Martin Schulz und sein rotes Bobby-Car

Klar wie Kloßbrühe: Erst wird mit dem Hype Aufmerksamkeit geschürt, dann mit der Demontage. Der Schulzeffekt war nie etwas anderes als Medienrealität.

Das einzig Neue ist die Beschleunigung. Die Zeit zwischen dem massenmedial inszenierten Aufstieg und der journalistischen Arbeit am anschließenden Fall wird kürzer. Karl-Theodor zu Guttenberg und Christian Wulff durften Glanz und Gloria etwas länger erleben. Für Martin Schulz sind die Feierlichkeiten schon nach knapp 14 Tagen zu Ende. Es war ohnehin nur eine Frage der Zeit. Die um Aufmerksamkeit ringenden Geschichten der Medienöffentlichkeit sind in einem Maße berechenbar geworden, dass sie auch von Robotern geschrieben werden können.

Medienöffentlichkeit funktioniert genau so banal wie Kapitalwirtschaft. Wo diese auf mehr Geld aus ist, will jene mehr Aufmerksamkeit. In ihren Grundanliegen, ihren Zielen und Zwecken, ist die moderne Gesellschaft primitiver als jedes der kleinen Völker und jeder der einfachen Stämme, auf die sie mit dem Bewusstsein des hochentwickelten Spätergeborenen zurückblickt.

Veröffentlichungen müssen für ihre Adressaten einen Unterhaltungs- oder einen Informationswert haben. Da es hier primär um Journalismus geht, konzentrieren wir uns auf letzteren und fragen: Welcher Informationswert steckte in der Nominierung von Martin Schulz als künftigem SPD-Vorsitzenden und Kanzlerkandidaten? Über die reine Personalie hinaus, die einen automatischen Neuigkeitswert besitzt, gab es theoretisch drei Möglichkeiten, mit dieser Nachricht Aufmerksamkeit zu wecken und aufrecht zu erhalten.

  1. Mit Schulz ändert sich gar nichts. Gabriel oder Schulz, da braucht man die Hand nicht umzudrehen, wäre eine besonders langweilige Information gewesen. Jeder Mann und jede Frau wären unmittelbar zur Tagesordnung übergegangen. Für die Medien wäre das Thema sofort tot gewesen.
  2. Mit Schulz wird alles noch schlimmer. Das wäre einem Publikum unrealistisch erschienen, das die SPD seit langem verheult im tiefen Keller der öffentlichen Meinung und der demoskopischen Umfragen hocken sieht. „Schlimmer geht immer“, sagt man, aber in diesem Fall wäre es keine attraktive Nachricht gewesen. Das Publikum hätte sich nicht angesprochen gefühlt und schnell wieder abgewendet.

Blieb 3. Schulz ist die Leuchtrakete, die Licht in die sozialdemokratische Partei und Leben in die verödete politische Landschaft bringt. Daraus ließen sich die Geschichten stricken, die ein Massenmedium braucht, um sein Publikum zum Hinschauen und Mitlesen zu bewegen: Gefahr für die Kanzlerin, Hoffnung für die gebeutelte Sozialdemokratie, ein heiliger Sankt Martin kämpft für mehr Gerechtigkeit in einem sozial gespaltenen Land.

Weil so viele, nicht nur innerhalb der SPD, die Medienrealität offenbar ernst nahmen, brauchte der SPIEGEL nicht lange zu warten mit einer ersten Veröffentlichung, die nach bewährtem Rezept Aufmerksamkeit mit dem Gegenteil zu erreichen versucht, also mit dem Thema Niedergang und Fall. Die aktuelle Ausgabe (Heft 07/ 2017) zelebriert die hohe Kunst der Aufmerksamkeitsökonomie: Der Titel fragt noch auf der Linie der Leuchtrakete Schulz „Merkeldämmerung. Kippt sie?“. Zeitgleich wird eine Enthüllungsstory mit geliefert, die das Thema „Schulzdämmerung“ eröffnet und die Frage (noch unausgesprochen) in den Raum stellt „Kippt er“?

Und jetzt greift das große Buddeln um sich. Jedes Medium, das auf sich hält, wird in Straßburg und Brüssel jemanden finden und exklusiv präsentieren, der oder die es schon immer gewusst und gesehen hat, wie Martin Schulz… Und der Boulevard wird sich auf den Weg nach Würselen machen, wo Schulz zehn Jahre lang Bürgermeister war, und ein rotes Bobby-Car entdecken, das seine Kinder vom örtlichen Autohändler – auf Druck des Vaters – geschenkt bekamen.

 

 

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