Qualitätsmanagement in Zeiten der Turbo-Kommunikation

Ein essenzielles Prinzip von Journalismus droht verloren zu gehen. Zur Bedeutung des Vier-Augen-Prinzips.

In Zeiten von Twitter, Trump und Turbokommunikation fällt auf, dass ein essenzielles Prinzip von Journalismus verloren zu gehen droht, nämlich das Vier-Augen-Prinzip. Das gilt übrigens zum Teil auch für Politik. Wenn also ein US-Präsident per Twitter Politik macht, wenn sich viele Journalistinnen oder Journalisten mit ihren Kommentaren per Twitter zum aktuellen Tagesgeschehen zu Wort melden, dann ist das zwar turbo-schnell und turbowirkungsvoll. Aber: Die zweite Meinung vor dem Senden einer Nachricht fehlt oft. Genau hier liegt jedoch der Unterschied zwischen professionellem Journalismus und privatem Publizieren: Zum professionellen Journalismus gehört die Redaktion, gehört das Team, gehören die Kolleginnen und Kollegen, die schon mitreden, bevor überhaupt ein Thema aufgegriffen wird. Und die erst recht mitreden, bevor ein Beitrag veröffentlicht wird. Und dazu gehört natürlich auch die Fähigkeit des Autors oder der Autorin, die eigenen Manuskripte gegenlesen zu lassen.

Um Fehlerquellen nach Möglichkeit auszuschließen oder zumindest zu minimieren, gilt es, nicht reflexartig die Schnelligkeit vor alles andere zu stellen, sondern dem Text, dem Foto, dem Video, die sie veröffentlichen wollen, die Zeit zu lassen, dass erst einmal ein anderes Augenpaar darüber schaut. Sonst kann es unter Umständen passieren, dass man allzu schnell auch einmal einer falschen Nachricht „auf den Leim“ geht – so geschehen etwa anlässlich des diesjährigen ZDF-Empfangs [email protected], bei der der Präsident des Bundesverbands Deutscher Zeitungsverleger, Dr. Mathias Döpfner, seine Rede zum Thema „Fake News und Social Bots. Meinungsbildung im Wahljahr 2017“ mit den spektakulären Worten einleitete, er habe soeben stundenlang mit Google diskutiert und könne der Branchen-Runde aus Politikern, Journalisten und Schauspielern nun exklusiv mitteilen, dass Google endlich das Leistungsschutzrecht akzeptiere.

Die Medienpolitikerin Tabea Rößner wollte verständlicherweise mit zu den ersten gehören, die die vermeintliche „Nachrichten-Sensation“ als frohe Kunde über Twitter verbreiten. Etwas mehr Zeit und ein Vier-Augen-Prinzip hätten dies vielleicht verhindern können, denn Minuten später klärte Döpfner selbst seine „Fake News“ auf und nutzte damit effektvoll die Gelegenheit, um den Fokus auf das Phänomen zu lenken, das Journalistinnen und Journalisten wie auch Politikerinnen und Politiker derzeit vor eine gewaltige Herausforderung stellt.

Qualitätsmanagement ist Teamarbeit. Und das bedeutet auch zu ertragen, dass ein zweiter Redakteur oder eine zweite Redakteurin möglicherweise eine andere Meinung hat – und das Recht, über die Veröffentlichung mitzubestimmen. Teamarbeit aber ist im Journalismus erfunden und hat sich über Jahrzehnte bewährt. Es lohnt, genau dieses Prinzip in die digitale Welt zu überführen und dort zu erhalten.

Eine Errungenschaft der Digitalisierung der Medien ist auch, dass man nicht mehr nur die Meinung der eigenen Kolleginnen und Kollegen zu hören bekommt, sondern die Empfänger der jeweiligen Arbeit diese ebenfalls kommentieren können. Auch das betrifft übrigens Politikerinnen und Politiker in gleichem Maß.

Die Digitalisierung hat den Rückkanal geschaffen. Bertolt Brechts zu Beginn der 1930er Jahre nahezu utopische Idee1, mit der er davon träumte, den Rundfunk von einem „Distributionsapparat in einen Kommunikationsapparat des öffentlichen Lebens“ zu verwandeln, in „ein ungeheures Kanalsystem“, das den Zuhörer in die Lage versetzt, nicht nur zu empfangen, sondern auch zu sprechen und in Beziehung zu setzen, gehört heute so selbstverständlich wie unverzichtbar zu unserem, maßgeblich von Twitter, Facebook oder Instagram geprägten digitalen, sozialen Medienalltag.

Eine professionelle Auseinandersetzung mit dem, was über diesen Rückkanal an Reaktionen kommt, ist ein weiterer zentraler Baustein für Qualitätsmanagement. Auch hier gilt: Ein Profi reagiert nicht spontan und nicht alleine. In der Papierzeit gab es Leserbriefredaktionen. In der digitalen Ära bedarf es kundiger Moderatoren für die Kommentarfunktion. Und diesem Mechanismus müssen sich nicht nur die Nutzerinnen und Nutzer unterwerfen, die ihre Kommentare schreiben, sondern auch die Journalistin oder der Journalist, auf deren Veröffentlichung sie sich beziehen. Der digitale Rückkanal schafft eine Schnittstelle zwischen professionellem Journalismus und privaten Nutzern. Hier müssen die Profis aufpassen, dass sie nicht privat agieren, indem sie auf die andere Seite dieser Schnittstelle wechseln. Sondern sich dem Rat und der Entscheidung ihrer Redaktionen unterwerfen.

„Be first, but first be right.“ Dieser fundamentale Grundsatz für Profijournalisten bezog sich bisher vor allem auf die sorgfältige Recherche, die vor der Veröffentlichung liegen muss. Dieser Grundsatz für das Qualitätsmanagement lässt sich auch auf das digitale Zeitalter ausweiten: „Be first with your reactions, but first be right in letting your reactions be monitored.“

Es gibt noch einen weiteren Segen der Digitalisierung: Digital lassen sich heute eine Vielzahl von unterschiedlichen Begleitmaterialien und Informationen mit auf den Weg bringen. Das erlaubt die größtmögliche Quellentransparenz. In Deutschland hat beispielsweise die Deutsche Presse-Agentur dpa seit 2010 einen sogenannten „Notizblock“ unter jeder Meldung. Darin wird etwa offengelegt, welche Quellen benutzt wurden, an welchem Ort der Autor oder die Autorin eines Textes saß. Oder es werden Deeplinks zu weiteren Internetquellen mitgeliefert, die für die Recherche verwendet wurden. Diese Praxis weitet sich bei Online-Medien aus. Sie sollte zum Standard werden. Wer Qualität auftischt, der darf die Gäste in die Küche schauen lassen. Es bleibt den Nutzerinnen und Nutzern überlassen, ob sie von diesen Optionen Gebrauch machen möchten.

Die Digitalisierung schafft ungeahnte Möglichkeiten. Sie macht Wissen und Informationen auf eine unmittelbare und kostengünstige Art zugänglich. Damit sorgt sie für eine nie dagewesene mediale Vielfalt. Gerade deshalb ist es so wichtig, dass wir mit dem Anspruch an Qualität nicht kapitulieren. Vielmehr gilt es, einen ebenso starken Turbo an das digitale Qualitätsmanagement anzuschließen und die bewährten Tools dafür zu nutzen, um die Dinge wieder ins Lot zu bringen.

 

1Brecht, Bertolt: Der Rundfunk als Kommunikationsapparat. In: Bertolt Brecht: Gesammelte Werke, Bd. 18. Schriften zur Literatur und Kunst, Bd. 1. Frankfurt/Main.

 

Dieser Beitrag basiert auf einem überarbeiteten Auszug einer Rede zum Thema „Qualitätsmanagement von Journalismus in Zeiten der Turbo-Kommunikation“ anlässlich des 6. Deutsch-Chinesischer Mediendialogs in Peking im Januar 2017.

 

 

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