Keine Angst vor der Verantwortung

Rigorosität und Pathos können nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich der SPIEGEL im Umgang mit dem Fall Relotius Fehlentscheidungen leistet. Nötig wäre nun vor allem eines: Eine professionelle, wirklich unabhängige und das heißt externe Aufarbeitung.

Der SPIEGEL ist ein mittelständisches Unternehmen aus Deutschland mit einem Jahresumsatz von rund 300 Millionen Euro. Unternehmen dieser Größe haben meist keine ausgefeilten Routinen und eigene Experten im Umgang mit Betrugs-, Korruptions- und artverwandten Fällen im eigenen Haus. Experten empfehlen meist externe Unterstützung, zum Beispiel durch Anwälte oder Wirtschaftsprüfer in der Aufarbeitung solcher Vorfälle. Diese externen Untersuchungen dienen sowohl dazu, individuelles Fehlverhalten festzustellen, aber auch systematische Schwächen offen zu legen, damit sie zukünftig ausgeschlossen werden können. Denn gerade systematische Fehler können nur selten von denen gefunden und abgestellt werden, die für sie verantwortlich waren.

Der SPIEGEL hat sehr viele Bruchstücke der Aufklärung offen gelegt, aber da sie nicht lückenlos ist, kann nur gemutmaßt werden, was erfolgte und was nicht. Es gibt keinen Anhaltspunkt, dass der SPIEGEL externe Profis eingeschaltet hat.

Das wesentliche Selbstaufklärungsstück erschien am 19.12.2018 auf SPIEGEL Online und wurde in der Printausgabe vom 22.12.2018 republiziert. Rechercheur und Autor des Stückes ist ausgerechnet Ullrich Fichtner, designierter Chefredakteur ab 1.1.2019 und ehemaliger Ressortleiter Gesellschaft, in dem Relotius beschäftigt war. Dass er diesen Artikel verfasst hat, ist in zweifacher Hinsicht pikant. Erstens hat er als Führungskraft in Zeiten dieser riesigen Krise offensichtlich die Zeit gefunden, einen langen, umfassenden Artikel zu verfassen. Von einer Führungskraft würde man Krisenmanagement und nicht Fortsetzung der operativen Tätigkeit erwarten. Aus einer sarkastischen Perspektive könnte eingewandt werden, dass diese Gestalt der Aufarbeitung auf Grund seiner großen Begabung möglicherweise zeitschneller für ihn zu erstellen war, als eine nüchterne lange Sachverhaltsdarstellung, wie es in solchen Situationen geboten erscheint. Das zweite Problem ist viel größer: Fichtner als einer der verantwortlichen Führungskräfte klärt nicht nur selbst den Schlamassel, in dem er steckt, auf, sondern prägt das Narrativ dessen, was geschehen ist. Ausführlich wird die Arbeit der Dokumentation beschrieben, aber kaum, wie es im Ressort Gesellschaft oder in der Dokumentation zugeht: Wer hat die Macht? Wer setzt sich wie durch? Nach welchen Regeln arbeitet die Dokumentation und wie überprüft sie Zitate, Szenen und Interviews?

Das nicht aufzuschreiben kann richtig und begründet sein, muss es aber nicht. Besser wäre es, wenn das jemand aufschreibt, der weder beim Ressort Gesellschaft, noch bei der Dokumentation arbeitet. Noch besser wäre es, wenn es keiner aus dem Haus wäre. Dann wäre in dem Beitrag hoffentlich erläutert worden, wer der Vorgesetzte war, an den Relotius berichtet hat und wer dessen Vorgesetzter war, also wie die Verantwortungsketten in den letzten Jahren aussahen.

Eng verknüpft mit der mehr als unglücklichen „Selbstaufklärung“ ist die in meinem Augen überhastete und falsche Besetzung der sogenannten „internen Kommission“ zu bewerten. Zwei der drei Mitglieder sind SPIEGEL-Leute: Clemens Höges ist der ehemalige stellvertretende Chefredakteur. Stefan Weigel beginnt ab Januar als Nachrichtenchef. Allein Brigitte Fehrle ist extern und wird die ganze Verantwortungslast tragen müssen. Ohne Höges und Weigel zu kennen, ist es einfach unglücklich, wenn nicht auszuschließen ist, dass vergangene Entscheidungen gerechtfertigt werden und zukünftige Entscheidungen belastet werden, gerade, wenn es um personelle Konsequenzen oder deren Ausbleiben gehen wird.

Höges hat übrigens auch gleich einen Artikel in der Printausgabe am 22.12.2018 beigesteuert. Dies dient kaum einer unvoreingenommenen Kommissionsarbeit, wenn er selbst schreibt: „Dies ist eine vorläufige Rekonstruktion der Ereignisse. Sie kann noch nicht vollständig sein.“ Der Beitrag strotzt von Vorfestlegungen. Der Leser erfährt, dass der für das Gesellschaftsressort zuständige Mitarbeiter in der Dokumentation 63 Jahre alt ist. Der Leser erfährt nicht, wie alt Ullrich Fichtner ist, Ex-Leiter des Gesellschaftsressorts und designierter Chefredakteur. Bei Özlem Gezer wird bei ihrem Alter beigefügt, „mit 37 Jahren nur wenig älter als er [Relotius]“. Was soll damit angedeutet werden? Ein Satz im Beitrag ist sogar falsch, komplett falsch: „Der SPIEGEL hat die Affäre im eigenen Haus in dieser Woche selbst aufgedeckt“. Richtig ist vielmehr, dass Juan Moreno, freier Journalist, der seit vielen Jahren regelmäßig für den SPIEGEL arbeitet, für die Aufdeckung verantwortlich ist, nicht der SPIEGEL. Wurde dieser Artikel Höges eigentlich durch die Dokumentation geprüft und wer hat entschieden, dass die Aussage, der SPIEGEL habe es selbst aufgedeckt, richtig ist? Juan Moreno ist nicht im Impressum des Heftes zu finden. Clemens Höges, der als ehemaliger stellvertretender Chefredakteur in die Kommission berufen wird, ist allerdings im Impressum zu finden: als Reporter ist Ressort Ausland. Auch dieser Beitrag von Höges ist eine überhastete Fehlentscheidung.

Der ebenfalls designierte Klusmann hatte am Mittwoch angekündigt, bis zum Ende der Arbeit der Kommission keine juristischen Schritte gegen den Ex-Mitarbeiter einzuleiten. Eine fristlose Kündigung ist nur dann zulässig, wenn sie innerhalb von zwei Wochen ausgesprochen wird, nachdem der Arbeitgeber den wichtigen Kündigungsgrund erfahren hat. Daher erscheint Klusmanns Festlegung, die Arbeit der Kommission abzuwarten, als eine sehr „entspannte“ Entscheidung. Immerhin wurden beide Chefredakteure des „SZ-Magazins“ im Zusammenhang mit dem Tom Kummer-Skandal entlassen. Gestern musste Klusmann seine Einschätzung revidieren. Der SPIEGEL will Strafanzeige gegen Relotius stellen, da er zu Spenden für Protagonisten seiner Beiträge aufgerufen haben soll, die auf seinem Privatkonto gelandet sein sollen. Es wäre kein gutes Signal, wenn der SPIEGEL auf zusätzliche zivilrechtliche Schritte gegenüber Relotius verzichten würde. Nach allem, wie es aussieht, ist er ein Betrüger, und es wäre schwierig nachzuvollziehen, warum der SPIEGEL Betrüger finanziell deckt. Klusmanns Vorfestlegung, die Arbeit der Kommission abwarten zu wollen, war vermutlich vornehmlich zur eigenen Beruhigung gedacht. Durchdacht war sie nicht.

Eine Veröffentlichung der Verifikationsrichtlinien des SPIEGEL wäre nicht überhastet, sondern ist überfällig. Stefan Niggemeiers Bitte auf Einsichtnahme wurde nicht entsprochen. Auch keine gute Entscheidung.

Offen ist auch, aber das scheint nicht Auftrag der Kommission zu sein, wie der SPIEGEL mit seinen Kunden umgehen wird. Werden die Anzeigenkunden, deren Anzeigen inmitten oder neben gefälschten Relotius-Beiträgen erschienen sind, eine Rückerstattung erhalten? Wird es einen Gratis-SPIEGEL für SPIEGEL-Leser geben, die getäuscht wurden?

Bisher wirkt es so, als ob die Aufklärung beim SPIEGEL so erfolgt, wie Dinge beim SPIEGEL eben gemacht werden. Stattdessen wäre eine moderne Alternative wünschenswert. Im Sinne des gesamten Journalismus: Innehalten, mit Experten sprechen, sich Meinungen einholen und dann klug und entschlossen handeln.

 

 

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