„Wir brauchen mehr Netizens.“

Candlelight-Demonstrationen, medienkritische Websites und Gamerproteste in Asien berufen sich auf ein Buch, das vor zwanzig Jahren erschienen ist. Was ist aus den Hoffnungen auf die politische Partizipation der Netzbürger geworden?

„Für mich sind die chinesischen World of Warcraft-Aktivisten Netizens, ebenso wie diejenigen, die dazu beigetragen haben, Links und Kopien des Videos zu verteilen“, meint Jay Hauben. Er greift damit eine Hoffnung auf, die von Anfang an auf das Internet gerichtet wurde: „Das Netz befähigt die Menschen überall auf der Welt zu einer größeren Beteiligung an immer mehr Bereichen ihrer Gesellschaft.“

Unter „Netizen“ versteht Jay Hauben nicht einfach alle Onliner, sondern insbesondere diejenigen, die sich im Netz konstruktiv für soziale und politische Belange einsetzen. Vor allem in Asien nutzen Onliner das Netz kreativ für gesellschaftliche Forderungen. „Ich habe dort gelernt, dass das koreanische Wort für NetizenNetizen’ ist, auch wenn es koreanisch ausgesprochen wird“, sagt Ronda Hauben. „Es war sehr ermutigend zu sehen, dass unser Buch in Südkorea bekannt war.“

Vor zwanzig Jahren, im Jahr 1997, veröffentlichte Ronda Hauben zusammen mit ihrem Sohn Michael das Buch Netizens: On the History and Impact of Usenet and the Internet (online verfügbar hier). Was ist aus den Hoffnungen auf die politische Partizipation der Netzbürger geworden? Im Mai 2017 sprach Gabriele Hooffacker in Leipzig mit Jay und Ronda Hauben.

 

Buchcover "Netizens"

Buchcover „Netizens“

Michael Hauben (1973–2001) hat ab 1992 an der Columbia University die Foren und Newsgroups des Internets untersucht. Er war begeistert vom gegenseitigen Respekt der ersten Onliner und von den Möglichkeiten für Wissenschaft und gesellschaftliche Partizipation. Ihm schwebte eine globale Netz-Staatsbürgerschaft der „net.citizen“ vor, was Hauben zu „Netizen“ zusammenzog. Seine Eltern, Ronda als akkreditierte UN-Journalistin, Jay als Bibliothekar, haben auf ihren Reisen rund um den Globus Aktivisten gefunden, die sich auf Haubens Ideen beziehen.

 

Die „Candlelight“-Demonstrationen in Südkorea

Vom 29. Oktober 2016 bis 29. April 2017 gab es in Südkorea 23 sogenannte Candlelight-Demonstrationen. Auf der re:publica 17 in Berlin berichtete Ronda Hauben, wie es diesen Demonstrationen gelungen ist, die Nationalversammlung und das Verfassungsgericht zu stärken, um Untersuchungen zu Park Geun-hye und letztendlich den Regierungswechsel in Südkorea herbeizuführen.

Die Candlelight-Demonstrationen wurden über das Internet bekannt gemacht und verbreitet. „Bereits 2008 erzielten die koreanischen Netizens einen Erfolg“, erzählt Ronda Hauben. Der damalige südkoreanische Präsident Lee Myung-bak unterzeichnete damals eine Vereinbarung mit der US-Regierung, um die Einfuhr von Rindfleisch nach Südkorea zu erleichtern. Dabei wurden die hygienischen und gesundheitlichen Vorschriften deutlich gelockert. Am 29. April 2008 brachte ein südkoreanischer Fernsehsender einen Dokumentarfilm, der die geringen US-Sicherheitsvorkehrungen bei der Inspektion von Rindfleisch für die Mad Cow Disease („Rinderwahnsinn“) enthüllte. Nach umfangreichen Online-Diskussionen über den Rindfleisch-Deal fand am 2. Mai 2008 die erste Candlelight-Demonstration von koreanischen Schülerinnen und Schülern statt. In mehr als 100 Nächten folgten weitere Candlelight-Demonstrationen in Form von gewaltlosen Abendwachen mit Kerzen. Menschen aller Altersstufen und alle Lebensbereiche nahmen teil, von Studierenden über Familien bis hin zu älteren Menschen.

Bald demonstrierten sie nicht nur gegen die Rindfleisch-Vereinbarung zwischen den USA und Südkorea, sondern forderten, dass es unter Lee und seiner konservativen Partei nicht zu einem Rollback der autokratischen Herrschaft in Südkorea komme. Demonstrationen mit diesen Forderungen hatte es bereits in den 1980er und 1990er Jahren gegeben, doch waren diese teilweise blutig niedergeschlagen worden. Jetzt wurden sie wie Feste gefeiert, es wurde gesungen und gespielt. Und die Demonstranten dokumentierten mit Laptops und Digitalkameras ihre Aktionen und sandten sie in die ganze Welt. Bereits damals nannten sie sich „ Netizens“. An diese Tradition knüpften die Demonstranten von 2017 an.

 

Medienkritik aus China

Am 14. März 2008 kam es in Lhasa, der Hauptstadt der Autonomen Region Tibet in China, zu gewalttätigen Auseinandersetzungen. Die chinesischen Medien stellten die tibetischen Aktionen als Gewalt gegen Han-Chinesen und muslimische Chinesen dar, die von der tibetischen Exil-Regierung ausgegangen sei. Jay Hauben sagt: „Ein Großteil der internationalen Medien wie BBC, VOA und CNN verstanden die Gewalt als Ergebnis der diskriminierenden chinesischen Herrschaft und der Brutalität der chinesischen Polizei gegen tibetische Demonstranten.“ Diese Darstellung in den westlichen Medien sei ungenau und irreführend gewesen, so Jay Hauben. Dabei wurden Fotos wurden falsch zugeordnet; beispielsweise wurde die nepalesische Polizei konsequent als chinesisch betitelt. Ein BBC-Foto zeigt einen Krankenwagen, um „schwere militärische Präsenz“ zu illustrieren.

Rau Jin, ein junger Hochschulabsolvent, startete daraufhin die Watchdog-Website www.anti-cnn.com. Er verstand sich als Netizen mit aufklärerischem Anspruch. Um den Medien-Bias zu überwinden, wollten die Aktivisten die Kommunikation zwischen den chinesischen Internetnutzern und den Internetnutzern außerhalb Chinas fördern. „Wir sind nicht gegen die westlichen Medien, sondern gegen die falschen Geschichten in diesen Medien“, schrieben sie auf ihrer Website. Bald arbeiteten rund 40 Ehrenamtliche mit, und die Website wurde stark besucht. Sie förderte den Austausch zwischen Han-Chinesen und Uigur-Chinesen, und es kam zu intensiven Debatten.

Jay und Ronda Hauben mit der Autorin (2007)

Jay und Ronda Hauben mit der Autorin (2007)

Besucher aus dem Ausland veröffentlichten auf dem Anti-CNN-Forum Kritik an der Zensur durch die chinesischen Regierungsmedien. Chinesische Nutzer stimmten dem prinzipiell zu. Dabei argumentierten sie jedoch zum einen, dass die Zensur einfach zu umgehen sei, zum andern, dass viele Gesellschaften einen solchen Medien-Bias hätten, und dass die Netizens überall auf der Welt wagen müssen, selbst zu denken und Informationen aus vielen Quellen erhalten. Ein chinesischer Netizen schrieb: „Wenn die Leute es wagen zu zweifeln, wagen ihre eigenen Gedanken zu denken, dann können sie nicht mehr so leicht getäuscht werden.“

Während des Jahres 2008 fanden auf der Anti-CNN-Website weitere gesellschaftliche Debatten statt. Nach den Olympischen Spielen wurde über die Zukunft der Site diskutiert. Inzwischen (seit April 2011) wurde sie als M4.cn neu gestartet, eine aufwändige Website, die auf ein junges Zielpublikum ausgerichtet ist.

Auch mit nationalistischen Äußerungen mussten sich die Moderatoren auseinandersetzen. Sie forderten die Diskutanten auf, auf Emotionalisierung zu verzichten und stattdessen einen rationalen Diskurs zu führen, der sich auf die Darstellung von Fakten und die Wiedergabe der unterschiedlichen Meinungen stützt. Diejenigen, die den internationalen Dialog über nationale und ethnische Grenzen hinweg führen wollten, verstanden sich als Netizens, sagt Jay Hauben.

 

Online Gamer als Netizens

Auch von einem fantasievollen Online-Protest chinesischer Gamer berichtet Jay Hauben. In China gibt es fast 400 Millionen Nutzer, die mindestens gelegentlich Online-Games aller Sportarten spielen. Über 5,5 Millionen chinesische User spielten die chinesische Version des Massive-Multiplayer-Online-Rollenspiels World of Warcraft.

Wer World of Warcraft auf Servern in China spielte, erlebte das oft als frustrierend und unangenehm. Neue Versionen des Spiels wurden um Monate verzögert veröffentlicht, da die Spielfirmen mit den Regierungsbehörden verhandelten, welche Inhalte geändert werden mussten. Darüber hinaus gab es ab 2009 eine umfangreiche Kampagne der chinesischen Regierung gegen das Phänomen der Internet-Sucht. Im Fokus: World of Warcraft.

Das Spielen von World of Warcraft erfordert, dass die Spieler bei ihren Spielaufgaben zusammenarbeiten. Die chinesischen Gamer diskutierten ihre gemeinsame Frustration in Online- Gamer-Foren. Einige richteten ihre eigenen Game-Server ein. Eine wachsende Zahl verschaffte sich über Spiele-Server außerhalb von China, vor allem in Taiwan, Zugang. Und eine Gruppe schuf ein 64-minütiges animiertes Video mit dem Titel „War of Internet Addiction“ mit Quellenmaterial aus World of Warcraft.

Darin kämpfen die World of Warcraft-Charaktere der „Skeleton Party“ mit dem „Green Monster“ um die Kontrolle von Azeroth. Das grüne Monster ist dabei eine Anspielung auf die Filtersoftware Green Dam Youth Escort, die auf möglichst allen PCs in China installiert werden sollte, um „vulgären Inhalt“ zu filtern. Die Charaktere kämpfen hier mit „Shouting Beast Yang“, benannt nach Yang Yongxin, dem Leiter des staatlich geförderten „Behandlungs- und Rehabilitationszentrum für Online-Süchtige“. Für die Gamer ist er ein Beispiel für eine medizinische und akademische Einrichtung in Absprache mit der Regierung, den Zugang zu ihrem Freizeitspiel zu regeln. „Schreiendes Biest“ auf Chinesisch ist ein Wortspiel auf dem chinesischen Wort für „Professor“. Yang wird als manipulativer und geldgieriger Typ dargestellt.

Die ganze Erzählung und die Handlung ist voll von Parodien und Wortspielen. „Die Botschaft heißt Widerstand und Solidarität“, sagt Jay Hauben. Ziel sei das Recht auch für chinesische Spieler, das Internet zu benutzen, um Spiele ihrer Wahl ohne Regierungsbeschränkungen und -kontrolle zu spielen. Aber sie kritisiert auch die Kommerzialisierung, den Machtmissbrauch und die soziale Ungleichheit in der chinesischen Gesellschaft. So werden beispielsweise korrupte Verkehrspolizisten dargestellt, die von gewöhnlichen Autofahrern Geld durch einen Trick namens „Taxi-Falle“ erpressen.

Am Ende des Videos hält der Rebellen-Führer Kan Ni Mei eine lange und leidenschaftliche Rede: „Yang Yongxin, wir sind die Generation, die mit den Computerspielen aufgewachsen ist. In diesen vielen Jahren haben sich die Menschen verändert und die Spiele haben sich geändert. Aber unsere Liebe zu Computerspielen hat sich nicht verändert und der benachteiligte Status der Spieler in dieser Gesellschaft hat sich nicht verändert . (…) Nachdem wir den ganzen Tag hart gearbeitet haben und nach Hause in unsere überteuerte Wohnung kommen, treffen wir auf eine verzerrte Version des Spiels. Ja, wir sind süchtig, aber nicht nach dem Spiel, sondern nach dem Gefühl der Zusammengehörigkeit, das die Spiele uns geben. Wir sind süchtig nach den Freunden und Emotionen, die wir über vier Jahre geteilt haben (…) Hast du dich jemals gefragt, warum fünf Millionen Gamer zusammen dieses Netzgift nehmen (wie du unsere Sucht auf das virtuelle Spiel beschreibst)?“ Shouting Beast Yang antwortet herablassend: „Nette Rede, aber es ist nutzlos, du hast eine Stimme, also was soll’s? Die Macht hinter mir kann alle deine Stimmen leicht überwältigen.“ Am Ende des Videos wird Shouting Beast Yang besiegt, warnt aber, dass ein weiteres Biest seine Arbeit fortsetzen werde.

Der Regisseur des Videos war ein 26-jähriger Netzwerk-Ingenieur aus Peking; er nutzte seinen Gamer-Namen Corndog. Am 21. Januar 2010 wurde das Video auf ein paar Videoplattformen veröffentlicht. Innerhalb weniger Tage hatte es Millionen von Aufrufen und Kommentaren. Einige Netizens fügten chinesische Untertitel hinzu, so dass Sprecher verschiedener Mandarin-Dialekte es verstehen konnten. Englische Untertitel wurden von einem chinesischen Studenten im Staat New York ergänzt. In den Kommentaren, die auf den Videoplattformen und anderswo gepostet wurden, sagten viele, dass sie sehr berührt waren, weil das Video ihre Situation als Gamer und insgesamt so gut erfasst habe.

Jay Hauben sagt: „Corndog und seine Mitarbeiter verteidigten die Rechte von Online-Spielern auf ein Internet, das sie sich ohne übermäßige Regierung oder soziale Einmischung wünschen.“ Seiner Einschätzung nach tragen die Macher von „War of Internet Addiction“ zu einer Kultur von unten bei, die spielerisch und satirisch die staatliche Reglementierung umgehe, ohne dass man sie zensieren könne.

Michael Hauben forderte 1997 die Watchdog-Funktion des Internets bezüglich der Medien ein (in Kapitel 18 „Der Computer als Instrument der Demokratisierung“). Für Jay und Ronda Hauben sind solche netzbasierten Auseinandersetzungen über soziale und politische Fragen wie die beschriebenen Aktionen aus Asien Beispiele für Netizens, die Hoffnung machen: „Wenn die Bevölkerung anfängt, über Themen zu diskutieren, die sie betreffen, dann fangen auch die Mainstream-Medien an, sich mit solchen Themen zu beschäftigen.“ Jay Hauben glaubt nach wie vor: „Eine neue demokratische Welt wird möglich. Wir brauchen mehr Netizens.“

 

 

Weiterführende Links:

Ronda Haubens Netizenblog bei der taz: http://blogs.taz.de/netizenblog/

Interview mit Ronda und Jay Hauben (2007): https://www.journalistenakademie.de/szkaf/dwl/Back_to_the_roots_of_journalism.pdf

 


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