Hauptsache: Die Frikadellen haben gebrannt

Feldenkirchens Schulz-Story macht misstrauisch.

Vor wenigen Tagen habe ich Markus Feldenkirchens Buch „Die Schulz- Story“ gelesen, nachdem mir eine Besprechung durch Mely Kiyak auf ZEIT Online in die Hände gefallen war.

Ich wurde neugierig. Das Buch ist hinter seinem papierenen Umschlag unauffällig. Es hat einen rabenschwarzen Einband. Lediglich auf dem Buchrücken ist der Titel zu lesen. Es schleicht gewissermaßen daher. Kiyak spielte freilich „am Gaspedal“. Sie hat ihrer Besprechung den Titel gegeben: „Inges Frikadellen brennen“. Der Titel erinnert an einen erzählten Parallelvorgang in Schulzens Leben, der – völlig nebensächlich – offenkundig Frau Kiyak schwerstens bewegt hat: Während er, Schulz, 2012 in Oslo den Friedensnobelpreis stellvertretend für die EU entgegen nimmt, sollen seiner Frau Inge in Würselen die Frikadellen in der Pfanne angebrannt sein. „Inges Frikadellen“ eben.

Das sind so die Geschichten, die prominente Frauen und Männer erzählen, wenn sie neugierige Nasen aus der Familie, neuhochdeutsch aus dem „Home“ raushalten wollen. Motto: Da haste was zum Beißen und Nagen. Und diese Geschichten stehen dann auf ewige Zeiten in digitalen Archiven, sogar dann noch, wenn längst in Vergessenheit geraten ist, was eine Frikadelle war.

Feldenkirchen geht mit Schulz fair um. Er hat sich den Mann angeschaut, hat ihn taxiert und verglichen mit denen, die ihm in der Sozialdemokratie begegnet sind. Er spitzt seine „Story“ auf ein langsam sich steigerndes Zerwürfnis zwischen Schulz und Sigmar Gabriel zu. Er beschreibt mit Akribie die Hindernisse, die Schulz im Apparat der SPD bremsten. Es ist so, also ob ein Dutzend Leute und mehr um den Kessel mit dem heißer werdenden Wahlkampf-Brei stehen, mit ihren Löffeln in den Kessel langen und sich wechselseitig bescheinigen: Mehr Salz, mehr Zucker, mehr Zimt, mehr Vanille. Am Ende soll Schulz die ganze Geschichte löffeln.

Kiyaks Bericht ist viel- und nichtssagend zugleich. Eine Kostprobe: „Aber dann, der Hammer, man fällt vor Lachen vom Sofa. Man beachte die Steigerung. Jetzt hat er auch noch einen Krampf im Fuß. ‚Vermutlich Kalziummangel’. Genauso steht es da. Und man begreift, Aufstieg und Fall des Martin Schulz, dieser lange Weg von Würselen nach Brüssel, weiter nach Berlin und dann wieder zurück nach Würselen, mit Krampf im Fuß, gewissermaßen humpelnd, das ist die Via Dolorosa unter akutem Mineralstoffmangel.“

Ich schätze, meine Enkelin schreibt mit ihren 12 Jahren besseres Deutsch als Frau Kiyak, eine Kolumnistin, auf ZEIT Online. Mein ältester aufgeweckter Enkel ist ebenfalls auf dem besten Weg, Frau Kiak sprachlich hinter sich zu lassen. Ich müsste ihm allerdings erklären, was die Via Dolorosa ist, und warum Mensch gut beraten ist, die Via Dolorosa nicht zu billigen Vergleichen heran zu ziehen.

Vielsagend ist der Text auf ZEIT Online, weil er die Tragödie nicht „rafft“, die in der Schulz-Story steckt.

Ein Mann traut sich zu, Holter die Polter eine Kanzlerschafts- Kandidatur zu übernehmen: Hoppla, hier komm ich. Und jetzt geht’s los! Ab dem Tag seiner Erklärung bis zum Tag der Niederlage sowie darüber hinaus kämpft Schulz um seine Freiheit, dem eigenen Denken zu folgen und nicht den Einwendungen und Einreden aller möglichen Außenstehenden folgen zu sollen, gar zu müssen. Das ist ein Teil der Tragödie, die auf dem Weg von Brüssel nach Berlin und zurück zu „Inges Frikadellen“ zu besichtigen ist. Das kann eigentlich keine Vorlage für „Comedians“ sein, seien sie abends im ZDF zu ertragen oder auf ZEIT Online mühsam nachzulesen.

Niemand muss einer Partei angehören, um das zu verstehen. Es reichen Interesse am Gemeinwohl und Verstehen der eigenen Interessen. Denn auszuschließen ist ja nicht, dass der Mensch, der da von Beratern und Befragern, von Funktionären und Schreibern vor sich her getrieben wird, am Ende Kanzler wird. Und dann soll er in der Lage sein, Verantwortung für Leute und Land zu tragen. Unbeugsamkeit scheint jedenfalls nicht die Tugend zu sein, mit der Politikberater ihre Brötchengeber ausstatten möchten.

Der andere Teil der Tragödie steckt in der Führung der SPD. Sie hat kein politisches Zentrum gebildet, das der Mitgliedschaft und den vielen Sympathisierenden im Wahlkampf Orientierung gegeben hätte. Sie hat nicht mal die vom Kandidaten beziehungsweise durch seinen Apparat vorgegebenen Linien gehalten, so dass der Kandidat nicht gestärkt wurde. Die Führung der SPD hat sich – wenigstens in Teilen – verhalten wie der Aufsichtsrat eines DAX-Unternehmens, der den Vorstandssprecher über kurz oder lang loswerden will.

Ich bin nach den verschiedenen Lektüren misstrauischer als zuvor.

 

 

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