Der „ausgewogene“ Judenhass

| 08.06.2017 | 6 Kommentare

WDR und ARTE wollen eine von ihnen selbst beauftragte Antisemitismus-Doku aufgrund angeblich mangelnder Ausgewogenheit nicht zeigen. Nur ein Beispiel für einen nicht nur unter Programmmachern grassierenden Irrsinn.

Abgesehen von den Frauen oder Männern, die im Supermarkt den Käse oder die Wurst, Gehacktes oder Oliven abwiegen, weiß niemand so richtig, was ausgewogen bedeutet. Im Supermarkt wird digital ausgewogen. Es wird so lange Käse auf eine Waage gelegt, bis das von mir erbetene Käsegewicht erreicht ist. Gleichzeitig wird der dem Käse pro Gramm oder Kilogramm zugeordnete Käse-Preis angezeigt. Es ist ein Vorgang mit einem Anfang und einem Ende, ein Vorgang, der sich um etwas Materielles, um Gewicht und Preis dreht. Die Aussage, die den Abschluss des Abwiegens festhält, lautet: Es ist ausgewogen. Komödiantisch gesehen lautet der Schlusssatz: Darf’s auch etwas mehr sein. Aber das ist eben Komödie.

Abgesehen von den Beschäftigten der Supermärkte weiß tatsächlich niemand genau, was ausgewogen bedeutet; schon gar nicht was es mit dem dazu gehörenden Hauptwort auf sich hat, mit der Ausgewogenheit.

Ein …heit am Ende eines Wortes bedeutet stets mehr als das Adjektiv aus der entsprechenden Wort-Familie. Aus hoch wird Hoheit; aus krank wird die Krankheit, aus verrückt die Verrücktheit. Im Gegensatz zu Krankheit und Verrücktheit scheint die Ausgewogenheit ein erstrebenswerter Zustand zu sein, ein Zustand, der über das Käse-Beispiel des aus- oder abgewogen Werdens hinausreicht.

Hierzu habe ich ein Beispiel ausgesucht, und zwar das Kuratorium der Landeszentrale für politische Bildung des Landes Mecklenburg-Vorpommern. Im offiziellen Text dazu heißt es: „Das Kuratorium gewährleistet die parteipolitische Ausgewogenheit der Arbeit der Landeszentrale.“

Es gibt also auch eine parteipolitische Ausgewogenheit. Darunter verstehe ich, dass in den Publikationen der Landeszentrale nicht ständig nur eine Partei vorkommt, sondern dass alle Parteien nach politischem Gewicht im Parlament, nach der Bedeutung von Initiativen, Vorhaben und Gesetzen für die Bevölkerung des Landes dargestellt werden. Einfach ist das gewiss nicht. Das Kuratorium reckt sich ja nicht nur nach Ausgewogenheit (Faust II, Kapitel 63: Wer immer strebend sich bemüht, Den können wir erlösen“). Es hat Ausgewogenheit zu gewährleisten!

Daher besteht dieses Kuratorium aus zwölf Personen des wissenschaftlichen und öffentlichen Lebens, die der politischen Bildung nahe stehen. Aktuell seien das: „Sebastian Ehlers, MdL, CDU-Landtagsfraktion (Vorsitzender), Dr. Cathleen Kiefert-Demuth, Geschäftsführerin Frauenbildungsnetz Mecklenburg-Vorpommern (stv. Vorsitzende), Holger Arppe, MdL, AfD-Landtagsfraktion, Rasho Janew, Mitarbeiter Landtagsfraktion Die LINKE, Dirk Lerche, MdL, AfD-Landtagsfraktion, Simone Oldenburg, MdL, Vorsitzende der Landtagsfraktion Die LINKE, Marc Reinhardt, MdL, CDU-Landtagsfraktion, Ingo Schlüter, stellvertretender Vorsitzender des DGB-Nord/Landesbüro M-V, Prof. Dr. Ralph Weber, MdL, AfD-Landtagsfraktion, Frederic Werner, Leiter Friedrich-Ebert-Stiftung, Landesbüro Mecklenburg-Vorpommern, Markus Wiechert, Regierungsbeauftragter der Nordkirche für Mecklenburg-Vorpommern, Susann Wippermann, MdL, SPD-Landtagsfraktion.

Herr Arppe ist, so entnehme ich dem Stern, wegen Volksverhetzung verurteilt worden.

Herr Lerche, der ebenfalls im zwölfer-Gremium sitzt, beschäftigt laut TAZ eine Mitarbeiterin, die schon mal mit Blick auf die Flüchtlinge gesagt hatte: „Wir holen uns alle Krankheiten der Welt ins Land.

Herr Professor Weber wurde von der eigenen Partei abgemahnt, weil er, wie die FAZ berichtete, „Deutschland den Deutschen“ proklamierte und das „Biodeutsche“ daran band, dass zwei deutsche Eltern und vier deutsche Großeltern vorhanden sind.

Wie kriegt Mensch da Ausgewogenheit hin? Das stelle ich mir extrem schwer vor, wenn’s nicht gar unmöglich ist.

Und nun haben ARTE und der WDR wegen geforderter „Ausgewogenheit“ einen richtigen Skandal am Halse. Beide Sender weigern sich, eine Fernsehdokumentation über Judenhass wegen fehlender Ausgewogenheit zu senden, obgleich dieser Film nach Auffassung von Experten wie dem Historiker Götz Aly hervorragend ist.

„Auserwählt und ausgegrenzt – Der Hass auf Juden in Europa“ lautet der Titel der Dokumentation. Die fehlende Ausgewogenheit wird konstatiert, weil der Publizist Ahmad Mansour als Koautor ausfiel. Der Mann sollte „die Ausgewogenheit des Projekts garantieren“, schrieb ARTE-Chef Alain Le Diberder. Mansour stammt aus einem arabischen Dorf in Israel, er lebt seit vielen Jahren in Deutschland. Er hat die Dokumentation nicht als Koautor begleitet, aber als Berater mitgearbeitet. Mansour ist Psychologe von Beruf.

Le Diberders Argument war vorgeschoben. Der WDR folgte diesem Irrsinn. Bereits im März 2017 stand der Sender am Rand eines Skandals. Damals hatte er einen Film mit dem Titel „Holland in Not – wer ist Geert Wilders“ ausgestrahlt. Der enthielt absurde Behauptungen über jüdische Geldgeber Wilders. Zuerst erklärte der Sender, der Film sei nicht zu beanstanden, dann hieß es, der Film sei in Teilen missverständlich. Er wurde folglich „bearbeitet“.

Zurück zur Ausgewogenheit. Judenhass entsteht nicht durch Wissen, durch Kenntnis oder Erfahrung. Judenhass entsteht, weil es Juden gibt. Judenhass hat dementsprechend keinen rationalen Grund. Nicht der Jude hat ein Problem, weil er in Berlin oder Frankfurt lebt, sondern der- oder diejenigen, die die Existenz eines Juden als „irgendwie“ anstößig empfinden und das „irgendwie“ rauslassen müssen. Weil das so ist, gibt es da auch nichts auszuwiegen und abzuwägen.

Schickt also die Programm-Gestalter, die über fehlende Ausgewogenheiten stolpern, an die Käsetheken der Welt! Da können sie auswiegen, was das Zeug hält und ganz un-komödiantisch fragen: Darf’s auch etwas mehr sein?

 

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