Konzentrationsprozesse – der Markt schafft sich tendenziell selbst ab. Das ist immer das theoretische Ideal der Konzerne – Apple, Google und Microsoft möchten sich am liebsten ihre Märkte so designen, dass sie sich ihnen nicht mehr stellen müssen.
Im Bereich der Medien hat Konzentration eine ganze Reihe unangenehmer Folgen, die vermutlich keiner erleben möchte, der hier am liebsten das ganze Verlegergesindel in den Mülleimer der Geschchte kippen möchte.
Aber der Markt war doch früher auch liberalistisch geregelt? Stimmt. Aber etwas hat sich geändert: Die Konzentration im Online-Werbemarkt ist der Pferdefuß. Die Ressourcen einer Redaktion wurden ja noch nie nur vom Leser bezahlt, sondern zu einem guten Teil von der Werbung. Was nun? In liberalen Märkten sind natürlich Füchse ganz schnell darauf gekommen: Warum Zeitung machen, ich mach nur den Immobilienteil. Oder den Gebrauchtwagenteil. Weg waren die Kleinanzeigen. Prinzipiell hat das Internet in atembraubender Art und Weise Konzentrationsprozesse im Werbemarkt gefördert, weil es immer nach dem Prinzip funktioniert: „fat gets rich“.
Flattr ist eine schöne Nebeneinnahme. Die Idee dahinter entspricht dem Hut, den der Straßenmusikant vor sich aufs Pflaster stellt. Es ist eher ein Armutsmodell als ein Geschäftsmodell. Um nicht missverstanden zu werden: Ich finde flattr eine tolle Sache, aber das ist doch nicht ernsthaft eine Zukunft, dass man Journalisten rät, doch einfach virtuell die Hand aufzuhalten.
Tut mir leid: Je länger ich über Sixtus-Beitrag nachdenke, desto bescheidener finde ich ihn. Verknöcherung und Erstarrung – scheint mir – gibt es nicht nur bei den Gewerkschaften.

Verlegerforderung Leistungsschutzrecht: Ja, habt ihr denn überhaupt keinen Stolz?

„Euch hat niemand gerufen“? Ich weiß gar nicht, ob das wahr ist. Aber sei’s drum.

Die Argumentation ist natürlich griffig und „unwiderleglich“, aber nicht auf der Höhe des Problems. Was ist mit den monopolartigen Strukturen in der Internet-Werbung? Was ist – Gedankenexperiment – wenn sämtliche Verlagsinhalte ab morgen nicht mehr im Internet zu lesen sind? Was ist, wenn Online-Content noch mehr den Weg der Gratiszeitungen geht (null Redaktion, nur noch Anzeigenakquisition, „Shop“ und Affiliate-Marketing – gibt ja viele solcher Sites im Internet)? „Haut doch ab!“ ist jedenfalls keine zukunftsfähige Lösung – für niemanden, auch für die nicht, die auf Gratis-Inhalte pochen bzw. sich ihren Medienkonsum so vorstellen, dass immer irgendwelche anderen dafür zahlen.

Ich weiß nicht, wie sich die Strukturen der Neuen Öffentlichkeit zurechtzuppeln. Im Moment sind jedenfalls zahlreiche Überspannungen zu bemerken, die irgendwann eine Weiterentwicklung erzwingen. Mein größte Sorge ist nicht, dass Google oder ähnliche Monopolgewinner etwas von ihrem reichtum teilen müssten, meine Sorge sind eher solche Dinge wie Apple sie vorhat, also geschlossene, privat regulierte Content-Vermittlungs-Burgen, wo Apple gleichzeitig links und rechts die Hand drauf hat und aufhält, also sowohl bei den Contentproduzenten als auch bei der werbetreibenden Wirtschaft. (Gerade heute: „Apple has secretly built a massive server farm in Maiden, North Carolina that should come online any day now, if it hasn’t already. The facility is five times larger than Apple’s existing data center in Newark, California.“)

@ kusanowsky „Wie entsteht Geld für Sachen, also für Datensätze, die keine Waren sind?“ Da nimmst du einen extremen weiten Schwung und ich weiß nicht warum. Die Wirtschaft besteht schon seit langem immer weniger aus „industriellen Gütern“ und immer mehr aus Dienstleistungen. „Ware“ ist daher ex definitionem alles, wofür jemand Geld auf den Tisch legt. Eine Arie in der Oper, Mitfahren im Auto, Schnee schippen, SAoftware schreiben – was du willst. In der Regel zahlt man für die Arbeit, die man sich spart, gelegentlich auch für einen vollständig imaginären „Wert“. Den Leser nicht nur als Konsumenten der Arbeit anderer, sondern auch als Produzenten zu betrachten, ist mir zu philosophisch. Natürlich ist ein z.B. ein Zeitungs-Text oder ein philosophischer Essay ein Arbeitsprodukt – und eine Ware in dem Moment, wo es dir jemand abkauft. Es ist immer die gleiche Frage: Wer bezahlt die Arbeit? Wenn ich die gleiche leckere Tüte Plätzchen woanders geschenkt bekomme, dann sage ich dem Bäckermeister natürlich: Geschenkt würde ich ihre Kekse nehmen, aber zahlen? Wer hat sie denn aufgefordert, Plätzchen zu backen?! Haun sie doch ab mit Ihren Bezahlkeksen … und kleiner Tipp: Drucken Sie doch Coca Cola auf die Plätzchen drauf.

Frei schwebende Genies - aus Netz, Medien und Soziologie

@ kusanowsky Tendenziell ist natürlich richtig, dass wir momentan eine weitreichende Umstrukturierung der Öffentlichkeit erleben, die den tradierten Geschäftsmodellen Leben und Meinungslenkung schwerer machen.

In dem Fall „Assange“ sehe ich aber nicht geschäftliche Eifersucht am Werk. Gerade am Beispiel von Wikileaks kann man beobachten, wie sich zwischen den herkömmlichen Medien und den neuen Jeder-Immer-Überall-Medien eine Symbiose herausbildet. Wikileaks wird ja kaum direkt konsumiert. Die Offenlegung entsteht erst dann, wenn die meistgelesenen Medien berichten.

Die chinesische Variante wäre die bevorzugte Lösung der aller Regierungen gewesen: Keine Zeitung, kein Fernsehsender berichten über Wikileaks. Aber Spiegel, Le Monde, Observer etc nahmen das Zuspiel ja gerne auf. Und wenn sie es nicht getan hätten? Dann hätte es im Netz Zunder gegeben.

Wir haben zum ersten Mal eine Öffentlichkeit, in der auch die zentralen, hierachisch geführten und damit ständig unter politischer Einfluss stehenden Medien kontrolliert werden. Und nicht von irgendeinem „Beirat“, sondern durch diesen riesigen Schwarm an Netz-Kommunikatoren. Es gibt keine Artikel mehr in den Zeitungen, die einfach so die Öffentlichkeit repräsentieren könnten. Sie werden an Ort und Stelle oder eben woanders kommentiert, begutachtet, kritisiert oder ergänzt. Die demokratische Öffentlichkeit lässt sich mehr einfach von der Presse stellvertreten. Luhmann irrt vermutlich nur in dem Punkt, als er annimmt, wenn dem Misstrauen Ausdruck gegeben werden kann, dass es dann schon verschwindet. So einfach ist das natürlich nicht. Es wird erst dann verschwinden, wenn die Machtmissbrauch zuverlässsig ausgeschlossen ist.

Frei schwebende Genies - aus Netz, Medien und Soziologie

Schon Wagner hat in der BILD einen „Brief“ an Assange geschrieben, der beim bleichen, fahlen Gesicht ansetzt. Offenbar in beiden Fällen eine Flucht in die ästhetische Argumentation und in die gefühlten Argumente, weil Sachargumente gegen Wikileaks schwer zu finden sind, außer die bekannte Linie des „da werden Menschenleben gefährdet“.
Wirklich, eine sehr gute „Dekonstruktion“. Aber nicht fast zu viel der Ehre? Ich glaube nicht, dass G. Held an intellektueller Redlichkeit interssiert war. Die Paranoia des Artikels ist vielleicht echt, vielleicht gespielt – auf jeden Fall wurde die paranoide Bildungsfloskel-Argumentation gewählt, um sozusagen alte bürgerliche Instinkte gegen Wikileaks zu schüren und gleichzeitig – „grandios, Herr Held, das bringen wird!“ – auch noch an antiautoritäre Reflexe der politischen Linken zu appellieren („Herrenreiter“).
Gerd Held ist ja „Freier Mitarbeiter“, d.h. Auftragsschreiber des Springer-Verlags. Da sieht man: Der Springer behält sein altes Janus-Gesicht bei: einerseits harmlose Zeitungen, andererseits werden die strategischen Kommunikationsinteressen der CDU bedient.
Das strategische Ziel des Verlags scheint bei Wikileaks zu sein, das Sympathieumfeld zu verunsichern und so weit wie möglich aufzulösen. Dabei geht es nicht um Assange, sondern um die Quellen weiterer Veröffentlichungen. Schon die Sexualdelikt-Vorwürfe, wenn sie dann geheimdienstmäßig herbeigeführt wurden, gehen den gleichen Weg: schüren der Antipathie gegen Assange, um Wikileaks den Quellboden zu entziehen. Es soll eine Antipathie geschürt werden gegen ungefilterte Veröffentlichungen von Belegen für Machtmissbrauch.
Das zeigt aber nur, dass das Eis langsam dünner wird, auf dem sich die Regierungen bewegen.
Eine griffige Argumentation gegen Wikileaks – fehlt.