Trump, die Medienkonzerne und Silicon Valley

Der Strukturwandel im Mediensektor hat Trumps Aufstieg begünstigt. So lange sie quasi „postfaktisch“ behaupten können, sie wären keine Medienkonzerne, werden Google, Facebook und Co sich mit Trump arrangieren.

Zwei Wochen nach seiner Wahl zum Präsidenten bestellte Donald Trump die bekanntesten Gesichter und einflussreichsten Figuren der großen Medienunternehmen in den Trump Tower. Die geladenen Journalisten und Manager hatten erwartet, dass sie Details über den medialen Zugang zum neuen Präsidenten und Tipps für eine produktive Zusammenarbeit mit der Kommunikationsabteilung des Weißen Haus bekommen würden. Stattdessen kam es zu Szenen, die Teilnehmer später als „Erschießungskommando“ beschrieben. Trump schrie die versammelte TV-Elite nieder und bezeichnete sie kollektiv als „Lügner“. Insbesondere CNN-Boss Jeff Zucker kam den Zorn des president elect zu spüren: Er hasse seinen Sender, jeder der dort arbeitet lüge, und er sollte sich schämen, warf er Zucker vor.

Rund drei Wochen später waren die Chefs der Onlinekonzerne aus Silicon Valley an der Reihe. Doch der Kontrast bei deren Antrittsbesuch in Manhattan hätte nicht größer ausfallen können. Trump bezeichnete die Anwesenden (unter anderem Facebooks Sheryl Sandberg, Googles Eric Schmidt und Apples Tim Cook) als „amazing people“ und versprach, alles in seiner Macht stehende zu tun, um sicherzustellen, dass sie erfolgreich bleiben. Schon die Obama-Administration war sich angesichts der schwindenden verarbeitenden Industrie um die Bedeutung von Silicon Valley bewusst. Doch Trump brachte es auf den Punkt: „there is nobody like you in the world“ und „we’re gonna be there for you.“

Auf den ersten Blick scheint Trumps Verteufelung der Mainstream-Medien keinen Sinn zu machen. Denn es waren die großen networks und Kabelsender, die ihn zu einer landesweiten Berühmtheit machten und so letztendlich ins Weiße Haus brachten. Derselbe Jeff Zucker, den Trump im November zum Feind erklärte, sorgte in seiner damaligen Funktion als NBC-Programmdirektor mit der Produktion von 14 Staffeln von „The Apprentice“ dafür, dass der Ex-Wrestler heute zumindest bei Teilen der TV-Zuschauer als Wirtschaftsikone und „Dealmaker“ gilt. Auch wegen des Erfolgs von Trumps Reality-TV-Show stieg Zucker in der NBC-Hierarchie auf und wurde CNN-Chef, wo er prompt dafür sorgte, dass Trump während der Vorwahlen überproportionale Sendezeit erhielt. In den abendlichen Nachrichtensendungen sahen die TV-Zuschauer aller Sender bereits im Jahr 2015 zusammengerechnet 326 Minuten Trump – dreimal, bzw. 16-mal so viel wie Hillary Clinton und Bernie Sanders. Dass er bereits bei Wahlkampfveranstaltungen einzelne Journalisten schikanierte, wurde von den Medienkonzernen angesichts der bis zu drei Milliarden Zusatzeinnahmen hingenommen, die die Trump-Berichterstattung den Sendern bescherte.

Vertreter der Internetkonzerne hatten während des Wahlkampfes zumindest leise Kritik an Trumps Wahlkampfversprechen geäußert. Mit Erschrecken wurden seine rassistische Ausfälle gegen Einwanderer und Muslime in einer Branche aufgenommen, deren Erfolg vom stetigen Zulauf hochqualifizierter Ingenieure und Programmierer aus aller Welt abhängt. Trumps Ankündigung, branchenübergreifend sämtliche Regulierungsmechanismen auszuhebeln, wurde ebenfalls misstrauisch beäugt. Schließlich hatten zivilgesellschaftliche Akteure gemeinsam mit den Internetkonzernen der Obama-Administration ein starkes Bekenntnis zum Netzneutralitätsprinzip abgerungen. Trumps künftiger Leiter der obersten Medien-Regulierungsbehörde FCC, Ajit Pai, hat hingegen bereits in typischer Trump-Rhetorik verkündet, sämtliche Gesetze zum Schutz eines neutralen Internets mit „einem Rasenmäher zu überrollen.“

Trump benötigt die tech companies, insbesondere Google, Twitter und Facebook, da sie neben ihrer geostrategisch nicht zu unterschätzenden Bedeutung als nahezu komplett unregulierte Ökosysteme die Verbreitung seiner „alternativer Fakten“ ermöglichen. Nur durch die sozialen Netzwerke konnten Krawalljournalismus-Seiten wie Breitbart und The Gateway Pundit eine größere Leserschaft erreichen –und deren Vertreter schließlich im Pressekorps des Weißen Haus landen. Im Gegenzug haben sich die Onlinekonzerne, personifiziert durch Trump-Buddy und Facebook-Investor Peter Thiel sowie Google-Lobbyist und Transition team-Mitglied Joshua Wright, längst mit Trump abgefunden. So lange sie quasi „postfaktisch“ behaupten können, sie wären keine Medienkonzerne (obwohl sie einen Großteil mit dem Vertrieb von Inhalten und dem Verkauf von Werbung verdienen) und weiter in einem regulatorisch luftleeren Raum operieren, werden sie sich mit Trump arrangieren.

Der dramatische Strukturwandel im traditionellen Mediensektor wiederum hat Trumps Aufstieg begünstigt und könnte in den kommenden vier Jahren seine Macht festigen. „Fake News“ und Trumpismus florieren natürlich auch angesichts eines sich im Niedergang befindlichen US-Zeitungssektors, der in den letzten zehn Jahren ein Drittel seiner Belegschaft gefeuert hat. Im Bundesstaat New Jersey etwa müssen von Medienkonzernen wie Gannett oder Advance geschrumpfte Redaktionen Weihnachtsmann-Quizes posten anstatt dort etwa investigativ Trumps angebliche Verbindungen zur Mafia näher zu beleuchten. Kabelfernsehen zeigt in den USA ebenfalls seit geraumer Zeit Krisensymptome und ironischerweise war es der polarisierende und für TV-Konzerne enorm lukrative Trump-Clinton-Wahlkampf, der die massenhafte Abwanderung der Zuschauer in Netz zeitweise vergessen machte. Trumps Zorn auf CNN und Co. nach der MI6-Dossier-Affäre und der umfassenden Berichterstattung über den Women’s March entspringt wohl auch seiner Enttäuschung darüber, dass der traditionell eng mit der Präsidentschaft verzahnte politisch-mediale Komplex seine Bringschuld bisher nicht erfüllt.

Wo Trump medienpolitisch zu verorten ist, lässt sich wie so ziemlich alles, was Trump sagt und tut, nicht vorhersagen. Doch die erste Grundsatzentscheidung naht. Noch in diesem Jahr müssen Trump, die FCC und das Justizministerium über eine der größten Medienfusionen aller Zeiten entscheiden. Für rund 85 Milliarden Euro will Telekommunikationsgigant AT&T den Medienkonzern Time Warner übernehmen. Mit dem Kauf von Time Warner will AT&T die privaten Nutzerdaten seiner Mobilfunkkunden vermarkten, in dem es sie mit hochwertigen Content verknüpft. Der Merger zwischen dem fünft- und sechstgrößten Medienunternehmen der Welt würde ein Konglomerat entstehen lassen, das ähnlich wie Comcast sowohl die Vertriebswege als auch ein Filmstudio und mehrere Fernsehsender kontrolliert – darunter mit CNN auch Trumps Feindbild Nummer Eins. AT&T, dessen Profil als quasi-monopolistischer, die Netzneutralität bekämpfender Daten-Zulieferer der NSA Trump sicher gefällt, und Time Warner (dessen Zugpferde CNN und HBO eher als „liberal“ gelten) passen auf den ersten Blick nicht zusammen. Ob der Präsident den Deal wie im Wahlkampf versprochen blockiert oder im Rahmen seiner „America First“-Doktrin durchwinkt, hängt wohl auch davon ab, ob der Disput zwischen ihm und den „Mainstream“-Medien in den kommenden Monaten weiter eskaliert.

 

Till Wäscher ist gemeinsam mit Lutz Hachmeister Ko-Autor von „Wer beherrscht die Medien? Die 50 größten Medien- und Wissenskonzerne der Welt“, das soeben beim Halem-Verlag erschienen ist.

 

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