Tichys Boykott-Inszenierung und die Verrohung der Sitten

Nach der Initiative von Gerald Hensel müssen sich die Etat-Entscheider fragen, was sie mit ihrer Werbung mit finanzieren wollen. Weniger wegen ihnen missfallenden Meinungen, sondern weil ein irgendwie schmuddeliges Umfeld die Marke beschädigen könnte. Roland Tichy hingegen sollte sich für seinen unverfrorenen Vergleich mit den verfolgten Juden entschuldigen.

Mit großer Geste inszeniert sich Roland Tichy als Opfer eines Boykotts und zieht eine Linie zum Boykott jüdischer Geschäfte in der Nazi-Zeit. Auch wenn er eine Spur eleganter agiert als der grobschlächtigere Henryk M. Broder, ist seine Botschaft unmissverständlich. Anlass ist der Aufruf des Werbemanagers Gerald Hensel, angesichts des drohenden Zerfalls Europas genauer zu schauen, für welche Medien Etats geschaltet werden.

Raunende Verweise auf die Nazi-Zeit (Tichy: „schreckliche Tradition der Vergangenheit“) sind hier zu Lande eigentlich mehr die Spezialität der Linken. Und Tichy wird seine Erregung selbst nicht Ernst nehmen. Natürlich weiss der leidenschaftliche und kluge Ex-Chefredakteur der Wirtschaftswoche aus langer Berufserfahrung, dass politische Erwägungen bei der Entscheidung über Werbe-Etats seit jeher eine Rolle spielen können. Nicht so sehr bei den unangefochtenen Mainstream-Publikationen als bei denen, die politisch akzentuierter agieren. Nur wird das ungern öffentlich diskutiert. Gerald Hensel ist zu danken, dass er seine Kriterien offen darlegt. Seine Agentur wird das allerdings anders sehen; mal schauen, ob er seinen Job behält.

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In gewisser Weise ist Tichys Ärger durchaus nachzuvollziehen. Er weiss natürlich, dass die Entscheider über Werbeetats hinaus wenig oder gar nicht lesen. Sie werden also die radikalen Positionen seines Blogs gar nicht kennen, der besonders rabiat und gerne gegen die Bundeskanzlerin zu Felde zieht.

Nach der Initiative von Hensel müssen sich die Etat-Entscheider fragen, welche Positionen sie mit finanzieren wollen. Da wird Angela Merkel in Tichys Blog vorgehalten, „sich an ihrem Werk zu ergötzen, an der demokratisch nicht legitimierten, faktischen Enteuropäisierung Europas“. Merkel habe „die Opposition und damit die Demokratie abgeschafft.“ Sie sei „auf dem Weg, die freiheitlich demokratische Grundordnung zugunsten eines autoritären, prä-diktatorischen Systems außer Kraft zu setzen. Was Merkel noch fehlt zu ihrem Glück, ist der Notstand. Dann könnte sie ihre Politik als Sendbotin einer neuen Zeit nahtlos fortsetzen.“ Und so weiter und so fort. Man kennt das aus Berichten über Pegida Demonstrationen. Das alles fällt natürlich unter die Meinungsfreiheit.

Aber Firmen werden sich fragen, ob sie dort werben wollen, weniger wegen dieser oder jener ihnen missfallenden Meinung, sondern weil ein solches doch irgendwie schmuddeliges Umfeld die Marke beschädigen könnte. Bei einem Medium ist nun einmal nicht nur die Reichweite entscheidend, sondern auch die Ausstrahlung. Es handelt sich also um notwendige und vernünftige wirtschaftliche Entscheidungen und nicht um einen politischen Boykott, wie ihn der Nazis auf dem Wege zur Vernichtung der Juden ausgerufen haben.

Trotzdem wird Tichys Bilanz in diesem Streit unter dem Strich schwarze Zahlen vorweisen. Denn die Verluste der vermutlich sowieso nicht übermäßigen Werbeeinnahmen werden durch die wichtige Währung öffentlicher Aufmerksamkeit ausgeglichen. Hier lohnt ein Blick auf die entsprechenden Facebook-Seiten. Seine Anhänger scharen sich in empörter Solidarität noch enger um ihn und fühlen sich bestärkt. Das ist der Trump-Effekt. Er funktioniert auch in Deutschland und wird Tichys Blog stärken. Darum besteht eine Gefahr von Hensels Aufruf darin, dass viele, nicht nur auf der Linken, glauben werden, mit diesem hier zu Lande so beliebten Kampf gegen Rechts habe man seine Schuldigkeit getan und könne sich nun wieder seinem Alltag widmen. Ohne zu fragen, ob sie nicht auch selbst zur wachsenden Akzeptanz rechtspopulistischer Strömungen beigetragen haben.

Wirklich schäbig an dem Vorgang bleibt aber die Unverfrorenheit, mit der Tichy versucht, sich als verspätetes Nazi-Opfer zu inszenieren. Wenn er noch über Anstand verfügt, sollte er Vergleich mit den verfolgten Juden zurücknehmen und sich dafür entschuldigen.

 


 

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