Die Zukunft der Arbeit – alternativlos

Anlässlich des Tages der Arbeit 2017 hat die Otto Brenner Stiftung die Studie „Die Zukunft der Arbeit als öffentliches Thema“ veröffentlicht. Mitautor Hans-Jürgen Arlt hat zentrale Beobachtungen zusammengestellt.

1. Die untersuchten 360 Beiträge der Jahre 2014 und 2015 aus elf bekannten deutschen Tages- und Wochenzeitungen (darunter SZ, FAZ, Handelsblatt, WELT, taz, ZEIT, Spiegel) vermitteln den Gesamteindruck, dass die Arbeit in einen epochalen technischen Umbruch geraten ist, der sich unaufhaltsam ereignet. Woher diese technische Revolution, genannt Digitalisierung, kommt, ist uninteressant, wohin sie führt, ist unbekannt oder umstritten.

Der Gedanke, dass der technische Umbruch selbst das Resultat von Arbeit ist, kommt nicht vor. Dass jede Technik, auch die Digitalisierung, in der Gesellschaft und von Angehörigen der Gesellschaft entwickelt und vorangetrieben wird, bleibt weitgehend unreflektiert. Das journalistische Interesse daran, wie wir morgen arbeiten werden, gilt am wenigsten der Frage, wer bestimmt, wie wir morgen arbeiten werden.

 

2. Die Darstellung der Arbeit der Zukunft in den Medien thematisiert zentral das Verhältnis von Mensch und Maschine. Die Veränderungsdynamik wird aufseiten der Technik, die Anpassungserfordernisse werden aufseiten der Organisationen und der Personen gesehen. Diese Bewertung der Technik als ursprünglicher Ursache, auf deren Wirkungen es zu reagieren gilt, beherrscht die Berichterstattung.

Deutschland insgesamt, seinen Organisationen und Personen wird empfohlen, sich möglichst an die Spitze der Digitalisierung zu setzen. Wem das nicht gelingt, der soll sich zumindest reibungslos anpassen: Die Wirtschaft, die Unternehmen, die Politik und die Bildung, die Gesellschaft insgesamt sollen der Digitalisierung den Weg frei machen. Die globale Konkurrenz wird beschworen, die Problematisierung der Folgen für Verlierer bleibt auf den sozialen und politischen Horizont Deutschlands beschränkt, die Risiken für schwächere Länder werden ausgeblendet.

Der Politik wird dringend geraten, die technische Revolution nicht zu verschlafen. Sie soll im Interesse der Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft die nötigen Rahmenbedingungen schaffen. Darüber hinaus soll sie reaktiv gewisse Auswüchse eindämmen. Die Erwartung, dass sich die Politik für gute Arbeit stark machen soll, wird in den journalistischen Beiträgen nicht ausgedrückt.

 

3. Die alle anderen überragende Frage auf dem Diskursfeld „Technik und Arbeits- und Lebenswelt“ ist die Arbeitsmarktbilanz. Ob für Menschen in Zukunft wesentlich weniger oder vielleicht sogar mehr Arbeit angeboten wird, wird auch im Zusammenhang mit der Produktivitätsentwicklung erörtert. Dabei sind Produktivitätsoptimisten aufgrund der verbesserten nationalen Wettbewerbsposition – das Beschäftigungsproblem haben dann andere – nicht zwangsläufig auch Beschäftigungspessimisten. Der Grundtenor beim Thema Beschäftigungsentwicklung klingt nach rheinischem Pragmatismus: „Et kütt wie et kütt un et hätt noch emmer joot jejange.“.

 

4. In der Medienberichterstattung über die Arbeit der Zukunft herrscht neben gängigem Pluralismus ein grundlegender Dogmatismus. Pluralistisch wird über Chancen und Risiken informiert. Dogmatisch wird von einem Primat wirtschaftlicher Effizienz ausgegangen, auf den die Beschreibung der digitalen Technik alternativlos fixiert bleibt. Kosten zu senken und Einnahmen zu erhöhen wird als unternehmerische Zielvorgabe zum Ausgangspunkt gemacht und als konstante Größe gesetzt. Alle anderen Zwecke, Absichten und Wünsche, wie Vorstellungen von gutem Leben, Interessen der Beschäftigten, kulturelle Werte und Normen, politische Ambitionen, werden als Variablen behandelt, die sich dem ökonomischen Effizienzanspruch anzupassen haben.

 

5. Den eingehend dargestellten Gefahren – Arbeitslosigkeit, Lohndumping, längere Arbeitszeiten, Dequalifizierung, Selbstausbeutung, Gesundheitsrisiken, Kontrollregime, Abbau von sozialrechtlichem Schutz und von Mitbestimmungsrechten – werden zwar Chancen und mögliche Vorteile gegenübergestellt wie Höherqualifizierung, Beteiligungsofferten, Verantwortungszuwachs, mehr Kommunikation und Kooperation, Entlastungen von Lärm und körperlichen Zwangshaltungen. Die Risiken werden weit ausführlicher und konkreter behandelt als die Chancen. Diese Chancen werden nicht als wichtige, anzustrebende Alternativen vorgestellt. Sie wirken mehr wie ein kleiner Trost, dass für die Arbeit nicht alles negativ ausgehen muss.

 

6. An das epochale Neue, von dem die Medien selbst immer wieder sprechen, haben sie nur alte Fragen. Der Journalismus sieht die Arbeit der Zukunft epochalen Veränderungen unterworfen, beschreibt die digitale Revolution aber im Horizont der seit 150 Jahren vertrauten Probleme und Alternativen. Interessant wird dieser Befund insofern, als im Grunde jeglicher Versuch unterbleibt, die immer wieder betonten grundstürzenden Veränderungen in einem Zusammenhang mit neuen Lösungen für diese Probleme oder mit darüber hinausweisenden alternativen Horizonten zu denken und zu erörtern.

Mit der fehlenden Suche nach Problemlösungen korrespondiert, dass sich – jedenfalls im Untersuchungszeitraum – ein Interesse an Alternativen für die Organisation der Arbeit publizistisch nicht findet. Aufmerksamkeit geschenkt wird weder der Open-Source-Bewegung für Software, deren Quelltexte transparent und allgemein nutzbar sind, noch den Creative-Commons-Initiativen, die freie Nutzungsrechte für Texte, Musikstücke, Bilder regeln, noch dem Peer-to-Peer-Sektor, in dem gleichberechtigte freie Produzenten ihre Kapazitäten und Talente für gemeinsame Projekte einsetzen.

 

7. Völlig ausgeklammert in der massenmedialen Darstellung bleibt diese gesellschaftspolitische Problemstellung: Festgehalten wird die Gefahr, dass die digitalisierte Arbeit der Zukunft für immer mehr Menschen die zentrale Funktion von Arbeit als sozialem Integrationsfaktor Nummer eins nicht mehr erfüllen, also das nötige Einkommen, soziale Sicherheit, zwischenmenschliche Kontakte und individuelle Sinnstiftung nicht mehr gewährleisten kann. Niemand fragt auch nur danach, welche Alternativen es zur Arbeit als gesellschaftlichem Integrationsfaktor geben könnte und welchen normativen Anforderungen solche Alternativen genügen sollten.

Was die anerkannten Akteure aus Wirtschaft und Politik sagen, sagt der Journalismus auch – nicht nur dort, wo er sie wiedergibt, sondern auch wenn er selbst das Wort ergreift. Mit den Akzenten, die er setzt, den Warnungen, die er ausspricht, den Hoffnungen, die er weckt, bereichert der Journalismus die öffentliche Debatte nicht. Das ist zwar auch nicht seine primäre Aufgabe, trotzdem fällt diese Stromlinienförmigkeit bei einem so großen, komplexen, offenen Thema wie der zukünftigen Arbeit auf.

 

Arlt, Hans-Jürgen/ Kempe, Martin/ Osterberg, Sven: Die Zukunft der Arbeit als öffentliches Thema. Presseberichterstattung zwischen Mainstream und blinden Flecken. OBS Arbeitsheft 90, Frankfurt/Main 2017, 110 Seiten. Kostenlos zu beziehen über die Otto-Brenner-Stiftung.

 


 

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