Berufseinstieg heute: Rosige Klischees, graue Fakten

| 07.03.2017 | 3 Kommentare

Werbewirksam tönt es seit einigen Jahren aus der Wirtschaft: Die Jungen werden die Arbeitswelt verändern und erleben rosige Zeiten auf dem Arbeitsmarkt. Die Wirklichkeit ist anders.

Sie werden Generation Y, Millennials oder Digital Natives genannt und mittlerweile gesellt sich schon Generation Z dazu: Berufseinsteiger bis etwa 35 Jahre. Schon 1993 tauchte der Begriff „Generation Y“ auf – in der Marketingzeitschrift „Advertising Age“. Der Jugend wird erzählt, sie profitiere auf dem Arbeitsmarkt vom demografischen Wandel und davon, dass sie besser ausgebildet sei als jede Generation vor ihr. Und weil sie groß wurden in einer digitalisierten und globalisierten Welt, seien Jugendliche krisenfest und hochflexibel: Denen muss die Arbeitswelt doch offenstehen! Unzählige Medienberichte und Bücher widmen sich dem Phänomen.

Die Jungen hätten andere Erwartungen an Erwerbsarbeit und trügen deshalb dazu bei, die Arbeitswelt erheblich zu verändern. Ihnen seien Freizeit und eine gute Work-Life-Balance wichtiger als ein hohes Gehalt, heißt es. Arbeitgeber könnten sie nicht mehr mit Bonuszahlungen, Dienstwagen oder steilen Aufstiegschancen motivieren – vielmehr müssten sie ihnen Sinn anbieten und mehr Projektarbeit, in der die Jüngeren eher unternehmerisch denken und handeln können. Dann seien sie auch bereit, sich voll zu engagieren. Andernfalls wechselten sie schnell den Arbeitge­ber. Ein Leben lang bei einem Unternehmen zu arbeiten, das wollten die Jungen heute ohnehin nicht mehr.

Was sie sollen, wird den Jugendlichen als eigenes Wollen angedichtet. Dass Beschäftigte etwa wie kleine Unternehmer denken sollen, ist ein Managementkonzept, das sich seit Jahren nach und nach durchsetzt. Selbst in einfachsten Aushilfs­jobs wird den Mitarbeitern „Passion“ (Leiden­schaft) und volle Identifikation mit dem Arbeitge­ber abverlangt. Anstelle von Anweisungen geben Manager von heute Benchmarks vor – mehr oder weniger konkrete Ziele und ehrgeizige Zahlen. Klar, das suggeriert vermeintliche Freiheit. Aber wer das Ziel nicht erreicht, wird in der Regel sofort ausgetauscht und erlebt den Arbeitsplatzverlust als persönliche Niederlage.

Bloß nicht zu scheitern, das ist die erste Sorge, die junge Menschen umtreibt. Hört man sich unter Schülern, Auszubildenden, AbiturientInnen, Stu­die­renden und AbsolventInnen um, zeigt sich oft, dass die angeblich hoch flexible, wenig auf Sicher­heit und gutes Einkommen bedachte junge Genera­tion ein Mythos ist. Natürlich, es gibt jene – zumeist aus der soliden Mittelschicht kommend, mit Aka­de­mi­ker-Eltern und in gut-bürgerlichem Wohlstand aufgewachsen –, die sich nur wenig Sorgen um ihren Berufseinstieg machen. Die nach dem Abitur zunächst auf Weltreise gehen, gesponsert von den Eltern. Die dann den richtigen Studien- oder Ausbildungsplatz finden und bei denen der Einstieg in die Arbeitswelt einigermaßen reibungslos klappt. Oft auch mit Hilfe der guten beruflichen Kontakte der Eltern oder Eltern von MitschülerInnen.

 

Prekärer Einstieg

Doch wer nicht zur Ober- oder oberen Mittelschicht gehört, der erlebt meist anderes. Leistungsdruck hat für die meisten schon in der Schule mit dazugehört. Angst und Unsicherheit begleiten die Berufsanfänger von heute bei der Ausbildungs- und Studienplatzsuche, anschließend in Studium und Lehre und erst recht, wenn es gilt, einen Platz in dieser Arbeits- und Leistungsgesellschaft zu finden. In keiner anderen Generation gab es schon in jungen Jahren so viel psychisch Kranke wie unter den heute Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Jeder Fünfte unter 25 Jahren litt schon einmal unter einer psychischen Erkrankung, so eine Studie aus dem Jahr 2013, veröffentlicht im Deutschen Ärzteblatt wurde: Essstörungen, Depressionen und Burn-out rangieren dabei ganz oben.

Die optimistischen Klischees über die junge Generation decken sich auch nicht mit den Daten vom Arbeitsmarkt. Schon seit Jahren verläuft der Berufseinstieg, egal ob für AkademikerInnen oder ArbeiterInnen, vor allem prekär. Immerhin 260.000 Jugendliche und junge Erwachsene hängen in Qualifizierungsmaßnahmen zwischen Schule und Ausbildung fest, oft ohne Aussicht auf einen Berufsabschluss.

Die Jugendarbeitslosigkeit beträgt in Deutschland – in Europa insgesamt sieht es viel düsterer aus – zwar nur 5,9 Prozent, aber die Aufstiegschancen haben sich stark verschlechtert. Waren früher vor allem Sonder- und HauptschülerInnen von Arbeits­losigkeit und Chancenlosigkeit beim Berufs­ein­stieg betroffen, sind heute auch immer mehr junge Erwachsene mit einem mittleren Schul­abschluss dabei. Das Bildungs- und Berufs­bildungssystem ist in den letzten Jahren auch nicht durchlässiger, sondern verschlossener geworden. Kinder aus Arbeiterfamilien haben heute sechsmal schlechtere Chancen, den Aufstieg zu schaffen, als Kinder aus Akademikerfamilien.

Hinzu kommt: Viele hangeln sich selbst nach einer Berufsausbildung oder einem Studium zunächst von Praktikum zu Praktikum, halten sich mit Mini- und Midijobs, Zeitarbeit und Kurzver­trägen über Wasser. Die Ausbeutung in unbezahlten oder massiv gering bezahlten Praktika ist dank der Einführung des Mindestlohns zwar geringer geworden, dafür steigt der Anteil an prekärer Beschäftigung in Form von selbstständiger Pro­jekt- und Crowdarbeit. Erste Studien von Gewerk­schaf­ten zeigen: Die gezahlten Honorare reichen oft kaum, um den Lebens­unterhalt zu decken. Junge Erwachsene, die sich mit prekären Beschäftigungen durchhangeln, tauchen in keiner Arbeitsmarktstatistik auf.

 

Ohne Sicherheit

Eine junge Frau beschreibt ihre Situation so: „Der Einstieg war unglaublich hart. Momentan arbeite ich Teilzeit als Personaldisponentin und verdiene 2.100 Euro brutto – ein Traum, wenn ich an die letzten Jahre zurückdenke, und doch nichts, das zum Beispiel eine vernünftige Altersvorsorge zulässt.“ Von einer Vollzeitstelle kann die Mittzwanzigerin indes nur träumen. Bisher hatte sie nur befristete Verträge. „Wenn ich Pech habe, wird der nächste Vertrag wieder nur auf ein Jahr befristet, verlängerte Probezeit nenne ich das. Alternativen gibt es nicht. Eine Familie zu gründen, würde ich mir unter diesen Umständen im Leben nicht zutrauen. Immer noch habe ich das Gefühl, in diesem Schwebezustand zwischen Studium und ‚richtigem‘ Job zu verharren. Und ich hoffe nur inständig, nicht abzustürzen.“

BerufseinsteigerInnen, besonders in teuren Großstädten, leben daher länger als früher in Wohngemeinschaften; oder bleiben gleich zu Hause. Viele würden zwar gern eine eigene Wohnung haben, aber das Einkommen reicht oft nicht aus. „Man konkurriert mit gut verdienenden Vierzigjährigen um den knappen Wohnraum. Viele Vermieter wollen sogar einen unbefristeten Arbeitsvertrag sehen, das kann ich aber nicht bieten“, erzählt ein 29-jähriger Leiharbeiter aus Berlin.

Ein sicherer Job und ein auskömmliches Einkommen sind wichtig, wenn junge Menschen entscheiden, ob sie eine Familie gründen oder nicht. Es hat oft weniger mit Hedonismus und Selbstverwirklichung zu tun, wenn viele junge Paare erst Ende 30 Eltern werden. Die fehlende Sicherheit wirkt auch auf andere Lebensbereiche, etwa die Frage, ob man fürs Alter vorsorgen kann.

Der unbefristete Arbeitsvertrag, für viele junge Leute ist er so etwas wie der Schlüssel zum „echten“ erwachsenen Leben. Aber selbst in Zeiten des Fachkräftemangels werden heute viele Auszu­bildende nicht mehr übernommen. Laut DGB-Ausbildungsreport 2016 wusste fast die Hälfte der Auszubildenden im dritten Lehrjahr zur Jahres­wende 2015/16 noch nicht, ob sie übernommen wird. Ein Drittel der Übernahmezusagen war nur befristet. Für die Allermeisten beginnt nach der Ausbildung eine Zeit der unsicheren Jobsuche. Sogar bei den HochschulabsolventInnen nimmt eine befristete Beschäftigung zu – selbst in Mangelberufen wie bei Ingenieuren steigt der Anteil von Fristverträgen kontinuierlich.

Ein besonders großes Problem ist befristete Beschäftigung an Hochschulen und in der Wissenschaft; daran hat auch die Novellierung des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes (WissZeitVG) kaum etwas verändert. Sagenhafte 90 Prozent der wissenschaftlichen MitarbeiterInnen an deutschen Hochschulen hängen in einer Befristung. Das sind schon fast Verhältnisse wie in der Kunst, auf Bühnen und in Konzertsälen.

Der Arbeitsgesellschaft geht nicht die Arbeit aus. Mehr wurde noch nie gearbeitet – von den Maschinen. Menschliche Arbeitszeit hingegen wird weniger gebraucht. Den jungen Leuten eine heile Arbeitswelt vorzugaukeln, soziale Verwerfungen mit Marketing-Sprech zu übertünchen, das wird die Probleme nicht lösen, noch nicht einmal verdrängen.

 

Dieser Artikel erscheint in der Ausgabe OXI 3-2017. Mehr bei Oxi.


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