Wenn Deine Fachschaft Dich verhört statt Partys zu organisieren

Im Gespräch erzählt ein junger Syrer von seinem Leben in einem Überwachungsstaat, der selbst die DDR alt aussehen ließ.

Im Frühjahr 2012 sieht Majd in einem Video bei Facebook, wie der tote Körper einer seiner Freunde auf einer Straße der syrischen Stadt Duma[1] liegt. Sicherheitskräfte hatten Granaten auf eine Demonstration gefeuert. Heute, fünf Jahre später, sitzt der 22-jährige mit mir auf dem Balkon seiner Wohngemeinschaft in Münster und ist sichtlich über meine offenbar ziemlich deutsche Aussprache arabischer Begriffe amüsiert. Ich habe Majd über Freunde kennen gelernt und bin beeindruckt von seinem fließenden Deutsch. Bereits in Damaskus hatte er über drei Monate einen Sprachkurs besucht, nun setzt er in Münster sein Architekturstudium fort.

In den letzten Jahren habe ich mit vielen Menschen aus Syrien gesprochen. Besonders spannend waren dabei stets die Erzählungen über die Zeit von vor 2011. Der Zeit, bevor Massendemonstrationen im ganzen Land eskalierten und Syrien in den Krieg abdriftete. Einblicke in das alltägliche Leben während der Herrschaft der Assads und ihrer allmächtigen Baath-Partei[2] machen nicht nur ein Land greifbar, welches wir in Deutschland hauptsächlich als Bühne eines internationalisierten Bürgerkrieges kennen, sondern vermitteln eine Ahnung davon, aus welchem Grund vor sechs Jahren dermaßen viele Syrerinnen und Syrer die Nase voll von ihrer Regierung hatten.

Ob er politisch gewesen sei, frage ich Majd. Er lacht. „Ich war immer gegen Assad. Obwohl ich Alawit[3] bin. Einfach aus dem Grund, dass wir in einer Diktatur gelebt haben“, sagt er. Eine politische Überzeugung zu haben und diese dann auch zu äußern, das waren in Syrien jedoch ganz verschiedene Dinge. „Meine Eltern haben mir schon als Kind gesagt, ich müsse aufpassen, was ich sage. Von Politik solle ich mich besser fern halten. Als ich fünf Jahre alt war, fuhr ich mit meinem Vater im Bus und sah eine Statue von Hafiz al-Assad[4]. Ich fragte ihn, wer der Mann sei. Mein Vater wollte ungern darüber sprechen und erklärte knapp, er sei der Präsident. ‚Darfst Du auch ein Präsident sein?’, fragte ich meinen Vater. Da wollte er schnell aussteigen. In Syrien redet man nicht über Politik. Selbst dann nicht, wenn man positiv von den Assads spricht“.

„Hast Du den Rat Deiner Eltern befolgt und bist den Demonstrationen 2011 dann fern geblieben?“, möchte ich wissen. Einmal habe er an einer Demonstration teilgenommen, erzählt Majd. „Aber Demonstrationen wurden immer mit Waffengewalt beendet, es war zu gefährlich“. Auch in der Universität sei bekannt gewesen, dass er kein Freund des Regimes gewesen sei. So geriet er dann auch in Schwierigkeiten.

„In der Uni durfte man nichts sagen. Überall gab es Informanten, die den Geheimdiensten oft auch Lügen erzählt haben, wenn sie jemanden nicht mochten. Als ich im 2. Semester war, wurde unsere Mensa von einer Granate getroffen und einige Studenten starben. Einige Zeit später wurde ich dann von der Fachschaft vorgeladen. Alles wurde in Syrien von der Baath-Partei kontrolliert, auch die Fachschaft. Sie verhörten mich mehrere Stunden und brachten mich in Räume, von deren Existenz ich nicht einmal wusste. Angeblich hatte ich mich bei Facebook über den Angriff auf die Mensa lustig gemacht. Sie wollten die Zugangsdaten für meinen Account haben und die gab ich ihnen auch. Ich hatte große Angst davor, in den Gefängnissen der Geheimdienste zu verschwinden. Einem Freund meines Vaters war das zuvor passiert: Drei Monate wurde er in einem Kellerraum in Steh-Haft gefangen gehalten. Steh-Haft heißt, dass so viele Menschen mit in dem Raum eingesperrt sind, dass man sich nicht hinlegen und schlafen kann. Es gibt keine Toilette, dafür aber Prügel. Er sah danach katastrophal aus. Aber die Leute von der Fachschaft fanden auf meinem Facebook-Account nichts. Ich hatte ja auch nichts getan. Also sagten sie mir, ich dürfe mich niemals mit Politik beschäftigen und ließen mich gehen“.

Dass selbst die Fachschaft vom Regime kontrolliert wurde, finde ich bemerkenswert. In Deutschland verbinden die meisten Studierenden Fachschaften wohl eher mit Partys und fragwürdigen O-Wochen. Doch in Syrien ticken die Uhren anders. Die Baath-Partei kontrollierte sämtliche Institutionen. Von Opernhäusern bis hin zu Schulen.

„In der Schule mussten wir jeden Morgen Assad salutieren“, erzählt Amir. „Niemand hat das gerne getan. Aber es war Pflicht. Wir hatten auch ein Fach mit dem Namen ‚Nationalität‘. Da lernten wir alles über die Großartigkeit von Assad und der Baath-Partei“.

Sogar bis in die Moscheen reichte der lange Arm des Regimes. Mit Hafiz al-Assads Segen erhielt Großmufti Ahmed Muhammad Amin Kuftaro in den 1970er Jahren gar einen Sitz im syrischen Parlament. Er erklärte die Wiederwahl Assads 1991 zur religiösen Pflicht und rief zum Dschihad gegen die US-amerikanische Invasion des Iraks im Jahr 2003 auf.

Majd war nur selten in einer Moschee, aber seine Freunde erzählten ihm vieles. „Das Regime kontrolliert die Sheikhs in den Moscheen und benutzt sie, um die Bevölkerung zu beeinflussen. Das, was in den Moscheen gepredigt wird, ist nahezu Deckungsgleich mit den Inhalten im Staatsfernsehen“.

Ein junger Syrer hat mir einmal erzählt, er habe genau gewusst, dass der Verkäufer am Kaffeestand in seiner Straße ein Informant gewesen sei. Während man in der Schlange stand, hätte man also genau aufpassen müssen, was man sagt.

Ich frage Majd ob er solche Situationen auch kennt. „Oh ja. Kioskbesitzer und Taxifahrer sind oft Informanten. In Syrien ist es üblich, sich im Taxi mit dem Fahrer zu unterhalten. Als der Krieg begann, haben die Taxifahrer dann immer offensiver gefragt, was man über den Krieg denken würde. Die Berichte gingen dann direkt weiter an die unzähligen Geheimdienstbüros in der Stadt. Ich habe im Norden von Damaskus gelebt. Da hat man es einmal ganz deutlich gesehen: Am Tag nachdem es das erste Mal zu Protesten gekommen war, stand plötzlich ein neuer Mais-Verkäufer auf der Straße den zuvor noch nie jemand gesehen hatte. Manchmal waren die Geheimdienste echt auffällig“.

Trotz des Krieges — oder vielleicht gerade wegen des Krieges — hat das syrische Regime Wahlen veranstaltet. Bei den Präsidentschaftswahlen von 2014 gewann Assad knapp 89% der Stimmen. Sogar im Libanon standen hunderte Syrerinnen und Syrer Schlange vor der syrischen Botschaft, um ihre Stimme für Assad abzugeben.

„Ich habe bei dieser Wahl auch meine Stimme für Assad abgegeben“, meint Majd. „Als Student habe ich meinen Stimmzettel bei der Fachschaft abgegeben und allen war klar, dass die Zettel geöffnet und kontrolliert werden. Bei meinem Vater und meiner Mutter stand sogar bei der Stimmabgabe jemand vom Regime daneben und hat auf den Namen von Assad gezeigt. Interessanterweise hatten wir 2014 sogar die Wahl zwischen drei Kandidaten. Zuvor gab es nur Assad — ‚Ja‘ oder ‚Nein‘. Jemand anderes als Assad zu wählen hätte aber ohnehin nichts gebracht. Es ist von vornherein klar, wer die Wahl gewinnt. Von den Leuten im Libanon habe ich auch gehört, dass sie mit ihrer Stimmabgabe für Assad gleichzeitig registriert wurden. Wer das nicht getan hat, bekam später Probleme mit den Behörden“.

Während Majd von den inszenierten Wahlen erzählt, lacht er viel. Das taten auch andere Menschen aus Syrien, mit denen ich gesprochen habe. Wahlen waren und sind anscheinend derartig offensichtlich eine Farce, dass viele Syrerinnen und Syrer ihnen mit Humor begegnen. Nach mehr als 30 Jahren Herrschaft der Assads hatte sich die Bevölkerung auf eine bittere Weise an vieles gewöhnt.

Warum die Revolution gescheitert ist, möchte ich natürlich noch wissen.

„Assad hat sein Ziel erreicht: Die Bevölkerung kämpft gegeneinander. Und mit dem Iran, Russland und der Hezbollah auf seiner Seite hat das Regime die militärischen Mittel, um an der Macht zu bleiben. Ich glaube nicht, dass Syrien eine Zukunft mit Assad hat. Nicht nach all dem, was passiert ist. Aber die Freie Armee ist mittlerweile schwach und die Islamisten[5] sind auch schrecklich. Die vielen Millionen Demonstranten damals wollten nicht kämpfen. Nun regiert die Gewalt. Wer Schutz sucht, geht in die Gebiete des Regimes, denn dort wird man nicht bombardiert. Meine Freunde sind Alawiten, Sunniten, Christen. Für mich hat die religiöse Zugehörigkeit nie eine Rolle gespielt. Ich betrachte alle in erster Linie als Menschen. Aber so etwas zählt nicht mehr, seit in Syrien der Krieg tobt“.

 

 

[1] Duma ist eine Oppositionshochburg 10 km nordöstlich von Damaskus. Die Stadt wird seit Jahren von Regime-Truppen belagert.

[2] Die Baath-Partei ist eine panarabisch-sozialistische Partei und dominierte in Syrien bis 2012 als Einheitspartei unter Führung der Assads die politische Landschaft.

[3] Alawiten in Syrien sind eine konfessionelle Minderheit und dem schiitischen Spektrum des Islam zugehörig. Sie blicken auf eine lange Geschichte von Verfolgung zurück. Präsident Assad ist Alawit. Zentrale Positionen in der Verwaltung, dem Militär und der Polizei werden von Alawiten besetzt. Deshalb heißt es oft, die Alawiten würden Assad unterstützen. Auf viele Alawiten trifft das auch zu. Allerdings nicht auf alle, wie man am Beispiel Majds sieht.

[4] Hafiz al-Assad war der Vater des amtierenden Präsidenten Bashar und bis zu seinem Tod im Jahr 2000 Präsident Syriens.

[5] Ich habe mich mit Majd darüber unterhalten, was wir überhaupt unter dem Begriff „Islamisten“ verstehen. Gemeint sind hier Gruppen wie Jabhat al-Nusra, Ahrar al-Sham und Jaysh al-Islam, die Syrien auf Grundlage des Islams neu gestalten wollen. Was das im Einzelfall heißt, ist aber höchst unterschiedlich und nicht per se extremistisch oder radikal. Genauso wenig wie es „den Islam“ gibt, gibt es Übereinstimmung darüber, wie ein Staat auf Grundlage des Islams aussehen soll.

 

 

 

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