„The Making of a Waschlappen“

| 01.10.2017 | 9 Kommentare

Die „Schulz-Story“ des SPIEGEL: Dass das Projekt „Embedded mit Martin“ mehr Schaden als Nutzen versprechen würde, war abzusehen.

„Super Sache, Martin!“, „Das machen wir!“, „Wie bei Kennedy!“ Solche Sätze könnten gefallen sein, als Martin Schulz und seine Berater sich irgendwann Anfang des Jahres (in der Euphorie über Umfragewerten oberhalb von 30 Prozent?) entschieden, den SPIEGEL die SPD-Kampagne von Innen beobachten zu lassen. Wir wissen es nicht genau, Markus Feldenkirchens Erzählung setzt erst kurz danach ein – und thematisiert die Zusammenarbeit zwischen Reporter und Partei nicht. 150 Tage Wahlkampf in Nahaufnahme, einzige Bedingung: Der Text dürfe erst nach der Wahl erscheinen. Wahrscheinlich haben sie sich das wirklich so vorgestellt wie bei „The Making of the President“, jenem legendären Wahlkampfbuch für das Theodore H. White 1962 den Pulitzer-Preis erhielt. Mit Charme, Hartnäckigkeit und der Fähigkeit, seine Beobachtungsobjekte in entscheidenden Situationen vergessen zu machen, dass er sich überhaupt im Raum befand, war es dem US-Journalist und Historiker im Präsidentschaftswahlkampf 1960 gelungen, beispiellosen Zugang zu den Kampagnen von John F. Kennedy und Richard Nixon zu erlangen. Das Ergebnis seiner mikroskopischen Recherchen veränderte den Journalismus – und den Blick der Amerikaner auf ihre Demokratie

Nun ist Martin Schulz, für diese Erkenntnis hätte es die „Schulz-Story“ nicht gebraucht, kein Kennedy. Und Feldenkirchen, dafür muss man nur ab und an den SPIEGEL lesen, kein Theodore White. Letzterer identifizierte sich in für heutige Verhältnisse irritierendem Maße mit dem jungen US-Senator; so stark, dass er einen Kennedy-Knopf am Revers trug, sowohl „Jack“ als auch seinem Bruder „Bobby“ das Manuskript zum Lesen (und korrigieren) gab und damit noch zu Kennedys Lebzeiten an dessen Mythos mitarbeitete.

Bei Feldenkirchen ist das anders. Bei seinen Geschichten sieht am Ende in der Regel vor allem einer gut aus: Feldenkirchen selbst. Das schmälert den Erkenntnisgewinn, mit dem man seine präzisen Schilderungen des Innenlebens der Berliner Politik liest, in den meisten Fällen nicht, im Gegenteil. Doch aus Politikersicht hätte man wissen können, was einen hier erwartet, auch im Willy-Brandt-Haus (schließlich schreibt der Mann ja nicht erst seit gestern). Warum niemand auf die Idee gekommen ist, dass das Projekt „Embedded mit Martin“ vielleicht doch mehr Schaden (Häme) als Nutzen (Befriedigung der Eitelkeit aller Beteiligten) verspricht, wird eines der großen Mysterien dieses Wahlkampfes bleiben – und ist eigentlich der stärkste Beleg für die in der Reportage ausführlich beschriebenen strategischen und handwerklichen Defizite der SPD. Zumindest hätte man sich, das gilt auch für das häufig unvorteilhaft zitierte Schulz-Umfeld, Gedanken machen können, was man in Gegenwart des Journalisten sagt. Es gibt ja, unabhängig von dessen Ausgang, auch ein Leben nach dem Wahlkampf.

Das hat offenkundig alles nicht stattgefunden. Herausgekommen ist jedenfalls statt „The Making of the President“ eher „The Making of a Waschlappen“. Feldenkirchen zeichnet das Bild eines zwar sympathischen, aber (nach einer Phase der Selbstbesoffenheit zu Beginn seiner Kandidatur) bald von Unsicherheit und Selbstmitleid geprägten Mannes. Damit kommt Schulz von allen Beteiligten fast noch am besten weg – er wird vom Autoren beinahe zärtlich in die Pfanne gehauen. Im Falle des WBH und der vielen Mitarbeiter (Schulz-Spott: „Aufsichtsräte“), die sich ungeachtet der zahlreichen Pleiten, Pech und Pannen monatelang für ihren Kandidaten aufgerieben haben, geht es weniger glimpflich zu. Hier übernimmt Schulz, eine Woche nach der Wahl, die Demontage gleich selbst, Feldenkirchen muss ihn nur zitieren. Für Feldenkirchen ist die Geschichte ein Coup, für den es dann nächstes Jahr Journalistenpreise geben dürfte. Für Martin Schulz und die SPD ist sie der irritierend traurige Schlussakkord einer irritierend traurigen Kampagne. Ob sie eine gute Voraussetzung für den „Neuanfang“ der Partei ist, den Schulz selbst voranbringen will, darf bezweifelt werden.

 

 

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