Digitale Gewöhnung

Die Einsicht nach den #londonattacks, dass ein Gewöhnungsmonster in mir wohnt

Als ich morgens schlaftrunken aufs Telefon schaue, begrüßt mich das üblich aufgeregte Display: Pushmeldung reiht sich an Pushmeldung. Dieser Tage ist das kein ungewöhnlicher Anblick. Seit dem 20. Januar muss mein Handy nachts Doppelschichten schieben. Denn das ist die Zeit, in welcher der Patient @realdonaldtrump besondere digitale Betreuung fordert. Er leidet Koliken. Das ist bei Kleinkindern schon mal so, sagen mir befreundete Eltern. Insbesondere auf Twitter scheint er zu europäisch nächtlicher Zeit nicht gut einhalten zu können. Armes Kerlchen.

Am Morgen des 4. Juni 2017 wäre mir ein digitales Luftlassen des amerikanischen Präsidenten lieber gewesen, als der tatsächliche Grund für die vielen Meldungen. Diesmal mussten Journalisten insbesondere europäischer Nachrichtenredaktionen Doppelschichten schieben. London. Allein dieser Ort löst in mir das Gefühl aus, dass es schon wieder passiert ist. Ein Anschlag. Wahnsinn, Menschenverachtung, Terror.

Das Lesen der ersten Nachricht bestätigt den Verdacht, der alleine die Nennung des Anschlagsorts ausgelöst hat. Wieder sind Menschen ermordet worden. Ihnen wurden auf niederträchtige Weise das Leben genommen, als sie samstagabends eine Sommernacht an der Themse genießen wollten. Ich lese nur eine der vielen Pushmeldungen, die Details interessieren mich kaum. Einer der ersten Gedanken ist, dass es den Menschen, die ich in London kenne, hoffentlich gut geht, dass ihnen nichts passiert sein möge. Mich überfällt eine Schwermut, als ich realisiere, dass ich auch an diesem Tag eine Mail an die UK-Kollegen schreiben werde. Darin werde ich mich erkundigen, ob mit ihnen und ihren Liebsten alles ok ist – so ok, wie es eben sein kann. Ich bin ein emotionaler Mensch und reagiere in solchen Situationen häufig mit einer Scheißwut. Diesmal ist es anders. Es ist eher Leere und Mutlosigkeit. Bei Twitter schicke ich das Foto einer Kerze in den digitalen Orbit. #LondonAttacks möchte ich nicht dazuschreiben und denke mir, dass wohl jedem meiner gefühlt dreißig Follower klar sein wird, welches Ereignis dem Post zugrunde liegt. Besorgte Nachfragen zeigen mir, dass ich mit dieser Annahme falsch liege. Schließlich lösche ich den Tweet wieder. Er fühlt sich ohnehin banal und belanglos an.

Den ganzen Tag über denke ich, dass ich diese Email an meine Kollegen schreiben sollte. Immer wieder schaue ich auf mein berufliches Handy. Vielleicht hat ein anderer deutscher Kollege bereits geschrieben? Nein, in dieser Hinsicht herrscht Ruhe im Posteingang. Am späten Nachmittag formuliere ich schließlich die nachfragenden Zeilen. Sie sollen mitfühlend klingen und ausdrücken, dass wir uns aufrichtig fragen, ob alle wohlauf sind. Selbstkritisch betrachtet, schwingen in dieser Email – vielleicht erstmals – Resignation und Mutlosigkeit mit. Nur für mich zähle ich auf, wie viele Nachfragen dieser Art zwischen uns Kollegen im letzten Jahr hin und her gingen. Spontan komme ich auf sechs: Brüssel, München, Berlin und immer wieder UK. Verschiedentliche Motive, vergleichbare Sorgen. Und da ist er, der leise Verdacht, dass wir Menschen tatsächlich Gewöhnungstiere sind. Bei den ersten Anschlägen dauerte es keine zehn Minuten, dass wir nachgefragt und uns besorgt gezeigt haben. Auch als der vorweihnachtliche Terror am Breitscheidplatz seinen Weg gebahnt hat, klingelte und summte mein Handy unentwegt. Heute Totenstille.

Es beschleicht mich, dass ich nicht nur ein Gewöhnungstier, sondern gleich ein ganzes Gewöhnungsmonster bin. Ich gewöhne mich mehr und mehr an diese Pushmeldungen. Das gilt nicht nur für Anschläge an für mich abstrakten Orten, die ich noch nie besucht habe, zu denen ich keinen besonderen Bezug habe. Die Erkenntnis an diesem Sonntag ist, dass sich die Gewöhnung mittlerweile auch dann einschleicht, wenn ich selbst in unmittelbarer Verbindung zu dem Ort und mit den dort lebenden Menschen stehe. Machte ich letztes Jahr noch in der gleichen Sekunde den Fernseher an und las parallel sämtliche Onlineartikel, so lasse ich das heute sein. Die Nachrichten sickern langsamer zu mir durch. Griff früher meine Hand sofort zum Telefon und tippte besorgte Nachrichten, so resigniere ich heute darüber, schon wieder diese Fragen stellen zu müssen. Ich gewöhne mich an die digitale Aufgeregtheit auf meinen Sperrbildschirm und ich gewöhne mich auch daran, digital meine Sorgen und mein Mitgefühl ausdrücken zu müssen. Zu müssen? Moment, gestatte ich mir hier etwa Selbstmitleid? Mir, der nichts passiert ist?

Nun breitet sich doch noch die gewohnte Scheißwut in mir aus. Die Wut auf mich selbst, denn so will und werde ich nicht sein. Es gibt zwar keinen Grund zur Hoffnung, dass es die letzte Email dieser Art zwischen uns Kollegen war, oder wie ein UK-Kollege antwortete: „suspect not the last of these emails we see.“ Ich lese erneut unseren internen Emailverkehr und mir springt ein Satz ins Auge, den ich selbst geschrieben habe. Vielleicht bin ich doch nicht gänzlich mutlos und überlasse dem Gewöhnungsmonster nicht kampflos mein Innerstes – zumindest noch nicht heute: „It might be the new normal, but we will never get used to it.“ That’s it.

 

 

Like what you see? Hier CARTA bei Facebook liken.

Was Sie tun können, um CARTA zu unterstützen? Folgen, liken und teilen Sie uns auf Facebook und Twitter. Unterstützen sie uns regelmäßig über die Plattform steady oder spenden Sie an den CARTA e.V. Wenn Sie über neue Texte und Debatten auf CARTA informiert werden wollen, abonnieren Sie bitte unseren Newsletter.