Amazon: Shopping total

Der anstehende Pakt zwischen Rossmann und Amazon könnte eine Zeitenwende im deutschen Einzelhandel markieren. Ein CARTA-Schwerpunkt über Amazon, den Traum vom idealen Shopping und den schizophrenen Konsumenten.

Die Deutschen lieben Amazon. Der deutsche Handel fürchtet den Primus des Online-Handels. Einer hat seine Furcht überwunden und bändelt mit dem Feind an: Die Drogeriekette Rossmann dient sich als Partner an. Partner? Tausende von Händlern verkaufen schon unter dem Dach von Amazon ihre Produkte. Aber diese Kooperation bedeutet mehr. Ein ganzes Einzelhandelssegment, der Drogeriebereich, soll nun von einem Händler prominent abgedeckt werden. Exklusiv wird es wohl nicht zugehen; die Nivea Pflegedusche gibt es heute schon bei Amazon. Man wird sich aber pfleglich behandeln in der neuen Partnerschaft. Gelingt der Kooperations-Coup, dürfte dies der Start einer weiteren Expansionsstrategie des Handelsgiganten aus Seattle sein. Sehen wir uns die anderen Ingredienzien des globalkapitalistischen Erfolgsrezepts an.

 

Was ist der Laden wert?

Amazon ist seit März 2017 die wertvollste Handelsmarke der Welt. Wert meint hier Börsenwert. Er ist Resultat des exzessiven Aktienkaufs von Anlegern. Amazon ist ein Versprechen auf seine Zukunft, denn Amazon wächst und wächst. Seit seinem Börsengang schüttet Amazon keine Dividenden an Anteilseigner aus, sondern investiert um fast jeden Preis. Vor allem in immer neue, hochtechnisierte Logistikzentren. So werden aus Gewinnen abschreibbare Kosten. Die Steuerlast sinkt. Und zwar so deutlich, dass Amazon seit 2015 deutsche Gewinne auch in Deutschland versteuert und nicht mehr in Luxemburg.

Die meisten großen Internetunternehmen haben auf möglichst schnelles Wachstum und zunächst niedrige Gewinne oder sogar Verluste gesetzt. Bei Amazon betrug der Wachstumssprung von 2015 auf 2016 59 Prozent. Amazon-Chef Jeff Bezos ist gemessen am Wert seiner Unternehmensanteile aktuell der zweitreichste Mann der Welt. Und deutsche Konsumenten tragen gut zehn Prozent zum Wachstum bei.

 

Wie nutzen die Deutschen Amazon?

44 Millionen Deutsche hatten 2016 einen Kunden-Account bei Amazon. Das entspricht fast 75 Prozent der gut 60 Millionen deutschen Internetnutzer. Von allen Accounts sind bereits 17 Millionen Prime-Kunden, die durch das Zahlen einer Pauschale die kostenlose Eilzustellung von Waren, den Videostreaming-Dienst, den Musikdienst Prime Music und eine E-Book-Ausleihe nutzen können. Ein Dumpingangebot, mit dem Amazon auch bei den boomenden Streamingdiensten für Filme und Serien Marktführer in Deutschland geworden ist.

Unter den knapp 52 Millionen Menschen, die bei uns im Internet überhaupt Einkäufe tätigen, beträgt die Reichweite von Amazon etwa 85 Prozent. Das ist mehr als in den USA. Aber selbst in China kaufen schon 45 Prozent der gut 730 Millionen Internet-User bei Amazon.

Das Prinzip Amazon funktioniert also weltweit, ungeachtet kultureller Unterschiede. Der Hauptgrund: Bei Amazon konzentrieren sich Konsum- und Dienstleistungsangebote für kauffreudige Globalbewohner. Wer möglichst alles hier und jetzt haben will, ist bei Amazon richtig. Amazon verkörpert damit die Idee eines nahezu perfekten konsumistischen Paradieses.

 

Wie viel Geld kassiert Amazon?

Die Deutschen gaben 2016 14,15 Milliarden Euro bei dem Versandriesen aus. Das bedeutet fast eine Verdoppelung seit 2011. Zum Vergleich: Die deutsche Otto Group, die bereits mehr als 90 Prozent ihrer Umsätze weltweit online erwirtschaftet, kam 2015/2016 auf dem Heimatmarkt auf 4,6 Milliarden Euro. Von den 52,7 Milliarden, die insgesamt in Deutschland 2016 online ausgegeben wurden, konnte sich Amazon ein 27-Prozent-Stück herausschneiden.

Schaut man aber genau hin, sinkt der Anteil von Amazon am Online-Handel leicht. 2010 waren es nämlich noch 29,5 Prozent. Hintergrund: Der gesamte Onlinehandel in Deutschland ist zwischen 2010 und 2016 um 288 Prozent auf 52,7 Milliarden Euro angewachsen. Der Online-Handel wächst seit Jahren sogar exponentiell, Amazon „nur“ linear. 2020 sollen es insgesamt schon 77 Milliarden an Umsatz sein. Das sind bereits 16 Prozent des gesamten deutschen Handelsvolumens. Die Folgen des Online-Booms für das Gesicht der deutschen Innenstädte mit ihren Einkaufszonen sind bekannt. Amazon ist Teil des Booms. Nicht ihr Erfinder, aber einer der größten Profiteure.

 

Amazon und seine Unterhändler

Wer auf Amazon einkauft, kauft zunehmend nicht bei Amazon ein. Sondern bei einem Händler, der auf dem riesigen „Marketplace“ von Amazon einen virtuellen Stand hat. Dort sind Tausende von Händlern versammelt. Und darunter auch sehr viele, die daneben einen eigenen Online-Auftritt haben, sich von der Präsenz auf dem Amazon-Marktplatz aber mehr Umsatz erhoffen. Beispiel: Medimops, einer der großen deutschen Verkäufer von Buchremittenden und gebrauchten Büchern.

Da der Online-Käufer alle Angebote auf einen Blick sieht, kann er direkt Preise vergleichen. Oftmals sind „Unter-Händler“ günstiger als die Amazon-eigenen Angebote. Was dem Marktbetreiber egal sein kann: Von jedem Händler auf dem Marktplace kassiert Amazon bis zu 15 Prozent Provision und eine Versandabwicklungsgebühr. Leicht und schnell verdientes Geld, das immer wichtiger wird.

Global konnte auf Grund neuer Veröffentlichungspflichten für Amazon zum ersten Mal auf Basis der kassierten Versandgebühren hochgerechnet werden, was der Marktplace Amazon in etwa einbringt. Nach Rechnungen der Website t3n „ergäbe sich so bei einer konservativen Schätzung ein Händler-Umsatz von rund 123 Milliarden Dollar. Im Vergleich dazu hat Amazon selbst 2016 rund 91 Milliarden Dollar Handelsumsatz erreicht.“ Der Marktplatz ist also bereits deutlich umsatzstärker. Und die Entwicklung könnte sich verstärken. Je mehr Händler bei Amazon Unterschlupf finden, desto eher ist der Rest fast dazu gezwungen.

Das Wachstum von Amazon basiert also auf einem sich selbst verstärkenden Prozess. Am Ende müssen alle bei Amazon präsent sein, um überhaupt noch von suchfaulen Käufern wahrgenommen zu werden.

 

Der schizophrene Konsument?

Die Kritik an Amazon reißt seit Jahren nicht ab. Die Arbeitsbedingungen sind stressig, der Druck hoch, die Bezahlung entspricht nicht den Tarifen für den Groß- und Einzelhandel. Das ist bekannt und scheint viele Deutsche zu stören, wenn man sie danach fragt. Zugleich aber ist Amazon mit großem Vorsprung der beliebteste Onlinehändler der Deutschen, wie 2016 eine Studie der Internet World Messe aus München und von Fittkau & Maaß Consulting aus Hamburg zu Tage brachte. An zweiter und dritter Stelle liegen, deutlich abgeschlagen, Ebay und Zalando.

Wie geht das zusammen? Schaut man genauer in die Studie, wird deutlich: Nur wenige, die bei Amazon kaufen, mögen es nicht. Und wer Amazon gar nicht mag, kauft auch dort nicht. Fazit: Die Kritik in den Medien an Arbeitsbedingungen führt bei Amazon-Kunden keinesfalls zum Kauf-Boykott. Menschen erwerben ununterbrochen Produkte, bei denen es gute Gründe aller Art gibt, sie nicht zu kaufen. Psychologen nennen das „kognitive Dissonanz“. Menschen wissen um zwei Sachverhalte, die nicht zusammenpassen, leben aber gut damit. Ein Verhalten, dass integraler Bestandteil der langen Sozioevolution des Menschen ist und keinesfalls auf die Effekte kapitalistischen Marketings zu reduzieren ist.

So hat wohl fast jeder hat schon mal bei Amazon eingekauft: Weil es schnell gehen musste, weil Amazon die größere Auswahl hat, weil es manche Produkte nur noch bei Amazon und seinen Partnerhändlern und nicht mehr bei Fachhändlern gibt, weil Kleidungsgrößen eher vorrätig sind, weil der Preis lockte und eben auch, weil Service und Beratung stimmen. Der Beratung durch verifizierte Käufer trauen auch die meisten mehr als dem parteiischen Fachverkäufer im Mediensupermarkt, der nur das lobt, was gerade aus den Regalen raus muss. Was auch die Kritik am herkömmlichen Handel ad absurdum führt, der danach mehr auf „individuelle Beratung“ Wert legen sollte, um gegen den Onlinehandel zu bestehen. Die Online-Beratung basiert auf mehr Stimmen. Und Online gibt es auch mehr Fakten zum Produkt. Der Kompetenz ist kein Händler der realen Welt gewachsen.

Wer einmal Amazon-Kunde geworden ist, bleibt dem Internethändler treu. Er oder sie kauft in vielen Fällen sogar dann, wenn der Preis bei Amazon moderat höher liegt als bei einem unbekannten, aber etwas günstigeren Onlinehändler. Umfragen bestätigen das. Amazon muss zwar günstig sein, ist aber nicht gezwungen, immer den niedrigsten Preis zu bieten.

Der Internethändler setzt aber dennoch alle Hebel in Bewegung, um Preiskriege an allen Fronten zu führen. Vor allem im preissensiblen Elektronikbereich beobachten Chatbots, also Internetsuchprogramme, die Preise alle konkurrierenden Internethändler und prüfen Mitarbeiter die Sonderangebotsprospekte der großen Medienkaufhäuser. Strategisch gezielt werden dann die eigenen Preise knapp darunter festgesetzt. Weil die Konkurrenz ähnliche Preissuch-Bots einsetzt, läuft alles auf ein beschleunigtes gegenseitiges Anpassen hinaus, das ähnlich von Hochfrequenz-Aktionen geprägt ist, wie der Aktienhandel.

 

Was treibt Amazon mit Lebensmitteln?

Im Mai 2017 startete Amazon Fresh in Berlin und Potsdam. Der Dienst liefert online bestellte frische Lebensmittel bis an die Haustür. Neu ist das nicht. Bereits seit 2007 werden Bewohner des amerikanischen Seattle beliefert. 2016 sprang Amazon über den Atlantik und startete in London. Dafür kooperiert Amazon mit der Supermarktkette Morrisons. Sie kauft Lebensmittel vom Großhandel, nimmt die Bestellungen von Amazon an und liefert die Ware an Kunden aus. Amazon ist hier also nur die Bestellagentur, die Provision für ihre Auftragsvermittlung kassiert. Morrisons hat sich gleichsam mit dem ärgsten Feind verbrüdert. Und Amazon muss (noch) nicht in Fahrzeuge und Fahrer investieren. Begehrt ist der Service vor allem für vielbeschäftigte Upper-Middle-Class-Londoner mit wenig Zeit für zeitraubende Lebensmittelbeschaffung ohne Konsumvergnügen.

Frischwaren wollen (bisher) gesehen und angefasst werden, weltweit, vor allem in Deutschland. Hiesige Käufer sind pingelig, das macht den Onlineversand zu einem riskanten Geschäft. Was im Offline-Supermarkt liegenbleibt, ist billiger zu entsorgen, als aufwendig zurückgeschickte Lebensmittel. Noch ein Grund mehr, die Lieferzeiten zu minimieren. Daher sind es auch die wirklich großen Städte, auf die sich Amazon konzentriert.

In Deutschland sind das gerade mal sechs bis acht – neben den vier Millionenstädten Berlin, Hamburg, München und Köln maximal Frankfurt, Stuttgart und Düsseldorf. Das Ruhrgebiet wird, so zeigt die Planung neuer Logistikzentren, als eine Großregion betrachtet. Der Lebensmittelhandel in anderen deutschen Städten muss sich weniger Sorgen machen. Aber man darf nicht vergessen: Amazon ist schon seit Jahren Lebensmittelhändler. Alles, was in Gläsern, Dosen, Tüten und Flaschen verpackt ist, lässt sich bequem bestellen und genauso liefern wie jedes andere Amazon-Produkt. Online-Konsumenten sind also bereits an Amazon als Non-fresh-Lebensmittellieferant gewöhnt.

 

Wie entzieht sich Amazon den Gewerkschaften?

Zeit ist Geld und Kundenvertrauen. Zeit ist daher auch die verwundbare Flanke, die Gewerkschaftler erkannt haben. Das Weihnachtsgeschäft von Amazon in Deutschland ist daher seit vier Jahren auch die Streikphase für Verdi. Mit schöner Regelmäßigkeit versucht die Gewerkschaft den Versandhändler in der heißesten Phase des Jahres unter Druck zu setzen, um Amazon an den Verhandlungstisch zu bekommen. Alter Stein des Anstoßes: Verdi sieht – für den gesunden Menschenverstand unmittelbar einsichtig – Amazon als Teil des einheimischen Einzel- und Versandhandels. Amazon aber will wegen günstigerer Tarife zur groben Orientierung bei der Lohnstrategie als Logistikunternehmen gelten und schreibt Stellen auch entsprechend aus. Immerhin hat der Druck der Gewerkschaften zu moderaten Lohnerhöhungen und der Einführung eines Weihnachtsgeldes geführt.

Doch Amazon ist auf Grund seines europaweit dichten Netzes von Warenlagern sehr flexibel. Die Wege zum Kunden werden zwar länger, aber echte Auslieferungsprobleme muss Amazon auch im Weihnachtsgeschäft kaum befürchten. Die Streikraten der letzten Jahre lagen im Mittel bei 30 Prozent; da lässt sich mit kluger Software noch gut improvisieren. Gegenwärtig betreibt Amazon neun Logistikzentren in Deutschland, europaweit sind es 31 in sieben Ländern. Und weitere sind in Planung. Allein im Ruhrgebiet sind 2017 weitere Lager in Bochum, Werne und Dortmund hinzugekommen. Ein weiteres ist in Frankenthal in Rheinland-Pfalz geplant.

 

Mehr Automation – Und erst mehr, dann weniger Mitarbeiter

Drohenden Streiks wird Amazon, wie alle Unternehmen mit automatisierbaren Arbeitsplätzen, mittelfristig durch zunehmende Robotisierung und den Einsatz künstlicher Intelligenz grundsätzlich ausweichen. Auch dies ein Trend, den Amazon nicht erfunden hat, auf den das Unternehmen aber clever aufsattelt. Momentan arbeiten noch 12.000 Festangestellte bei Amazon in Deutschland. Hinzu kommen in der Vorweihnachtszeit bis zu 13.000 SaisonarbeiterInnen. Tendenz steigend. Der Mindestlohn an allen Standarten beträgt 10,30 Euro. Zum Vergleich: Der gesetzliche Mindestlohn liegt seit Januar 2017 bei 8,84 Euro.

Langfristig sind billiger werdende Roboter zugleich leistungsfähiger und eben auch billiger. Amazon setzt auf Eigenentwicklungen: 2012 kaufte das Unternehmen Kiva Robotics, einen in der Nähe von Boston angesiedelten Spezialisten für Lieferroboter, für 775 Millionen US-Dollar – der zweitteuerste Zukauf der Unternehmensgeschichte. Seither werden unter dem neuen Namen „Amazon Robotics“ automatisierte Lagerarbeiter für den eigenen Bedarf entwickelt. 2015 die Resultate: Am Logistikstandort Wroclaw in Polen werden Roboter eingesetzt, die die Lagerregale zu den Mitarbeitern bringen, damit Produkte schneller zur Packstation kommen.

Die „achte Generation“ des Logistikzentrums nennt Amazon seine Strategie. In Deutschland ist sie bereits angekommen: Seit 2016 wuseln Roboter zwischen den Regalen des Pilotprojektes im niedersächsischen Winsen bei Hamburg herum. Zu Beginn dieses Jahres setzt Amazon in 20 von 350 Logistikzentren weltweit insgesamt etwa 45.000 Roboter laut einem t3n-Report ein. Das ist wenig, aber erst der Anfang. Auch die Intelligenz der Maschinen bleibt hinter bereits möglichen Standards zurück. Die rollenden Robots nutzen vorgezeichnete Wege und sind keinesfalls mit autonom machender Intelligenz ausgestattet. Sie orientieren sich an QR-Codes auf dem Hallenboden oder fahren entlang Magnetschienen. Vorteil: Lagerhallen können dichter, also effizienter bepackt werden, weil Robots die tonnenschweren Regale leicht bewegen können. Die paradox anmutende Folge: Auf dieser Stufe der Automatisierung werden mehr Mitarbeiter benötigt, weil der Warenumsatz deutlich beschleunigt wird. Auf den nächsten Stufen der Automatisierungsevolution wird das nicht mehr der Fall sein.

 

Schnelligkeit ist (fast) alles

Der Hauptgrund für das dichter werdende Netz von Warenlagern ist die Schnelligkeit, mit der geliefert werden soll. Prime-Kunden haben ein bezahltes Anrecht auf schnelle Lieferung. Und Prime-Kunden kaufen auch in Deutschland deutlich mehr ein als der ungebundene Normalkunde. Die in diesem Jahr neu eröffnenden Warenverteilzentren im Ruhrgebiet erlauben es Amazon, in dieser dicht besiedelten Zone Waren in 14 Städten oft noch am Tag der Bestellung ausliefern zu können.

Dazu setzt Amazon zunehmend auf eigene Lieferdienste und setzt damit einen der Hauptvertragspartner DHL unter Druck, die bei künftigen Verhandlungen immer damit rechnen müssen, dass Amazon alles selbst organisiert. In München und Berlin ist das bereits der Fall. Amazon arbeitet dabei mit regionalen Transportdienstleistern zusammen, die die Fahrer und Fahrzeuge stellen. So entgeht Amazon dem Risiko mit selbst fest angestelltem Personal nicht mehr maximal flexibel zu sein. Für Einstellungen, Verträge und Kündigungen neuen Personals, das Amazon von seinen Auftragnehmern einfordern kann, haftet der Subunternehmer. Das Routen-Knowhow besorgt der Auftraggeber mit seiner immer intelligenteren Logistik-Software.

 

Amazon, der Müll und der Verkehr

Jeder Deutsche produziert durch seinen Konsum im Mittel mehr als 200 Kilo Plastik- und Verpackungsmüll im Jahr. Das sind mehr als 17 Millionen Tonnen im Jahr. Das Gros entsteht durch den Online-Handel. Zugleich aber ist bei uns das Recycling-Aufkommen von Papier Jahr um Jahr gestiegen und liegt jetzt bei 73 Prozent. Aus Verpackungen werden mehrheitlich also wieder Verpackungen. Und alle Versender lernen dazu: erfinden neue Verpackungen ohne Plastik, Hüllen, die sich dem Produkt anpassen, so dass kein Füllmaterial nötig ist. Das ist zwar rein wirtschaftlich gedacht, hat aber positive Nebeneffekte. Selbst Gebrauchtkartons kommen vermehrt zum Einsatz.

Was bleibt: Alle Pakete müssen geliefert werden, meist bis zur Haustür, langsam zunehmend auch zu Paketabholstationen. Das bedeutet Lieferverkehr, der massiv zunimmt. Über drei Milliarden Sendungen sollen im Jahr 2017 nach Prognosen des Bundesverbandes Paket & Express Logistik (BIEK) durch Lieferdienste in Deutschland zugestellt werden. Die Steigerungsraten liegen in den letzten Jahren bei etwa fünf Prozent. 2020 sollen es schon 3,8 Milliarden Pakete sein. Entsprechend verpesten die üblichen dieselbetriebenen Lieferwagen aktuell die Innenstädte. Die Kritik wächst. Aber die Branche reagiert. Und entwickelt beispielsweise eigene Elektrofahrräder. Deutsche Post DHL betreibt bereits heute mit seinen selbst entwickelten und in Eigenregie produzierten StreetScooter-Fahrzeugen sowie rund 10.500 E-Bikes und E-Trikes die größte Elektroflotte in Deutschland. Mittelfristig soll die gesamte Brief- und Paketzustellflotte durch Elektrofahrzeuge ersetzt werden, die mit Strom aus regenerativen Energien betrieben werden.

Der Kapitalismus reagiert mal wieder hoch flexibel. Zynisch betrachtet fördert der Online-Handel damit sogar die Entwicklung sauberer Transportfahrzeuge. Was bleibt: Es sind Fahrzeuge, die gebaut werden müssen. Und Arbeit, die dafür geleistet werden muss. Es geht um Wachstum. Und nicht um eine Entschleunigung unserer Konsumsitten, die Innenstädten ganz nebenbei saubere Luft gönnen würde, weil dort deutlich weniger Fahrzeuge unterwegs sind.

 

Eine Welt ohne Amazon – Dystopie oder Utopie?

In einem Online-Forum fand sich der Aufschrei „Man müsste Amazon sofort verbieten!“ Wer das auf Grund welcher Gesetze tun sollte, stand dort leider nicht. Das gegenwärtige Rechtssystem kennt keine Maßnahmen, ein global agierendes Internetunternehmen auszubremsen. Es gibt das Kartellrecht, das Aufkäufe oder Zusammenschlüsse verhindern soll, die zu Monopolbildungen führen. Amazon hat aus sich heraus eine sogenannte marktstarke Stellung erworben. Eine marktbeherrschende hätte es nach deutschem Recht bei einem Marktanteil von 40 Prozent. Aber auch dann könnte Amazon nicht zerschlagen werden; es stünde nur unter verschärfter Missbrauchsaufsicht.

Gesetzt den Fall, es gäbe ein Gesetz, Amazon heute und sofort vom Markt zu nehmen, was passierte? Wie immer, wenn sich am ganzen System nichts ändert: Die Lücke würde sehr schnell gefüllt. Heute wahrscheinlich durch eBay, aber auch Otto, Zalando, MediaMarkt oder Conrad Electronic würden in Deutschland massiv an Umsätzen zulegen. Und in den USA würde wohl WalMart in die Bresche springen. Wer Amazon ohne das Internet beseitigt, macht halbe Sachen. Also auch fort mit dem Internet? Die Auflistung der Folgen füllte ein Buch. Lassen wir es also. Selbst hartgesottene Degrowth-Verfechter könnten die ökologischen und ökonomischen Sofort-Folgen einer Abschaltung nicht verantworten.

Linke, Grüne, im weitesten Sinne Bewegte setzen aber eher auf einen Mix aus Vernunft, schlechtem Gewissen, sozialverträglichen Handlungszielen und einer insgesamt konsumfernen Lebensführung. Das hat gute Gründe für sich. Und in der heutigen Mediengesellschaft können diese Gründe glücklicherweise auch formuliert werden – zum Beispiel im Internet, weil es dort billiger ist als in gedruckter Form. Wen diese guten Gründe mit ihren Appellen dann erreichen, ist ein anderes Problem. Der Appell als Kommunikationsform gehört nicht unbedingt zu den Erfolgsmodellen der politischen Aufklärung.

Was bleibt, ist politische Kontrolle. Für politische Kontrolle bedarf es politischen Willens, passender Mehrheiten und daraus resultierender Gesetze. So wie globale Spekulation durch eine Transaktionssteuer ausgebremst würde, könnte beispielsweise der gesamte Internethandel durch eine Handel-Steuer gedämpft werden. Die Steuer simulierte die Kosten, die durch den „realen“ Handel entstünden, die sich der Online-Handel aber spart. Die antidigitale Vision: Internet-Einkäufe würden teurer, der Markt schrumpfte, die Läden in den Städten füllten sich wieder (ein wenig mehr). Die Steuergelder könnten in die Infrastruktur der Innenstädte investiert werden. Nur wer ausgefallene, teure oder selten gebrauchte Waren braucht, ginge noch ins Netz. Der Normalkonsum würde sich (vielleicht) wieder in die reale Welt verlagern. Das Shopping-Erlebnis in seiner Real-Life-Variante könnte wieder zur Höchstform auflaufen. Amazon, als global bekannte Marke, müsste sich überlegen, ob die aktuellen Pläne, Buchläden zu eröffnen, beschleunigt umgesetzt werden müssen. Das wäre zwar noch eine große Buchkette mehr, mit dem bekannten folgenden Verdrängungskampf, das alte Spiel halt. Zugegeben, ein Spontanmodell, mit vielen Lücken. An dieser Stelle aus der Not geboren, zum Ende dieses Textes keine sinnlosen Appelle ablassen zu wollen oder Beschwörungsformeln zu verkünden. Wer Zeit und Fachwissen hat, mag das Modell weiterspinnen.

Würde man mit einem geschrumpften Online-Handel wirklich etwas vermissen? Ja, die unerträgliche Leichtigkeit des Onlinekaufs. Sie lockt, sie macht süchtig. Es geht also auch um eine Entziehungskur. Zum Üben vielleicht ein Online-Fasten.

 

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Über Amazon, die Stärken des deutschen Einzelhandels und die Notwendigkeit eines gemeinsamen europäischen Arbeitskampfes: Thomas Voß, bei ver.di verantwortlich für Versand- und Onlinehandel, im CARTA-Interview.

 

Sterben unsere Innenstädte? Wann haben sie je gelebt? Der zweite Teil unseres Amazon-Schwerpunkts behandelt die Auswirkungen des Online-Handels und den Mythos der „belebten City“. Am Wochenende bei CARTA.

 


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