Populisten Paroli bieten

Große Reden verwandeln Ängste in Hoffnungen, Wut in Sehnsucht und Enttäuschungen in Zukunftsträume. Über das Reden(schreiben) in postfaktischen Zeiten

Die große öffentliche Rede ist tot. Gefühlt jedenfalls, und darauf kommt es in postfaktischen Zeiten ja angeblich an. Auf die „gefühlte Wahrheit“. Und wer am Puls der Zeit fühlt, spürt entweder den schnellen Schlag populistischer Parolen, gewissermaßen die Herzrhythmusstörungen der Demokratie, oder die sedierende Wirkung hohler Phrasen, die unsere Demokratie in eine Art künstliches Koma versetzen. Das Lamento, dass es den politischen Protagonisten an visionärer Kraft und ihren Reden an mitreißenden Erzählungen fehle, zieht sich wie ein roter Faden durch die Krisenberichterstattung der vergangenen Jahre. Finanzmarktkrise, Eurokrise, Flüchtlingskrise, Demokratiekrise – und weit und breit keine „Blut, Schweiß und Tränen-Rede“, kein „Ich habe einen Traum“, kein „Völker der Welt, schaut auf diese Stadt“. Stattdessen Fertigteil- Rhetorik nach dem Baukastenprinzip: „die Menschen in unserem Land“, „gemeinsam aktiv Zukunft gestalten“, „ein Schritt in die richtige Richtung“, und, gewissermaßen das „Amen“ gebetsmühlenhafter Ansprachen: „Wir sind auf einem guten Weg“.

 

Ist die große, demokratische Rede tatsächlich tot?

 

Wahr ist jedenfalls, dass das Vertrauen in die Kraft des besseren Arguments gelitten hat, seit Populisten unerwartete Triumphe feiern. Mit ihrer Hetze gegen Andersdenkende und Andersglaubende, mit der Verleumdung unabhängiger Medien als „Lügenpresse“ und gewählter Volksvertreter als „Volksverräter“ und mit dem Versprechen einfacher Lösungen für komplexe Probleme schüren die selbst ernannten Vollstrecker des Volkswillens nicht nur Ängste, Hass und Vorurteile. Sie schaufeln der Demokratie das Grab, indem sie das Vertrauen in Fakten und Argumente zerstören – und damit auch den demokratischen Grundkonsens, dass es sich lohnt, einander zuzuhören und Konflikte durch Verständigung zu lösen.

Doch um die Anziehungskraft populistischer Politik zu verstehen, sollten wir nicht allein und auch nicht zuallererst der Rhetorik der Populisten, sondern zunächst einmal der Rhetorik der Anti-Populisten Aufmerksamkeit schenken: der Rhetorik der Befürworter einer offenen, pluralistischen Gesellschaft in Politik, Wirtschaft und Medien, die eines gemeinsam haben, nämlich ein gewisses Maß an Respekt gegenüber anderen Sichtweisen – die Überzeugung, dass es unterschiedliche legitime Meinungen gibt, und dass keine Autorität über Zweifel und Kritik erhaben ist, auch nicht die eigene. Eben diese aufklärerische Geisteshaltung unterscheidet Demokraten von Populisten – auch wenn es populär geworden ist, „Populist“ in Debatten einerseits als Schimpfwort zu missbrauchen, um den demokratischen Gegner zu diskreditieren, andererseits aber „mehr Populismus“ einzufordern, um für mehr Volksnähe in der Politik und mehr Klartext in der Rhetorik zu plädieren.

Dieser Sprachgebrauch vernebelt den Blick für die Gefahren des Populismus. Die Populisten, von denen ich rede, erheben als „Stimme des Volkes“ einen politischen Alleinvertretungsanspruch. Die Populisten, um die es mir geht, dulden keine Opposition, verdammen Andersdenkende mit jakobinischer Gnadenlosigkeit und unterlegen die eigene Meinung mit fundamentalistischem Wahrheitsfuror. Die Populisten, die mir Angst machen, agitieren gegen Pluralismus und Demokratie. Dass sie dafür Gehör und Gefolgschaft finden, hat nicht nur mit der Eingängigkeit der Melodien zu tun, die sie anstimmen. Es hat auch damit zu tun, dass die oft nur entfernt an Reden erinnernden, floskelhaften Verlautbarungen demokratischer Redner die Zuhörerschaft in einen Zustand zwischen lethargischer Gleichgültigkeit und latenter Gereiztheit versetzen – so wie die auch nur entfernt an Musik erinnernde Beschallung in Einkaufszentren und Fahrstühlen. Laut einer aktuellen Emnid-Umfrage ärgern sich mehr Menschen über die unverständliche Sprache der Politiker als über die kryptischen Formulierungen in den Formularen ihrer Steuererklärung, und das sollte nicht nur Steuerberatern Anlass zur Besorgnis geben. Denn im Schatten der Phrasen und Plattitüden blühen die populistischen Parolen. Wer den Totengräbern der Demokratie den Wind aus den Segeln – oder besser gesagt: die Erde von der Schaufel – nehmen will, jäte also zunächst rhetorisches Unkraut: Banalitäten und Gemeinplätze, Bürokratendeutsch und Technokratensätze.

Damit ist es aber nicht getan. Denn die Unverständlichkeit des öffentlichen Redens schadet nicht nur dem Ansehen derer, die öffentlich zu Wort kommen – der „Elite“, der Populisten den Kampf angesagt haben. Die Unverständlichkeit des öffentlichen Redens verstärkt seit langem auch das Gefühl des Fremdseins im eigenen Land: jenes Gefühl, das Populisten so geschickt für sich und zur Stimmungsmache gegen Einwanderung, gegen Europa, gegen Globalisierung zu nutzen wissen. „Heimat ist da, wo ich verstehe und wo ich verstanden werde.“ So hat der Philosoph Karl Jaspers den Urmenschlichsten aller Sehnsuchtsorte einmal beschrieben. So gesehen fühlen sich Menschen, die im wahrsten Sinne des Wortes die Welt nicht mehr verstehen, wie Heimatvertriebene – und es ist eine gefühlte Heimatlosigkeit, ein diffuses Heimweh, das den Populisten Zulauf beschert. Tatsächlich gedeiht der Populismus vor allem in der Wüste der Entfremdung, eine Fata Morgana, die nicht nur Fanatiker, sondern Heimatlose aus unterschiedlichen Milieus anzieht: Menschen, die sich im demokratischen Meinungsstreit nicht verstanden, nicht wahrgenommen, nicht repräsentiert fühlen. „Heimat ist da, wo ich verstehe und wo ich verstanden werde.“ Unsere Demokratie muss in diesem Sinne Heimat sein. Unsere Demokratie braucht Reden, aus denen das aufrichtige Bemühen spricht, zu verstehen und verstanden zu werden.

 

Meinungen, die nicht nur zum Zwecke gegenseitigen Schulterklopfens vorgetragen werden, brauchen Übersetzungen, um außerhalb des Kreises Gleichgesinnter verstanden zu werden.

 

Verstehen und verstanden werden? Mache ich es uns Redenschreibern damit nicht ein bisschen zu einfach? Braucht es nicht vielmehr dringend rhetorische Aufrüstung? Verbales Kanonenfeuer, um von links Front zu machen gegen „Pack“, „Pöbel“ und „Nazis“ oder dem populistischen Feind von rechts den Weg abzuschneiden und als Speerspitze der Bewegung die Bodentruppen hinter sich zu sammeln? Ich glaube nicht. In beiden Fällen gewinnen erfahrungsgemäß die Populisten: Abwertung bestätigt den Eindruck, nicht verstanden zu werden. Vereinnahmung bestärkt das Gefühl, im Heer der Demokratieverächter gut aufgehoben zu sein. Es braucht gewiss kein Verständnis, aber zumindest ein gewisses Maß an Verstehen, um populistischen Parolen Argumente entgegen zu setzen, die zum Mitdenken verführen. Verstehen, um verstanden zu werden, das ist in unserem Beruf das Schwerste, das Mühevollste überhaupt. Es ist anstrengend und kostet Zeit und Überwindung, die eigene geistige Heimat zu verlassen und Fühlung aufzunehmen zur Welt der anderen, nachzuvollziehen, was Andersdenkende bewegt, was jenseits der Gründe die Ursachen und Motive ihres Denkens sind. Es ist deshalb so schwer, weil wir unsere eigene Meinung selbstverständlich für den Inbegriff des gesunden Menschenverstands halten. Es ist deshalb so schwer, weil wir oft aus der komfortablen Situation fehlender persönlicher Betroffenheit argumentieren, weil wir vielfach nur aus der Lektüre von Zeitungen und Fachvermerken, nicht aber aus eigener Lebenserfahrung kennen, wovon wir schreiben. Doch es ist ein großer Irrtum zu glauben, dass Verstehen nicht nötig ist – dass es ausreicht, gefühlt im Besitz der besseren Argumente oder der moralisch überlegenen Position zu sein. Es ist deshalb ein großer Irrtum, weil Fakten nie für sich sprechen. Wahrheiten gleichen jenen Kippbildern, in denen man entweder eine Vase oder zwei Gesichter sehen kann, aber niemals beides gleichzeitig. Was Vordergrund ist und was Hintergrund, wechselt im Lichte unterschiedlicher Erfahrungen, Interessen und Wertvorstellungen.

Meinungen, die nicht nur zum Zwecke gegenseitigen Schulterklopfens vorgetragen werden, brauchen deshalb Übersetzungen, um außerhalb des Kreises Gleichgesinnter verstanden zu werden. Die Übersetzer, das sind wir – wir Redenschreiberinnen und Redenschreiber. Wir müssen uns in diejenigen, die ein Redner erreichen will, hinein versetzen, um ein Gespür zu entwickeln, welche Worte, welche Formulierungen, welche Bilder und Erzählungen der Redner braucht, um sein Ziel zu erreichen und seine Argumentation aus einer anderen Gedanken- und Erfahrungswelt heraus zugänglich zu machen. Für die Frage, wie und wo man dafür Türen und Tore öffnen kann, gibt es keine Patentrezepte. Aus meiner persönlichen Erfahrung wage ich aber zumindest die Prognose, wann sie verschlossen bleiben.

Rednerinnen und Redner werden, erstens, unverstanden bleiben, wenn sie rhetorisch auf dem hohen Ross des Welterklärers daher kommen. Dass es Deutschland und den Deutschen so gut geht wie kaum je zuvor, mag statistisch belegbar sein und bei der Jahrestagung eines Wirtschaftsverbands für Feierlaune sorgen. Es hat aber möglicherweise nichts mit der Welt einer nach Mindestlohn bezahlten, um ihren Arbeitsplatz bangenden, alleinerziehenden Mutter zu tun, die für eine Recycling-Firma am Fließband Altkleider sortiert. Im Abstrakten gibt es keine Heimat. Verstehen und verstanden werden bedeutet, so konkret, so lebensnah wie möglich zu schreiben und zu erkennen, wo unbegründete Ängste Aufklärung erfordern und begründete Ängste politische Lösungen.

Zweitens: Auch die Moralkeule öffnet keine Türen. Der inflationäre Gebrauch von Nazi-Vergleichen und Rassismus-Vorwürfen verhärtet die Fronten, verhindert eine demokratische Auseinandersetzung mit nun mal vorhandenen Ängsten, liefert der populistischen Erzählung von der unterdrückten Stimme des Volkes neue Munition und verrät in der Immunisierung gegen Kritik eben jene demokratischen Ideale, die zu verteidigen unsere Aufgabe ist.

Drittens, bei allem Bemühen um rhetorische Türöffner: Verschlossen halten sollten wir unsere Debattenkultur vor Trojanischen Pferden. Damit meine ich populistische Kampfbegriffe, die zerstörerische Wirkung gerade dadurch entfalten, dass sie Eingang finden in den öffentlichen Sprachgebrauch. Worte transportieren eine Weltsicht. Wer ein mediales „Schweigekartell“ anprangert, um legitime Kritik an Fehlern oder Versäumnissen in der Berichterstattung zu üben, propagiert die Weltsicht der Populisten. Wer von einer „Herrschaft des Unrechts“ spricht, um legitime Zweifel an der Richtigkeit politischer Entscheidungen zum Ausdruck zu bringen, propagiert die Weltsicht der Populisten. Wer die Europäische Union als „Brüsseler Diktatur“ beschreibt, um legitime Forderungen nach Reformen zu untermauern, propagiert die Weltsicht der Populisten. Wer eine „Flutung des Landes mit Fremden“ beklagt, um legitime Einwände gegen die Art und Weise der Aufnahme Schutzsuchender zu formulieren, propagiert die Weltsicht der Populisten. Wer sich genau jener Begriffe bedient, mit denen Populisten Demokratieverachtung und Globalisierungsängste schüren, öffnet die Tore für Trojanische Pferde, aus denen die populistische Weltsicht ihren Weg ins Denken und Handeln der breiten Mehrheit findet. Schleichend verändert sich damit die öffentliche Wahrnehmung. Unabhängige Medien – Stützen der Demokratie – geraten als Teil eines „Schweigekartell“ unter den Verdacht, im Dienste feindlicher Mächte zu stehen. Deutschland und Europa scheinen, tituliert als „Herrschaft des Unrechts“ oder als „Brüsseler Diktatur“ gefühlt auf einer Ebene mit dem kommunistischen Unrechtsregime und der nationalsozialistischen Terrorherrschaft. So betrachtet, können jene sich als „wahre Demokraten“ feiern, die Widerstand leisten gegen das „System“ – um einen weiteren populistischen Kampfbegriff zu bemühen.

Deshalb ist es so wichtig, dass wir die Augen sehen, die in den Worten sitzen. Wir tragen Verantwortung für die Sprache, weil die Demontage der Demokratie in der Sprache beginnt und der zivilisierte Streit, der Austausch von Argumenten nur dort möglich ist, wo Demokratie Heimat ist – wo wir verstehen und verstanden werden. Es ist unsere Aufgabe, dafür einprägsame Bilder und treffende Begriffe zu finden – und Argumente, wenn sie kein Gehör finden, neu, anders, besser zu formulieren. Was also können, was müssen wir Redenschreiber als Übersetzer leisten, um zu einer Demokratie beizutragen, die in diesem Sinne „Heimat“ ist?

Erstens: Wir müssen die „Heimat“, die durch Abschottung und Ausgrenzung entstehen soll, als Fata Morgana entlarven. Populistische Parteien und Bewegungen leben vom Dagegensein und vom im Vagen bleiben. Der Verweis darauf, dass in Peenemünde auf Usedom, wo bei der vergangenen Landtagswahl jeder zweite AfD oder NPD gewählt hat, keine Flüchtlinge leben, wird Angst und Wut nicht beseitigen. Aber am konkreten Beispiel Selbstwidersprüche offen zu legen, nimmt den Versprechungen der Populisten die Glaubwürdigkeit und kratzt am Bild der Heilsbringer. Man kann zum Beispiel nicht gegen Windenergie in Mecklenburg-Vorpommern sein – und gleichzeitig gegen den Verlust von Arbeitsplätzen in einer Gießerei in Torgelow, in der Metallnaben für Windräder gegossen werden. Viele populistische Parolen entlarven sich selbst als Attrappen politischer Lösungen, wenn man sie argumentativ bis zum Ende durchdekliniert. Das ist unser Job als Redenschreiberinnen und Redenschreiber.

Zweitens: Wir sollten Rednerinnen und Redner dabei unterstützen, die Demokratie mit klaren und kraftvollen Worten als Heimat zu verteidigen. Diese im Grunde selbstverständliche Bereitschaft ist vielen in dem Maße abhanden gekommen, in dem der Imperativ der politischen Korrektheit jede Kritik an fremden Kulturen, Lebensweisen und Weltanschauungen in die Nähe des Rassismus und der Islamophobie rückte – mit dem Ergebnis, dass nun die Rechtspopulisten das Bedürfnis nach Selbstvergewisserung befriedigen. Demokratie mit kraftvollen Worten als Heimat zu verteidigen, heißt, Grenzen der Meinungsfreiheit, der Toleranz und der Vielfalt abzustecken. Wer Abschottung ablehnt, muss klare Grenzen ziehen: gegen Einstellungen und Glaubensinhalte, die demokratische Errungenschaften bedrohen. Grenzenlose Vielfalt führt zur Bedrohung der Vielfalt, grenzenlose Toleranz zum Verschwinden der Toleranz, grenzenlose Freiheit zur Abschaffung der Freiheit – und eine grenzenlose Heimat zum Verlust der Heimat. Für uns Redenschreiberinnen und Redenschreiber bedeutet das: Wir sollten Rednerinnen und Rednern zum rhetorischen Risiko raten und sie dafür bestmöglich vorbereiten. Denn klare Worte provozieren auf ideologisch vermintem Gelände nicht nur Kritik, sondern auch Polemik und falsche Verdächtigungen. Umso mehr kommt es darauf an, die Worte mit Bedacht zu wägen. Die Alternative zum rhetorischen Risiko ist, heiße Eisen gar nicht erst anzufassen und sie damit den Populisten zu überlassen. In der ZEIT war beispielsweise kürzlich zu lesen, dass die AfD gezielt um Menschen jüdischen Glaubens wirbt – und zwar mit Erfolg, trotz ihrer Forderungen nach einer vom Gewicht des Holocaustgedenkens befreiten Erinnerungskultur. Warum? Weil Juden in Deutschland den muslimischen Antisemitismus fürchten. Und weil viele offenbar das Gefühl haben, dass Demokraten diesen Antisemitismus „mit Migrationshintergrund“ hinter den Scheuklappen der politischen Korrektheit nicht sehen, jedenfalls nicht thematisieren wollen – aus Angst, als islamophobe Rassisten am Pranger zu stehen. Das allerdings wäre ein Armutszeugnis für die demokratische Rede- und Debattenkultur.

Ein dritter und letzter Punkt: Verstehen und verstanden werden heißt, politische Entscheidungen gleich welcher Art immer auch aus den Augen derjenigen zu sehen, deren Leben sie verändern. Der gesellschaftliche oder technologische Fortschritt der einen kann für die anderen den Verlust der Existenzgrundlage bedeuten. Man kann den Abschied von der Kernenergie, die Arbeitnehmerfreizügigkeit in Europa oder die Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland trotzdem als richtig und notwendig verteidigen. Wer dabei aber die subjektiven Gründe, eine Entscheidung abzulehnen, nicht wenigstens als nachvollziehbar anerkennt und sich weigert, sich damit auseinander zu setzen, macht es den Populisten umso leichter, Angst vor der Globalisierung und Wut auf die Eliten zu bewirtschaften. Je größer die Ablehnung, desto mehr Sorgfalt müssen wir darauf verwenden, auf der Beziehungsebene Vertrauen und Sympathie für den Redner, die Rednerin zu wecken: zum Beispiel, indem wir anknüpfen an persönliche Erfahrungen des Redners. Vor allem aber müssen wir Visionen von einer besseren Zukunft – von einem geeinten Europa, von einer weltoffenen Gesellschaft, von einem wettbewerbsfähigen Unternehmen, was auch immer Anliegen des jeweiligen Redners, der jeweiligen Rednerin ist – in eine Erzählung einbetten, in der auch diejenigen vorkommen, auf deren Kosten gesellschaftliche Veränderungen gehen.

Bleibt die Frage, woher das dafür notwendige Verstehen kommen soll: Wie lernt man zu verstehen, um verstanden zu werden? Aufbau und Argumentation, Sprache und Stil – all das lässt sich in Fortbildungen trainieren, und für die Anliegen, Werte und Interessen der Redner, für die wir schreiben, entwickeln wir Gespür in der täglichen Zusammenarbeit. Die Zuhörer dagegen sind immer wieder andere, und für Empathie und Vorstellungskraft, für die Fähigkeit, sich immer wieder in ganz unterschiedliche Menschen hinein zu versetzen, gibt es keine Workshops.

Hilfreich ist, die warme Schreibstube zu verlassen so oft es geht, und Rednerinnen und Redner zu begleiten, um im Publikum sitzend die Wirkung der Worte zu erspüren. Hilfreich ist auch, die eigene Echokammer zu verlassen, Fremden zuzuhören, und zwar nicht nur im digitalen, sondern auch im analogen Leben: raus aus dem eigenen Milieu, hinein in Lebenswelten, in denen Menschen andere Sorgen haben als die eigene geistige und politische Verwandtschaft. Hilfreich ist nicht zuletzt, Sprachroutinen zu verlassen – und damit auch die Routinen des eigenen Denkens. Mir persönlich hilft deshalb vor allem das Lesen, und wenn ich mir für unseren beruflichen Alltag etwas wünschen dürfte, dann wäre es nur dies: mehr Zeit zum Lesen. Denn im geschriebenen Wort – in Romanen und Erzählungen, aber auch in journalistischen Porträts und Reportagen – sind die Wahrheiten der Anderen nicht nur allgegenwärtig. In der selbstvergessenen Lektüre ist es möglich, sich eine fremde Wahrheit anzueignen und die Welt aus den Augen von Menschen zu sehen, mit denen man nichts gemein zu haben glaubte. Vor allem aber dringt poetische Sprache tiefer zur Wahrheit vor, als unsere Alltagssprache es vermag und als Bequemlichkeit und Gewohnheit es erlauben. Damit offenbart Literatur Wahrheiten, die in keinem Fachvermerk, in keiner wissenschaftlichen Studie und in keiner Statistik auftauchen. Ob wir nun tatsächlich in „postfaktischen Zeiten“ leben oder ob auch das wiederum nur eine gefühlte Wahrheit ist, will ich deshalb mit einem Gedicht von Herta Müller beantworten:

 

Man sieht, wie

die Wahrheit im Kopf

ihre eigene Wolke

und im Mund fremde

Koffer zieht.

 

Wir Redenschreiberinnen und Redenschreiber sollten, wo es um Wahrheit geht, auch die „eigenen Wolken“ und die „fremden Koffer“ sehen. Wir Redenschreiberinnen und Redenschreiber dürfen uns nicht nur mit Fakten, sondern müssen uns auch mit „gefühlten Wahrheiten“ auseinandersetzen. Denn es sind nicht die Fakten, sondern die gefühlten Wahrheiten, die von Hoffnungen, Sehnsüchten und Zukunftsträumen genauso wie von Ängsten, Wut und Enttäuschungen erzählen. Große Reden verwandeln Ängste in Hoffnungen, Wut in Sehnsucht und Enttäuschungen in Zukunftsträume. Das sind Sternstunden der Demokratie. Dem demokratischen Alltag wäre schon gedient, wenn aus jeder öffentlichen Rede schlicht und einfach das aufrichtige Bemühen spräche, zu verstehen und verstanden zu werden. Damit wird eine Rede es nicht in die Schlagzeilen, ja vielleicht noch nicht einmal in die Zeitung schaffen. Doch was kann eine Rede in diesen Zeiten Größeres erreichen, als unserer Demokratie zu geben, was Populisten ihr nehmen wollen: die Fähigkeit zur Verständigung, die Kraft, Heimat zu sein!

 

 

Dieser Text ist die geringfügig geänderte Fassung der Eröffnungskeynote bei der Tagung „Redenschreiben“ der Deutschen Presseakademie.

 

 

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