Die halbe Bevölkerung wird zum Problem

Faszinierend ist, wie sich die Arbeitsgesellschaft ihre Wirklichkeit zusammenreimt, um als vernünftig zu erscheinen. Aus den Problemlagen, die sie erzeugt, macht sie Problemgruppen, identifiziert Problemfälle – und wäscht ihre Hände in Unschuld.

Das Selbstverständnis der Arbeitsgesellschaft stützt sich auf diesen Standpunkt: Soziale Teilhabe, die eigenständige Existenz eines Menschen gründet auf der bezahlten individuellen Arbeitsleistung. Dass es anders nicht sein kann und so bleiben soll, darauf wird bereits die kindliche Erziehung ausgerichtet. Die Konkurrenz um den späteren Arbeitsplatz geistert durch die Kitas und steht ab der ersten Schulstunde zusammen mit der Lehrkraft am Pult.

Wenn von der bezahlten individuellen Arbeitsleistung so viel, fast alles abhängt, dann ist von vorneherein klar: Alle Kinder und Jugendlichen, alle Kranken, alle Alten, natürlich alle Arbeitslosen, aber auch jede Frau, die „nur“ unbezahlte Arbeit leistet, und alle diejenigen, die kein passenden Qualifikationen haben, befinden sich in einer problematischen Lage.

Der Standpunkt der Arbeitsgesellschaft, als vollwertiges Gesellschaftsmitglied könne nur anerkannt werden, wer eine bezahlte, individuell zugerechnete Arbeitsleistung erbringt, versetzt automatisch, selbst in einem hochentwickelten und höchstbeschäftigten Land wie Deutschland, rund die Hälfte der Bevölkerung in einen problematischen, abhängigen Zustand: In der Arbeitsgesellschaft wird grundsätzlich etwa die halbe Bevölkerung zum Problem. Sie muss – so stellt es sich dar und so propagieren es die Prediger der Arbeitsgesellschaft – von der anderen Hälfte mitgeschleppt werden, entweder von der Familie oder vom Sozialstaat.

Unvermeidlicher Konkurrenzdruck

Nun machen Arbeitstätigkeiten nur Sinn, wenn ihr Produkt beziehungsweise ihr Dienst von jemandem gebraucht wird, sei es von den Arbeitenden selbst oder von anderen. In reichen Gesellschaften treffen wir auf die Situation, dass die begüterten Leute eigentlich alles haben und ihnen eingeredet werden muss, sie würden trotzdem noch mehr, vor allem etwas Neues brauchen. Die Ärmeren hingegen benötigen eine ganze Menge, können es aber nicht bezahlen. Beides zusammen, der Überfluss der einen und die Zahlungsschwierigkeiten der anderen, schmälert die Aussichten, angebotene Arbeitstätigkeiten verkaufen zu können. Man gerät leicht in die Lage, tun zu müssen, wofür man Geld bekommt, statt machen zu können, wozu man sich berufen fühlt, was man gut und gerne macht.

Die Konkurrenz um bezahlte Arbeitsleistungen wird unvermeidlich. Zwischen den Selbständigen können sich die Kunden diejenigen heraussuchen, die das beste Preis-Leistungsverhältnis erwarten lassen, unter den Arbeitsplatzbewerbern können die sogenannten Arbeitgeber auswählen. (Das ist eine Beschreibung, keine Kritik.)

Zwischenbemerkung: Über kapitalistisches Wirtschaften, das die Problemlage zusätzlich verschärft – weil es nur Arbeitsleistungen zulässt, die Gewinne abwerfen und dafür die Arbeitsbedingungen entsprechend zurichtet –  rede ich in diesem Text ganz bewusst nicht. Denn es ist kein primär kapitalistisches Problem, es handelt sich ursächlich um das Problem der Arbeitsgesellschaft, also der Gesellschaft, die soziale Teilhabe von einer bezahlten individuellen Arbeitsleistung abhängig macht, alle tendenziell im Regen stehen lässt, die diese nicht erbringen – und sich einbildet, denen geschehe die Stigmatisierung zurecht.

Was passiert in der Arbeitsgesellschaft zumal dann, wenn Arbeitslosigkeit herrscht? Die selbstgeschaffene Problemlage wird aufgelöst in Problemgruppen und Problemfälle. Kinder werden als Armutsrisiko gekennzeichnet, Jugendliche mit Migrationshintergrund und alleinerziehende Frauen als schwer vermittelbar eingestuft, Behinderte und Ältere als ziemlich aussichtslose Fälle behandelt und Arbeitslose verdächtigt, vielleicht gar nicht arbeiten zu wollen. Die Bundesagentur für Arbeit publiziert zu Vielem anschauliche Statistiken. Das (kostenlose) „Grünbuch soziale Teilhabe in Deutschland. Eine Bestandsaufnahme“ stellt aktuelle Forschungsergebnisse dazu vor.

Schärfere Problemlage, heftigere Vorwürfe an die Betroffenen

Wie wird in der Öffentlichkeit und in weiten Teilen der Politik darüber gedacht, geredet und geschrieben? Dass die soziale Teilhabe an ein Kriterium gebunden wurde, welches die Hälfte der Bevölkerung von vorneherein nicht erfüllen kann, bleibt ausgeblendet.

Je schärfer die Problemlage, desto mehr gerät erstens die Regierung in Erklärungsnöte. Vermutlich wird keine Statistik mehr geschönt als die Arbeitslosenstatistik. In der Arbeitsgesellschaft muss die Regierung immer so tun, als hätten alle, die arbeiten wollen, auch die Gelegenheit zur Arbeitsleistung – denn sonst sind es „ihre“ Arbeitslosen. Je schärfer die Problemlage, desto lauter werden zweitens diejenigen, die eine bezahlte Arbeitsleistung nur sehr schwer oder gar nicht finden, dazu aufgefordert, das Problem bei sich selbst zu suchen und den Konkurrenzkampf aufzunehmen. Das dazugehörige Motto heißt „fordern und fördern“. Je prekärer die Arbeitssituation – Scheinselbständigkeit, Leiharbeit, Befristung, Crowdworking, Billigjobs – desto stärker der Druck und desto verbreiteter die gefühlte Bedrohung der Mittelschichten; selbst der oberen, die ihre Komfortzone von Habe- und Taugenichtsen umlagert sehen.

These: Die objektive Problemlage zu ignorieren und es zum subjektiven Problem jeder und jedes Einzelnen zu machen, ob sie eine ordentlich bezahlte und halbwegs zufriedenstellende Arbeitstätigkeit finden, sei es selbständig, sei es abhängig beschäftigt, ist eine Weltsicht mit Rechtsdrall: Niemand mit dieser Weltsicht wird auf direktem Weg zum Rechtspopulisten, schon gar nicht zum Rechtsradikalen, aber es wird auch niemand ohne diese Weltsicht zum Rechtspopulisten.

Das gehört zu den Spezialitäten einer sich potentiell radikalisierenden rechten Weltanschauung: Soziale Problemlagen in Problemgruppen und Problemfälle zu verwandeln, diese dann zu Sündenböcken zu machen und ihnen die Schuld daran in die Schuhe zu schieben, dass man selbst Schwierigkeiten hat oder bekommen könnte, seine eigenständige soziale Existenz abzusichern; und auf den nächsten Eskalationsstufen die auserkorenen Sündenböcke zu beschimpfen, zu bedrohen und ihnen schlimmstenfalls Gewalt anzutun. Die Arbeitsgesellschaft erzeugt Rechtsradikalismus seit es sie gibt und in allen Ländern, in welchen sie vorherrscht.

Wie lässt sich das Positive der Arbeit stärken?

Gibt es Alternativen zur Arbeitsgesellschaft? Wir haben davon auszugehen, dass keine Gesellschaft ohne Arbeit existiert. Wer etwas braucht, muss dafür arbeiten, es sei denn, er kann andere arbeiten lassen und sich auf das Gebrauchen, den Konsum, zurückziehen. Wie lassen sich die positiven Seiten der Arbeit stärken und die bedrohlichen reduzieren? Zur Wirklichkeit der Arbeit gehört ohne Zweifel auch die Freude an und die Lust auf Arbeitstätigkeiten. Zum Gelingen des eigenen Lebens und zur Lebensqualität anderer selbst beitragen zu können, mit anderen zu kooperieren, sich gegenseitig zu inspirieren, Werke zustande zu bringen, die den Meister und die Meisterin loben, und den Erfolg gemeinsam zu feiern – wer möchte das alles missen?

Die Frage ist, ob sich aus dem Umstand, dass die Arbeit der Gesellschaft ein zutiefst sozialer, inzwischen sogar globaler Prozess ist, eine Alternative ergeben könnte. Die Arbeitsteilung geht so tief, so vieles hängt voneinander ab und miteinander zusammen, dass im Grunde niemand alleine irgendetwas zustande bringt. Das trifft auf jede Organisation zu und erst recht auf jede Person. Bis eine Kiwi an der Obst- und ein Joghurt in der Kühltheke liegt, müssen zahlreiche Köpfe und Hände über Ländergrenzen hinweg tätig geworden sein. Aber das ist nur die Produktions- und Dienstleistungsseite. Die Reproduktionsseite, die (nicht selten unbezahlten) Haushalts- Fürsorge-, Erziehungs- und Pflegearbeiten, ohne die es Produktion und Dienstleistung gar nicht geben könnte, kommen noch dazu. Ist es nicht ein bisschen verrückt, aus diesen so eng verknüpften Arbeitszusammenhängen, individuelle Einzelleistungen herauszurechnen, sehr viele überhaupt nicht zu bezahlen, viele sehr schlecht zu entlohnen und andere exorbitant hoch zu vergüten?

Vor allem aber: Warum weigern wir uns anzuerkennen, dass vorab jede und jeder das Recht auf soziale Teilhabe, auf eine eigenständige soziale Existenz haben soll? Und was hindert uns, diese mit einem bedingungslosen Grundeinkommen sicherzustellen? Aber doch bitte nicht die Kosten! Lesen Sie „Wem gehört die Welt?“, ein (ziemlich teures) Buch von Hans-Jürgen Jakobs, einem früheren Chefredakteur des „Handelsblatts“. Wer danach noch das Kostenargument in den Mund nimmt, ist Analphabet. Es ist keine Kosten-, sondern eine Machtfrage. Das macht es nicht leichter, schenkt uns aber die Gewissheit: Wir könnten, wenn wir nur wollten.

Genauer zur Arbeitsgesellschaft und ihren Alternativen: Hans-Jürgen Arlt, Arbeit und Freiheit. Eine Paradoxie der Moderne (Springer VS, 2017) sowie im CARTA-Dossier Ausbeutung 4.0: Was heißt und zu welchem Ende leistet man Arbeit?.

 

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