Vier Gründe warum Le Pen Präsidentin wird

In Deutschland gibt es einen festen Glauben daran, dass es die Franzosen im zweiten Wahlgang schon richten werden und uns nach Brexit, Trump und dem Türkei-Referendum eine Rechtspopulistin als französische Präsidentin erspart bleibt. Was für ein Irrtum!

Seit zehn Jahren verbringe ich regelmäßig viel Zeit in Paris. Nun durfte ich wieder drei fantastisch frühlingshafte Wochen dort sein. In der Stadt selbst kann man die anstehende Wahl ganz gut ignorieren: Der Wahlkampf tobt in der Provinz (dazu später mehr) und im Internet – mit echten und falschen News, russischer Einmischung, gelöschten Fake Accounts und allem was in 2017 sonst noch so dazu gehört in den (A)Sozialen Medien.

Vergangene Woche dann wurden gleichmäßig Metallaufsteller in den Arrondissements verteilt, auf die die Kandidaten nach einem nummerierten System ihre Plakate hängen dürfen. Verglichen mit der Wildwuchs Freakshow bei deutschen Wahlen eine echte Wohltat für das Lebensgefühl. Und so lief ich morgens auf dem Weg zum Bäcker immer nur je einmal an Marine, Emmanuel und Co vorbei. Direkt vor diesen Wahlplakaten winkt ein Schülerlotse ethnisch kunterbunt gemischten Nachwuchs über den Zebrastreifen. Auf der anderen Straßenseite blitzen die Maschinengewehre der obligatorischen vier Mann starken Militär-Patrouille in der Morgensonne, und die Bewohner des Quartiers sagen artig Bonjour, wenn sie sich vor der Haustür treffen.

Folgt man Le Pen’s Blick auf dem Wahlplakat für etwa 200 Meter in Richtung Canal St. Martin landet man an der Straßenkreuzung, an der am 13. November 2015 die Attentate begannen. Abends auf dem Heimweg ist es in und vor den zwei Bars an dieser Kreuzung rappelvoll. Im vergangenen Oktober wohnte ich eine Weile in einer Wohnung mit Blick auf genau diese Kreuzung – am Kühlschrank hing eine handschriftliche Notiz der Vermieterin: „Ich habe keine Angst vor der Straße.“ Nein, Paris ist keine normale Stadt, kann es gar nicht sein, will es gar nicht sein. Die vielleicht größte Katastrophe der jüngeren Geschichte für die Stadt und die gesamte Nation steht allerdings vielleicht erst noch vor der Tür. Anfang Mai, wenn im zweiten Anlauf ein neuer Präsident oder eine neue Präsidentin gewählt wird.

Also sitze ich jetzt im Zug zurück vom schönen P ins dicke B und frage mich ernsthaft, ob mein nächster Besuch bei den Nachbarn im Juni eine Reise in ein anderes Land werden wird. Die Wahrscheinlichkeit dafür ist leider deutlich größer als viele glauben wollen. Denn die in deutschen Medien vorherrschende Sichtweise, wonach Marine Le Pen im zweiten Wahlgang sicher verlieren wird, ist leider ziemlich kurzsichtig und zunehmend unwahrscheinlich. Dafür gibt es vier Gründe:

Erstens: Die Provinz schlägt zurück

Was wir bei der Präsidentschaftswahl in der USA und beim Brexit Votum beobachten konnten und was zu einem zentralen Thema unserer Zukunft wird, ist der Graben zwischen den Großstädten und der ländlichen Peripherie. Das zentralistische Frankreich mit seiner kulturellen und ökonomischen Fixierung auf Paris trifft dieses Problem noch härter als die USA oder Großbritannien. Schon lange wird das Sterben der französischen Lebensart vor allem mit dem Sterben der Kleinstädte und Dörfer zu erklären versucht. Wir alle kennen noch die verlässliche Infrastruktur eines jeden französischen Kaffs, die aus Bäcker, Metzger, Gemüseladen und Wochenmarkt besteht. Inklusive der Dorfkneipe vor der die Alten je nach geografischer Lage bei Pastis oder Cidre sitzen und uns dabei immer ziemlich deutsch aussehen ließen. Landesweit wird diese Basis-Infrastruktur des Savoir Vivre verdrängt von riesigen Supermärkten am Rande der Dörfer und Städte. Die Innenstädte verwaisen, der Einzelhandel schließt und mit ihm stirbt ein Stück Frankreich. Statt Flaneuren und Bewohnern beim Einkauf trifft man in der heißen Sonne eines Junitages in den Dörfern an der Gironde und anderswo nur noch wenig Leben. Schuld daran ist für viele das Establishment und das wird verkörpert von Paris und seiner politischen Kaste. Sowohl Marine Le Pen als auch dem Kandidaten der extremen Linken, Jean-Lud Mélenchon, ist es gelungen, sich an die Seite der Peripherie zu agitieren, sich zu Rettern einer französischen Lebensart zu stilisieren, die mutmaßlich von der Globalisierung gefressen wurde, während die Pariser Snobs tatenlos zuschauten. Das Frankreich der Dorf- und Marktplätze kann wenig mit dem die alten Zöpfe abschneidenden Modernismus eines Emmanuel Macron anfangen. Es fürchtet ihn und es wird diese Furcht in die Wahlkabine tragen.

Zweitens: Alles außer Macron

Als ich Ende März bei meiner Ankunft in Paris im Taxi sitze, führt der Weg vorbei an einem Graffiti: „Alles außer Macron.“ Ich erkläre dem Taxifahrer das Emmanuel Macron in Deutschland als eine Art letzte Rettung vor gilt. Er kann damit wenig anfangen. Es ist ein Ausspruch, der mir bis heute noch oft begegnet ist in der Berichterstattung: „Alles außer Macron.“ Für viele ist er unwählbar. Zu sehr Establishment, zu pragmatisch, zu modern, zu viel Wandel. Vor allem zu wenig französisch, zu wenig Tradition. Und dann noch ein paar Fettnäpfchen in Sachen französischer Kultur. Das ist suspekt! Der hoffnungsvolle Blick auf ihn ist offenbar eine sehr deutsche Fremdsicht. Mich erinnert das an das Drama um Hillary Clinton, der viele vor allem jüngere Wähler ihre Stimme verweigerten, weil sie nicht taktisch für eine Kandidatin stimmen wollten, die sie für nicht authentisch hielten. Wohin das führte haben wir erlebt. Stand heute ist: Viele Franzosen würden aber offenbar dennoch lieber Le Pen als Präsidentin in Kauf nehmen als mit zusammengebissenen Lippen Macron und seinen Wandel zu wählen. Mon Dieu!

Drittens: Die Demoskopie Bombe

Es ist mir nur schwer erklärlich wie wenig viele, die über die Wahlen in Frankreich schreiben und sprechen, aus der Trump-Wahl und anderen demoskopischen Blindflügen der jüngeren Vergangenheit gelernt haben. Was wir erkannt haben sollten ist erstens: Wenn Menschen, die sich für lange Zeit vom demokratischen Prozess abgemeldet hatten plötzlich wieder zur Wahl gehen und für populistische Parteien oder Kandidaten stimmen, pulverisieren sich gelernte Wahrheiten und Vorhersagemodelle, an denen wir uns in hoffnungsvoller Autosuggestion festhalten wollen. Es mag ja sein, dass die 80 Prozent der Wahlberechtigten, die bei der vergangenen Wahl ihre Stimme abgaben einigermaßen berechenbar sind und wenn es hart auf hart kommt gegen Populismus stimmen. Aber was passiert, wenn plötzlich 5 Prozent mehr zur Wahl gehen und von diesen 5 Prozent ehemaligen Nichtwählern drei Viertel Le Pen wählen? Oder im Gegenzug fünf andere Prozent zu Hause bleiben? Dann ist jede Hoffnung Schall und Rauch. Und zweitens: Es scheint bei vielen Franzosen eine Stimmung zu geben nach dem Motto „diesmal traue ich mich Le Pen zu wählen“. Wer sich in der Wahlkabine traut das vermeintlich „Verbotene“ anzukreuzen, der äußert das selten bereits in Vorwahlbefragungen, sondern versteckt sich hinter Aussagen wie „unentschieden“ oder gibt vor einen anderen Kandidaten zu wählen.

Viertens: Das Momentum des Trotzkisten

Wer dachte, dass ein zweiter Wahlgang zwangsläufig auf ein Duell zwischen Le Pen und einem einigermaßen vernünftigen Kandidaten hinausläuft, dem wird in diesen Tagen Angst und Bange. Le Pen hat am äußeren linken Rand ein Pendant, das nicht weniger populistisch agiert und gerade einen veritablen Durchmarsch vollzieht: Jean-Luc Mélenchon. In Frankreich nennen sie ihn einen französischen Hugo Chávez. Mélenchon hat sich – wie man so schön sagt –  in Schlagdistanz zu den in den Umfragen führenden Le Pen und Macron geredet – zuletzt vor 70.000 Fans in Toulouse. Der Abstand zwischen ihm und den zwei Führenden ist nahe an der Grenze zur statistischen Fehlermarge. Seine Zustimmung bei den 18-24-jährigen ist binnen vier Wochen von 12 auf 44 Prozent gestiegen. Seine Leute versuchen ihn als eine Art französischen Bernie Sanders zu positionieren – offenbar erfolgreich. Welche Wucht alte linke Männer wie Bernie Sanders oder Jeremy Corbyn entfalten können haben wir erlebt. Mélenchon hat das, was man ein Momentum nennt. Wenn ihn dieses Momentum in eine Stichwahl gegen Le Pen führt, haben die Franzosen die Wahl zwischen zwei extremen Populisten, die Frankreich aus der EU treiben wollen. Das Szenario klingt vielleicht wie Science-Fiction, aber Wähler entscheiden mit dem Bauch. Dieses Verlangen nach Gefühlen bedienen momentan nur Le Pen und Mélenchon.

Vor einer Woche verbringe ich einen Nachmittag im Park Buttes Chaumont. Der Park ist voll mit hunderten Kindern und Erziehern. Die Sonne scheint. Die Kinder liefern sich auf einem Parcours wilde Seifenkistenrennen. Kunstvoll gestaltete Super-Flitzer in grellen Farben, zusammengebastelt aus allem, was der Sperrmüll hergab. Jedes Team hat sein Erkennungszeichen. Sie feuern sich an, rennen neben den Seifenkisten her, liegen sich in den Armen oder trösten sich, wenn der Sieg an ein anderes Team ging. Sie haben offensichtlich alle die unterschiedlichsten Wurzeln: Maghreb, Westafrika, Frankreich, Asien – verglichen mit unserer Berliner Schmalspur-Diversität ein echt multikultureller Haufen. Ethnische Herkunft scheint hier keinen zu interessieren. Und doch ist mir klar, dass diese Szene nur ein kleiner Ausschnitt ist. Eine romantische Wahrnehmungs-Verkürzung, ein 5-Minuten Utopia. Die Franzosen haben in ihrer Vergangenheit Bemerkenswertes geleistet: Sie befreiten sich von ihren Sonnenkönigen, sie haben es geschafft dem unberechenbaren Nachbarn Deutschland zu verzeihen und sind dennoch geradewegs in Richtung einer Failed Society marschiert. Mit freifliegende Eliten, gescheiterter Integration, verpennten politischen Reformen, vom Fortschritt abgeschnittenen Regionen, Vorstadtghettos und vielen Lebenslügen. Es ist nicht überraschend, wenn ein Land in der gesellschaftlichen Sackgasse seinen Ausweg in einem lauten Knall sucht.

Gleichwohl komme nicht umhin festzuhalten, dass ich mir zutiefst wünsche mich zu irren.

 


 

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