ARD-Börsenfrau Anja Kohl moderiert auch für DAX-Firmen, Banken und Atomindustrie

Moderatorinnen und Moderatoren von Nachrichtensendungen sollten besonders glaubwürdig sein. Jede öffentliche Werbung, jede Nebentätigkeit für eine Firma färbt auf ihr Image ab.

Dies gilt auch für die ARD-Börsenmoderatorin Anja Kohl, die vor der 20-Uhr-Tagesschau in der „Börse im Ersten“, im ARD-Morgen- und Mittagsmagazin und in den „Tagesthemen“ aus der Frankfurter Börse berichtet. Neben ihrer Tätigkeit als Wirtschaftsjournalistin ist Kohl regelmäßig selbst für die Privatwirtschaft tätig.

So moderierte sie im September 2008 eine „festliche Gala“ zur Verleihung des „Deutschen PR-Preises“ und des „Deutschen Image Awards“ im Kurhaus in Wiesbaden. Die Veranstaltung wurde von Firmen wie Adidas, Bayer oder Metro mitfinanziert – allesamt DAX-Firmen, die auch Gegenstand von Kohls Börsenberichterstattung in der ARD sind.

In den Jahren 2007 und 2008 moderierte Kohl die Jahresveranstaltungen der „Initiative Ener­gieeffizienz“ der Energiekonzerne E.on, EnBW, RWE und Vattenfall und der Deutschen Energie-Agentur (DENA), die zur Hälfte der KfW-Bankengruppe, der Allianz, der Deutschen Bank sowie der DZ Bank gehört. Für den „Informationskreis Kernenergie“ moderierte Kohl im Oktober 2008 eine Podiumsdiskussion mit dem Titel „Kernenergie in Deutschland: Ungeliebt, aber nötig?“. Mitglieder des „Informationskreises Kernenergie“ sind die Kernkraftwerksbetreiber RWE Power AG, E.on Kernkraft GmbH, EnBW AG, Vattenfall Europe AG und die im Nuklearbereich aktive Siemens Power Generation. Der „Informationskreis“ firmiert unter derselben Adresse wie die „Kerntechnische Gesellschaft“ und die Lobbyeinrichtung „Deutsches Atomforum“. Das Atomforum wurde vom Bundesamt für Strahlenschutz kritisiert, weil es im Noveber 2007 behauptet hatte, in Deutschland gebe es einen geeigneten Enlagerstandort für hochradioakive Abfälle. (Mehr über die „Kerntechnische Gesellschaft“ erfährt man auch in diesem Zeit-Artikel).

Im Jahr 2007 übernahm Kohl eine Moderation beim Mittelstandsforum Hessen, zu dessen Mitveranstaltern unter anderem die KfW, die HypoVereinsbank und die IKB Deutsche Industriebank zählen. Im Februar dieses Jahres moderierte Kohl auf dem Immobilienkongress „Quo Vadis“ in Berlin. Partner und Mitfinanziers des dreitägigen Kongresses, bei dem die Teilnahme 2490 Euro zuzüglich Mehrwertsteuer kostete, waren unter anderem die zu den Sparkassen und Landesbanken gehörende Deka Immobilien und die Immobilientöchter der angeschlagenen Landesbanken Baden-Württemberg (LBBW Immobilien) und der WestLB (WestImmo).

Im Jahr 2005 moderierte Kohl eine Podiumsdiskussion im Rahmen des sogenannten Bad Dürkheimer Gesprächs, zu dem regelmäßig der Verein der Industrieverbände Neustadt an der Weinstraße einlädt. Der Zusammenschluß, dem auch der Verband der Pfälzischen Metall- und Elektroindustrie angehört, verschickt schon einmal Hinweise auf „Politik-Checks“ und „Gesetzes-Checks“ der „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“ (INSM), die von den Unternehmerverbänden der Metall- und Elektroindustrie getragen wird, an seine Mitgliedsverbände. Die INSM ist bekannt für ihre aggressive PR- und Lobbyarbeit, zu der auch Schleichwerbung in der ARD-Serie „Marienhof“ gehörte.

Anja Kohl wird gleich von mehreren Agenturen auf deren Homepage als Moderatorin, Rednerin oder Referentin präsentiert: Neben der Münchener Econ Referenten-Agentur ist Kohl auch bei der Hamburger Agentur Nowak Communications, der in Hamburg und im hessischen Obertshausen ansässigen Podium Redneragentur, bei „Energy die Agentur“ aus Bad Honnef, bei der im badischen Forst ansässigen „red:x“ Agentur für Kommunikation, Werbung & Design und bei „The London Speaker Bureau Germany“ im Angebot. Für eine Veranstaltung mit Anja Kohl verlangt die Econ Referenten-Agentur nach CARTA-Recherchen, „7800 EUR + MWSt. + Reisespesen“.

Auf Anfrage antwortete Kohl zunächst, nicht für Unternehmen tätig gewesen zu sein, die auch Gegenstand ihrer Berichterstattung sind. Später teilte sie dann mit: „Bei den von Ihnen genannten Veranstaltungen liegt kein Interessenkonflikt vor. Meine Moderationen haben stets und ausschließlich journalistischen Charakter“. Sie versicherte, dass sie von den Agenturen „red:x“ und „Energy die Agentur“ „noch nie gehört“ habe. „Energy die Agentur“ bestätigte jedoch, dass man mit Kohl zusammenarbeite und sogar eine ausdrückliche Zusage von Kohl habe, mit ihrem Namen auf der Agentur-Homepage werben zu dürfen. Zu diesem Widerspruch nahm Kohl auch auf mehrfache Nachfrage keine Stellung. Nach wie vor ist Kohl auf der Referentenliste der Agentur aufgeführt. Da sie beim Hessischen Rundfunk freie Mitarbeiterin ist, muss sie sich ihre Nebentätigkeiten nicht genehmigen lassen. Nach Aussage von HR-Sprecher Tobias Häuser informiert Kohl ihren Redaktionsleiter Michael Best von jeder ihrer Nebentätigkeiten, damit der HR gegebenenfalls Bedenken anmelden kann. Best, Leiter der HR-Redaktion Fernsehen Börse, lässt sich wie Kohl allerdings selbst von „Energy die Agentur“ als Referent vermitteln.