„Flüchtlingskrise“ = „Journalismuskrise“?

Wenn Journalismus auf Journalistik-Studien trifft, kann es zu Verkürzungen und Überspitzungen kommen. Das tut beiden nicht gut.

Haben die Medien in der Flüchtlingsdebatte versagt? Gleich zwei kommunikationswissenschaftliche Studien haben sich in letzter Zeit mit der „Flüchtlingskrise“ und ihrer Wiedergabe in den Medien befasst. Zum einen hat Michael Haller in einer Studie für die Otto-Brenner-Stiftung Tausende von Artikeln aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, der Süddeutschen Zeitung, der WELT, der BILD sowie zahlreichen Regionalzeitungen analysiert. Zum anderen haben Dorothee Arlt und Jens Wolling mehr als 800 Nutzer nach Art und Umfang ihrer bevorzugten Informationsquellen zum Flüchtlingsthema befragt.

Die Ergebnisse lesen sich, wenn man sie etwas zugespitzt ohne ihren Kontext widergibt, bestürzend und scheinen Vorurteile zu bestätigen: Die Debattenkultur in Social Media kann beim Thema Flüchtlinge offenbar desintegrierend wirken (Arlt / Wolling). Und in der Flüchtlingskrise hätten wichtige deutsche Medien einseitig agiert: Statt einen offenen Diskurs zu ermöglichen, sollen sie ihn erstickt haben (Haller). Nimmt man Formulierungen des ehemaligen Münchner Oberbürgermeisters Christian Ude hinzu, wie sie die Süddeutsche Zeitung wiedergibt („Manche Passagen darin würde man aus einer ganz anderen politischen Ecke erwarten“, so die SZ) könnte man den Eindruck gewinnen: Die bundesdeutschen Medien seien 2015 beim Wort „Willkommenskultur“ kollektiv im pädagogischen Wahn versunken und hätten ihre Nutzer nicht nur nicht angehört, sondern auch noch in die Irre geführt.

 

Rezeption ging schief

Doch das ist ein Irrtum. Die Rezeption etwa von Michael Hallers Studie ist ein Lehrstück in medialer Verkürzung und Zuspitzung. Denn die Studie ist klug und lesenswert und liefert eine Menge empirischer Daten, die zum Nachdenken und Diskutieren anregen. Werfen wir einen – zugegeben aus Platzgründen vereinfachenden – Blick auf die genannten Veröffentlichungen.

Was den Journalismusforscher Haller umtreibt, ist die Beunruhigung darüber, „dass im Fortgang des Jahres 2015 ein wachsender Teil der Bevölkerung auf die Flüchtlingsberichterstattung der sogenannten Mainstreammedien mit Skepsis und Misstrauen reagierte“ (S. 4) und die große Frage: „Ist diese Medienkritik gerechtfertigt?“. Dazu fordert er mit Carsten Brosda die gesellschaftliche Funktion des Journalismus ein: „[Der Journalismus] fungiert als Anwalt gesellschaftlicher Diskurse und mithin als ein Korrektiv in Fällen ungleicher Verteilung kommunikativer Artikulationschancen in der Öffentlichkeit.“ (S. 8).

Über 13 Monate hinweg hat die Studiengruppe um Michael Haller zunächst anhand von Tagesschau, Spiegel Online und tagesschau.de die Ereignisse des Jahres 2015 rekonstruiert. Im zweiten Schritt wurden zehn Ereignisthemen identifiziert und in einem dritten Schritt Beiträge über zwanzig Wochen aus der Süddeutschen Zeitung, Frankfurter Allgemeinen Zeitung und Die WELT per Inhaltsanalyse ausgewertet – 480 Zeitungsausgaben, 2.240 Zeitungsseiten, 1.687 Texte. Um das Framing zum Begriff „Willkommenskultur“ zu erfassen, wurden in einem vierten Schritt per Datenanalyse für den Zeitraum von 2005 bis Frühjahr 2016 mehr als 26.000 Texte aus 85 Regionalzeitungen untersucht – eine Aufgabe für Informatiker der Universität Leipzig.

In der Studie gibt es spannende Zufallsfunde aus den Lokalzeitungen zu entdecken, die die Veränderung des medialen Diskurses illustrieren. Dabei verlangt Haller von den Lokaljournalisten, dass sie nicht nur einen Politiker zu Wort kommen lassen (das nennt er „Politik-PR“), sondern mehrere Positionen darstellen. Hingegen kommen kritische Stimmen im Verlauf des Jahres 2015 erst einmal nicht zur Wort bzw. werden unter den Frame „Dunkeldeutschland“, Brandanschläge auf Flüchtlingsheime etc. subsummiert. Etwas niedergeschlagen resümiert Michael Haller: „Die referierten Untersuchungsergebnisse zeigen, dass die Lokal- und Regionalzeitungen das Narrativ Willkommenskultur im Sinne der Positionen des Politikdiskurses verbreiteten und hierbei deren euphemistisch-persuasive Diktion übernahmen.“ (S. 101). Später kommt Haller zu dem Ergebnis, „dass sich die meinungsführenden Leitmedien – nach Maßgabe der in den Kommentaren auftretenden Akteure, Sprecher und Institutionen – im Fortgang der Ereignisse um die Flüchtlinge von der Erfahrungsebene der Bürgergesellschaft und so auch von derjenigen ihrer Leser immer weiter entfernten“ (S. 130).

 

Abb_Haller1

(Abb. M. Haller)

 

Auf der Basis dieser vier Schritte erfolgt Michael Hallers Interpretation: Insbesondere die Leitmedien seien zu sehr auf die Politiker fixiert gewesen, hätten über kritische Gegenstimmen „von oben herab“ berichtet und versäumt, nachrichtlich zu „berichten, nicht zu richten“, wie ein journalistischer Grundsatz verlangt. Mit der Fülle der Einzelereignisse jedoch seien die Leser allein gelassen worden, was dazu führte, dass sie sie in ihr eigenes Narrativ einbauten – mit durchaus anderen Ergebnissen als denjenigen der Leitmedien.

Haller ist sich bewusst, dass seine Ergebnisse Beifall von der falschen Seite bekommen könnten, und warnt vor einer Fehldeutung: Ihm gehe es nicht um Journalismus-Bashing, sondern darum, ob der Journalismus seiner gesellschaftlichen Funktion gerecht geworden sei. Sein Fazit: eher nicht.

Zur Begründung bezieht sich Michael Haller auf die „Theorie der „Schweigespirale“ als Bezugsrahmen. Man muss sich fragen, warum. Denn die wurde, so heißt es, von Elisabeth Noelle-Neumann erfunden, um der CDU im Wahlkampf zu helfen und die Medien als angeblich linkslastig darzustellen. Eigentlich, so die „Theorie“ der Schweigespirale, seien die Deutschen gar nicht so links, wie die Meinungsumfragen vorgaukeln. Aber die Medien erzeugten einen Meinungsdruck. Das Ganze diente dann in den 1980-er Jahren als Argument, Privatsender gegen die angeblich „linken“ öffentlich-rechtlichen Sender zuzulassen. Dieser Kontext muss Michael Haller bewusst gewesen sein, denn er hat nach Kräften versucht, sich gegen Missinterpretation abzusichern.

Aber ist die „Schweigespirale“ ein geeigneter Theorieansatz? Man braucht einen normativen Bezugsrahmen, mit dem man empirische Ergebnisse abgleicht, um zu vergleichen „Wie hätten die Medien berichten sollen?“ mit „Wie haben die Medien berichtet?“. Die Schweigespirale liefert diesen normativen Ansatz nicht, da sie eine Art Leerstelle beschreibt, nämlich vorgibt zu wissen, was das Publikum denkt, aber nicht sagt. Diese Leerstelle kann fast beliebig ausgefüllt werden. Nicht umsonst ist die sogenannte „Theorie der Schweigespirale“ mehrfach kritisiert worden – es mangle ihr an empirischer Fundierung.

 

Fragen wir die Mediennutzer

Eine gute Ergänzung zur Haller-Studie ist es daher, die Mediennutzer zu befragen. Das tut die Studie von Dorothee Arlt und Jens Wolling. Sie versteht sich als Ergänzung zur Haller-Studie, denn „die Informationsangebote der Massenmedien, gleichgültig ob sie offline oder online verbreitet werden, (sind) längst nicht mehr die einzige Informationsquelle, um sich über das aktuelle gesellschaftliche und politischen Geschehen zu informieren. Auch die sozialen Medien wie Facebook, Twitter und YouTube werden von vielen als Quelle für aktuelle Nachrichten genutzt“ (S. 326).

Arlt und Wolling unterscheiden zunächst vier Informationstypen: „Themen-Vielnutzer“, „Themen-Vermeider“, „Journalismus-Orientierte“ und „Social-Media-Orientierte“, wobei das „Thema“, um das es geht, ebenfalls die Flüchtlingsdebatte und ihre Wiederspiegelung in den Medien ist. Sie haben ihre Daten in zwei Wellen erhoben, im Februar 2016 und im Februar 2017. Von den 1579 Teilnehmenden aus der ersten Befragung nahm etwas mehr als die Hälfte (53 %) auch an der zweiten Welle teil. Die Antworten dieser 836 Personen wurden ausgewertet. 2017 ist die Gruppe der Social-Media-Orientierten verschwunden und die Gruppe der Themen-Vielnutzer deutlich kleiner geworden (S. 329).

Die Auswertung liefert zunächst wenig überraschende Erkenntnisse: „Die Journalismus-Orientierten zeichnen sich (…) durch ein hohes Alter und ein hohes Einkommen aus.“ Und: „Im Unterschied dazu sind die Social-Media-Orientierten die jüngsten Befragten. Sie verfügen zwar über relativ hohe Bildungsabschlüsse, haben aber trotzdem nur ein eher geringes Einkommen.“ (S. 329). Die genauen Wanderungsbewegungen zeigt die Abbildung von Arlt und Wolling.

 

(Abb. D. Arlt & J. Wolling)

 

 

Das verblüffende Ergebnis: Die Gruppen unterscheiden sich trotz der demografischen Unterschiedlichkeit nur wenig in der Beurteilung des Flüchtlingsthemas. Insbesondere „hinsichtlich der Frage, ob die Journalisten vor allem die mit der Aufnahme von Flüchtlingen für Deutschland verbundenen Risiken betonen sollen, fanden sich 2016 zunächst nur relativ geringe Unterschiede zwischen den Nutzergruppen“. 2017 wird „die Hervorhebung von Risiken von allen anderen Gruppen (außer den Journalismus-Orientierten) in nahezu unverändertem Umfang eingefordert“ (S. 332). „Sowohl 2016 als auch 2017 waren rund 70 Prozent der Befragten in allen Gruppen der Ansicht, dass die ‚Stimme des Volkes‘ mehr Gehör verdiente“ (S. 333).

Worin unterscheiden sich die Gruppen denn überhaupt? Die Studie liefert die Antwort: in der emotionalen Reaktion auf die Berichterstattung. Hier unterscheiden sich die Journalismus-Orientierten von den Themen-Vielnutzern. Negative Emotionen, die mit der Berichterstattung über Flüchtlinge verbunden sind, treten entweder verstärkt bei denen auf, „die sich (auch) stark auf die sozialen Medien als Informationsquelle verlassen, oder aber bei denen, die sich der themenbezogenen Berichterstattung gar nicht oder nur ganz am Rande widmen“ (S. 334). Auch die Studie von Arlt und Wolling liefert also gerade keine Argumente für ein allgemeines Journalismus-Bashing, sondern eher das Gegenteil.

 

Journalisten reagieren aufgeregt

Einen Aufreger lieferte auch die Berichterstattung über das neue Buch von Münchens Alt-OB Christian Ude. Was schreibt der so Schreckliches? „Gerade die Aufgeklärten, gerade linke und liberale Stimmen sollten größten Wert auf Differenzierung legen“, verlangt Ude beim Flüchtlingsthema (S. 100). Denn „Ein Leben ohne Integration ist schlicht nicht möglich“ (S. 107). Im Folgenden kritisiert Ude nicht die Medien oder die Zivilgesellschaft (wie ihm unterstellt wurde), sondern die einlullende Politik bezüglich der Flüchtlingsdebatte. Er kommt dabei zu ähnlichen Ergebnissen wie Michael Haller. Bei Christian Ude kommt dann noch der Vollblutpolitiker mit kabarettistischem Einschlag durch, wenn er vor pharisäerhafter Selbstgerechtigkeit warnt: Wie gut, dass wir nicht sind wie Donald Trump.

In Folge der sogenannten „Flüchtlingsdebatte“ haben alle dazugelernt: Die klassischen Medien haben sich mit den Vorwürfen auseinandergesetzt und wieder begonnen, ihr Publikum ernst zu nehmen. Der Journalismus ist dadurch besser geworden, nicht schlechter. Das Thema „Filterblase“ ist vielen Social-Media-Nutzern bewusst geworden. Die Nutzer haben in weiten Teilen gelernt, Informationen und Meinungen aus Social Media besser einzuordnen und zu überprüfen. Und die Akteure auf der politischen Ebene – werden sie sich wieder der Sachpolitik zuwenden? Zumindest auf kommunaler Ebene spricht einiges dafür. (Wir sprechen jetzt nicht von neurechten Möchtegern-Influencern – die werden sich nicht so schnell ändern).

Was von den genannten Publikationen bleibt, ist ein empirisch abgesichertes Einfordern von gutem journalistischen Handwerk, das seiner gesellschaftlichen Funktion gerecht wird (Haller), von der Einordnung von Social Media als eher emotionsorientiert gegenüber den klassischen journalistischen Medien (Arlt/Wolling) und abermals ein Einfordern differenzierter Berichterstattung (Christian Ude).

Und gerade das ist bei der Rezeption der drei Publikationen zunächst schief gegangen. Vielleicht gelingt es im weiteren Diskurs. Beim Flüchtlingsthema hat es letzten Endes ja auch geklappt.

 

 

Quellenangaben und Links:

Michael Haller: Die „Flüchtlingskrise“ in den Medien. Tagesaktueller Journalismus zwischen Meinung und Information. Otto Brenner Stiftung, Frankfurt am Main 2017

 

Dorothee Arlt und Jens Wolling: Die Flüchtlingsdebatte in den Medien aus der Perspektive der Bevölkerung, in: Media Perspektiven 6/2017, S. 325-337

 

Update: Die Replik von Michael Haller „Warum sind große Teile der Gesellschaft über die Flüchtlingsberichterstattung so frustriert?“ erschien am 15. August, zu lesen hier.

 


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