Verweigerung im Wandel: Dem Journalismus sind seine Leitideen abhanden gekommen

Der Presse ist ihre Macht zum Verhängnis geworden: Sie konnte sich lange Zeit dem sozialen Wandel und dem breiten öffentlichen Diskurs über ihren eigentlichen Zweck entziehen. Das Ergebnis ist ideen- und zukunftsloser, unkritischer und langweiliger Journalismus. Die Branche hat sich um ihre Begründung gebracht.


Als Ursachen für die Pressekrise wird uns so einiges angedient: Das Geschäftsmodell würde nicht mehr tragen, die Konkurrenz sei größer geworden, die Konvergenz kompliziere alles, das launische Publikum verflüchtige sich, das Internet beförderte eine Deprofessionalisierung der öffentlichen Kommunikation, das Urheberrecht sei löchrig geworden. Kurz: Neben dem Privatfernsehen seien nun das Internet im Allgemeinen und Google im Besonderen Schuld an der Misere.

Im gleichen Atemzug fordern die Verlage neue Expansions-, Fusions- und Subventionsrechte: Sie wollen sich aller nur denkbaren Einnahmequellen versichern dürfen. Sie wollen neue crossmediale Großkonzerne gründen dürfen. Und sie wollen von der Mehrwertsteuer befreit werden. Sie fordern gesellschaftlichen Bestandsschutz. Die Argumentation der Branche ist klar: Alles, was nach einem Medium aussieht, muss unter die verlegerischen Fittiche kommen. Alles, was Verlage herausbringen, sind schutzwürdige publizistische und journalistische Leistungen.

Doch Verlage und ihr Journalismus sind ganz offensichtlich in eine gesellschaftliche Akzeptanzkrise geraten, welche die Wirtschaftskrise nun lediglich verstärkt: Die Tageszeitungsverlage bekommen zu spüren, dass sie in den letzten Jahrzehnten auf organisatorische Homogenität und Einfalt gesetzt haben, statt auf Vielfalt und auf die Erfüllung ihres gesellschaftlichen Vermittlungsauftrags.

Der Presse sind, überspitzt gesagt, ihre Leitideen und ihre gesellschaftliche Legitimation abhandengekommen. Die Branche hat sich um ihre Begründung gebracht. Allein die licence to operate wurde ihr noch nicht entzogen. Es ist daher zu fragen: Was bitte ist und war die Leitidee der Tageszeitungsbranche? Was ist ihre institutionelle Logik? Worauf basiert ihre gesellschaftliche Legitimation? Was ist ihr Auftrag?

Was dies alles einmal war, das wissen wir: bürgerliche Freiheiten, gesellschaftliche Vermittlungsleistung, Herstellung einer nationalstaatlichen öffentlichen Meinung. Doch was der legitimierende Auftrag des Journalismus und der Presse in Zukunft sein könnte, das wissen wir nicht genau. Vor allem aber – und das ist schlimmer – weiß es die Branche selbst nicht (mehr).

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Die Branche hat sich um ihre Begründung gebracht. Allein die licence to operate wurde ihr noch nicht entzogen.

Institutionen wie der Journalismus entwickeln und legitimieren sich nur im öffentlichen Diskurs. Nur im gesellschaftlichen Gespräch über Leitwerte und Ziele können sich Journalismus und Verlagswesen in pluralen Gesellschaften ihre gesellschaftliche Akzeptanz und Anerkennung sichern. Die öffentliche Debatte ist für jede Institution, zumal solchen, die sich im rasanten sozialen Wandel befinden, notwendig. Das aber hat die Branche insgesamt verweigert: Auf dem hohen Ross sitzende, zu gerne Kirchen und Politik kritisierend hat man sich selbst nicht der Debatte gestellt. Arroganz und Missachtung herrschen vor – zumindest in erheblichen Teilen der Zunft –, wenn man über die heftigen normativen Debatten bei den genannten Institutionen reflektiert. Deren Schwächen und deren Krisen festzuhalten, wurden zum zynischen Spiel und journalistischen Credo – und man konnte ablenken von den eigenen normativen Defiziten und von den erheblichen berufskulturellen wie professionellen Schwächen. Es gibt faktisch keinen Bereich mehr in der Gesellschaft, der sich nicht selbst prüft, evaluiert wird oder sich dem Diskurs stellen muss. Die Journalisten aber verweigern jedes Moment an kritischer (Selbst-)Reflexion. Die Reflexionsmängel sind offenkundig.

Ausgerechnet die Presse aber hat sich gegen eine breite Debatte über ihre Zukunft versperrt: Nur Wenige durften etwas zur Verlags- und Journalismusentwicklung sagen, und zwar in den eigenen Publikationen. Hier gibt es eine eigentümliche heimliche Koalition zwischen Journalisten und ihren Verlegern: Sie jammern über die ach so schlimmen Verhältnisse. Sie lassen aber andere nicht oder nur selten über sich sprechen. Die Presse verbot sich die Debatte in eigener Sache. Erst jetzt – in der Krise – wird mit der Debatte begonnen. Immerhin, und das ist erfreulich, ringen sich vor allem die Qualitätstitel dazu durch, wie jüngst in exzellenter Weise die Süddeutsche Zeitung.

Es ist paradox: Eine Branche, die vormals zur Herstellung von Öffentlichkeit angetreten war, hat sich selbst, um des kurzfristigen ökonomischen Vorteils willens, kollektiv um die öffentliche Debatte gebracht. Hier liegt der eigentliche Kern der Krise von Pressewirtschaft und Pressejournalismus: Die Branche hat über Technik, Technologien, neue Geschäftsfelder und -modelle, über Konvergenz und was noch immer treulich unter sich diskutiert, aber nicht über den sozialen Sinn und Zweck ihres Tuns, ihrer neuen Produkte und ihrer neuen publizistischen Angebote.

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Ansätze von Demut: Der Evening Standard entschuldigt sich in seiner jüngsten Kampagne bei seinen Lesern (via Stefan Niggemeier)

Das Ergebnis ist eine Art öffentliche Nichtkommunikation über das Pressewesen: In der Medienöffentlichkeit wird, bezogen auf die eigene Institution, vor allem über das nicht Relevante gesprochen. Über Relevantes, über den Sinn und Zweck publizistischen Schaffens, lässt man schweigen. Diese Kommunikationsverweigerung hat die gesellschaftliche Legitimationsbasis der Presse brüchig gemacht. Die Verlage haben den Blick für die Anerkennung durch den Leser verloren. Das rächt sich nun.

Wer nicht zu sagen vermag, für welche Ziele er welche Technologien einsetzen will, der kann auch nicht Zuwendungs- oder gar Zahlungsbereitschaft aktivieren. Wer für die publizistischen Kernprodukte und für journalistische Leistungen keinen Wert und damit auch keinen Preis zu nennen vermag, dessen Probleme werden größer. Verlage hatten über Dekaden äußerst privilegierte Positionen inne. Der Wettbewerb in den oligopolistischen Pressemärkten war begrenzt. Zugleich war ihnen gesellschaftliche Anerkennung auf Basis der öffentlichen Aufgabe fast automatisch sicher.

Diese komfortable Position ist dem Pressewesen nun zum Verhängnis geworden. Sie hat den Ideen- und Marktwettbewerb nahezu ausgeschaltet. In der Konsequenz sind vor allem Tageszeitungshäuser ohne Ideen, ohne publizistische Innovationen und ohne intermediären Esprit entstanden: Eine Regionalzeitung gleicht der anderen, ein multimediales Zeitungshaus sieht aus wie das andere, und fast überall blüht ein bestenfalls nachrichtlicher, ideen- und zukunftsloser, unkritischer und langweiliger Journalismus, auch wenn man die Ausnahmen nicht übersehen darf. Die Einfalt und Ideenlosigkeit in Deutschland hat ein erschreckendes Ausmaß angenommen.

Die Printmedienverlage sind in eine selbstgebaute Wohlfahrtsfalle getappt: Durch ihre Marktmacht und institutionelle Absicherung konnten sie sich über lange Zeit dem sozialen Wandel entziehen. Die gesellschaftlich privilegierte Branche konnte – ohne größere öffentliche Diskussionen fürchten zu müssen – ihre Domänen stets ausbauen. Dieser Ausbau erfolgte vorrangig nach ökonomischen Kriterien, weniger aufgrund des gesellschaftlichen Wandels und darauf gründender publizistischer Innovationsstrategien. Die Presse befand sich in ihrer eigenen Lesart schon seit langem in einer ständigen Abwehrhaltung.

In ihrer Isolation hat die Presse den Fehler gemacht, den Status quo zum normativen Fixpunkt hin zu verklären. Sie fing an, sich für das Ideal der gesellschaftlichen Vermittlungsleistung zu verklären. Alle anderen – auch Parteien oder Kirchen – wurden ignoriert und übergangen, wurden und werden gering geschätzt. Ähnliches galt und gilt für die anderen Medien. Hier sitzt der Pressejournalismus auf einem stets hohen, selbstgerechten Ross. Daher fällt es ihm nun so schwer, sich unter „Viel-Kanal-Bedingungen“ – zumal unter dem Einfluss des Internets – neu zu erfinden.

Die Krise der Presse bietet nun auch eine Chance für die Revitalisierung der publizistischen Kultur und somit für die Demokratie. Es geht deshalb um zwei Projekte: zum einen um die publizistisch-institutionelle Neuerfindung und zum anderen um die Neugründung publizistischer Organisationen. In beiden Projekten sollten publizistisch-journalistische Leitideen maßgeblich sein für die Erneuerung oder Wiedererlangung gesellschaftlicher Anerkennung

Und die Presse? Sie unter Verweis auf ihre Kulturleistung doch noch mittels Staatsknete versuchen zu retten, macht keinen Sinn: Das süße Gift der Abwrackprämie zwingt leider nicht zum schöpferischen Neuanfang und zu Innovationen.