Vom Ölzeitalter lernen: digitale Nachhaltigkeit

Diese Woche erscheint der Langessay "Daten - das Öl des 21. Jahrhunderts?" von Malte Spitz. Was können wir aus einem Jahrhundert des Öls für die Gestaltung einer digitalen Gesellschaft im Jahrhundert der Daten lernen? Eine Rezension.

Malte Spitz, einer der profiliertesten Netzpolitiker, gliedert seine Annäherung an die Metapher der Daten als Öl des 21. Jahrhunderts in sechs thematische Kapitel, die jeweils durch ein markantes Schlagwort hervorgehoben sind: Geschichte – Freiheit – Gesellschaft – Sicherheit – Demokatie – Nachhaltigkeit.

Das Buch ist empirisch gesättigt: Grundlage bilden viele Gespräche und einige Gruppendiskussionen, die Malte Spitz in den USA und in Deutschland durchgeführt hat. Gleich als Einstieg verweist er – mir sehr sympathisch – auf die materielle Realität nicht nur der Ölproduktion, sondern auch der Datengewinnung und -verarbeitung, eine transnationale Infrastruktur aus Netzwerken und Zentren, die über die Verfügbarkeit des Rohstoffs entscheidet. Zentral für Spitz ist bei der weiteren Betrachtung – bezogen auf Daten wie auf Öl gleichermaßen – die wirtschaftliche Dimension: Monetarisierung durch Monopolbildung, wenige Großkonzerne, die Orientierung am Weltmarkt, bezogen auf Daten schließlich die Transformation der Wirtschaft vom Produkt zum Service – mit der bekannten Nebenfolge, dass Maschinen und Geräte zu Blackboxes werden, wenn etwa Traktoren in den USA nicht mehr von den Landwirtinnen und Landwirten selbst repariert werden können und dürfen, oder wenn ein Auto wie das von Tesla gegen Zahlung von Zusatzgebühren softwarebasiert um neue Funktionen erweitert werden kann.

Letztlich geht es hier – wiederum analog zu den großen Ölförderkonzernen und -staaten im letzten und vorletzten Jahrhundert – um die Machtfrage: Was passiert, wenn 90 Prozent der Daten und der darauf aufbauenden Dienstleistungen von einer Handvoll Großkonzernen kontrolliert werden?

Daten sind kein Öl – Parallelen und Unterschiede

Daten sind kein Öl. Der Ölpreis – bezogen auf ein standardisiertes, überall auf der Welt einheitliches Produkt, auf dem unzählige Prozesse aufbauten – war lange Zeit eine Art Leitwährung mit den damit verbundenen Politiken und Konflikten (und einer massiven Wachstumsabhängigkeit). Spitz weist zu Recht darauf hin, dass „crude data“ dagegen etwas ganz individuelles, teilweise auch ortsgebundenes ist: „Um eine Autoversicherung in Berlin zu berechnen, nützen mit Daten aus Sydney nicht viel.“ – Daten sind ohne ihren Kontext wertlos.

Im geschichtlichen Teil blickt Spitz auf die Wirtschaftszweige, die auf dem Erdöl aufbauen – Förderung, Verbrennungsmotor/Automobilindustie, Petrochemie und Energieerzeugung. Er schaut sich die stadtergreifenden Chemieparks in Ludwigshafen und in Leuna an und vergleicht sie mit Rechenzentren. „Die erste Phase in der Geschichte des Öls ging zu Ende, als Öl nicht länger vorherrschend als Petroleum Vewendung fand. In der Geschichte der Daten befinden wir uns ebenfalls am Ende einer solchen Phase.“ Als zweite Phase der Ölindustrie identifiziert Spitz die Petrochemie, in deren Produkten der Rohstoff Öl nicht mehr zu sehen ist. Eine typische Ausprägung der ersten Phase der Datenindustrie sind Online-Handel und Online-Werbung, die aus Kundendaten Typen erstellen, um Werbeplätze zu verkaufen. Die zweite Phase der Datenwirtschaft wäre dann eine, in der „Daten viel stärker unseren Alltag bestimmen werden: durch Assistenzsysteme, durch allgegenwärtige Sensorik, durch Biotechnologie und zunehmendes Verschmelzen von Mensch und Technik.“

Das Ölzeitalter war durch ein spezifisches Freiheitsversprechen gekennzeichnet. „Öl ist Teil des American Way of Life, überdimensional große Autos, eine plastiklastige Konsumwelt und das Versprechen von Freiheit durch Unabhängigkeit.“ – ein Freiheitsversprechen, das durch die Ölkrisen brüchig wird. Seit den 1970er Jahren wird daraus dann ein gesellschaftlicher Diskurs über Menschenrechte und über die Umweltfolgen der Ölförderung.

Das Datenzeitalter bringt sein eigenes Freiheitsversprechen mit sich – der weltweite Wissenszugang, eine Brise der Demokratisierung. Und während Datenschutz und Datensicherheit „im ersten Rausch digitaler Technologien“ keine Rolle spielten, werden sie „nach Snowden“ zunehmend zu einem Thema. Und auch Datenschutz kann zu einer sozialen Frage werden, wenn ein sicherer Umgang mit Daten zum Premiumprodukt wird, das sich nicht jede leisten kann. Aber das ist erst der Anfang: wie steht es um Freiheit, wenn datenbasierte Handlungsempfehlungen als „alternativlos“ erscheinen – samt aller Vorurteile, die intelligente Systeme erlernen, wenn sie auf einer vorurteilsbehafteten Datengrundlage trainiert werden? Und wie steht es mit der informationellen Selbstbestimmung, wenn beispielsweise Gesundheitsdaten mehr oder weniger „anonymisiert“ weiterverwendet werden sollen, um Entscheidungssysteme zu verbessern.

Spitz identifiziert hier Themen, die in der Tat gesellschaftlich und juristisch diskutiert werden müssen – nicht in technologiefeindlicher Abwehr, sondern im Sinne von Gestaltung. So hilft Transparenz über Algorithmen nur bedingt, wenn die eigentliche Dramatik in den Daten steckt, mit denen diese Algorithmen gefüttert werden. Eine mögliche Lösung sieht er dann, wenn Deep-Learning-Systeme „on a chip“ denkbar werden, also nicht mehr auf große Rechenleistungen angewiesen sind. In diesem Szenario „behält der Nutzer des Endgeräts die Kontrolle über seine Daten und die lokal generierte Schlussfolgerung [der KI]“. Nicht mehr Big Data in der Cloud, sondern abstrahierte Modelle würden dann zentral gespeichert, „das permanente Sammeln neuer Daten könnte auf diese Weise unterbunden werden.“ Spitz räumt ein, dass auch dann noch die Kontrolle über die Trainingsmodelle zentralisiert bliebe – trotzdem sieht er darin, im Elektronengehirn für die Hosentasche, ein mögliches Leitbild für eine „dritte Phase“ der Datenverarbeitung.

Öl hatte einen massiven Einfluss auf die Entwicklung der „Kohlenwasserstoff-Gesellschaft“ (Yergin). Wie sieht es mit Daten aus? Spitz referiert die gesellschaftlichen Diskurse – autonomes Fahren, Sensorik, möglicher Wegfall von Arbeitsplätzen auch im Dienstleistungs- und Managementbereich, Grundeinkommensdebatte – warnt aber auch davor, „den Fehler [zu] begehen, die Digitalisierung zum Maß aller Dinge zu machen.“ Auch der Klimawandel oder weltweite Migration werden daran mitwirken, das 21. Jahrhundert zu formen.

Die soziale Frage der digitalen Zeit

Öl wie Daten haben zu ungleichen Einkommensverhältnissen geführt – egal, ob nach Saudi Arabien oder auf die Mieten im Silicon Valley geblickt wird. Entsprechend ist der soziale Ausgleich, der gesellschaftliche Zusammenhalt eine drängende Frage. Er weist darauf hin, dass auch der Staatshaushalt von der Öl- bzw. Energiebesteuerung profitiert, damit aber auch davon abhängig ist. Eine ähnliche Besteuerung von Daten gibt es bisher nicht – diese ist für ihn bei aller Komplexität aber notwendig, um eine finanzielle Grundlage für einen weiterhin handlungsfähigen Staat und für die mit den kommenden Umbrüchen verbundenen gesellschaftlichen Kosten zu erhalten.

Wenn wir es nicht schaffen, den Reichtum, der sich aus der Datenverarbeitung und Digitalisierung ergibt, sozial gerecht zu verteilen und gleichzeitig einen handlungsfähigen Staat durch angemessene Finanzierung zu erhalten, werden gesellschaftliche Konlikte zunehmen.

Eine interessante Unterscheidung bezüglich der gesellschaftlichen Gestaltung des digitalen Wandels trifft Spitz mit der zwischen „Fortschritt“ – Motiv der Ölzeitalters – und „Innovation“ – Motiv des Digitalzeitalters. Eine Fortschrittslogik des Digitalen, die allgemeine Zugänglichkeit der neuen Technologien und Verbesserungen – auch im Sinne von neuen Freiheitsräumen – für alle suggeriert, fehlt dagegen bisher. Spitz schließt hieran einen Dialog über Zwang und Freiheit an, und plädiert für Gelassenheit. Nicht jede Innovation muss mitgemacht werden, es bleibt eine individuelle Entscheidung, wie viel soziale Medien genutzt werden, und wie vernetzt eine Wohnung oder ein Haus sein soll. Digitalisierung kann gestaltet werden. Spitz warnt allerdings:

Bei der Digitalisierung werden bislang die gleichen Fehler wie vor sechzig oder achtzig Jahren beim Auto gemacht. Die Planung richtet sich vor allem nach den technischen Möglichkeiten und zu wenig nach den Bedürfnissen der Menschen.

Statt der autogerechten Stadt des Ölzeitalters können Daten „die menschengerechte Stadt“ bringen – vernetzt und offen zugleich. Aber auch das wäre eine Gestaltungsaufgabe. Öl ist eng mit Kriegen und Konflikten verflochten. Ölförderanlagen, Pipelines und Häfen sind groß, schmutzig und gefährdet. Das digitale Gegenstück sind die Rechenzentren und Seekabel. Eindrucksvoll beschreibt Spitz seinen Besuch der „Seekabelendstelle“ in Norden. Hier läuft ein 3,2 TBit-Kabel ein, das den Atlantik durchquert. Die Endstelle erinnert ihn, ganz im Gegensatz zur gern imaginierten IT-Glitzerwelt, eher an den „Computerraum meiner alten Realschule“, mit Hard- und Software aus den 1990er Jahren. Eine zentrale Frage ist in beiden Fällen – Öl wie Daten – die der Kontrolle über die Infrastruktur. Lag diese lange beim Staat und bei staatlich dominierten Konzernen, sind es nun die großen IT-Akteure, die eigene Leitungen und Kabelnetzwerke aufbauen – und geopolitisch spielen China und chinesische Unternehmen eine zunehmend wichtigere Rolle. Im Ölzeitalter hinderten fehlende Menschenrechte die USA und die amerikanischen Unternehmen nicht, ein Bündnis mit Saudi-Arabien einzugehen. Spitz stellt hier die Frage nach der zukünftigen Rolle Chinas, auch in Afrika – und nach einer möglicherweise in Zukunft vorherrschenden chinesischen Version des Internets.

Beim Öl haben wir erlebt, wie multinationale Ölkonzerne wie Staaten aufgetreten sind und zum Teil massiv in die Selbstbestimmungsrechte von Nationen eingegriffen haben (zur Not auch mit Privatarmeen). Bei Daten erleben wir derzeit etwas Ähnliches: Die Datenunternehmen weltweit erhalten immer größeren Einluss auf die Selbstbestimmungsrechte der Menschen, ohne dass sie einer demokratischen Kontrolle unterworfen wären.

Neben Fragen individueller Rechte stellt sich hier auch die sicherheitspolitische Frage. Im Ölzeitalter entstand der internationale Terrorismus. Im Datenzeitalter erleben wir globale Angriffe auf die IT-Infrastruktur, etwa durch Erpressungsprogramme. Spitz ruft hier zu einem neuen Sicherheitsdenken auf. Gefragt sind dabei sowohl die Unternehmen als auch die Staaten. „Digitale Sicherheit“ muss zu einem zentralen Ziel der Sicherheitspolitik werden, Spitz fordert eine multinationale digitale Sicherheits- und Friedensordnung ein. Demokratie und Öl – oder eher: Lobbyismus, Korruption und politischer Konzeneinfluss und die Ölwirtschaft – das ist das eine Bild, das Spitz zum Thema Demokratie zeichnet. Wie ist es auf der anderen Seite um die „Macht der Daten“ bestellt? Mit Rekurs auf Lessigs „Code is Law“ beschreibt Spitz die Macht, die Software ausüben kann, wenn Verhältnisse in Programmarchitekturen gegossen werden. Aber auch als ganz klassische finanzstarke Großunternehmen tauchen Google und Microsoft, Apple und Facebook im politischen Raum auf. Auf einer ganz anderen Ebene steht die inhaltliche Macht, die insbesondere Facebook in Wahlkämpfen ausüben kann. Politische Werbung kann hier in Dunkelheit tauchen – mit, wie Spitz schreibt, potenziell deutlich größerer Wirkung als bei der Aufmerksamkeitserregung durch „Fake News“:

Man mag sich gar nicht vorstellen, was geschehen würde, wenn ein Unternehmen wie Facebook seine Möglichkeiten gezielter nutzen würde, um im Eigeninteresse den öffentlichen Diskurs zu beeinlussen, bei Fragen des Datenschutzes etwa, oder auch bei allgemeinen Themen wie der Handelspolitik oder auch zur Werbung für einzelne Kandidaten, wie es manchmal Zeitungsredaktionen mit ihren bevorzugten Kandidaten tun.

In der Welt der Daten geht es also um die Frage, wie neutral Plattformen sind – und wie eine quasi-redaktionelle Tätigkeit wirkungsvoll rechtlich reguliert werden kann. Konkrete Lösungen dazu bietet Spitz nicht an, aber mit einer gewissen Dringlichkeit ruft er dazu auf, Formen zu finden, den deutlich über die Ölwirtschaft hinausgehenden Einfluss der Datenkonzerne transparent zu machen und zu begrenzen. Er setzt sich für neue Strukturen der Aufsicht ein und diskutiert die Frage, ob neue Grundrechte nötig sein werden. Dabei geht es ihm nicht um das platte Szenario der manipulativen Beeinflussung. Vielmehr setzt Spitz darauf, dass wir uns in einer Übergangsphase befinden, in der die Kulturtechniken der digitalen Medienkompetenz erst noch erlernt werden müssen. Vielleicht ist es – analog zum Zusammenhang von Ölkrise und Umweltbewusstsein – ja sogar so, dass der permanente Aufenthalt in Datenökosystemen digitale Mündigkeit zur allgemeinen Forderung werden lässt. Zudem setzt er eine gewisse Hoffnung in datenbasierte Politiken, die stärker als heute dazu führen, dass empirische Fakten politisch zur Kenntnis genommen werden – auch mit Blick auf die „Datenschätze“ der Unternehmen, die der öffentlichen Hand zur Verfügung gestellt werden müssen

Spitz kommt schließlich zu der These, dass erst digitale Mündigkeit eine „gute Regulierung“ ermöglichen wird. Solange Politikerinnen und Politiker sich durch technische Ignoranz auszeichnen, und damit die Folgen von Regulierungsversuchen falsch einschätzen, beobachtet Spitz das Phänomen der „schlechten Regulierung“, die gut gemeint ist, aber kontraproduktiv wirkt. Damit sei dann auch, so der Bogen zum letzten Kapitel, eine Art digitaler Nachhaltigkeit möglich. Der Untertitel des Buchs leitet hier etwas in die Irre. Mit dem Stichwort der Nachhaltigkeit geht es Spitz hier nicht in erster Linie um die ökologischen und sozialen Folgen. Vielmehr fasst er den Begriff abstrakter und greift zur strukturalistischen Methode: Wenn das Leitbild nachhaltiger Entwicklung die aus dem Regulierungsbedarf von Öl und Kohle entstandene Lösung ist, was wäre dann das Äquivalent für den digitalen Regulierungsbedarf? Mit Blick auf die Geschichte des Umweltrechts weist Spitz hier auf die Trias aus Regulierung, Innovation und Stärkung der Eigeninitiative der Verbraucherinnen und Verbraucher hin.

Mit Regulierung und Eigeninitiative zu digitaler Nachhaltigkeit

Gerade der oft regulierungsunwilligen digitalen Welt ruft er entgegen, dass „gute Regulierung“ entscheidend für die Gestaltung des digitalen Wandels ist. Politik muss – technologieoffen – klare Ziele vorgeben. Datenschutz und IT-Sicherheit könnten nach dem Top-Runner-Ansatz energieeffizienter Haushaltsgeräte eingefordert werden – und so zugleich Innovationspfade legen. Umweltpolitik ist für Spitz aber auch das aktive und bewusste Entscheiden der Verbraucherinnen und Verbraucher mit den dazugehörigen Bildungsstandards, Labeln und Diskursen.

Selbst die beste Regulierung und selbst der stärkste Innovationsanreiz nützt am Ende nichts, wenn das Produkt, um das es geht, nicht von den Menschen angenommen wird.

Spitz beklagt hier, dass Menschen bei Datenschutz und Digitalisierung – etwa bei der Frage der Verschlüsselung – bisher überwiegend nicht in diese aktive Rolle gehen. Hier möchte er ähnliche Fortschritte erzielen, wie sie die gesellschaftliche Umweltbildung seit den 1970er und 1980er Jahren erreicht hat, in dem beispielsweise Müllreduzierung zum Alltagsbestandteil geworden ist. Digitale Nachhaltigkeit ist für ihn dementsprechend ein Umgang mit Daten, der die Möglichkeiten künftiger Generatione erhält, ihre Bedürfnisse zu befriedigen und ihren Lebensstil zu wählen. Spitz zitiert hier noch einmal Lessig, der weniger optimistisch ist, dass sich Datenverschmutzung zur Umweltverschmutzung der 2020er Jahre entwickeln kann – auch deswegen, weil die Sichtbarkeit des Problems zunächst deutlich geringer ausfällt. Trotzdem spricht sich Spitz dafür aus, die gesellschaftliche Debatte über Regulation, Innovation und Eigeninitiative für digitale Nachhaltigkeit jetzt zu starten, bevor wir in ener komplett durchdateten Welt leben. Dafür, auch für die gemeinsame Zieldefinition, sind neue Institutionen nötig – und auch aus den Sackgassen der Umweltbewegung kann gelernt werden.

Denkanstoß für heute

Der Metapher von den Daten als dem Öl des 21. Jahrhunderts auf fast 240 Seiten nachzugehen, mag zunächst etwas schräg erscheinen. Letztlich aber zeigt sich, dass dieses Motiv dazu beitragen kann, Digitalpolitik neu zu denken. Nein, Daten sollen nicht das Öl des 21. Jahrhunderts werden. Aber wenn die digitale Wirtschaft heute schon und in Zukunft wohl noch stärker Macht ausüben wird, zur geopolitischen wie sozialen Sicherheitsfrage wird, und mit ihren Infrastrukturen zu einem guten Teil die Welt bestimmen mag, dann ist es richtig, sich anzuschauen, was aus der Geschichte des Ölzeitalters und der ökologischen Regulierung gelernt werden kann. Spitz nähert sich dieser Frage nicht in akribischer Theoriearbeit (das wäre auch spannend gewesen, aber ein anderes Buch geworden), sondern im Sinne des essayistischen Versuchs. Dabei heraus gekommen ist ein Denkanstoß, der in der Forderung mündet, eine kluge und gute Regulierung der datenbasierten Wirtschaft zu finden. Dabei ist Spitz nie pessimistisch, sondern geht von einem robusten und entwicklungsfähigen Menschenbild aus – Menschen erlernen neue Kulturtechniken, Menschen erfinden und entwickeln im Zusammenspiel von Regulierung und Innovation dann möglicherweise auch so etwas wie ein Datensparsamkeitsbewusstsein.

Die digitale Nachhaltigkeit im Titel des Buchs mag zunächst einmal enttäuschen, weil es nur ganz am Rande um den sozial-ökologischen Fußabdruck von Rechenzentren und Bitcoin-Minen geht. In der Parallelisierung von Öl- und Datenzeitalter ist es aber folgerichtig, die Leitsätze nachhaltiger Entwicklung auf unseren Umgang mit Daten und Information auszuweiten. Und Spitz hat recht: jetzt ist der Zeitpunkt, um hier Weichen zu stellen.

Weniger optimistisch als er bin ich bei seiner Erzählung der ökologischen Nachhaltigkeit und insbesondere des Umwelthandelns als einer Erfolgsgeschichte. Bequemlichkeit, eingefahrene Praktiken und unsichtbare Handlungsfolgen spielen auch hier, im ökologischen Feld, eine weit größere Rolle als die, die Spitz ihnen einräumt. Entsprechend werden auch fast ein halbes Jahrhundert nach der Erfindung des „Umweltbewusstseins“ große Lücken zwischen Denken und Handeln diagnostiziert, und entsprechend wird immer wieder darüber diskutiert, wie weit die Macht der Einzelnen tatsächlich reicht, und wie viel wichtiger letztlich politische Vorgaben und technologisch eingeboxte Effizienzgewinne sind. Dennoch: digitale Nachhaltigkeit sensu Spitz kann tatsächlich so etwas wie ein Leitstern sein, um die jetzt anstehende Debatte darüber zu führen, wie Datensparsamkeit, IT-Sicherheit und gerne auch ökologische Effizienz in digitale Produkte, Dienstleistungen und Infrastrukturen eingebracht werden kann, ohne die Dynamik des digitalen Wandels einfach nur in andere Weltregionen auszulagern.

Malte Spitz: Daten – das Öl des 21. Jahrhunderts? Nachhaltigkeit im digitalen Zeitalter. Hamburg: Hoffmann und Campe, 2017.


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