Auch keine wirklich neue Erfindung: Datengetriebener Mikro-Wahlkampf

Gestern war ein wichtiger Wahltag. Und seit gestern macht ein Artikel darüber die Runde, wie die Digitalisierung, Facebook, Psychologie und neue Strömungen in der Politik die Wahlkämpfe, und vielleicht auch ihre Ergebnisse, verändern. Was an der Geschichte besonders ärgerlich ist.

Zwei Punkte.

Erstens. Es wird die Rolle der Psychologen herausgestellt und die Rolle der Informatiker heruntergespielt. Dabei haben Psychologen aus ihrer eigenen Geschichte als Profession heraus hohe ethische Standards entwickelt, beschäftigen sich aber als Profession zu wenig mit Facebook und den gar nicht mehr so „neuen Medien“. Damit wird das Feld den Informatikern und datennahen Fächern wie der Ökonometrie überlassen, die aber aus ihrer Historie heraus weniger strenge ethische Standards haben, einfach weil sie anders als Psychologen keinen Sündenfall hatten.

Zweitens. Es wird so dargestellt als wäre datengetriebener Mikro-Wahlkampf eine Erfindung von 2016, und erfunden von Republikanern. Dabei gibt es ihn deutlich länger, und hat als Wahlkampf von Obama eine ganze Generation von Startups und Werbetreibenden inspiriert.

Der erwähnte Artikel scheint mir eine spannend nacherzählte Geschichte zu sein, die klingt als wäre sie ganz nahe an den Protagonisten dran. Nach meinem Eindruck stützt sich aber eher nicht auf Interviews, sondern auf eine Auswahl jüngster Zeitungsartikel aus dem englischen Sprachraum. Die Geschichte bleibt wissenschaftlich gesehen wackelig, inhaltlich unvollständig, und hat für mich überraschende Lücken, die auch irreführend sein können.

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Wie ich darauf komme? Beispiel: Das dort erwähnte „OCEAN“ gibt es so nicht. Das ist vermutlich ein Marketing-Gag der im Artikel erwähnten Firma, weil der eigentlich übliche Begriff „Big 5″ auch als „die fünf grossen Wirtschaftsprüfungsfirmen“ verstanden werden kann. In der Psychologie, aber auch in verwandten Gebieten (Personalentwicklung, Psychiatrie, ..) spricht man von den Big 5 der Persönlichkeit. Der Begriff OCEAN kommt nur auf der Homepage der im Artikel erwähnten Firma vor, und ansonsten als Merkhilfe, wenn man sich auf Prüfungen vorbereitet und nicht sicher ist, ob einem alle fünf Punkte einfallen.

Mein Tipp, um selbst zu verstehen was „Digitalisierung“ für uns als Gesellschaft bedeutet. Und das jenseits des oft angepriesenen, meiner Meinung nach jedoch komplett am Thema vorbeigehenden, „wir müssen alle programmieren lernen“: Die folgenden sieben Artikel durchlesen.

Was der Psychologe Michal Kosinski mit Facebook macht:

  1. Methodik: Facebook as a research tool
  2. Forschung: Facebook updates could provide a window to understanding – and treating – mental health disorders

Wie US-Wahlkämpfe seit etwa zehn Jahren funktionieren. Wie die Wahlkämpfe von Obama, Cruz und Trump zusammenhängen. Und was das mit Datenanalyse zu tun hat:

  1. Patrick Martinchek: What I Discovered About Trump and Clinton From Analyzing 4 Million Facebook Posts. Unterschied in der Online-Medienberichterstattung in den US-Wahlkämpfen 2012 vs 2016 – wohlgemerkt: Nicht was Facebook draus gemacht hat, sondern was die Medien hineingegeben haben.

  2. Stephan Shakespeare: So what really is micro campaigning? Marketing lessons from Obama’s ‘Cave’. Ein Intro zu Micro-Campaigning.

  3. Sasha Isenburg: How Obama’s Team Used Big Data to Rally Voters.

  4. Harry Davies: Ted Cruz using firm that harvested data on millions of unwitting Facebook users.
  5. Data scientists target 20 million new voters for Trump

 


 

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