Das Bertelsmann-Paradox: Rekordgewinn trotz internationalem Bedeutungsverlust

Bei der Vorstellung seines Geschäftsberichts ließ sich das Medienunternehmen aus Gütersloh für „Wachstum und Innovation“ feiern. In der globalen Medienkonzernlandschaft droht das Unternehmen jedoch den Anschluss zu verlieren.

„Wachstum ist die Basis von allem“ – unter diesem Motto trat Hartmut Ostrowski im Sommer 2009 die Nachfolge des langjährigen Bertelsmann-Chefs Gunter Thielen an. Der Umsatz des Medienkonzerns aus Gütersloh, so stellte sich Ostrowski das vor, sollte sich bis 2015 auf jährlich 30 Milliarden Euro verdoppeln. Vor allem durch milliardenschwere Investitionen in ausländische Wachstumsmärkte wollte sich Bertelsmann, 1995 noch das zweitgrößte Medienunternehmen der Welt, zurück in die Top 5 kämpfen.

Nichts davon ist passiert. Im Gegenteil: Bertelsmann ist im internationalen Vergleich immer weiter zurück gefallen. Im aktuellen Ranking des Instituts für Medien- und Kommunikationspolitik, das auf den Jahresumsätzen von 2015 basiert, fiel Bertelsmann bereits aus den Top 10; basierend auf den zu Beginn der Woche veröffentlichten Kennzahlen wird das Unternehmen im nächsten Ranking weiter an Boden verlieren. Eine neue Generation von Online- und Medienkonzernen wird Bertelsmann in diesem Jahr deutlich überholen.

Dazu gehört in erster Linie Facebook (Umsatz 2016 umgerechnet 24,9 Mrd. Euro), das gemeinsam mit Google duopolistisch mehr als 90 Prozent des globalen Onlinewerbemarktes beherrscht, um dessen Reste Bertelsmann-Tochter Gruner+Jahr mit den Digital-Ablegern seines Zeitschriftenportfolio kämpft. Mit seinem niederländisch-französischen Altice-Konglomerat hat Patrick Drahi quasi aus dem Nichts ein Medienimperium aus dem Boden gestampft, das ein amerikanisches Kabelunternehmen, den französische Telco SFR und einen israelischer Pay-TV-Anbieter umfasst. Und mit Tencent wird Bertelsmann von einem chinesischen Games- und Social Media-Anbieter überholt werden, der in der letzten Dekade seinen Umsatz verfünfzigfachen konnte.

Im selben Zeitraum konnte Bertelsmann entgegen aller selbst formulierten Wachtumsprognosen seinen jährlichen Umsatz von durchschnittlich 17 Milliarden Euro nicht nennenswert ankurbeln. Die spärlichen Erfolgs-Pressemeldungen aus der Bertelsmann-Unternehmenskommunikation klingen längst nicht mehr so sehr nach Welt-Medienkonzern, sondern eher nach mittelständischem IT-Dienstleister. Thomas Rabe, seit 2011 im Amt, tut gut daran, moderatere Wachstumsziele auszugeben als sein Vorgänger Ostrowski. Bis 2022, so Rabe bei der Vorstellung des neuen Geschäftsberichts, will er die 20-Milliarden-Marke geknackt haben – also wieder dahin zurück wo der Konzern bereits ungefähr 2006 stand. Wenn man es positiv formuliert, dann zeigt Bertelsmann jedes Jahr aufs Neue, wie man mit traditionellen Segmenten wie Fernsehen oder Musikrechten nach wie vor Milliardengewinne generieren kann. Insbesondere auf die hochprofitable RTL-Group und den demnächst vergrößerten Anteil am Random House Penguin wird sich Bertelsmann zumindest mittelfristig verlassen können.

Angesichts des sich rasant wandelnden globalen Medienmarktes kann man Bertelsmann stagnierendes Umsatzwachstum auch als mittlerweile zehn Jahre lange Midlife-Crisis und Symptom einer sich im internationalen Vergleich auflösenden deutschen Medienindustrie interpretieren. Andere traditionelle Medienunternehmen sehen sich längst nach neuen Vertriebswegen für ihren Content um (wie etwa Comcast-Tochter NBC, die jüngst 500 Millionen in Snap pumpte). Mit bol.de und Lycos war der Konzern recht früh im Internetgeschäft dabei, verlor jedoch in der Post-Middlehoff-Ära, auch wegen dem steigenden Einfluss von Liz Mohn, weitgehend das Interesse an diesem Feld. Bertelsmann investiert zwar seit Jahren in diverse Start-Ups aus den BIC-Ländern und ist unter anderem an chinesischen Fahrradverleihern, indischen Möbelplattformen und brasilianischen Weiterbildungs-Anbietern beteiligt. Ob sich diese Investitionen irgendwann auszahlen ist unklar; der aktuelle Geschäftsbericht lässt über deren wirtschaftliche Entwicklung im Vergleich zu anderen Segmenten keine Aussage darüber zu.

2017 wird in der Medienindustrie erneut zu einem Jahr der Mega-Merger. Rupert Murdoch will mit der vollständigen Übernahme von Sky seine Position in Europa festigen. Vivendi könnte mit einer feindlichen Übernahme von Mediaset auf einen Schlag quasi den gesamten privaten Fernsehsektor Italiens kontrollieren. Und Time Warner, mit dem sich Bertelsmann in den 90er Jahren noch auf Augenhöhe befand, wird in diesem Jahr wohl von AT&T übernommen. Ob sich Bertelsmann in einer Medienkonzern-Welt dauerhaft behaupten kann, in der die großen Player zunehmend sowohl die Internet-Infrastruktur als auch wertvolle Inhalte kontrollieren, steht deshalb in den Sternen.

 

Till Wäscher ist gemeinsam mit Lutz Hachmeister Ko-Autor von „Wer beherrscht die Medien? Die 50 größten Medien- und Wissenskonzerne der Welt“, das soeben beim Halem-Verlag erschienen ist.

 

 

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