Ein fernes Echo

| 22.08.2017 | Ein Kommentar

Vor 90 Jahren wurden in Boston die Anarchisten Ferdinando „Nicola“ Sacco und Bartolomeo Vanzetti hingerichtet. Ein Fall, der damals weltweite Massendemonstrationen zur Folge hatte, heute aber nur noch den Älteren ein Begriff ist. Ohne aktuelle Bezüge ist er dennoch nicht.

Ferdinando „Nicola“ Sacco betrat am 23. August 1927 um null Uhr elf Minuten und 12 Sekunden die Hinrichtungskammer des Staates Massachusetts. Um null Uhr 19 Minuten und zwei Sekunden wurde er für tot erklärt.

Bartolomeo Vanzetti betrat die Hinrichtungskammer im Staatsgefängnis von Massachusetts, im Bostoner Stadtteil Charlestown eine Minute und 28 Sekunden nach der Erklärung, dass Nicola Saccos Leben zu Ende sei. Er wurde um null Uhr 26 Minuten und 55 Sekunden für tot erklärt. Beider Leben endeten auf dem elektrischen Stuhl. In Massachusetts wurde die Todesstrafe für staatliche Verfahren (nicht für Urteile von Bundesgerichten) erst 1984 durch Gerichtsbeschluss abgeschafft.

In jener Nacht 1927 war vor allen öffentlichen Gebäuden Bostons Polizei aufgezogen. Jegliche Demonstration anlässlich der Vollstreckungen war untersagt. Einer der Anwälte der beiden Verurteilten sprach gegen 23 Uhr ein letztes Mal mit dem Gouverneur des Staates, Alvan T. Fuller. Der Generalstaatsanwalt habe einen letzten Aufschub der Hinrichtungen abgelehnt, erklärte der Gouverneur.

„Und was sagen Sie, Governor Fuller“, fragte Anwalt Michael Musmano?

„Das ist auch meine Entscheidung.“

„Und bei dieser Entscheidung bleiben Sie für alle Zeiten?“

„Für alle Zeiten.“

Musmano war später Richter am Nürnberger Gerichtshof der Alliierten. Die Zeit schrieb über ihn: „Ein Löwenhaupt, aus dem zwei wunderbare Augen blitzen, ein Menschenführer und Menschenfreund.“ Er starb 1968.

Die beiden Hingerichteten waren einfache Männer, ungelernte Arbeiter, die das was sie an Überzeugung hatten, aus der Abneigung gegen einen rüden Kapitalismus schöpften, dem sie in den USA begegnet waren. Sie hassten Demütigung. Suchten Anerkennung und ein menschenwürdiges Leben.

Mit Blick auf das Ankunftsjahr der beiden in den USA schrieb Andy Irvine in seinem Song Facing the Chair:

„I came to this land in 1908
and I thought it the land of the free,
but I very soon saw the rich had one law
and another for people like me.“

Hingerichtet wurden die beiden, weil sie aus anarchistischen Motiven einen Doppelmord begangen haben sollten. Sie wurden 1920 in einem, durch falsche Zeugenaussagen, Unterdrückung von Beweismaterial und unzulässigen Druck geprägten Prozess verurteilt. Bis 1927 kämpften Unterstützer der beiden wie Musmano um deren Leben. Die offenkundige Unfairness des Verfahrens und die Verweigerung einer Korrektur des Urteils empörten Millionen Menschen. John dos Passos, Albert Einstein, Anatole France, Bernard Shaw, Katherine Anne Porter, Upton Sinclair und viele andere protestierten vergeblich.

Verachtung und Hass, Rassismus schlug den beiden Männern während des Prozesses entgegen, weil sie Italiener waren, weil sie mit ihrem italienischen Katholizismus im Gepäck den Boden der USA betreten hatten; weil sie sich als Anarchisten betrachteten. Es war der erste Fall dieser Art in unserer Geschichte, der von internationalen Protesten und durch Massenveranstaltungen begleitet wurde: In Genf und Paris, London und Berlin, Budapest und Madrid sowie in vielen, vielen anderen Städten. Ganz unterschiedliche Menschen standen in diesen Protesten zusammen: Landarbeiter, Frauen, die ihren Lebensunterhalt an der Schreibmaschine verdienten – und den der arbeitslosen Männer außerdem; Lehrer und Studenten. Es war eine Volksbewegung, vergleichbar heutigen Protesten gegen eine Zerstörung unserer Natur und für die Achtung der Menschenwürde. Die Proteste damals waren ihrer Zeit voraus.

Im Sommer 1977 – also nach einem halben Jahrhundert – setzte der damalige Gouverneur von Massachusetts, der Demokrat Michael Dukakis den Schlusspunkt unter den Fall Sacco und Vanzetti. Er begnadigte die beiden nicht posthum, sondern er rehabilitierte sie, stellte ihre Menschenwürde wieder her, weil sie Opfer eines unwürdigen und unfairen Verfahrens geworden waren. 1988 war Dukakis Kandidat der Demokratischen Partei für die Präsidentschaftswahl. Er verlor gegen George Bush.

Für manche der Älteren und Alten gehört „der Fall Sacco und Vanzetti“ zum kollektiven Gedächtnis, weil Eltern und Großeltern über das Schicksal der beiden redeten. Für meinen Großvater, der nach meiner Erinnerung kein landläufiger Linker war sondern konservativ katholisch, war der Sacco- und Vanzetti-Fall ein Schrecken. „Wie konnten die so etwas mit den beiden armen Kerlen machen, die waren unschuldig.“ Der Fall war für ihn wie viele andere in den zwanziger Jahren eine Art Chiffre: Dass der „amerikanische Traum“ eine Illusion sei; dass Auswanderer bitter enttäuscht würden; dass es am Ende richtig war, daheim in Deutschland zu bleiben und denen nicht zu folgen, die in die Vereinigten Staaten ausgewandert waren und später in ihren Briefen nach Hause ihr schönes neues Dasein lobten. Da brannte daheim in Deutschland bereits die Lunte, mit der später Europa in Brand gesteckt wurde.

Heute ist der Fall ein fernes Echo. Mit John F. Kennedy ist 1961 der erste Katholik US-Präsident geworden. Der Sohn griechischer Einwanderer Michael Dukakis scheiterte noch, wie erwähnt 1988. Zwanzig Jahre später hatten die USA ihren ersten schwarzen Präsidenten, Barack Obama. Mit dem amtierenden Präsidenten schlägt das Pendel in eine andere Richtung aus.

Wer sich in Wikipedia den Eintrag über Sacco und Vanzetti anschaut, stößt auf ein schwarz-weiß Foto aus dem Jahr 1923. Da sitzen die beiden Italiener eng nebeneinander, durch Handschellen aneinander gebunden. Sie sind in schweres, dunkles Tuch gekleidet. So zog man sich damals an, wenn ein offizieller Termin anstand oder ein feierliches Treffen der Familie. Wie zu Beispiel ein Begräbnis. Denkt man sich die Handschellen weg, hätte das eine Fotografie vom Begräbnis der Großmutter oder eines Onkels sein können – wären da nicht die Augen der beiden Männer: Illusionslos. Ohne Hoffnung. “… and another for people like me.“

Der Rassenhass folgte den Wellen der Einwanderer. Den Frauen und Männern aus Irland, die im 19. Jahrhundert zu Hunderttausenden vor dem Hunger und der Unterdrückung durch den britischen Staat von der Insel in die Vereinigten Staaten flohen, folgten Millionen Deutsche. 30 Tage mit dem Segelschiff auf dem Atlantik. Zusammengepresst wie Sardinen in der Büchse. Dann kamen die Juden, dann die Polen, dann die Italiener. Gegen all diese Massen, die zuerst irgendwo an der Ostküste landeten, um dort oder im Westen eine neue Heimat zu finden, richtete sich Hass; sowieso gegen die Schwarzen.

Der Katholizismus ist heute für den stramm rechten Teil der US-Gesellschaft nicht mehr erstrangige Bedrohung. Auch der Glaube der Juden nicht mehr. Anarchismus und Kommunismus haben sich verflüchtigt.

Heute richtet sich Rassenhass weiterhin gegen Schwarze, gegen Latinos, nach wie vor gegen Juden und gegen alles Arabische. Das eine hat sich verloren, dafür ist anderes hinzugekommen.

Neu ist, dass sich „weißer“ US-Überlegenheitsdünkel des Nazi-Designs und der Ideologie bedient, gegen die die Großväter in Europa gekämpft hatten. Neu ist wohl auch, dass „weiße“ Amerikaner ihren Chauvinismus immer unverfrorener in der Öffentlichkeit kultivieren: Neue Rechte, Fundamentalisten, die wissen wollen, dass der Gott der Christen die Welt vor sechstausend Jahren erschaffen hat, alte Rassisten, die sich jahrelang aus der Öffentlichkeit gehalten hatten und die nun wieder hervorgetreten sind. Es ist als ob die Lunte weiter gereicht worden wäre.

 

 

Like what you see? Hier CARTA bei Facebook liken.

Was Sie tun können, um CARTA zu unterstützen? Folgen, liken und teilen Sie uns auf Facebook und Twitter. Unterstützen sie uns regelmäßig über die Plattform steady oder spenden Sie an den CARTA e.V. Wenn Sie über neue Texte und Debatten auf CARTA informiert werden wollen, abonnieren Sie bitte unseren Newsletter.