Privacy-Paradoxon Digitale Medienangebote

| 15.05.2018 | Ein Kommentar

Digitale Medienangebote gewährleisten ein höheres Schutzniveau des höchstpersönlichen Lebensbereiches. Bücher, Zeitschriften, Tages- und Wochenzeitungen sowie Videos sind für Gäste der eigenen Wohnung nicht mehr sichtbar.

Es macht schon ein wenig stutzig, überträgt man den Diskurs um Privatsphäre, Verbraucherschutz und Datenvermarktung auf den höchstpersönlichen Lebensbereich der Bürgerinnen und Bürger: auf einmal fällt auf, dass digitale Medienangebote sehr viel besser dazu geeignet sind den Einblick in die persönliche Gedankenwelt, politische Orientierung, in das soziale Verhalten sowie Konsuminteressen zu verschleiern, als es analoge Medienangebote bislang vermochten.

Lässt sich seit den Enthüllungen des ins russische Exil (sic!) geflohenen Edward Snowden ein Anschwellen der Debatte um die Gefahren der Onlinekommunikation verspüren, geht es um Cyberbullying und -grooming, Ausspionieren der Privatsphäre und das unkontrollierbare Abfließen individueller Datensätze in unbekannte Hände, bleibt die soziale Interaktion unter Menschen im dreidimensionalen, durch Sauerstoff gekennzeichneter Raum, unterbelichtet. Menschen treffen sich in gastronomischen Einrichtungen oder laden sich gegenseitig nach Hause ein.

Der Autor kennt aus seiner Erfahrung die Momente nonverbaler Kommunikation mit einer unter den Arm geklemmten Tageszeitung als Ausdruck des eigenen Informationsanspruchs, politischen Statements oder als Zugehörigkeitssignal zu einer spezifischen sozialen Schicht. Betritt man als Gast die Wohnung der Einladenden, schweift der Blick zielgerichtet über die Bücherregale auf der Suche nach der Erkenntnis, um wessen Geistes Nachkommen es sich handeln könnte. Oder stehen im Wohnbereich ausschließlich Videos? Nicht selten, so der subjektive Eindruck, aktiv wie passiv, soll der kommunikative Rahmen definiert werden. Analoger Narzissmus.

 

Analoger und digitaler Narzissmus

Seit den Nuller Jahren des 21.Jahrhunderts nimmt, zumindest optional, der Anteil der digitalen Medienangebote stetig zu und hält Einzug in die eigenen vier Wände. Schrieb ich in meinem ersten CARTA-Post Ende 2008 noch von „unverhandelbaren privaten Ecken in meiner Wohnung“ und der „mahnende(n) Säule informationsstrotzenden Papiers“, so muss der Autor die Eroberung eben jener Zonen – zumindest für das Informationsgenre – 2018 aus Gründen eingestehen. Gedruckte Zeitungen spielen nur mehr eine Rolle in Form des Technik & Motor-Teils der FAZ (der trotz seines nur mehr geringen Umfangs online bis heute nicht kompensiert wurde).

Aus der Selbstbeschreibung soll nun aber in den hypothetischen Analyserahmen zurückgekehrt werden. Vernachlässigt man denjenigen Anteil der privaten Haushalte, die aus ästhetischen Überlegungen heraus und unabhängig von der Digitalisierung ihre Räume nüchtern und klar eingerichtet hatten/einrichten, führt die Entstofflichung der Medienangebote zu einem fortschreitenden Anonymisierungseffekt der eigenen Wohnumgebungen. Und gleichermaßen zu einer Desorientierung – im schlimmsten Fall zu nachhaltigen Missverständnissen – von eingeladenen Gästen. Diese Desorientierung ist selbstverständlich nicht dogmatisch (sie lässt sich über ein Verhör auflösen). Allerdings bleibt die Desorientierung eine analoge Barriere.

So beschrieben bewegen sich Bürgerinnen und Bürger in einem Privacy-Pardoxon. Die Nutzung digitaler Medien führt zu einer zunehmenden Abwehr nonverbalen, sozialen Austauschs unter Freunden und Bekannten. Kompensiert wird dieser Effekt durch das Auftreten des digitalen Narzissmus. Dessen technische Reichweite ist dazu noch um Potenzen höher als der analoge Narzissmus, schließen die Kommunikatoren quasi ganze Netzwerköffentlichkeiten, inklusive deren Verwalter und Auswerterinnen, in die Gedankenwelt, die politische Orientierung, das soziale Verhalten und die Konsuminteressen mit ein. An diesem Punkt ist das Paradoxon wieder aufgelöst und der aktuelle Diskurs ohne Bruch.

Resultierend lässt sich schließen, dass das Medienpublikum der unmittelbaren, sozial-biologisch sichtbaren Privatsphäre möglicherweise unbewusst einen höheren Schutzstatus beimisst als dem Bewusstsein wertvoller Datensatz Dritter, aber eben unbekannter Menschen/Organisationen zu sein. Als problematisch könnte sich die digitale Privatsphäre mit einem unkontrollierbaren Wissensabfluss für nachfolgende Generationen des familiären Umfelds und darüber hinaus erweisen, als dass Briefe und Postkarten nicht mehr in einem Maße verfügbar sein werden, aus denen sich die professionelle als auch private historische Wissenschaft ihre Untersuchungsobjekte aneignet.

Mediengattungen, respektive Subgattungen wie Musik-Playlists oder gedruckte Kinderbücher sind hier ebenso von den Gedanken ausgenommen wie öffentliche, sogenannte „Safespaces“ Erwachsener in der Onlinekommunikation. Letztere ergeben hin- wie hergewunden für den Autor keinen Sinn, Kinder lieben Bücher und als Gast privater Wohnungen erhält man bei der Musikauswahl ggf. einen schnelleren Überblick über die Spannweite des von den Gastgebern Gehörten als in der analogen Ausprägung eines Musikregals. Toilettenlektüre erweist sich als beständig. Bilder und Gemälde auch. Tbc.

 

 

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