Das Rudel

| 28.09.2017 | 3 Kommentare

Natürlich will es jetzt keiner gewesen sein. Beim aktuell beliebten „Wer hat Schuld an der AfD“ weisen sich Politik und Medien gegenseitig die Verantwortung zu. Dabei würde es sich auf beiden Seiten lohnen, darüber nachzudenken, was die AfD gestärkt hat. Ein Erklärungsversuch.

Journalisten sollten eigentlich Meister der Metapher sein. Schon in der Medientheorie gibt es deshalb starke Sprachbilder. Eines war lange Zeit das der gatekeeper. Journalisten sollten entscheiden, welche Ereignisse so wichtig sind, dass sie es in die Nachrichtensendungen und Zeitungsspalten schaffen. Das Bild ist im Journalismus außer Mode gekommen. Anmaßend, ja bevormundend finden viele Kollegen es, Leser, Zuschauer und Hörer nicht selbst entscheiden zu lassen, was sie wichtig finden.

Während früher die Nachrichtenfläche begrenzt war, ist im Online-Zeitalter unendlich viel Platz für Nachrichten. Das führt dazu, dass viele Journalisten fast alles für eine Nachricht halten. Auf ihre Nachrichtenweide darf nun jeder, wie trivial und untypisch auch immer. Denn: Sonst könnte jemand den Vorwurf einer Lückenpresse hervorkramen. Also lieber eine kurze Meldung, dass Christian Wulf ein Bobbycar geschenkt bekommen hat. Ein griechischer Politiker aus der dritten Reihe hat einen dummen Nazi-Vergleich gebracht? Sicher ist sicher, machen wir daraus eine Nachricht. Ein Asylsuchender hat einen anderen mit einem Messer angegriffen? Oh, das ist wichtig.

Das Fatale ist, dass auch die Non-Online-Medien dadurch beeinflusst werden. Weil irgendeine Redaktion irgendwo in der Republik über etwas berichten wird, berichten viele anderen lieber auch. Das führt zu einem Fokus auf wenige starke Themen; oft nur noch auf ein Thema, das dann aber gleich monatelang rauf und runter berichtet wird. Ein scheinbares Paradox: Es könnten so viele Themen wie noch nie berichtet werden; stattdessen wird ein Thema bis ins letzte Detail ausgebreitet. Die Angst, einen Aspekt des Leitthemas zu verpassen, treibt uns Journalisten wie von unsichtbarer Hand gelenkt zurück zum immer Gleichen:

Wulff, Griechenland, Flüchtlinge, Trump, Terror, jetzt wieder Flüchtlinge.

Ein Thema überragt stets. So sehr, dass es mit anderen Themen vermengt wird. Als neulich die Franzosen einen neuen Präsidenten gewählt haben, schlug eine Kollegin vom Jugendradio vor, man könne doch mal berichten, wie die Sicherheitssituation in den Wahllokalen sei. Denn Frankreich leide doch unter Terror. Das stimmt. Und ist doch gefährlich. Wenn die Hörer eines Jugendradios nämlich nicht berichtet bekommen, wer auf der anderen Seite des Rheins regieren könnte, sondern dass es dort unsicher ist, macht das Angst. Andere macht es wütend. Gute Bedingungen für die Angst- und Wutpartei AfD.

Wie weit die selbstauferlegte Themenverengung fortgeschritten ist, konnte man beim TV-Duell von Kanzlerin Merkel und Kandidat Schulz sehen. Offenbar waren den vier Journalisten von vier Sendern die wenigen Millionen Migranten, die nach Europa kamen, weit wichtiger als die 65 Millionen Briten, die die Union verlassen. Don’t mention the Brexit. Oder Sozialpolitik? Ist keine Zeit für lange Antworten. Ach überhaupt, warum nicht eine schnelle Runde Ja- oder Neinfragen? Aus einem einfachen Grund: Politik ist komplizierter. Und die Menschen sind interessierter als journalistische Monothematiker es offenbar glauben. Das sieht man an den Formaten, bei denen Politiker von Wählern direkt befragt werden. Das heißt dann im ZDF Klartext oder in der ARD Wahlarena. Diese Sendungen zeigen, dass die Wähler viel vielfältiger fragen als die Journalisten, die sie doch in klassischen Interviews vertreten sollen.

Wie das aussieht, hat zum Beispiel die ARD-Wahlarena mit Kanzlerin Merkel gezeigt. Die Sendung lief fast eine Stunde, ehe die erste Frage zu Migration und Asyl kam (mit einer 20 sekündigen Ausnahme zum Beginn der Sendung). Aber obwohl der Fragesteller aus Apolda offensichtlich kein großer Freund der „Asylanten“ war, blieb er nach Merkels Antwort nicht beim Thema, sondern wollte wissen, wie die Kanzlerin Bildung besser finanzieren wolle. Wenn nicht der Mann aus Apolda nachgefragt hätte, sondern ein Journalist, die Fragen zu Asyl und Migration wären wohl lange weitergegangen – mit dem Standardfokus auf Bedrohung, Fremdheit, Sicherheit, Angst.

Der Trend zum Megamonothema verhindert nicht, dass die Medien als parteiisch wahrgenommen werden. Weil es die ganze Zeit um Flüchtlinge geht und dann korrekterweise auch die oft unappetitlichen entsprechenden AfD-Äußerungen berichtet werden, gibt es die Medienneigung, sich von der AfD dann auch gleich zu distanzieren. Wir bringen uns mit dem Überfokus selbst in die Bredouille, wir inszenieren ein Klima der Angst, das dann Wirklichkeit wird. Und die Ängstlichen wählen eine Angstpartei, die Wütenden eine Wutpartei. Wundern muss man sich eher darüber, dass fast 90 Prozent anders entschieden haben. Das sind die Leute, die aus den Wahlarenen ein Wahlkampfhighlight gemacht haben. Das sind die Leute, die wir Nachrichtenjournalisten nicht zu oft vergessen sollten.

Was also tun? Weniger und mehr. Weniger auf einem Thema rumreiten, mehr andere Nachrichten beachten. Natürlich sind manche Themen wichtiger als andere. Für sie gilt: Wichtiges umfassend darstellen, nicht nur einer Erzählung trauen. Weniger und mehr. Auch für die großen Themen sollte gelten: Nicht alles berichten, und wenn dann aus mehreren Perspektiven! Robert Habeck hat in einer Talkshow kurz nach der Wahl vorgeschlagen, Journalisten könnten doch mal Alexander Gauland fragen, was er als Syrer machen würde. Robert Habeck ist Politiker, sein Ratschlag wäre feiner Journalismus.

 

 


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