Ein Spiel mit großen Zahlen: das TARGET2-Problem

Wer behauptet, dass es sich um ein Scheinproblem handelt, hat mit allerhand unfreundlichen Reaktionen zu rechnen. Die Gier nach den Werten anderer Länder ruft Pauschalkritiker der Ökonomik, Internet-Trolle, kalte Krieger und mit Hans-Werner Sinns Thesen sympathisierende Wissenschaftler auf den Plan.

TARGET2 heißt das wichtigste europäische Überweisungssystem. Täglich werden durchschnittlich mehr als 300.000 Zahlungen im Wert von etwa 1,5 Billionen Euro zwischen den Ländern hin und her geschickt. Zum Vergleich: Deutschland produziert im ganzen Jahr Waren und Dienstleistungen im Umfang von 3 Billionen Euro. Normalerweise neutralisieren sich die Zahlungen durch das Hin und Her. Doch im Laufe der Jahre musste die Deutsche Bundesbank knapp 1 Billion Euro mehr in Umlauf bringen als sie umgekehrt an grenzüberschreitenden Zahlungen in Auftrag gab. Drei der wichtigsten Ursachen für diese Asymmetrie sind der unausgeglichene Handel in der EU, die Kapitalflucht in den „sicheren Hafen“ Deutschland und der Ankauf von Wertpapieren durch die Bundesbank im Auftrag der EZB. In den ersten beiden Fällen befindet sich das Geld in den Händen oder auf den Konten deutscher Exporteure und ausländischer Anleger.

 

Ein unausgeglichener Handel bedeutet, dass Deutschland mehr exportiert als importiert. Niemand behauptet übrigens, dass die Exporte nicht bezahlt werden. Trotzdem vertritt einer der bekanntesten Ökonomen Deutschlands, Hans-Werner Sinn, seit 2011 die These, dass ausgerechnet das Überweisungssystem, mit dessen Hilfe die Bezahlung erfolgt, eine ganz große Gefahr darstellt. Die Bundesbank hat nämlich im Auftrag anderer nationaler Zentralbanken (NZB) Geld in Umlauf gebracht, ohne dafür etwas Handfestes bekommen zu haben. Üblicherweise muss jeder Euro mit Sicherheiten unterlegt werden, die am Geldmarkt mindestens einen Euro wert sind: Staatsanleihen, Aktien, gegen Gold tauschbare Titel, etc. Aufgrund der Konstruktion des Überweisungssystems lagern diese Wertpapiere aber bei den NZB, von denen das Geld abgeflossen ist und nicht bei der Bundesbank.

 

Damit die Buchhalter mit dieser Asymmetrie klarkommen, verlangt das Regelwerk der EZB, anstelle der fehlenden Sicherheiten eine Targetforderung als Ausgleichsposten in die Bilanz aufzunehmen, während bei einem Geldabfluss eine Targetverbindlichkeit eingetragen wird. Im Fall der Bundesbank überwiegen die Forderungen, so dass ein positiver Targetsaldo entsteht, der im Sommer 2018 über 900 Mrd. Euro betrug.

 

Die Begriffe „Forderung“ und „Verbindlichkeit“ sind in den volkswirtschaftlichen und in den finanzwirtschaftlichen Gesamtrechnungen fest verankert. Sie dienen hauptsächlich dazu, eine Schuldbeziehung sachorientiert darzustellen. Quittiert ein Importeur die erhaltene Warenlieferung, so hat der Exporteur eine Forderung gegen ihn. Wird die Warenlieferung bezahlt, hält der Exporteur mit den Banknoten immer noch eine Forderung in Händen, die sich aber allgemein an die importierende Volkswirtschaft richtet. Die Schuldbeziehung verschwindet erst, wenn mit dem Geld Güter gekauft werden. Einige andere Phänomene werden mit diesen Begriffen beschrieben, ohne dass jener Hintergrund gegeben ist. Die Abnutzung von Investitionsgütern zum Beispiel stellt einen negativen Forderungsstrom für den Eigentümer dar. Deshalb ist die Frage sinnvoll, ob Targetforderungen so zu verstehen sind, dass die Bundesbank von den ausländischen NZB Leistungen im Wert von fast 1 Billion Euro fordern darf oder sogar fordern muss.

 

Wäre das so, müssten die Länder mit einer negativen Leistungsbilanz doppelt bezahlen: Einmal die Exporteure, und das zweite Mal die Bundesbank, und zwar in gleicher Höhe – eine offensichtlich absurde Konsequenz, die auf einer Fehlinterpretation des Begriffes „Targetforderung“ beruht. Aber gesunder Menschenverstand reicht nicht aus, um Draghis Drohung an Italien, die Targetverbindlichkeiten müssten bei einem Austritt bezahlt werden, politisch und nicht ökonomisch zu interpretieren.[1] Vielleicht war sie auch so gemeint und nicht nur als Schreckgespenst für finanzpolitische Laien.

 

Nach sieben Jahren Nachdenken kommen vereinzelt Ökonomen zu dem Schluss, dass es sich lediglich um Buchungen handelt. Allerdings um Buchungen, die eine wichtige Rolle bei der Verteilung von Gewinnen und Verlusten zwischen den NZB spielen. Aber nur die wenigsten Volkswirte sind bereit zuzugeben, dass diese Buchungen in der ausgewiesenen Höhe auch im Falle eines Zusammenbruchs des Eurosystems – die von Sinn beschworene Gefahr – keinerlei Bedeutung hätten. Kaum einer möchte zugeben: Der Kaiser ist nackt.

 

Zwar hat die Bundesbank mehrmals erklärt, dass diese Asymmetrie kein besonders großes Risiko darstellt, aber eine ebenfalls wachsende Zahl von Ökonomen glaubt eher dem unparteiischen Herrn Sinn. Um die Öffentlichkeit zu beruhigen, weist der Bundesbankpräsident Weidmann darauf hin, dass der unmittelbare Schuldner die EZB sei, und diese sei „ein verlässlicher Schuldner“.[2] Doch was schuldet die EZB der Bundesbank eigentlich? Und wie soll sie mit ihrem ca. 450 Mrd. Euro schweren Kollateral eine Forderung von 900 Mrd. Euro bedienen? (Stand Mitte 2018) Da es nicht sehr plausibel ist, dass die EZB im Falle des Falles ihre gesamten Assets der Bundesbank übergibt, bringt Herr Draghi mit der obigen Drohung die Möglichkeit ins Spiel, den „verschuldeten“ NZB das entsprechende Kollateral wegzunehmen. Dabei handelt es sich allerdings um Sicherheiten für echte Gläubiger-Schuldner-Beziehungen, die überwiegend im eigenen Land bedient werden müssen: Hat die Bank of Greece griechische Staatsanleihen auf dem Sekundärmarkt gekauft, erwartet sie in Zukunft Zahlungen vom griechischen Staat. Eine Übergabe dieser Assets an ein anderes Land ist im Eurosystem nicht vorgesehen. Diese Wertpapiere stellen eine Art Lebensversicherung der Staaten für den Fall dar, dass es mit dem Euro auf Dauer nicht klappt.

 

Es mehren sich auch Hinweise, dass man die Asymmetrie auf einfache Weise abbauen könnte: Höhere Löhne in Deutschland würden zu mehr Konsum führen, dieser zu mehr Importen, die mit Hilfe einer Überweisung bezahlt werden. Die Bundesbank könnte außerdem Wertpapiere und andere Sachwerte im Ausland kaufen. Auch wenn das Ausland mehr Banken in Deutschland aufmachen würde, müssten ihre Kunden nicht so viel Geld über TARGET2 überweisen. Alles Lösungen, die allerdings davon ausgehen, dass es sich um ein echtes Problem handelt, das man beseitigen müsste.

 

Wer behauptet, dass es sich um ein Scheinproblem handelt, hinter dem allerdings ernste Probleme verborgen sind, der hat mit allerhand unfreundlichen Reaktionen zu rechnen. Die Gier nach den Werten anderer Länder ruft Pauschalkritiker der Ökonomik, Internet-Trolle, kalte Krieger und mit Sinns Thesen sympathisierende Wissenschaftler auf den Plan. Keine noch so absurde Behauptung ist zu platt, um dem Publikum nicht doch noch als überlegene Fachkenntnis präsentiert zu werden. Beispielsweise die Behauptung, dass Targetforderungen Geld seien (es handelt sich um Gegenbuchungen zum ausgegebenen Geld) oder dass die EZB-interne Verzinsung der Targetforderungen beweise, dass es sich um Kredite für die „Südländer“ handele. Jedoch: im EZB-System werden alle möglichen Sachen verzinst, die für sich genommen niemals Zinsen abwerfen würden: Banknoten, Gold und eben auch Targetforderungen.

 

Ziemlich schlechte Zeiten für die Kommunikation der schlichten Wahrheit: Targetforderungen sind Buchungen, um die Bilanz der Zentralbanken im Gleichgewicht zu halten, eben Ausgleichsposten, wie Weidmann sagt. Nicht mehr, und nicht weniger. Sollte ein Land aus dem Euro aussteigen oder diese Währung ganz und gar zusammenbrechen, wird es eine Menge Probleme geben, von denen TARGET2 aber nicht die Ursache ist.[3]

[1] https://finanzmarktwelt.de/draghis-warnung-an-italien-wer-aus-der-eurozone-austritt-muss-seine-target-schulden-bezahlen-51095/

[2] Deutsche Bundesbank: Editierte Abschrift der Frage- und Antwortrunde [mit Jens Weidmann] anlässlich der Jahrespressekonferenz am 23.02.2017

[3] Eine ausführliche Darstellung findet man bei Georg Quaas: Relationale Geldtheorie. Marburg 2018.

 

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