Sold out and out of style

| 20.08.2017 | Ein Kommentar

Demut. Ein Wort, ein Gefühl, ja eine Einstellung, die jenseits sakraler Diskurse völlig aus der Mode gekommen zu sein scheint. Warum eigentlich?

Ich bin kein gläubiger Typ. Weder glaube ich an den lieben Gott noch an das Gute oder Böse der Menschheit. Auch glaube ich nicht an das uns bestimmende Schicksal oder die Rache des Universums. Zwar gibt es unter meinen Bekannten auch einige gläubige, gar religiöse Menschen, doch für die meisten meiner Freunde und Familienmitglieder spielt Glaube keine Rolle. Am ehesten glauben wir alle noch an Schicksal, wenn wir uns Hals über Kopf verlieben und hoffen auf einen gütigen Gott, wenn schwere Krankheiten unser Leben bestimmen. Das nennt man dann wohl Bigotterie.

Als getaufte Katholikin, die im Alter von 20 Jahren voller Überzeugung und aus tiefstem Herzen aus der Kirche ausgetreten ist, stehe ich persönlich Religionen ausgesprochen kritisch gegenüber. Doch tief in mir versteckt sich der rheinische Katholizismus und gräbt sich dieser Tage wieder an die Oberfläche. Wenn ich eine katholische Kirche betrete, was ab und an im Urlaub vorkommt, reagiere ich nahezu reflexhaft immer gleich. Zunächst kommt die Wut darüber, dass Kirchenoberste ihre Mitmenschen ausbeuteten, um diese gigantischen Bauwerke zu errichten. Die Leute hatten nichts zu fressen, doch das hinderte die Kirche nicht daran, vor Prunk strotzende Häuser aus dem Boden stampfen zu lassen. Auf die Wut folgt dann aber stets zuverlässig Demut. Demütig blicke ich mich um und staune, was Menschen mit bloßen Händen zu bauen im Stande waren. Die Schönheit und schiere Größe dieser Bauwerke zeigt mir, was Menschen (nicht Gott) zu tun im Stande sind.

Demut. Ein Wort, ein Gefühl, ja eine Einstellung, die jenseits sakraler Diskurse völlig aus der Mode gekommen zu sein scheint. Warum eigentlich?

Während ich hier sitze und diese Zeilen tippe, blicke ich auf ein Foto und eine kleine Holzfigur auf meinem Schreibtisch. Das Foto ist in New York aufgenommen. Es zeigt einen jungen Mann, der von Brooklyn aus die Skyline Manhattans mit Öl auf eine Leinwand pinselt. Dieses Foto ist im Jahr 2007 entstanden. Die Twin Towers fehlen bereits. Die kleine Holzfigur habe ich vor exakt einer Woche in Barcelona gekauft. Sie stellt, ähnlich einem Comic, Pablo Picasso dar. Er spricht zu mir folgende Worte: „Everything you can imagine is real“. Eine Konstruktivistin der Münsteraner Kommunikationswissenschaft kann an derlei Nippes nicht vorbeigehen, ohne es zu kaufen und sich zu Hause hinzustellen.

New York und Barcelona. Zwei Orte, die diese Woche nachhallen.

Dienstag letzter Woche. Ein US-amerikanischer Präsident, der vor seinem goldenen Fahrstuhl mit geschmacklosen Bemerkungen alles relativiert und sogar negiert, was für mich von Bedeutung ist. Meinen Wertekompass bitte einmal um 180 Grad drehen, das sind seine Aussagen auf der Pressekonferenz in New York. Die weltweiten Reaktionen darauf zeigen, dass er damit nicht nur einzelne Menschen entsetzt, sondern das kollektive Normativ angegriffen hat. Insbesondere für Deutsche müssen diese Relativierungen unerträglich sein. Genau so, nämlich als unerträglich, habe ich seine Aussagen zu den Nazi-Märschen, auf denen „Jews will not replace us“ gebrüllt wurde, empfunden. Wie sollen sich Menschen fühlen, deren Familie im Holocaust brutal ermordet wurde? Wie soll sich eigentlich seine Tochter fühlen, die selbst konvertiert ist und in eine jüdische Familie eingeheiratet hat? Demut ist das, was Menschen davon abhält, derartige verbale Entgleisungen von sich zu geben. Demut lässt uns an andere Menschen denken. Es scheint daran zu fehlen.

Donnerstag. Die Ramblas. Unzählige Tote und Verletzte. Ich sehe die Bilder und spüre sofort ein Gefühl der Demut in mir anschwellen. Denn ich hatte ein glückliches Timing – ein verdammt glückliches. Denn genau vor einer Woche bin ich die Ramblas entlangspaziert. Ein langes Wochenende in dieser schönen, offenen, trubeligen Stadt. Noch fix in der Boqueria Wassermelone als Erfrischung kaufen und dann gemächlich die Ramblas runter zum Hafen flanieren. Das machen täglich tausende von Menschen. Leute gucken, Seele baumeln lassen und nach Taschendieben Ausschau halten – nicht aber nach Lieferwagen auf mörderischer Mission. Es bedarf keiner fatalistischen Ader, um sich einzugestehen, dass Katastrophen überall lauern. Bislang habe ich und die mir nahestehenden Menschen schlichtweg Glück gehabt. Demütig muss ich feststellen, dass anderen dieses Glück nicht beschert war.

Was New York und Barcelona für mich persönlich diese Woche verbindet, ist die Feststellung, dass uns allen etwas mehr Demut guttun würde. Ein altmodisches Wort, dem religiösen Diskurs entlehnt, könnte uns heute navigieren.

Diese Woche hat mich die globale Nachrichtenlage in die Knie gezwungen. Eigentlich will ich alle Push-Einstellungen deaktivieren, meinen Twitter-Account löschen sowie Radio und Fernsehen ausgeschaltet lassen. An Kiosk-Ständen könnte ich einfach mit geschlossenen Augen vorbeiziehen.

All das ist natürlich keine Lösung und wäre ein reichlich kindischer Umgang mit verstörenden Botschaften. Also lasse ich alle meine Apps, so wie sie sind und angele gleich die Tageszeitung aus dem Briefkasten. Ich schalte das Radio ein und nehme mein Handy in die Hand. Gleich. Jetzt bleibe ich aber noch hier sitzen, streichele Picassos kleines Holzgesicht und halte einen Moment demütig inne.

 

 

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