Am Leben vorbei?

| 16.10.2017 | 2 Kommentare

Wenn Aufklärung nicht wirkt und politische Bildung ins Leere läuft, muss die Didaktik auch sich selbst hinterfragen – eine Außensicht.

 

„Politische Bildung basiert auf der Mündigkeit des Menschen und fördert die Urteilskraft des demokratischen Souveräns. Sie verbessert die Orientierungsfähigkeit in der sozialen Welt.“ (Autorengruppe Fachdidaktik, Was ist gute politische Bildung?)

 

Es gibt einen Klassiker des Nicht-Verstehens, seit vielen Jahrzehnten schon. Immer wenn Schülergruppen irgendwo im Land auf Parlamentstribünen sitzen, stellen sie nach Inaugenscheinnahme vor allem eine Frage: Warum ist das Plenum so leer, wo sind die anderen Abgeordneten? Theorie trifft auf Empirie, das Ergebnis sind Zweifel.

Die parlamentarischen und/oder pädagogischen Betreuungspersonen murmeln dann etwas von der Wichtigkeit der Ausschussarbeit und sonstigen Verpflichtungen, aber besonders überzeugend kommt das nicht rüber. Man fühlt vor allem eines: Irgendetwas stimmt nicht recht an dem, was über die Mechanik der demokratischen Institutionen gelehrt wird. Etwas Wichtiges muss es sein. Auch etwas Undurchsichtiges. So eine Erfahrung bewirkt – meist unausgesprochen – Unsicherheit, Skepsis, Misstrauen. Das Gegenteil war beabsichtigt.

Über solche Klassiker hinaus gibt es nun aber immer mehr Beispiele dafür, dass in der politischen Bildung Gut-Gemeintes am Ende Nicht-Gemeintes auslöst. Dass Erklärversuche scheitern und statt Orientierung eher Unsicherheit wächst. Themen wie Europa oder auch Partizipation stehen dafür. Und ein Bundestagswahlkampf, der keine einzige wirklich tief reichende und ernsthafte programmatische Auseinandersetzung hervorbrachte, zählt genauso dazu. Je tiefer man eindringt in die Materie, desto mehr Fragezeichen tauchen auf, die dann aber nicht Motivation auslösen, sondern schnell delegitimierend für den ganzen Ansatz wirken. Wieder: meist unausgesprochen.

Zugespitzt ausgedrückt: Nach Jahrzehnten professioneller, aufklärerisch verstandener politischer Bildung führt die seltene Berührung mit realem politischem Leben der repräsentativen Demokratie zu selten zu tieferem Verstehen und Einmischen. Aber zu häufig zu einem tiefen Fremdheitserlebnis, gemessen nicht zuletzt am Oberflächenbild der zuvor gelehrten abstakten Normen und Werte. Besonders bei allen, deren eigene private Welt besonders weit weg ist von den bildungsbürgerlichen Milieus. Es drängt die Frage, ob und wie politische Bildung auf das reale Leben vorbereitet.

Die Profession und ihre Didaktik haben sich in einer Zeit etabliert, als die Wichtigkeit des institutionellen Politischen außer Frage stand und eher Autoritätsgläubigkeit das Problem war. Wenn man heute gewisse professionelle Wahrnehmungsschwächen attestieren muss, dann rühren die von solchen vermeintlichen Selbstverständlichkeiten her. Ähnlich wie beim professionellen Journalismus immer wieder Wahrnehmungsschwächen erkennbar werden, weil so getan wird, als könnten die großen Publikumsmedien in der digitalen Welt noch das Ganze der gesellschaftlichen Kommunikation abbilden.

Nein: Heute muss Politik sich immer erst mal selbst begründen und sich gegen populistisch daherkommende Politikverachtung verteidigen. Und ob überhaupt Gremienpolitik wichtig und beeinflussbar ist im Leben der Einzelnen, ist denen nicht mehr selbstverständlich. Sie denken diese Fragestellung inzwischen oft rein individuell. Wird da wirklich gut genug gegengesteuert? Ob überhaupt noch erkennbar und erlebbar jenseits von Ich-Positionierungen ein politischer Kampf um unmittelbare Interessen stattfindet, wird zur offenen Frage. Und längst verschwimmen im medial transportierten Gesellschafts- und Politikbild die Grenzen zwischen realen und fiktionalen Welten.

Die Ich-Zentriertheit der neuen Kommunikationstechnologien bewirkt soziale und kommunikative Abschottung. Was bedeutet: Im Schutzraum der Anonymität können Ausgrenzung und Hass zu veritablen Identitätselementen werden, was im Umkehrschluss wiederum – nicht selten unbemerkt von Lehrenden – werteorientierte Unterrichtsinhalte emotional aushebelt.

 

Die alten Konzepte stoßen an ihre Grenzen. Die Macht von Emotionen und Bildern ist mindestens so sehr Realität wie der rationale Diskurs.

 

Es gibt dann tatsächlich so etwas wie eine sterile Korrektheit in den Parlamenten, den Medien, im politischen Unterricht, die schweigend hingenommen wird, aber Gefühle nicht erreicht. Aus der Psychologie wird inzwischen der Begriff der Reaktanz herangezogen, um das Aggressionspotenzial zu beschreiben, das sich entladen kann, wenn Schweigespiralen unterschiedlicher Art gezielt und nicht selten lustvoll durchbrochen werden. Egal ob von rechten Schlägern, randalierenden Fußballfans, zündelnden Autonomen oder verbalen Amokläufern aller Art in der digitalen Welt.

Die offene, multikulturell ausgerichtete Gesellschaft bietet neue Angriffspunkte, deren individuelle Basis die Repräsentanten dieser Gesellschaft – auch die in der Lehre sind welche! – nicht ausreichend wahrnehmen, weil die Milieus so weit auseinanderdriften. Eine Kultur des Nicht-Verstehens oder auch Nicht-mehr-Verstehens innerhalb gesellschaftlicher Minderheiten verstärkt sich leise, nicht-öffentlich. Die Zweifel verbinden sich bis hin zu einem antiaufklärerischen Konglomerat des Nicht-mehr-verstehen-Wollens, der offensiven Realitätsverweigerung in Teilgesellschaften mit hoher Meinungskonformität. Auf politischer Ebene: siehe Pegida, Brexit, Trump.

Wer aus solchen Denkmilieus kommt, pfeift auf pluralistische Aufklärung und ergebnisoffene Kontroversen. Es ist an der Zeit, neu zu fragen, wie die scheiternden Aufklärer darauf besser reagieren könnten. Und es kann vielleicht sogar professionell umgesetzte politische Bildung zu Spaltungsprozessen beitragen. Zu Spaltungen und Unverständnis zwischen den vielen, die sich demokratisch engagieren, dabei selbst oft den eigenen kritischen Zugang überhöhen, aber doch eher konstruktiv und vorwärtstreibend die demokratische Wertebasis verkörpern – und den anderen, die Hass und Hetze als authentischer und sogar wahrhaftiger erleben.

Die alten Konzepte stoßen an ihre Grenzen. Die Macht von Emotionen und Bildern ist mindestens so sehr Realität wie der rationale Diskurs. Institutionenlehre reicht schon lange nicht mehr aus – angesichts der Komplexität internationaler Entscheidungsprozesse, des Auseinanderlebens innerhalb der offenen Gesellschaften, der Vielschichtigkeit weltweiter religiöser und sozialer Spaltungen, der permanenten Reflexivität zwischen Medienbild und politischem Prozess. Aber gleichzeitig ist ja nach wie vor nicht einmal Institutionenlehre bei den Schulabgängern verlässlich gelernt, formal wie normativ.

Beides indes, Kenntnis von formalen Abläufen wie von ethischen Normen, wird immer dringlicher. Weil solche Wissensvermittlung in Zeiten, in denen die Grundwerte der offenen Demokratie selbst attackiert werden, eben nicht alleine der Kritikfähigkeit, sondern genauso der Verteidigungsfähigkeit der demokratischen Abläufe dient. Gegen fundamentale Angriffe und offensive Ignoranz genauso wie gegen Apathie, Analyseverweigerung und reinen Individualismus. Verteidigung nicht nur gelegentlich und exemplarisch, sondern fundamental und – inklusive Kritik, zum Beispiel an sozialer Ungleichheit – letztlich systembegründend.

Ist es zum Beispiel nicht so, dass bei Unterstellung einer gemeinsamen Werte- und Wahrnehmungsbasis recht schnell das vergleichsweise leichte Ziel der Kritikfähigkeit vor das manchmal weit anstrengendere Ziel des Verstehens und Verteidigens von Vorhandenem tritt? Kritik ist kein sich selbst begründendes Prinzip. Wenn die gemeinsame Wertebasis wegbröckelt, gerät das Prinzip Anti nur noch ich-zentriert und ohne soziale Empathie. Weil das in vielen der neuen Netzwerk-Blasen ganz normal so ist.

Ein anderes Dilemma: Angesichts all der professionell inszenierten Eventhaftigkeit, Personalisierung und Visualisierung von vermachteter Politik wirken selbst moderne Partizipationskonzepte oft gutwillig-naiv. Wer sie rezepthaft versteht, landet leicht in der Frustfalle. Aber genauso gefährlich ist, lieber ganz auf aktivierende Einmischung zu verzichten. Dann geht es der politischen Bildung wie dem Latein: Sie wird zur alten Materie, mit der man die Genese des Heutigen nachvollziehen kann, aber nicht das Heutige selbst.

 

Die offene Demokratie erfordert mehr und mehr, Haltung zu zeigen, den liberalen Grundkonsens zu definieren und insofern auch klare Grenzen zu ziehen. Selbst wenn damit ungewollt die Pädagogik (wie der Journalismus und das Expertentum insgesamt) von den Gegnern dieses Grundkonsenses hineingezerrt werden wird in die Arena des aggressiven Wertekonflikts.

 

Leistet professionelle politische Bildung wirklich einen Beitrag zum ganzheitlichen Verstehen einer ja zunehmend isolierten Politikwelt – oder erzieht sie zum Distanz halten? Es ist ein wenig wie bei der Sporterziehung: Man probiert in jungen Jahren – unterrichtshalber – alles mal aus. Doch danach konzentriert sich das Sportinteresse eher auf Identität und Identifikation aus Perspektive des Fernsehsessels.

Wie reale Politik abläuft, wie Erfolge und Niederlagen riechen und schmecken, was fasziniert und was abstößt: Dieses Eigentliche gesellschaftlich-politischer Erfahrung und das dabei nötige Stehvermögen vermittelt politische Bildung eher nicht. Es zu verabsolutieren, würde sie überfordern. Aber sie muss doch mehr Brücken bauen in diese Welt der Institutionen, um das Hochziehen von Mauern zu erschweren. Was bedeutet: politische Prozesse fühlbarer machen, als sie es bisher sind. Das geht nur über weitaus mehr direkte, kritisch-konstruktive Begegnung mit Weitwinkel-Perspektive. Emotionen-, Gefühls- und Bilderwahrnehmung immer inklusive.

Wer selbst in der politisch-medialen Welt arbeitet, kann erleben, dass Außenstehende (einschließlich vieler, die in der politischen Bildung arbeiten) keinen sicheren Eindruck mehr davon haben, wie systemische Politik tatsächlich funktioniert. Mit all ihren komplexen Interessens- und Beziehungsgeflechten inklusive medialer und demoskopischer Reiz-Reaktions-Vorgänge. Nennen wir es Demokratiepraktika: Viel zu lange war es von Misstrauen überlagert, Politik in die Schule zu holen und selbst viel öfter dorthin zu gehen, wo Politik lokal stattfindet – und zwar nicht nur betroffenheitsorientiert, sondern sehr bewusst unter Wertschätzung repräsentativer Rollen und gemeinwohlbezogener Themen.

Das ist eine von vielen erweiterten Fragestellungen, die zu einer neuen Debatte drängen. Eine andere: Die offene Demokratie erfordert mehr und mehr, Haltung zu zeigen, den liberalen Grundkonsens zu definieren und insofern auch klare Grenzen zu ziehen. Selbst wenn damit ungewollt die Pädagogik (wie der Journalismus und das Expertentum insgesamt) von den Gegnern dieses Grundkonsenses hineingezerrt werden wird in die Arena des aggressiven Wertekonflikts.

Was haben die Schulen in all den Jahren bewirkt? Dass es in Deutschland einen stabilen demokratischen Kern gibt, ist eine große Leistung, nicht zuletzt der politischen Bildung. Aber ganz sicher war so mancher politikdidaktische Ansatz zu eindimensional, zu selbstzufrieden und auch zu verkopft, um in der nötigen Breite attraktiv und anschlussfähig zu bleiben.

 

Dieser Text erschien auch in der Oktoberausgabe der Zeitschrift POLIS.

 

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