G 20-Gipfel: Wie teuer wird ein Nein?

G 20-Gipfel sind Veranstaltungen zum Schutz der beschworenen Knappheit. Sie ist zur großen Lüge einer Ökonomie geworden, die vor Produktivkraft strotzt und weltweit allen Menschen mehr als das Notwendige bieten könnte.

Autos sind knapp auf diesem Erdball. Wenn die fröhlichen Radiomoderatoren morgens zwischen sieben und neun Uhr ihre Staumeldungen durchsagen, mag man es nicht recht glauben. Straßen sind knapp, scheint eher zuzutreffen. Je länger der Stillstand der Automobile, desto höher die Sprechgeschwindigkeit beim Herunterrattern der Kilometerlängen, Autobahnabschnitte, Orts- und Straßennamen. Staus und Blitzer werden in einem Atemzug gemeldet: Fahrer und Fahrerinnen in ihren stockenden, stehenden, stinkenden Karossen informieren sich, auf welchen Streckenabschnitten sie besser nicht rasen.

Autos sind auch in Hamburg knapp. Während des G 20-Gipfels verstopfen sie dennoch alle Straßen. „Die Knappheit der Güter ist ein wirtschaftliches Grundproblem und macht wirtschaftliches Handeln des Menschen notwendig“ belehrt uns eine Institution, die es wissen muss, die Bundeszentrale für politische Bildung. Also sind auch Hemden und Hosen knapp. Die Malls, durch die Shopping Queens und Schnäppchenjäger schlendern, die Warenhäuser und Trödelmärkte vermitteln einen ganz anderen Eindruck. Vielleicht wird umgekehrt ein Schuh draus. Vielleicht ist Knappheit schon lange nicht mehr das Problem, das die Wirtschaft löst. Anders herum begreift man die Wirklichkeit: Knappheit ist das Problem, das die Wirtschaft herstellen und aufrechterhalten muss, damit sie floriert.

Knappheit ist zur großen Lüge einer Ökonomie geworden, die vor Produktivkraft strotzt und weltweit allen Menschen mehr als das Notwendige bieten könnte – betriebe sie nicht Selbstbereicherung und Selbstbeweihräucherung bis zum eigenen Erstickungstod. G 20-Gipfel sind Veranstaltungen zum  Schutz der beschworenen Knappheit.

Die Wirtschaft benimmt sich wie ein Nudist. Er will alle Hüllen fallen lassen, sie alle Schranken – bis auf eine. Die Bezahlschranke ist der Zauberstab, mit dem Knappheit auch dort erzeugt wird, wo Autohalden, Butterberge und Klamottenhaufen das Bild beherrschen. Den Menschen, die nicht bezahlen können, verweigern, was sie brauchen, und Leuten, die genug Geld haben, aufdrängen, was sie nicht benötigen, das ist wirtschaftliche Vernunft im dritten Jahrtausend nach der Kreuzigung des Schreinersohnes, der die Händler aus dem Tempel trieb.

Armut ist keine Schande, nur Geldknappheit – bis zum Verhungern.

Arm sein ist keine Schande, es handelt sich nur um Geldknappheit, die unangenehm lange anhält. In einigen Regionen des Planeten bis zum Verhungern. Vor allem in Afrika. Dort hat die Zahl der Hungernden nach Angaben der Welthungerhilfe seit dem Jahr 1990 deutlich zugenommen, auf 232,5 Millionen Menschen im laufenden Jahr. Allein in Deutschland wirft jeder Mensch im jährlichen Durchschnitt 82 Kilogramm Lebensmittel in den Müll. Für die Wirtschaft kein Problem, sondern ein Gewinn, solange vorher dafür bezahlt wurde. Kaufen und Wegwerfen ist ökonomisch sinnvoll, nur nichts zu kaufen schadet der Wirtschaft. „Es reicht für alle“ heißt es in der Petition der Welthungerhilfe an den G 20 Gipfel.

Wie reagieren die 20 Industrie- und Schwellenländer von A wie Argentinien bis V wie Vereinigte Staaten? 15.000 Polizisten, darunter auch Spezialeinsatzkommandos, schützen die Staatschefs vor Protestierenden, denen es reicht. Die Hamburger Polizei hat eine neue Gefangenensammelstelle für 400 Menschen eingerichtet inklusive angeschlossenem Schnellgericht mit neun Haftrichtern. Knappheit im Überfluss ist schutzbedürftig. Diese Wirtschaft lässt Frauen und Männer, Kinder und Alte für schäbigen Lohn arbeiten, damit sie sich und ihre Arbeitskraft auch morgen verkaufen müssen. Werden sie übermorgen nicht mehr gebraucht, mögen sie schauen, wo sie bleiben.

Wie eine Schlange nach Kaninchen so hält der Kapitalist Ausschau nach Utensilien des menschlichen Daseins, denen sich erst ein Eigentumstitel andichten und dann ein Preisschild umhängen lässt: Meins. Soll es Deins werden, hast du Geld zu berappen. „Was wir essen, was wir trinken, unsere Gebrauchsgegenstände, die Beziehungen, die wir eingehen, die Ideen, die wir hervorbringen, die Zeit, die wir aufwenden, ja selbst die DNS, die unser Wesen in so hohem Maße bestimmt, alles ist im Kessel des Kapitalismus gelandet.“ (Jeremy Rifkin, US-Soziologe und Ökonom)

Der Kessel brodelt. Es stinkt zum Himmel, wie zum Beispiel die Medienkapitalisten die Demokratisierung des Wissens blockieren. Aus dem Füllhorn der Informationen, in das dank Internet alle einspeisen und aus dem alle schöpfen können, raffen sie Beutestücke heraus, drapieren diese verlockend hinter Bezahlschranken – und werden sich hoffentlich verrechnen. Denn wenn sie sich mit ihren Paywalls durchsetzen, werden wir demnächst selbst für den Gebrauch der Sprache zu bezahlen haben. Wie teuer wird ein gesprochenes Substantiv, was kostet ein geschriebenes Verbum, zahlen wir für jedes Adjektiv noch etwas drauf, wird der Gebrauch origineller Wörter besonders kostspielig? Und wird am Ende das Nein unbezahlbar?

 

Dieser Beitrag erscheint in der Juli-Ausgabe von OXI – Wirtschaft für Gesellschaft.

 


 

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