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Politik, Ökonomie, digitale Öffentlichkeit

Samstag | 18.11.2017

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Letzte Kommentare

Über Säue und Dörfer

ja, aber genau so funktioniert das ja überhaupt im leben. das netz macht wie immer nur das viel sichtbarer (und designbarer) was es eh schon gibt:

„Nichts wird zu Ende gedacht, nichts wird zu Ende gebracht. Die Probleme werden vertagt und kommen irgendwann als +++dringende Wiedervorlage+++ zurück. Denn aus Fehlentwicklungen werden keine Konsequenzen gezogen, Ursachen werden nicht beseitigt, Änderungen so lange „angedacht“ und hin- und hergewälzt, bis ihre Durchführung hinter der nächsten Aufregermeldung in Deckung gehen kann.“

was wir brauchen, ist eine theorie der kettenreaktion (eine sau stößt die nächste an und die die übernächste …) und eine theorie der anreicherung (die erinnerung an viele in dieselbe richtung gelaufene säue akkumuliert sich im system, bis scheinbar aaus heiterem himmel mal eine stampede losbricht). und natürlich, wie angedeutet, eine theorie der web-metzgerei.

Zwischenbilanz zu Spitzers "DigitaleDemenz"

ja, von @WolfgangMichal fühle ich mich völlig verstanden. das sind nützliche fortführungen meines kernanliegens (über Spitzer hinwegschreitend).

Spitzer als wissenschaftsautor: es gibt harte aufsätze, doch, zu experimentell grundierter neuropsychologie. in englisch, mit mehreren ko-autorInnen. ich kann als außenstehender nicht gut beurteilen, wie schlüssig die in sich sind, das würde ich auch gern wissen. einstweilen gehe ich davon aus, dass das handwerklichen standards entspricht. willkürlich herausgegriffene beispiele:

Kiefer M, Spitzer M (2000) Time course of conscious and unconscious semantic brain activation. Neuroreport 11: 2401-2407

Unger J, Spitzer M (2000) Bildung neuer Nervenzellen in alten Gehirnen? Ein kritischer Überblick über das Problem der postnatalen Neurogenese. Nervenheilkunde 19: 65-68

Weisbrod M, Kiefer M, Marzinzik F, Spitzer M (2000) Executive Control Is Disturbed in Schizophrenia: Evidence from Event-Related Potentials in a Go/NoGo Task. Biol Psychiatry 47: 51-60

natürlich hat das alles nicht das geringste mit seinen thesen zu tun: das ist ja mein hauptkritikpunkt.

Zwischenbilanz zu Spitzers "DigitaleDemenz"

@Thankmar: ja, das war (nicht ganz unbeabsichtigt) doppeldeutig. mir ist völlig klar, dass es guten medienpädagogen ums vormachen geht. in niedersachsen gibts da z.b. gerade gute bestrebungen, wie ich weiß. (anderswo sicher auch.)

allerdings sind dann die besten medienpädagogen nicht die zünftigen (der diskurs beeindruckt mich wenig), sondern die mediendesigner (die genau das tun: erfahrungen und aktivitäten verstehen und dann eben zu designen versuchen). und natürlich die all die anderen pädagogen, die im idealfall praktische medienkompetenzen vorleben können.

genauso klar ist, dass eine absehbare kampagne „schülerInnen über gefahren des mediengebrauchs aufklären“ in entsetzlich gut gemeinte, sich selbst sabotierende kampagnen münden wird, in denen schüler in sinnlose vorträge und „projekttage“ geschickt werden. (vergleichbar mit drogen- und fastfood-aufklärung …) diese falsche medienpädagogik war gemeint.

Zwischenbilanz zu Spitzers "DigitaleDemenz"

Die mehr als nur schlecht-metaphorische Existenz von „Internetsucht“ würde ich allerdings wütend bestreiten (vgl. auch „Sexsucht“ von Hollywood-Schauspielern). Das ist Voodoo-Wissenschaft, aber vermutlich drittmittelträchtig.

Was es sicher gibt: Depressive Verhaltensweisen (vulgo Weltflucht, aber dann mit autodestruktiven Zügen), die sich in manischem Computerspielen oder Pornosurfen ausdrückt. Ohne Internet halt in was anderem.

Ja, ich vermisse die Auseinandersetzung mit den schwierigen Seiten der Netz-Kulturrevolution: Was passiert mit den Leuten, die nicht wie ich (weltflüchtig) ins Internet schreiben? Was passiert mit Schreiben/Denken? Ist das nur ein Übergangsstadium, oder werden auf Dauer (neue Digital Divide) die einen als Modernisierungsverlierer wirklich in eine Entertainment-Schleife geschickt, ohne etwas zu gewinnen? Oder macht auch Popkultur (TV-Serien, Big Brother usw., und eben auch Computerspiele, und da wieder manche mehr als andere) schlauer? usw. usw.

Das könnte man diskutieren, erklären, erforschen, tut man aber nicht. Spitzer natürlich auch nicht, der verhindert das mit seinem verdummenden Gerede. In den USA ein bißchen (aber auch nicht befriedigend) Nick Carr, mit Abstand Andrew Keen (der wenigstens intelligent provoziert) und Sherry Turkle (ich teile das nicht, aber jemand muss diese Position vertreten).

Wir sind die Urheber? Ohne mich

„Es geht mir schlecht, weil ich am Ende der Nahrungskette Buch stehe, die ich mit meinem Text erst ermögliche.“

Die „Facebook-Revolution“ - Gedanken zum Einfluss des Internets auf politische Umbrüche

sehr gut. das wird dauern, das punkt für punkt durchzugehen. jedenfalls: genug stoff für die bislang weitgehend überflüssigen medienwissenschaftlichen fakultäten aller universitäten, den sie in den nächsten 10 jahren durchzukauen und durchzuspeicheln haben.

Jung, gebildet, fern der Heimat. Eine Replik auf Michael Seemanns Verschwörungs-Text

hier entwickelt ein BBC-korrespondent in seinem blog die diskutierenswerte these, dass es genau diese internationalistische digitale generation ist, die die umwälzung in tunesien & ägypten zustande gebracht hat. global = local. was kommt dabei heraus, wenn man das versuchsweise auf deutschland zurückprojiziert?

http://www.bbc.co.uk/blogs/newsnight/paulmason/2011/02/twenty_reasons_why_its_kicking.html

Spiegels “Null Blog”-Generation: Kein Grund zur Sorge, sie hören immer noch Musik

Gut gegeben, Matthias! Den spontanen (längeren) Kommentar, aus dem hier zitiert wird, habe ich inzwischen als Diskussionsbeitrag gebloggt: http://martinlindner.posterous.com/

Afghanistan-Protokolle: bestürzende Gesamtschau, Spiegel-Desaster und die Medienmacht von Wikileaks

Das Interessanteste an Jay Rosens Kommentar (link im blogpost) scheint mir der Gedanke zu sein, dass diese völlig neuartige Publikation von „Allem“ den herkömmlichen Ideen von „Aufdeckung“ widerspricht (meine Übersetzung):

“’Wir neigen dazu zu denken: Große Enthüllungen müssen große Reaktionen bedeuten. Aber wenn die Story zu groß ist und zu viele Illusionen erledigt, dann passiert das genaue Gegenteil.‘ Ich befürchte, dass das mit den Afghanista-Dokumenten passieren wird. Die Reaktion wird unerträglich viel oberflächlicher sein, als wir zu Recht erwarten dürfen. Nicht weil die Story nicht sensationell oder beunruhigen genug wäre, sondern weil sie eben zu beunruhigend ist: ein undurchschaubares Durcheinander, das wir nicht mehr irgendwie ordnen können und deshalb vorziehen zu vergessen.“

„Too Big to Think About“ nennt das jemand in den Kommentaren dazu. Es ist eben kein „Skandal“ im altmodischen Sinn des Wortes. (Das war ja noch nciht mal Oberst Kleins Tanklaster.) Ich glaube dass das eine sehr langsame, schleichende, sehr unterschwellige Erklenntnis-Explosion sein wird ist, die dann aber das, was für uns „Krieg“ ist und wie wir damit umgehen, in Zukunft fundamental verändern wird.

Die Öffentlichkeit des Internets: Gefährlicher als Kernenergie?

ja mei, aber das ist ja erkennbar gar keine politische argumentation, über die man diskutieren könnte, sondern reine nostalgie. sehnsucht nach der guten alten zeit, als greffrath noch jung war. so etwas wird dann zwangsläufig reaktionär.

Was für eine Heuchelei: Wenn Köhler geht, muss auch Westerwelle zurücktreten. Beide sagten das Gleiche.

Der entscheidende Unterschied ist der zwischen militärischem „Schutz“ (von Schiffen, von Schulen und Brunnen) und aktiver Kriegführung (der berühmte Tanklaster: proaktives Töten).

Das erste ist bei extrem gedehnter GG-Auslegung irgendwie vertretbar (und parlamentarisch abgesegnet), das zweite nicht. Das braucht eine Grundsatzdiskussion, die bisher niemand führt: Wann darf/will D. Krieg führen, d.h. eben: aktiv Menschen töten?

Steul: "Im Hörfunk versendet sich manches, im Web versendet sich nichts."

“Horst Köhler hat den in der journalistischen Verkürzung hergestellten Zusammenhang ‘Wir führen Krieg für Handelswege’ nie gesagt.“ ?
Er hat gesagt (wörtlich, nur das Gewäsch außenrum reduziert):

„Militärischer Einsatz ist für ein Land dieser Größe notwendig, um Chancen zu wahren, Arbeitsplätze und Einkommen in Deutschland zu sichern. … zum Beispiel ganze regionale Instabilitäten zu verhindern, die mit Sicherheit dann auch negativ auf unsere [Außenhandels-]Chancen zurückschlagen …“

Da ist keinerlei Interpretationsspielraum. Es ist klar, dass er damit (a) aktiven „militärischen Einsatz“ meint (vulgo „Krieg“, d.h. Tanklaster bombardieren etc. und eben nicht Schulen bauen & dann quasi-polizeilich beschützen) und (b) dass mit diesem zweiten Beispiel Afghanistan gemeint ist.

Das ist unmissverständlich. Das ist natürlich die Wahrheit. Die ist skandalös, weil sie vom GG nicht gedeckt und nirgends in unserer lächerlichen politischen Debatten-Kultur offen ausgesprochen wurde. Niemand hat die Soldaten ausdrücklich dorthin geschickt, um Krieg für Arbeitsplätze zu führen, um deshalb afghanische Bauern, fundamentalistisch oder nicht, zu töten und von ihnen getötet zu werden.

Der Bundespräsident hat das ausgesprochen und damit ein Tabu verletzt. Dann ist er vor Schreck zurückgetreten, als er gemerkt hat, was er da gesagt hat.

Und natürlich hat der DLF gemerkt, was Köhler da gesagt hat: Darauf hatte ja gerade die (unbequeme) Frage gezielt, im Flugzeug zurück aus Afghanistan. Dass das „aus Versehen“ herausgeschnitten wurde, ist kaum vorstellbar.

Volljournalismus. Wie die FAZ Peter Kruse erledigt

es stimmt wohl, dass der FAS-artikel extrem polemisch ist. und der lapsus mit der „qualitativen“ forschung ist unverzeihlich. wenn ich zwischen Schirrmacher und Kruse wählen müsste, würde mich auf Kruses seite stellen. trotzdem: er ist auch selber schuld. dieser angriff macht sich blößen zunutze, die Kruse selbst sich gegeben hat. sein theoretisches fundament, dessen wissenschaftlichkeit suggeriert wird, ist zu schwach für jemand, der überall betont als „Professor Kruse“ auftritt. der cocktail aus hirnforschung („limbisches system“), „kollektiver intelligenz“, „selbstorganisierenden netzwerken“ usw. balanciert immer haarscharf an der grenze zwischen gerade noch vertretbar und windiger management-theorie.

ich mag Kruse, wie die meisten. er meint es ernst, er ist ein brillanter redner. er hat irgendwie recht. aber das reicht nicht, wenn er die stelle als repräsentant des web gegenüber den mainstream-medien besetzen will.

dann wäre es gut, sich eine brauchbare und seriös vertiefte theorie zuzulegen, mit ausgiebigem gebrauch von ockhams rasiermesse. es wäre gut, auf den forcierten professoren-nimbus zu verzichten (der übrigens durch understatement eher wirksamer wird,) und auf alle branchenüblichen nebelkerzen der management-theoretiker a la Horx. wer sich solche solche blößen gibt, spielt den gegnern in die hand. und das ist kontraproduktiv für den web-diskurs, der in deutschland noch zwischen schwarm-theorie und schwärmerei changiert und mehr intellektuelle härte dringend nötig hat.

Volljournalismus. Wie die FAZ Peter Kruse erledigt

hm, ganz so einfach ist das nicht. der artikel scheint tatsächlich eine polemische breitseite zu sein, und mit detaillierter analyse hat sich Reents offenbar nicht aufgehalten. aber das bedeutet eben nicht, wie auch @David oben kommentierte, dass alle kritischen anmerkungen zu Kruse von vorherein majestätsbeleidigung sind.

Wolfgang Michals entgegnung hier ist selbst ein wenig oberflächlich, wie auch Ulrike Langers kommentar. (und ich schätze beide sonst sehr.) mehr über reents‘ vorwürfe erfährt man bei
http://stefan63.blogspot.com/2010/05/faz-ledert-gegen-peter-kruse-ab.html

und ich habe in diesem schnellen buzzpost mal versucht, das eigentliche problem zu skizzieren, das kruse, den ich mag, tatsächlich hat:

http://www.google.com/buzz/martin.lindner/38k6kfKwHB4/offenbar-hat-edo-reents-in-der-aktuellen-FAS