Warum wir Heimat nicht den Rechten überlassen dürfen.

| 24.01.2017 | 4 Kommentare

Heimat ist etwas sehr Schönes und zugleich Monströses. Das Wort ist ja nicht patentgeschützt. Zur Instrumentalisierung des Heimatbegriffs durch die Rechte.

Es wird vermehrt über Heimat diskutiert. In vielen Medien, in Parteien, in Familien, an Stammtischen, in Kirchengemeinden, in Freundeskreisen. Und weil das so ist, beschäftigt die Heimat zurzeit eben viele, viele Köpfe.

Ist das gefährlich? Nein. Führt Beschäftigung mit der Heimat zu Nationalismus? Nein. Ist der Heimatverbundene verdächtig, ein Fremdenfeind zu sein? Nein. Ist Freude an der Heimat eine Rutschbahn in den Antisemitismus? Nein. Setzt Beschäftigung mit der Heimat die repräsentative Demokratie herab? Nein. Ist bei Heimatthemen in jedem Fall auf „nichtschuldig“ zu erkennen? Nein. Aber das ist ein Widerspruch zu dem…. Nein!

Es gibt eine Faustregel: Klopft die Heimat solo an die Tür, sollte man sie reinlassen. Kommt sie nicht allein: Vorsicht! Heimat ist mit Misstrauen zu begegnen, wenn zwei vor der Tür stehen, wenn neben ihr noch ein „Bund“ oder „Schutz“ oder “Krieg“ aufkreuzt; wenn neben der Heimat das Eigenschaftswort „rein“ zu sehen ist oder ein „die Treue halten“. Sie werden merken, dass die Unterscheidung zwischen „solo“ und „in Begleitung von“ kein in Stein geschlagenes Gesetz ist. Man muss hier schon ein eigenes Urteil bilden. Aber die Richtung stimmt.

Ich will ein Beispiel geben: „Kriegsweihnacht 1940“ preist ein Verlag im Internet eines seiner Erzeugnisse an. Und weiter: „ Eine Dokumentation der berühmten Ringsendung des Großdeutschen Rundfunks am Heilig Abend 1940, in der Soldaten von allen Fronten Weihnachtsgrüße an die Heimat senden konnten….lassen sie die Atmosphäre von damals nachempfindbar werden….“ Ein ziemlich mieses Geschäft mit dem Wort Heimat. Auch mit der Friedenssehnsucht des Verlags ist es offenkundig nicht weit her, denn neben dieser „Kriegsweihnacht 1940“ kann Mensch dort einen Jahreskalender 2017 mit Bildern der „Deutschen Wehrmacht an vielen Fronten, im Kampf zu Wasser, zu Land…“ kaufen. Insgesamt ein Angebot für „Alte Kameraden“ und neue Kameradschaften.

An erster Stelle der Wunschlieder in dieser Sendung steht ein Lied mit dem Titel „Heimat, deine Sterne“, ein Lied aus dem mit Rühmann bestückten Muntermacherfilm der Nazis „Quax der Bruchpilot“ von 1941. In den fünfziger Jahren dudelte das Lied („…Ost und West hab ich durchmessen, doch die Heimat nicht vergessen…) morgens in den Radiosendungen, mal gesungen von Rudi Schuricke, mal von Bruce Low. Die Popshop-Familie von Abba bis WHAM war damals noch nicht auf der Welt. Vergessen wurde der Titel nicht. Er „leuchtete“ weiter, durchmaß nicht mehr Ost und West sondern nun die Zeiten. 2011 erschien beispielsweise ein Roman mit diesem Titel. „Heimat, deine Sterne“ hieß ein filmisch begleitetes Projekt in Mecklenburg-Vorpommern über den dortigen Strukturwandel – unterstützt von DGB und Bundesregierung. Die Heimat als Verbindendes über die Brüche in Biographien hinweg. Ein anständiges Unternehmen mit eben diesem Titel aus dem Nachlass der NS-Filmgeschichte.

Merken Sie? Wird das Wort Heimat ideologisch aufgeladen, sagen sie am besten: Da hat der Zimmermann die Öffnung für die Tür gelassen. Tschüss! Heimat ist kein Zwang. Man hat immer die Wahl.

Heimat wird zudem häufig mit Geborgenheit und Sicherheit zusammengebracht. Dagegen ist zuerst mal wenig zu sagen, weil Heimat zum großen Teil aus uns lieben Bildern und Szenen der Vergangenheit besteht. Aus Gefühl. Wir funktionieren ja so, dass wir in der Rückschau das von uns als schön und als erfolgreich Erlebte im Kopf tanzen lassen, während Niederlagen und Schlimmes hinter unseren persönlichen Nebelbänken liegen bleiben. Heimat lässt Glückshormone entstehen.

Aber eigentlich ist die Verbindung von Sicherheit und Heimat doch keine gute Idee, denn Heimat bietet ebenso wenig reale Sicherheit wie Deutschland eigene („deine“) Sterne hat. Wer das Wort Sicherheit benutzt, der will etwas abwehren und schützen: Leib und Leben, Land und Leute, Kultur und Gewohntes. Besteht die reale oder eingebildete Notwendigkeit des Schützens nicht, gibt es keine Sicherheitsdebatte. Heimat wird in diesen Zusammenhängern erst richtig schön, wenn sie weit weg ist. 1957 lief in Deutschland ein Film mit dem Titel „Der Stern von Afrika“ an – über einen Piloten der Nazi-Luftwaffe. Im Film war laut Wikipedia erstmals Roberto Blanco in der Rolle eines Küchengehilfen namens Mathias zu bewundern. Heimat und Sehnsucht plus Sand plus Palmen und Ratatatata plus Männergespräche über die Sinnlosigkeit des Krieges. Sorry, aber Heimat solo ist besser.

Heimaten beziehen sich vor allem auf Kindheit und Jugend, Spiele spielen, ins Freibad Radeln, Schiss vor dem ersten Sprung vom Siebener Brett haben und dann doch rasch hinab ins Wasser. Wumm! Im Winter Schlittschuh auf dem Weiher laufen, auf knirschendem Eis, um daheim sagen zu können: Ins Eis einbrechen? Kann mir doch nicht passieren. Heimat ist auch Angabe und Nervenkitzel; zu Weihnachten meist nicht das bekommen, was man sich gewünscht hat, gehört zum Heimatgefühl; Fußball und Familie und Schule und Zeugnis und Ärger und erste Liebe: Heimat ist Erinnerung, das einzige Paradies aus dem wir nach Jean Pauls Überzeugung nicht vertrieben werden können.

Ist es nicht so: Die einen, die ihr Leben lang mehr oder weniger an einem Ort verbracht haben, die eventuell noch im von Eltern, Großeltern oder Urgroßeltern erbauten Haus wohnen, die kennen Heimat satt. Erhard Eppler hat vor vielen Jahren auf dem Kölner Kirchentag seiner christlichen Abteilung unter dem Beifall der Zuhörerschaft erklärt, dass derjenige sich glücklich nennen könne, der noch in den Steinen wohne, die von den Vorfahren zusammengefügt worden waren. Ich füge hinzu: Die Glücklichen bewirtschaften oft noch einen Garten, in dem bereits die Eltern Salat zogen, Kirschen ernteten und die dort Sommerabende verbrachten, lachend, ernst, bis die Sterne blinkten – die der nördlichen Halbkugel, und die den warmen Atem der Erde sowie den selbsterzeugten Obstwein genossen, bis sie in ihre Betten sanken. Zu romantisch meinen sie? Dann füge ich hinzu: An solchen Abenden kann jeder und jede auf Illner, Lanz und Zamperoni verzichten. Worüber man sich bei Brombeerwein unterhielt? Über die Verwandtschaft, Nachbarn, Geburten, Heiraten, Krankheiten und – na zum Beispiel darüber, dass Anna um keinen Preis Blockflöte spielen lernen wollte, aber dann doch in der Gruppe die Querflöte übte, während Klaus trommeln lernte, weil es dazu gehörte, im dörflichen Spielzug mit zu machen und mit zu gehen. Mädchen übrigens wie Jungen.

Aus Kindern wurden Erwachsene. In der mir vertrauten Welt des Überganges vom Land zur Stadt sind Flöten-Anna und Trommler-Klaus Pendler geworden. Wie so viele Millionen anderer Menschen. Hauptschule, drei Ausbildungsjahre, Job in der Stadt, Fachschule, vielleicht Abitur auf dem zweiten Bildungsweg und wieder Job in der Stadt. Millionen leben tatsächlich so, wie ein Pendel schwingt. Sie schwingen vor, weil in der großen oder kleineren Stadt Geld verdient werden kann, während daheim kein Moos zu machen ist, weil daheim zu wenig los ist. Sie schwingen zurück, weil sie dort wohnen, wo bereits die Eltern wohnten. Die Heimat bekommt Junge! Sie müssen sich unentwegt sputen: Zur Arbeit fahren, dafür sorgen, dass während dieser Zeit die Kinder versorgt sind. Sie müssen gewillt sein, sich fortzubilden, wenn sich die Verhältnisse im Betrieb ändern. Im Ort und in dessen Gesellschaft sollen sie präsent sein. In der Familie Sorge tragen, dass kein Mitglied zu kurz kommt. Und vor allem noch für die Kinder da sein.

Ob sie besonders empfänglich sind für Bernd Höckes Historien-Kappes oder das Geblöke anderer Rechter, das bezweifle ich. Es sind meist Leute, die genau hinschauen müssen, nicht viel zu verschenken haben und in denen eine traditionelle Schläue weiter lebt. Für die gilt immer noch, was die Großeltern naseweisen Städtern sagten wenn die loslachten: „Ha-ha-ha, ihr Landeier macht doch erst Tage nach der Geburt die Augen auf!“

„Stimmt“, antwortete man denen. „Genau erst nach zehn Tagen. Aber am elften Tag haben wir euch schon durchschaut!“

Die Naseweisen haben längst eine Mehrheit auf ihrer Seite. Diese Mehrheit hat sich in den Städten ihre Heimaten geschaffen. Heimaten die rascher wechseln als die auf dem Land. Mit ungeheurer Energie geschaffen. Wer in den Jahren nach der Wende in Berlin die Köpenicker Straße in Richtung Treptow entlang lief, sich dann nach links zur Spree schlug, der schaute über den Fluss hinweg auf ein verkommen wirkendes Panorama: Grau und Grün und schmutziges Braun und Schwarz, Hütten, Trümmer, Schutt, Lücken. Dahinter waren Plattenbauten hochgezogen worden, wie eine Stadtmauer, die Chaos ausschließen sollte. Ehemaliges Kriegsgebiet. Heute ist das Gelände östlich des Ostbahnhofs gelegen durchstrukturiert, erschlossen. Binnen weniger Jahre. Nichts erinnert an die Raketen und Granaten und Bomben, die das frühere Ganovenviertel der Stadt in eine Wüstenei verwandelt hatten. Millionen Menschen, die nie Berlin besucht hatten, ist diese Gegend übrigens bekannt, denn viele Fernsehkrimis enthalten eine Szene mit dem Blick vom Köpenicker Ufer auf die Friedrichshainer Oberbaumbrücke sowie deren Umgebung. Die Stadt verschlingt Heimaten, um neue wieder auszuspucken.

Der Schauspieler Günter Lamprecht erzählt in seinen Lebenserinnerungen, dass er und seine Kumpels dort von der Jannowitzbrücke gesprungen seien, um sich an Schiffe in Richtung Oberbaumbrücke zu hängen, auf ein entgegenkommendes Schiff zu warten, sich daran zu hängen und so zurück zur Jannowitzbrücke gezogen zu werden. Damals, in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Kindervergnügen. Heimat eben. Unvorstellbar heute. Besorgte Eltern würden nachmittags wegen ihrer fidelen Kinder auf der Spree den Notstand ausrufen, um abends im Babylon den Lamprecht als Franz Biberkopf in der Verfilmung von Döblins „Alexanderplatz“ anzuschauen. Manchmal ist Heimat eben wie ein doppelter Rittberger.

Auf dem Land schlägt der Puls langsamer. Fünf oder sechs Millionen, überwiegend ältere und alte Menschen kommen praktisch nie von dort weg. Wenn die letzten Pendler morgens das Dorf verlassen haben, krächzen nur noch die Krähen. Sonst herrscht Stille, die vielleicht durch einen Traktor unterbrochen wird, der auf Feld oder Weide fährt.

Einmal pro Woche steht ein Wagen vor der Tür, um eine Seitenwand hochzuklappen, hinter der sich eine schmale Auslage auftut: Milch und Brot und Käse und Wurst und Butter wie Margarine und Kuchen und ein Sortiment Bier und Schnaps und Wein. „Schnelldienst“ habe ich auf solchen Kastenwägen schon gelesen. Die große weite Welt kommt so zu den Alten. Der Arzt sitzt mit seiner Praxis in der nächsten Kreisstadt, die Großmutter hat also den Bus zu besteigen, um dort an Rezepte für sich und Opa zu kommen und im Städtchen den Apotheker aufzusuchen, dann im Café ein Stück Kuchen essen, eventuell Bekannte zu treffen und wieder zum Bus zurück zu eilen, denn den zu verpassen wär eine kleine Katastrophe. Und dann warten die alte Dame und der alte Herr, dass mal wieder eins der Kinder vorbeischaut. Um die Enkel bestaunen zu können, die sich nach kurzer Zeit zum Fußballspielen vor die Tür begeben haben und die nach zwei Stunden nörgeln: Wann fahren wir wieder? Am Abend lockt der Fernseher. Netflix? Unbekannt. Auch das ist Heimat.

Neulich hat der Spiegel das Heimat-Thema aufgearbeitet – in einem Spiegel Spezial. Auf das Cover wurde reichlich verfremdet Caspar David Friedrichs Ölgemälde „Wanderer über dem Nebel“ aus dem Jahr 1818 gebracht. Im Original steht ein Mann einsam mit dem Rücken zum Betrachtenden auf einem zerklüfteten Felsen, auf einer Felsenklippe, die mich ächzen und schwindlig werden ließe. Blonde, vom Wind verwirbelte Haare, Hose, Gehrock und Bergstock, ein trotzig nach vorn gestelltes linkes Bein. Steigende Nebel und gewaltige, ferne Berge. Heimat sieht eigentlich anders aus. Der Spiegel ersetzte den Wanderer durch eine junge Frau, lässig auf verhältnismäßig flachem, steinigen Boden stehend, statt im Gehrock in einem Sweatshirt und statt Wanderstock in der Hand ein Skateboard unter einem Arm. „Annäherung an ein schwieriges Gefühl“, nannte das Magazin dies. Diesen Spiegel Spezial liest man am besten von rückwärts, weil dieses Mal auf der Rückseite das wichtigste steht: Da wirbt ein Wirtschaftsprüfungsunternehmen. Einer jungen Frau („Yasmin – Assistent Manager Consulting“, Yasmin ist also im unteren bis mittleren Beratungsmanagement angesiedelt) haben die Kreativen des Unternehmens die Satz-Stücke in den Mund gelegt: „Mein Zuhause? Die ganze Welt.“ Und: „Spanien. Australien. Singapur. Meine Projekte als Beraterin kennen keine Grenzen. Dank eines tollen Teams fühle ich mich bei jeder neuen Herausforderung schnell zu Hause.“

Annäherung an ein „schwieriges Gefühl“? Die ganze Welt als Zuhause. Heimat als Ort des Wohlfühlens durch Unterstützung eines „Teams“, der Erdball von Hamburg bis down under als Heimat. Wenn ich Yasmins PR-Sätze weiter spinne, sie zudem gedanklich ein wenig platt bügele, komme ich zu folgendem: Reisen und Arbeiten, Arbeiten und Reisen; Shoppen und mit Bekannten abhängen, Fitnessstudio, manche Stunden „Candy Crush“ oder einem anderen Spiel gewidmet, Herumfummeln mit dem Smartphone. Auf Fragen „antwortet“ Facebook, „informiert“, unterhält, als habe Facebook eigene Sterne über der Heimat hängen; ein Wochenend-Partner, Twittern und Tweeden und ein minimalistisch organisierter Haushalt mit einer aseptisch erscheinenden Küche in unschuldigem Weiß für kompliziert & exotisch Gekochtes, Gesottenes, Gedämpftes. Kennzeichen der neuen Heimaten. Falsch? Okay. Irgendwie niederträchtig beschrieben? Kann sein. Jedenfalls neben den Land-„Ständigen“ und den Pendlern die dritte Generation mit eigenen Heimaten.

Aber dann geschieht etwas Unerwartetes. Yasmin fragt die Oma, ob sie und der Opa nicht Lust hätten, zusammen mit ihr und dem neuen Freund, im Sommer in der Schweiz Ferien zu machen. Haus gemietet, groß genug für vier. Während sie und Freund Tom auf die höheren Berge stiegen, könnten die beiden Alten auf den bequemen Wegen rund um Arosa unter den wunderbaren Arlen-Bäumen der Gegend spazieren. Abends könne man zusammensitzen, endlich mal wieder Halma spielen und miteinander reden. Gesagt und abgemacht.

Am 1. August sitzen die vier, wie es sich an diesem Tag gehört unter den Schweizern, die sich zur Bundesfeier eingefunden haben. Der Landrat hält die Festrede und dabei kommt er auf den Gründungsmythos der Schweizer, auf den Grünungsmythos ihrer Heimat, den Rütlischwur zu sprechen. Der Großvater findet das großartig.

Am Abend kommt der alte Herr darauf zurück. Deutschland fehle ein Gründungsmythos, um Heimat für alle zu sein. Tom hält das für sehr heikel. Er beschreibt dem Großvater, was für die Internetnutzer eine Cloud ist: Ein elektronischer Tresor, in den er alles schriftlich Wichtige packen könne. Diese Cloud helfe ihm, sagt er. Sie sei immer da. Sie helfe ihm auch, die eigenen Dinge im Internet zu ordnen. Sie sei sein Diener. In einer solchen, im übertragenen Sinn funktionierenden Cloud stecke für ihn das, was bei der Geburt der Bundesrepublik Pate gestanden habe.

Der Großvater hat zugehört. Was denn darin aufgehoben werde, will er wissen.

Na, sagt Tom, da seien die Nürnberger Prozesse gegen die Naziverbrecher. Damit habe eine neue Rechtsprechung begonnen, an deren vorläufigem Ende sich der Internationale Gerichtshof in Den Haag befinde. Die Nürnberger Prozesse seien die Geburtsurkunde dazu. Großvater nickt. Ja, sagt er, das leuchte ihm ein.

Dann steckten in der Cloud, erklärt Tom, die Frauen und Männer, die das Grundgesetz geschrieben hätten. Das sei unsere, wenn er so wolle, unsere nationale Geburtsurkunde. Kein Widerspruch.

Ferner habe er in der Cloud die Gruppe 47 abgelegt. Jene Schreibenden, die ihre Arbeit der Auseinandersetzung mit dem Vergessens-trunkenen Land gewidmet hätten.

Das gefalle ihr gut, sagt die Großmutter, die viele Jahre lang auf einer Grundschule Kinder unterrichtet hatte.

„Aber die Schweizer haben etwas, in das sie ihre Heimat wie ein kostbares Geschenk einpacken können“, entgegnet der Opa. Das hätten die Deutschen nicht.

„Haben wir auch! Denk mal an Böll und Lenz und Zuckmayer und Schallück und Reding und Max von der Grün“, sagt die Oma. „Die alle haben sich mit der Heimat beschäftigt. „Linke“, sagt sie. „Wunderbare Geschichten über die Plätze des Lebens, über Arbeit, Glück, Schicksal, Rechte und Pflichten. Bölls Satz ´Was soll aus dem Jungen bloß werden`? – ist Heimat pur. Bei uns daheim hätt es geheißen: Wat soll us däm Jong bloss weede. Hat Mutter damals auch gefragt, als der Franz Abitur gemacht hatte. Sorge hatten die damals, aber auch irgendwie Vertrauen in ihn. Verstehst Du?“

Der Großvater wirkt nachdenklich.

Außerdem, sagt Yasmins Gefährte, werde in der Cloud die Öffnung des Landes nach Westen aufbewahrt. Die neuen Way of Lifes: Kleidung, Musik, Lässigkeiten und anderes mehr. Für seinen Großvater, einen Bergmann, fährt Tom fort, sei die Gründung des Deutschen Gewerkschaftsbundes so wichtig gewesen. Der wollte die Gesellschaft Schritt für Schritt besser machen. Für ihn, den Enkel, komme der Auschwitz-Prozess noch hinzu, weil damals endlich angefangen worden sei, mit der Nazi-Erbschaft aufzuräumen. Natürlich passe das alles nicht zusammen. Aber alles zusammen sei für ihn… Tom stockt. „Mir fehlt im Augenblick das richtige Wort“, sagt er.

„Und all das ist nun in Gefahr“, fährt die Großmutter fort. Der Großvater schweigt, denn er weiß, was kommen würde.

Das Gesicht der Großmutter hat sich ein wenig gerötet. Sie trinkt einen Schluck Wein: „Weil die alte Ordnung vergangen ist. Mir gefällt nicht, dass Männer wie Eheleute zusammen leben. Ich bin irritiert, weil ich in der Kreisstadt auf verschleierte Frauen treffe. Weil ich nicht mehr an der Bushaltestelle auf den Bus warten will, denn da treiben sich immer unhöfliche fremde Männer herum. Weil wir uns nicht mehr trauen, abends mit dem Bus in die Stadt zu fahren, ins Kino zu gehen, um mit einer Taxe zurückzufahren. Da stehen die Kerle wieder herum. Gucken uns an, dass es mich friert. Und was eine Taxe kostet!“

„Else hat Recht“, fuhr der Großvater fort. „Wir sind zur Fronleichnamsprozession in die Kreisstadt gefahren. Bei uns gibt es ja leider keine mehr. Da standen die Türken oder Araber am Straßenrand, ums uns auszulachen. Warum machen die das? Wir verstehen auch vieles von dem nicht mehr, was im Fernsehen kommt. Das geht alles so schnell. Und dann nuscheln manche so schrecklich. Ich will, dass einmal ein Schlussstrich gezogen wird.“

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 Die Bundesrepublik ist die Heimat vieler Heimaten geworden, wenn sie das nicht schon immer war. Für manche ist Heimat etwas Flüchtiges geworden, etwas, das sich in die Ritzen und Klüfte der Erinnerung zurückgezogen hat – wo sich das erwähnte einzige „Paradies“ befindet. Andere haben die Heimat verloren, sind in einer neuen nicht angekommen, stecken fest. Die meisten geben sich Mühe, anzukommen. Sie versuchen, alte Heimat in eine neue Heimat einzusäen. Schwierig. Die einen müssen bleiben, wo sie sind, die anderen haben sich über die ganze Welt verstreut. Nicht abzusehen, was werden wird.

Die Urenkel und Enkel der von der Industrie in die Städte und an die Stadtränder angelockten Vorfahren arbeiten heute nicht mehr in den alten Wohn-Revieren, sondern in anderen Regionen des Landes, manche in New York, in London, in Düsseldorf, Zürich oder Kopenhagen. Dort setzt wie eine bislang nie gehörte Musik eine neue Heimat ein. Und zwar deswegen, weil die Jungen sich dort wohlfühlen. Wohlfühlen hat den „Kosmos“ der Erinnerungen, der mit der Heimat verbunden ist, nicht ausgelöscht, aber doch in eine entfernte Ecke unseres Bewusstseins transportiert. Da können die Gaulands und Höckes noch so toben, ändern werden sie das nicht.

Heimat ist etwas sehr Schönes und zugleich Gefährdetes, auch Monströses. Das Wort ist ja nicht patentgeschützt. Wir Deutsche sollten das wissen. Josef Vilsmaier führt in seinem Film über die Comedian Harmonists den enttäuschten Nazi-Widerling Julius Streicher vor, der nicht versteht, dass die Sänger zögern, für ihn, den Antisemiten das von Friedrich Glück vertonte Eichendorff-Gedicht „in einem kühlen Grunde“ zu singen. Für manche unter uns Deutschen sind Eichendorffs Verse und Glücks Musik Inbegriff von Heimat und Verlust, Glück und Verzweiflung. Und ausgerechnet der Paradeantisemit Streicher will, dass jüdische Sänger ihm die Eichendorff-Parabel von Heimat, Liebe, Verlust und Widerkehr ins Ohr schmusen. Das heißt: Heimat kann sich nicht wehren.

Nun bin ich schließlich doch in der Politik angelangt. War ja wohl nicht anderes zu erwarten. Toms Idee von der Cloud gefällt mir sehr. Die kann er jederzeit öffnen, und Neues hinzufügen, gleich wo er und Yasmin sich befinden. Wo immer sie sich Wohlfühlen, haben sie Heimat. Komplizierter ist die Lage für diejenigen, die zu bleiben haben, wo sie sind. Die schauen sich um, entdecken die Welt der Rechtspopulisten, der Rechtsnationalisten und Rechtskonservativen. Der Entscheid der britischen Bevölkerung, die Europäische Union zu verlassen, richtete sich auch gegen eine Entwicklung, die von vielen als Verlust der angestammten Heimat empfunden wurde. Weil allmählich zu viele fremdländisch geschriebene Namen auf den Haustürklingeln stünden, wurde erklärt. In Großbritannien war dieser Protest erfolgreich.

Geert Wilders Partij voor de Vrijheid – in Umfragen prozentual mit knapp 20 Prozent und damit als stärkste Partei gehandelt –, will ebenfalls die angestammte Heimat erhalten, beziehungsweise das, was er darunter versteht. Die alte, die Tradition der Sozialdemokratie verkörpernde Partij van de Arbeid liegt in einer ipsos-Umfrage im Vergleich dazu bei 6,5 Prozent, nach einem Wahlergebnis von etwa 25 Prozent noch 2012. In unserem Nachbarland könnte es in knapp zwei Monaten nach der Wahl nur noch darum gehen, Wilders Partei so zu isolieren, dass sie keinerlei Koalitionspartner findet. Marie le Pens Front National zielt in diese Richtung. In Österreich ist die FPÖ nach wie vor so stark, dass sie die politische Ausrichtung der Konkurrenz nach rechts drücken kann. Auch sie reitet auf dem Heimatthema herum.

Die Aufzählung ließe sich nahezu endlos verlängern, von Lettland über Polen, Tschechien, Dänemark und im Bogen zurück über die Schweiz nach Italien. In sechs europäischen Ländern sind solche Kräfte mit an der der Regierung! In weiteren elf Ländern sitzen ihre Repräsentanten sowohl in den nationalen Parlamenten als auch im europäischen Parlament. Die Bundesrepublik ist das einzige Land, das solche Kräfte lediglich ins europäische Parlament entsandt hat. In acht Ländern sind diese Leute entweder politisch nicht bedeutsam oder als Partei nicht vorhanden.

In Deutschland hat die AfD den Anspruch erworben, die Komplizin dieser Kräfte zu sein. Sie sitzt in zehn Landtagen. Wer die Programmatiken dieser Parteien „eindampft“, der findet

Wenn ich von der Kriegslüsternheit absehe, dann ist das im Großen und Ganzen das Parteiprogramm der Nazis. Gegen jeden einzelnen Programmpunkt lässt sich Widerstand mobilisieren. Politischer Wille, Rechtsstaat, politische Bildung, Anstand. Ja auch Anstand. Ich kenne keine Gewerkschaft, keinen Arbeitgeberverband, keine kirchliche Gliederung, keinen Berufsverband, der sich mit den Herrschaften der AfD angefreundet hätte. Das hat gute Gründe. Jüngst hieß es in Bayern aus AfD-Mündern: Sophie Scholl würde AfD wählen. Mehr muss man über diese Leute nicht wissen.

In den Programmatiken der europäischen Rechten finde ich nur einen Teil, der des Schutzes bedarf, die Heimat. Wir dürfen sie den Rechten heute nicht überlassen. Kein Böll und kein Max von der Grün in Sicht, die dagegen halten würden. Daher wird uns wegen der verdorbenen Heimatnutzung durch die Rechte nichts anderes übrig bleiben, als auf Elvis zu hören; ja auf Elvis: „Return to Sender, Address unknown. No such Number, no such Zone.“

 


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