Warum Stiftungen den Journalismus stärker fördern sollten

Ist der deutsche Journalismus noch zu retten? Und dies durch Stiftungen? Möglicherweise ausgerechnet auch noch durch Unternehmensstiftungen? Einiges spricht dagegen, aber mehr noch dafür. Eine Bestandsaufnahme mit Argumenten – und mit Zahlen.

Könnte das deutsche Stiftungswesen als „weißer Ritter“ und damit als Retter des kriselnden Journalismus in Erscheinung treten? Zumindest diskutiert die Fachöffentlichkeit seit einigen Jahren verstärkt darüber, in welchem Maße und für welche Zwecke Stiftungen den ökonomisch angeschlagenen Profi-Journalismus in Deutschland finanziell (unter)stützen könnten. Inspiriert wurde und wird diese Variante nicht zuletzt durch Entwicklungen in den USA, zum Beispiel durch die Gründung des investigativen Non-Profit-Newsdesks ProPublica im Jahr 2007.

Genau nach diesem Vorbild ist 2014 hierzulande das Redaktionsbüro Correctiv ins Leben gerufen worden. Und genau durch diese Neugründung hat das Thema einen großen öffentlichen Schub erfahren. Drei Jahre lang hat die Essener Brost-Stiftung das gemeinnützige Redaktionsnetzwerk mit jährlich rund einer Million Euro gefördert. 2017 noch mit knapp einer halben Million Euro. Correctiv, das Standorte in Berlin und Essen unterhält, hat mit zahlreichen Recherchen für Furore gesorgt – über rechtsradikale Aktivitäten oder über Machenschaften der Pharmaindustrie, um nur zwei Beispiele zu nennen. Berichte über angebliche Interessenkonflikte mit der Trägerstiftung, Abgänge mehrerer Führungskräfte, eine zuweilen chaotische Redaktionsorganisation und die zuletzt gekürzten Fördermittel haben den Lack vom publizistischen Leuchtturm zumindest teilweise abblättern lassen. Gleichwohl gilt Correctiv weiterhin als Vorzeigeprojekt und Blaupause für stiftungsfinanzierten Journalismus.[i]

 

 

Derzeit fördern in Deutschland 85 Stiftungen Journalismus

Was die Frage aufwirft, inwieweit das Beispiel Correctiv tatsächlich Schule gemacht hat, wenn auch in möglicherweise kleineren Dimensionen. Um diese Frage zu beantworten, hat der Autor mit Hilfe eines Datensatzes des Bundesverbands Deutscher Stiftungen untersucht, welche Stiftungen in Deutschland in welcher Form gemeinnützige Medieninstitutionen, journalistische Non-Profit-Projekte oder auch einzelne Journalisten finanziell fördern. Ergänzt wurden die Daten durch eigene Recherchen des Autors.

Das Hauptergebnis lautet: In Deutschland fördern derzeit 85 Stiftungen in der einen oder anderen Form Journalismus. Dies ist eine ernüchternd geringe Zahl, wenn man sie ins Verhältnis setzt zu den mehr als 21.800 Stiftungen, die es in Deutschland gibt. Das bedeutet: Die stiftungsbasierte Finanzierung ist sehr weit davon entfernt, zu einer tragenden Säule des Journalismus in Deutschland zu avancieren. Selbst wenn man Stiftungen in erster Linie als Anschubfinanziers versteht, spielen sie eher eine Nebenrolle. Dies gilt nicht nur in Bezug auf die reine Anzahl der fördernden Stiftungen, sondern auch in Hinblick auf die Summen, die fließen. Zusammen mit der öffentlichen Stiftung Vor Ort NRW, die hyperlokale Medien-Start-Ups unterstützt, ist der Correctiv-Finanzier Brost der mit Abstand größte Geldgeber.

Dabei wird hier „Stiftung“ eng definiert, nämlich als Organisation, die ausschließlich die Kapitalerträge aus ihrem Stiftungsvermögen einsetzt, um den vorab definierten Stiftungszweck zu verfolgen. Nach dieser Definition wurden in der Studie zum Beispiel die Parteistiftungen nicht berücksichtigt, die zwar alle den Begriff „Stiftung“ in ihrem Namen tragen, aber von wenigen Ausnahmen abgesehen allesamt eingetragene Vereine sind.

Ein weiterer wichtiger Punkt: 95 Prozent der deutschen Stiftungen sind gemeinnützig. Die mit diesem Status verbundenen erheblichen Steuervorteile können sie nur genießen, wenn auch die Empfänger den Status der Gemeinnützigkeit aufweisen, diese im Gegensatz zu gewinnorientierten Unternehmen also keine Überschüsse an die Gesellschafter ausschütten. Insofern qualifizieren sich die klassischen, in aller Regel gewinnorientierten Medienhäuser von vorherein nicht für eine finanzielle Förderung durch Stiftungen. Vielmehr haben in erster Linie journalistische Start-Ups auf Non-Profit-Basis die größten Chancen.

 

 

Kaum Projekte, viele Preise

Welche journalistischen Aktivitäten fördern Stiftungen in Deutschland? Correctiv stellt zwar keinen Einzelfall dar. Doch sind Stiftungen bislang eher zurückhaltend, wenn es darum geht, konkrete und vor allem umfangreichere Projekte zu fördern. Dies ist sicher eine Frage des finanziellen und organisatorischen Aufwandes, aber auch eine Herausforderung, sich längerfristig zu engagieren. So konnten lediglich zehn Projekte identifiziert werden (siehe Schaubild 1). Neben Correctiv zählt unter anderem dazu die Vernetzungs- und Ausbildungs-Plattform Torial. Hinter ihr steht die August-Schwingenstein-Stiftung, die der Enkel des Mitgründers der Süddeutschen Zeitung, Konrad Schwingenstein, führt.

Mit Ausnahme von Correctiv haben Stiftungen bisher aber keine neuen Medientitel oder -organisationen mit einer Anschubfinanzierung unterstützt. Die Aktivitäten der Stiftungen sind deutlich ausgeprägter bei mittelfristigen Engagements wie der Ausschreibung von Recherche- und Reisestipendien und besonders der Förderung der Aus- und Weiterbildung.

 

Foerderleistung_Absolut-sw

 

 

Unangefochtener Spitzenreiter mit rund 40 Prozent sind jedoch die insgesamt 45 ausgelobten Journalistenpreise. Diese können die Stiftungen einer Spende ähnlich von der Steuer absetzen. Zwar sind einige dieser Preise mit mehreren Zehntausend Euro dotiert, die meisten bewegen sich jedoch in einer Spanne zwischen 3.000 und 5.000 Euro. Selbst diese Summen können für freiberufliche Journalisten finanziell bedeutend sein, doch stellen sie keine nachhaltige Förderung dar. Sie wirken eher wie der vielzitierte Tropfen auf den heißen Stein. Darüber hinaus ist zu berücksichtigen, dass Journalistenpreise eher als Würdigung geleisteter Arbeit denn als Finanzierungsinstrument für neue Medienprojekte zu verstehen sind.

 

 

Schmoren im eigenen Saft

Soweit zu den Einsatzgebieten und den Empfängern. Und die Geber? Wer steht hinter den Stiftungen? Schaubild 2 zeigt ein relativ buntes Feld: Mischkonstruktionen (z.B. aus Unternehmen, Verbänden, NGO) spielen eine Rolle, daneben engagieren sich in geringerem Maße Verbände und Gewerkschaften, die öffentliche Hand sowie die klassischen Medienhäuser.

Den mit deutlichem Abstand größten Anteil an den Stiftungsträgern machen Einzelpersonen und Familien aus, die sich aus ihrem Unternehmen zurückgezogen haben oder die bereits verstorben sind. Das ist durchaus typisch für die gesamte deutsche Stiftungsszene. Hier sind es vor allem die Stiftungen ehemaliger (Mit)Eigentümer großer Medienunternehmen wie die Rudolf Augstein Stiftung (Der Spiegel) oder die Zeit-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius, die sich für den Journalismus engagieren. In diese Gruppe fallen auch Stiftungen regionaler Verleger und Chefredakteure wie die Stiftung Pressehaus NRZ (Neue Ruhr/Neue Rhein Zeitung), die der frühere NRZ-Verleger Dietrich Oppenberg persönlich ins Leben gerufen hat.

 

Stiftungsträger_Absolut-sw

 

Darüber hinaus treten einige wenige Stiftungen branchenfremder Unternehmer als Journalismus-Förderer auf. Die des SAP-Gründers Klaus Tschira zum Beispiel, die Hanns Martin Schleyer Stiftung, die Mercator-Stiftung und seit einigen Jahren verstärkt auch die Schöpflin Stiftung aus Lörrach. Insgesamt betrachtet bleibt die Medienbranche bei der Stiftungsförderung aber bislang bisher weitgehend unter sich.

 

 

Journalismus fördern = gesellschaftliche Verantwortung tragen

Warum eigentlich? Wenn es Unternehmen mit ihrem Bekenntnis zur gesellschaftlichen Verantwortung wirklich ernst meinen und sich ihre Stiftungen zum Beispiel wie die Schöpflin Stiftung die Förderung des demokratischen Gemeinwesens auf die Fahnen schreiben, dann könnte und sollte die so genannte vierte Gewalt auch dazu gehören. Journalismus-Förderung sollte zum integralen Bestandteil der Corporate Social Responsibility von Unternehmen und ihren Stiftungen gehören, unabhängig von ihrer Branche.

Ein solches Postulat kann freilich nicht formuliert werden, ohne sofort auf politischen Widerspruch zu stoßen. Ein grundsätzlicher Einwand lautet: Private Stiftungen, die von meist wohlhabenden Einzelpersonen oder von Unternehmen geführt werden, sollten nicht darüber entscheiden dürfen, welche gemeinnützigen Zwecke für förderungswürdig zu erachten sind und welche nicht. Dazu verfügten sie über kein demokratisch legitimiertes Mandat. Dies sei vielmehr eine ureigene Aufgabe des Staates, der seine Fördertätigkeit nach demokratischen Prinzipien auszurichten habe.

Das Argument trifft sicher auf eine Vielzahl von stiftungsfinanzierten Aktivitäten zu. Aber auch auf den Journalismus? Umgekehrt ließe sich fragen: Wie viel Staat verträgt der Journalismus? Deutschland verfügt über einen sehr großen öffentlich-rechtlichen Komplex, den man als mehr oder minder staatsfern bezeichnen mag. Der weit größere Teil des deutschen Mediensektors ist indes privatwirtschaftlich organisiert – ein Markt, der vor allem krisenbedingt eine zunehmende Tendenz zur Konzentration aufweist. Wo ist hier die demokratische Legitimation?

Schon Mitte der 1960er Jahre prägte der Publizist Paul Sethe den später immer wieder zitierten Ausspruch: „Pressefreiheit ist die Freiheit von 200 reichen Leuten, ihre Meinung zu verbreiten.“ Inzwischen dürfte die Zahl der Verleger deutlich geschrumpft sein. Insofern kann es doch nur wünschenswert sein, auch im Sinne einer öffentlichen Aufgabe, wenn Stiftungen für größere Meinungsvielfalt sorgen, indem sie zum Beispiel journalistische Start-ups wie Correctiv fördern.

 

 

Unabhängigkeit sichern

Der nächste Aufschrei ist programmiert: Stiftungen könnten mittels gezielter Fördermaßnahmen die öffentliche Meinung zu ihren Gunsten beeinflussen oder gar manipulieren. So argwöhnt der Publizist Matthias Holland-Letz, stiftungsfinanzierte Journalisten würden nicht mehr kritisch über die sie fördernde Stiftung oder das mit ihr verbundene Unternehmen berichten. In der Tat würde es dann gefährlich, wenn zum Beispiel eine Stiftung versuchte, Journalisten für eine politische Kampagne vor ihren Karren zu spannen. Diese Journalisten müssten indes eh über eine gewisse Willfährigkeit oder zumindest über eine größere Affinität zum Anliegen verfügen.

Doch wie wahrscheinlich ist eine Konstellation, dass zum Beispiel die Stiftung eines Unternehmens, das in den Dieselskandal verwickelt ist, ausgerechnet ein kritisches Start-up im Umweltjournalismus subventioniert, um es damit mundtot zu machen? Hinzu kommt die Frage nach der Dimension: Nur wenn Stiftungen allein oder zumindest im größeren Umfang den medialen Output finanzierten, entstünde die Gefahr, dass kritische Berichterstattung mittels selektiver Förderung breitflächig unterminiert würde. Davon ist die deutsche Medienlandschaft jedoch meilenweit entfernt.

Außer Frage steht, dass Vorkehrungen getroffen werden müssen, wenn sich Journalisten von Stiftungen finanzieren lassen. Es beginnt mit vollständiger Transparenz Und es geht weiter mit klaren Zielvereinbarungen zwischen Förderer und Gefördertem über die Projekte. Diese definieren, welches Thema der Journalist und/oder das Medium innerhalb welchen Zeitraums recherchiert. Jegliche inhaltliche Einflussnahme im weiteren Verlauf ist aber von vornherein auszuschließen.

Das Konstrukt kann nur funktionieren, wenn Übergriffe der Stiftungen verhindert und die Unabhängigkeit der Geförderten gewährleistet wird. Um von vornherein potentielle Interessekonflikte zu vermeiden, sollten unternehmensnahe Stiftungen deshalb nur solche Themenfelder fördern, die weder unmittelbar noch mittelbar mit ihren eigenen Geschäften zu tun haben. Das ist wirklich ernstgemeinte Corporate Social Responsibility.

Und noch eine Anregung zum Schluss: Die bereits engagierten Stiftungen sollten ihre Aktivitäten überdenken und gegebenenfalls neu ordnen. Warum? Weil eine Bündelung und damit Fokussierung der Fördermittel dringend geboten erscheint. Die Erhebung hat gezeigt, dass sich viele Stiftungen schon viele Jahre, manchmal Jahrzehnte engagieren, bevor die öffentliche Debatte über ihre Rolle eingesetzt hat. Viele von diesen Stiftungen vergeben Preise oder Stipendien. Ist das noch zeitgemäß? Wenn sie dabei nicht die Eigen-PR als vorrangiges Ziel sehen, sondern „die Sache des Journalismus“, spräche vieles dafür, Ressourcen bevorzugt in innovativen institutionellen Medienprojekten à la Correctiv zu bündeln. Dadurch würde die Effektivität der Förderung enorm gesteigert, selbst wenn die Projekte eine oder zwei Nummern kleiner wären als das große Vorbild.

 

 

 

[i] Oppong, Marvin (2017): „Empfindlich eingeschränkt“. In: Kress Pro, Nr. 3, S. 66-68.

Lilienthal, Volker (2017): Recherchejournalismus für das Gemeinwohl. Correctiv – eine Journalismusorganisation neuen Typs in der Entwicklung, in: M & K Medien und Kommunikationswissenschaft, Jg. 65, Heft 4, S. 659-681.

 

 

Like what you see? Hier CARTA bei Facebook liken.

Was Sie tun können, um CARTA zu unterstützen? Folgen, liken und teilen Sie uns auf Facebook und Twitter. Unterstützen sie uns regelmäßig über die Plattform steady oder spenden Sie an den CARTA e.V.