Die gefährliche Sehnsucht, Eribons Gedanken auszulöschen

Die AfD liebt es, politische Stellungnahmen in eine Pauschalkritik an den Medien einzubetten, die gerne im Vorwurf der Lügenpresse gipfelt. Ruldolf Walther bedient sich bei CARTA dieser Attitüde, um Didier Eribons „Rückkehr nach Reims“ zu verreißen.

Rudolf Walther erfindet bei CARTA dafür ein „deutsches Feuilleton- und Talk-Show-Wesen“, das er auch gleich „Lügen-Feuilleton” hätte nennen können. Denn das Feuilliton habe es „hingekriegt, das Buch Rückkehr nach Reims von Didier Eribon vollkommen zu verfälschen und für politische Nebenzwecke zu instrumentalisieren“. Natürlich belegt Walther seine massiven Vorwürfe mit keinem Link, Wort oder Text, weil er sich damit angreifbar machen würde. So kennt man es auch von der AfD.

 

Tatsächlich sorgt sich Walther nicht um die Verfälschung Eribons, sondern das ist ein demagogisches Vorspiel, um sich nun als mutiger und reiner Kämpfer gegen gegen die von ihm erfundene feuilletonistische Einheitsfront zu inszenieren, wenn er Eribons Arbeit angreift. Didier Eribon hat einen berührenden autobiografischen Essay geschrieben, in dem er über die Veränderungen der Arbeiterschaft nachdenkt, die er im gesellschaftlichen Modernisierungsprozess von den Linken allein gelassen sieht. Ihn, den Schwulen, beschäftigt dabei die Frage, warum sich die Arbeiter seit jeher auch immer wieder gegen andere Benachteiligte wie Homosexuelle oder Einwanderer wenden, warum sie also nicht für die linke Ikonisierung als die besseren Menschen taugen. Ebiron: „Für Arbeiter und Leute aus armen Verhältnissen bestand das Linkssein vor allem darin, ganz pragmatisch das abzulehnen, worunter man im Alltag litt. Es ging um Protest, nicht um ein von globalen Perspektiven inspiriertes politisches Projekt. Man schaute auf sich selbst, nicht in die Ferne, und zwar in geschichtlicher wie in geografischer Hinsicht.“

 

Darauf lässt sich Walther nicht ein, sondern wirft Eribon vor, eine soziologische Analyse auf „lächerlich dünner empirische Basis“ von „nämlich ganzen fünf Personen“ (der Familie Eribons) erstellt zu haben. Er predige „einen grobschlächtigen sozialen Determinismus, den sich Eribon als junger Trotzkist angeeignet“ hätte. Sein Text komme „kunstgewerblich aufgemotzt“ daher. „Da ihm die literarische Darstellung seines Lebens nicht gelang“, so Rudolf Walther, „garniert Eribon im vorliegenden Buch den Bericht über Bildungsgang und Leben sozialwissenschaftlich“ und verkünde „akademisch verbrämte Trivialitäten in jeder Preislage“. Lediglich das „Porträt seiner tapferen Mutter“ dürfe man, konzediert Walther gnädig, „anerkennen“ und „seine Autobiographie sensibel nennen“. Ansonsten, so Walthers Verdikt, müsse der Leser den „Rest des Buches ganz schnell vergessen.“ Wie man einen bösen Traum aus der Erinnerung verdrängt. Was für ein verächtlicher Ton. Glücklicherweise zeitigt der Trotzkismus-Vorwurf heute keine physischen Folgen mehr für den Betroffenen.

 

Besonders empört sich Walther über Bezüge zwischen Kommunisten und dem Front National, denen Eribon nachgeht: „Man spürte förmlich, wie sich in ehemals kommunistisch dominierten Räumen der Geselligkeit und des Politischen eine rassistische Stimmung breitmachte, wie sich die Menschen allmählich einem politischen Angebot zuwandten, das vorgab, lediglich die Stimme des Volkes oder die Stimmung der Nation wiederzugeben, das eine solche Stimmung in Wahrheit aber erst herstellte, weil es Ressentiments und Affekte mit einem stabilen diskursiven Rahmen und gesellschaftlicher Legitimität versah. Der von den ‘französischen’ populären Klassen geteilte ‘Gemeinschaftssinn’ wandelte sich von Grund auf. Die Eigenschaft, Franzose zu sein, wurde zu seinem zentralen Element und löste als solches das Arbeitersein oder Linkssein ab.“

 

Während Walther verzweifelt versucht, die Ehre von Kommunisten und KP-Wähler zu retten, die nicht für den Aufstieg Le Pens verantwortlich seien, erinnert Eribon zu Recht daran, dass „selbst zu ihren Hochzeiten als Arbeiterpartei die Kommunistische Partei nie mehr als dreißig Prozent der Arbeiterstimmen auf sich vereint hat. Tatsächlich erreichten die Kandidaten der Rechten in diesem Milieu damals genauso große oder sogar größere Stimmanteile als die der linken Parteien zusammen. Und dieses Phänomen betrifft nicht nur das Wahlverhalten. Historisch betrachtet, haben sich das Volk und die Arbeiter immer wieder zu kollektiven Handlungen mobilisieren lassen, die sich eher aus rechten Positionen speisten und mit den Werten der Linken nicht viel zu tun hatten.“ Die Deutschen wissen das seit der Wahl Adolf Hitlers zum Reichskanzler.

 

Eribon fordert in seinem Essay die Kritischen und Aufgeklärten, sich mit ihrer eigenen Verantwortung am Aufstieg der Rechtspopulisten zu beschäftigen: „Das ist also die Aufgabe, vor der kritische Intellektuelle und soziale Bewegungen stehen: Es gilt, einen theoretischen Rahmen und eine politische Sichtweise auf die Realität zu konstruieren, die es erlauben, jene negativen Leidenschaften, die in der Gesellschaft insgesamt und insbesondere in den populären Klassen zirkulieren, zwar nicht auszumerzen – denn das wäre unmöglich –, aber doch weitgehend zu neutralisieren; Theorien und Sicht weisen, die neue Perspektiven erschließen und der Linken einen Weg in die Zukunft weisen, in der sie ihren Namen wieder verdient.“

 

Die von Eribon eingeforderte Debatte lohnt sich. Bei seinem Erscheinen in Deutschland habe ich (auch bei CARTA) beispielsweise an diesem in Frankreich schon 2009 veröffentlichten Text kritisiert, dass „der Marx-geschulte Denker erstaunlicherweise im Überbau haften bleibt. Die Veränderungen der Welt durch die Digitalisierung, das sich abzeichnende Ende einer durch Arbeit geprägten Gesellschaft finden in seinem spannenden Buch nicht statt“). Und während Stefan Laurin in seiner gelungenen Rezension – durchaus im Einklang mit Eribon – Gerhard Schröder relevante Schuld an der Abwendung der Linken von ihren einstigen Anhängern zumisst, erscheint mir das zu kurz gegriffen, weil die schnelle Personalisierung den Blick auf die revolutionären Veränderungen der Arbeit verdeckt. Über all das lohnt es zu streiten.

 

Es ist das selbstverständliche Recht von Rudolf Walther, sich einer solchen Debatte zu verweigern. Aber in seiner Forderung, die unliebsamen Gedanken Eribons „schnell zu vergessen“, sie aus dem Diskurs zu streichen, sie also auszulöschen, zeigt sich eine linke Haltung, die beunruhigende Parallelen zur rechtspopulistischen Einstellungen aufweist. Die verächtliche Häme seines Textes unterstreicht das noch. Eribon hat das bereits 2009 befürchtet: „Wenn die Linke sich als unfähig erweist, einen Resonanzraum zu organisieren, wo solche Fragen diskutiert und wo Sehnsüchte und Energien investiert werden können, dann ziehen Rechte und Rechtsradikale diese Sehnsüchte und Energien auf sich“.


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