Über Täter und Opfer

| 30.06.2017 | 3 Kommentare

Vor wenigen Tagen ist der Streit wegen einer Fernseh-Dokumentation über Antisemitismus und Judenhass irgendwie eingeschlafen. War das Nötige gesagt worden?

Für den Mitfinanzier der Dokumentation, den WDR, ist die Auseinandersetzung mit Antisemitismus nach eigenen Angaben eine zentrale gesellschaftspolitische Aufgabe. Es gab eine Maischberger- Sendung zum Thema der Dokumentation, der ein Streitgespräch zwischen dem Historiker Wolffsohn und WDR-Fernsehdirektor Schönenborn vorgeschaltet war. Schönenborn nahm an einer Diskussion des Grimme- Instituts zum Thema in Bonn teil, er stellte sich also. Die Dokumentation selber wurde von der ARD spätabends mit einem, wie sie es nannte, „Faktencheck“ und eingeblendeten, korrigierenden Hinweisen verbunden auf die Bildschirme gebracht; ein einmaliger Vorgang in der Geschichte des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, ein Vorgang, der so aussah, als ob die Zuschauenden vor bedenklichen Fehlurteilen und schädlichen Meinungen zum Thema geschützt werden müssten. Wenn dies Usus wird, gleichen Dokumentationen künftig zensierten Geschichts- beziehungsweise Gesellschaftskunde-Schularbeiten. Dann starb das Thema. Ich fürchte, der Streit wird Verletzungen und Misstrauen hinterlassen.

Der zentrale Aspekt fehlte im Streit leider völlig. Die Dokumentation – handwerkliche Mängel hin oder her – bot freilich eine Menge Anstöße, um diesem Aspekt näher zu kommen:

Antisemitismus hat immer Opfer, Antisemitismus ohne Täter gibt es nicht. Jeder antisemitischen Aktion geht eine Entscheidung voraus: Tu ich das oder tu ich das nicht.

Die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus RIAS bietet eine erschreckende Zahl antisemitischer Ereignisse.

Wer meint, es handele sich dabei um unüberlegte „Streiche dummer Jungen“, der irrt sich gewaltig. Micha Brummlik hat Antworten der Bundesregierung auf Anfragen der Fraktionen der Linken und der Grünen nach antisemitischen Straftaten zusammengefasst: 2014 seien 1.596 antisemitische Straftaten gemeldet und im folgenden Jahr wiederum 1.366 Straftaten gemeldet worden. Für den Zeitraum von Januar bis November 2016 wurden 1.260 entsprechende Straftaten gemeldet. Im vierten Quartal 2016 sei in Deutschland ein Mensch infolge einer politisch rechts motivierten Straftat mit antisemitischem Hintergrund verletzt worden. Von Oktober bis Dezember 2016 seien 183 Straftaten mit antisemitischem Hintergrund gemeldet worden, darunter zwei Gewalttaten und 34 Propagandadelikte. Zu den erfassten 183 Straftaten wurden 75 Tatverdächtige ermittelt. Es habe drei Festnahmen und einen Haftbefehl gegeben.

Was sich unterhalb der Strafrechts-Schwelle abspielt, was geschah und geschieht ohne folgende Anzeige, das können wir wohl nur ahnen. In den vom WDR initiierten Diskussionen rund um die Dokumentation spielten diese Zahlen und folglich der Opfer-Täter- Aspekt kaum eine Rolle.

Thomas Mann hat 1943 den Antikommunismus als Grundtorheit der Epoche bezeichnet. Der Epoche? Der Nobelpreisträger ging wahrscheinlich vom Zeitpunkt der Entstehung der Sowjetunion 1919 aus; wann seiner Auffassung nach die Epoche mit der von ihm gewählten Grundtorheit zu Ende ging oder zu Ende gehen würde, wissen wir nicht.

Aber bereits 1943 war der Antikommunismus nicht die Grundtorheit der Epoche, sondern das war der Antisemitismus. Er war während des 20. Jahrhunderts praktisch überall präsent – in der eben erst entstandenen Sowjetunion, in Frankreich, in Polen, in den USA, Österreich, Frankreich, Großbritannien oder Argentinien etc. Er war vor allem die Triebfeder der Vernichtungskriege und der Vernichtungsaktionen der Nazis, er hat zur Zerstörung großer Teile Europas geführt und zu Flüchtlingsströmen, wie wir sie uns heute kaum vorstellen können.

Der Antisemitismus ist nach dem Kriegsende nicht erloschen. Er war immer da. Die verrückte Vorstellung, dass die Juden als Nationaleigenschaft Völker- und Weltbeherrschung über Banken und Finanzwirtschaft anstrebten, und dabei auf die Zerstörung anderer Völker und deren Staaten zielten, die war nie weg. Dass ihr Staat a priori illegitim sei, saß in vielen Köpfen. Und dass die Juden, wo immer sie sich befinden mochten, als Vertreter dieses illegitimen Staates zu begreifen sein, dies ist ebenfalls während der vergangenen Jahrzehnte immer wieder behauptet worden.

Die von WDR und arte zunächst verschmähte Dokumentation enthält einen nicht nur aufschlussreichen, sondern einen zugleich bedrückenden Beleg hierfür.

Da wird ein junger, ganz nett aussehender Mann während einer rechtsextrem ausgerichteten Demonstration in Berlin interviewt, darauf aufmerksam gemacht, dass die antisemitische Propagandaschrift Die Weisen von Zion, die unter anderem mit der Behauptung, aufwartet, Juden würden Ritualmorde verüben, eine glatte Fälschung ist. Und während der Bursche sich mit seinen Fingern seinen etwas zauseligen Bart streicht, meint er, dass das eigentlich irrelevant sei, weil die Autoren des Buches ja genau die Entwicklung in der Welt – Stichworte „jüdisches Finanzkapital“ und „jüdische Weltherrschaft“ vorhergesagt hätten. Lügen als Prophetien, die sich als real erweisen hätten.

Was wird aus dem jungen Mann? Bleibt er bei seiner idiotischen Auffassung, wird er später massiv werden, um israelische Produkte aus Läden zu entfernen, wird er Juden auf der Straße beschimpfen und bedrohen? Er wäre nicht der erste, der die Weisen von Zion als Handlungsanleitung versteht und dann seine Entscheidungen trifft.

 

Einen neuen Antisemitismus gibt es nicht. … Der Antisemitismus hat lediglich neue Anhänger gewonnen.

 

Im September 2010 wurde in Heidelberg das Grab der in Köln geborenen Dichterin Hilde Domin durch ein Hakenkreuz geschändet. Die Öffentlichkeit nahm davon kaum Notiz – betroffen reagierte Gerd Buurmanns Blog Tapfer im Nirgendwo.

Aber sonst? Im Kölner Agnes-Viertel habe Hilde Domin, geborene Löwenstein eine glückliche Kindheit erfahren, ist zu lesen. Sie ist später emigriert. Sie hatte Hitlers Mein Kampf gelesen, ahnte, wusste daher, was kommen würde. Heute erinnert eine Plakette in Kölns Riehler Straße daran, dass sie da gelebt hat. Diese Straße liegt in dem Stadtteil, in dem auch Heinrich Böll gelebt hat.

Warum schändet Mensch das Grab einer Lyrikerin? Betrachten Antisemiten manche Gedichte als Gefahr? Ist eine Lyrikerin, die emigrierte, weil sie um Leib und Leben fürchtete, Antisemiten gefährlich? Soll ein Hakenkreuz auf Domins Grab heißen, wie kriegen dich auch noch nach deinem Tod? War der Täter einer der Dummen, denen zu wissen genügt: Da liegt jemand, der einen jüdisch klingenden Namen trug? Tapfer im Nirgendwo erinnerte an Domins Gedicht Abel steh auf, dem die folgenden Zeilen entnommen sind:

…Damit die Kinder Abels
sich nicht mehr fürchten
weil Kain nicht Kain wird
Ich schreibe dies
ich ein Kind Abels
und fürchte mich täglich
vor der Antwort
die Luft in meiner Lunge wird weniger
wie ich auf die Antwort warte

Abel steh auf
damit es anders anfängt
zwischen uns allen…

Das Opfer war eine verstorbene Lyrikerin; der oder die Täter wurden nie gefasst.

Der Grünen Abgeordnete Volker Beck hat Anfang des Jahres darauf aufmerksam gemacht, dass in einem Geschichtsbuch des Klett Verlags vier Jahre lang eine Abbildung zu finden war, die deutlich machen sollte, dass eine von einem Juden gegründete Bank (Rothschild) für die Finanzkrise in Europa verantwortlich sei. Vier Jahre lang wurde dies nicht bemerkt. Beck: „Schaut sich das niemand an?

Wir schütteln die Köpfe, wenn wir von solchen Vorgängen erfahren, sofern wir davon erfahren. Die Abbildung geht auf einen US- amerikanischer Zeichner zurück, der aus seiner Vorstellung vom weltumspannenden jüdischen Finanzkapital kein Geheimnis gemacht hatte. Dem Verlag war das Ganze peinlich. Ein Täter lebt jenseits des großen Teiches, andere, sofern es sie gibt, wird man nicht finden. Opfer sind möglicherweise Schülerinnen und Schüler, die sich einen solchen Unsinn aneignen. Kein Geheimnis ist ebenfalls, dass auf Schulen das Wort „Jude“ von manchen als Schimpfwort benutzt wird, so wie man „Asi“ (die Abkürzung für Asozialer) und behindert als Schimpfworte einsetzt. Was wird da eingeübt?

Vielleicht hatte sich der Antisemitismus über Jahre nach dem Weltkrieg hinweg lediglich begnügt, in Köpfen zu hocken (das aktive Verb begnügen sei mir verziehen). Aber spätestens 14 Jahre nach dem Ende des Weltkrieges rührte er sich wieder in Westdeutschland, unwiderlegbar war er da, und zwar 1959, als die Kölner Weihnachten feierten und zeitgleich in der Stadt eine Synagoge geschändet wurde. Eine antisemitische Welle aus Schmieragen rollte durchs Land, jüdische Gräber wurden beschmiert und beschädigt.

Warum schänden, also zerstören, beschmieren, beschädigen Menschen Gräber? Die in diesen Gräbern Beerdigten trifft das nicht. Es trifft diejenigen, die an solchen Gräbern stehen bleiben, um an die zu denken, die dort beerdigt wurden. Mensch schändet ein Grab, um Lebende damit zu treffen, Erinnerungen, Gefühle zu verletzen. Akte der Feigheit. Und über viele Jahre hinweg sind solche Schändungen öffentlich registriert und dann wieder vergessen oder auch nicht beachtet worden.

Warum tun Leute das? Einen auslösenden Grund, eine Ursache hierfür gibt es nicht. Der verstorbene Mensch, in ein Grab gelassen, hat nichts mit Feindseligkeiten zwischen Juden und Palästinensern zu tun. Ich finde nichts, was als Ursache in Frage käme außer den Willen, irgendetwas anzurichten, weil der Gegenstand der Tat irgendwie etwas mit Juden zu tun hat.

Leider haben die Diskussionen rund um die Dokumentation diesen Fragen kaum Aufmerksamkeit gewidmet, sieht man von Wolffsohn ab. Der Täter-Frage kommt man aber nur auf die Spur, wenn man genau dies untersucht: Die scheinbar nicht erklärbaren Ausbrüche von Aggression und Schändung.

Maischberger fragte in ihrer Sendung vom vergangenen Mittwoch: „Israelhetze und Judenhass: Gibt es einen neuen Antisemitismus?“

Einen neuen Antisemitismus? Einen neuen Antisemitismus gibt es nicht. Es gibt einen alten, teils uralten Antisemitismus, der jetzt in Deutschland von Menschen vertreten wird, die aus arabischen Ländern oder aus der Türkei stammen beziehungsweise deren Eltern oder Großeltern in der Türkei aufgewachsen sind. Der Antisemitismus hat lediglich neue Anhänger gewonnen, die auf schändliche Sendungen und Netzwerk-„Infos“ aus anderen Ländern abonniert sind. Das ist neu in Deutschland.

Der Antisemitismus selber ist der alte: Den Juden werden besondere Eigenschaften angedichtet – Geldgier beziehungsweise eine besondere Begabung für Geldgeschäfte. Juden werden beschuldigt, Verderber anderer Völker zu sein – hierher gehört die unsägliche Beschuldigung, Juden würden das Trinkwasser vergiften. Juden nisteten sich überall ein, obwohl sie kein Recht hätten sich niederzulassen. Juden stellten, wo immer sie sich niedergelassen hätten, eine Art fünfte Kolonne der verhassten Zionisten dar.

Nichts davon ist wahr. Aber diese Ansichten zünden.

Treten wir dem tapfer entgegen? Ich habe da meine Zweifel. Als der Historiker Michael Wolffsohn den WDR-Fernsehdirektor Schönenborn im bereits erwähnten Streitgespräch fragte, ob nicht jede Dokumentation über den Judenhass projüdisch sein müsse, antwortete der nur, allerdings zögernd: „Pro-menschlich.“

Es ist einmalig, dass ein machtbewusster Fernsehdirektor zögert, sich klar auf die Seite der Opfer zu stellen und stattdessen seine Antwort im allgemein menschlichen auflöst. Wenn das die Lehre aus dem skandalösen Umgang mit dieser Dokumentation und mit dem Thema Judenhass ist, dann war der erwähnte Streit nur ein Auftakt. Leider.

 


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