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Politik, Ökonomie, digitale Öffentlichkeit

Sunday | 24.02.2019

Gesellschaftliche Selbstverständigung jenseits der Filterblasen

Die zentrale Frage ist doch: Auf welche Informationen können wir uns einzeln und als Gesellschaft verlassen? Journalismus kann und sollte nicht endgültig definiert werden. Aber er muss auf Fakten setzen und verschiedene Perspektiven beleuchten, um den Cyber-Propagandisten nicht das Feld zu überlassen.

Es gibt ein schon oft zitiertes Bonmot des Kommunikationswissenschaftlers Stephan Ruß-Mohl, journalistische Qualität zu definieren gleiche dem Bemühen, einen Pudding an die Wand zu nageln.[i] Die Frage, was Journalismus ist – und damit immer gleichzeitig auch: was nicht Journalismus ist – ist eng daran gebunden und genauso schwierig. Allerdings gibt es einen entscheidenden Unterschied: Einen Pudding an der Wand braucht kein Mensch. Aber eine Auseinandersetzung darüber, was (guter) Journalismus ist, brauchen wir dringend, und zwar immer wieder von neuem.

Erstens, weil Journalismus für die Selbstverständigung und einen Zusammenhalt einer demokratischen Gesellschaft notwendig ist, deren Ordnung nicht autoritär bestimmt wird.

Zweitens, weil sich Journalismus ständig wandelt, durch Veränderungen im Inneren und sich ändernde Umweltbedingungen.

Drittens, weil die Auseinandersetzung darüber, was (noch) Journalismus ist und – damit verbunden – was er leisten soll und kann, Probleme und Veränderungsmöglichkeiten offensichtlich werden lässt.

Das Arbeitspapier von Hans-Jürgen Arlt und Wolfgang Storz leistet einen Beitrag zu dieser Auseinandersetzung, indem es normativ Kriterien formuliert, mit denen sich Journalismus von anderen Medienangeboten unterscheiden lassen soll, insbesondere von der so genannten Animationsarbeit. Nur Medienangebote, die gleichermaßen aktuell, allgemeinverständlich, relevant, richtig, kontrollierend, überparteilich und unabhängig sind, seien als Journalismus zu verstehen (S. 17 ff.). Dass diese Normen im Einzelnen wie auch insgesamt an vielen Stellen angreifbar sind, führt Volker Lilienthal in dieser Debatte detailliert und treffend aus: Warum muss Journalismus so eng definiert werden? Wie lassen sich die genannten Kriterien messen und beurteilen? Wer sollte eine Hoheit darüber besitzen, die Kriterien zu prüfen und ggf. Medien als nicht-journalistisch aus dem Schutzbereich von Artikel 5 GG auszuschließen?

Zugleich zeigt das Arbeitspapier mit der hier folgenden Debatte beispielhaft, dass der Versuch, Journalismus konkret zu bestimmen und von anderer öffentlicher Kommunikation zu unterscheiden, häufig zu einer Diskussion über seine wesentlichen Merkmale, seine schützenswerten Grundlagen, schwierige Umweltbedingungen oder Einflussnahmen und Lösungsmöglichkeiten führt. Solche Auseinandersetzungen führen auch zu einer Vergewisserung über die grundlegenden Erwartungen an den Journalismus, die wir auch in dieser Debatte sehen: Dass journalistische Berichterstattung auch heute noch im Idealfall aktuell, relevant, richtig und unabhängig sein soll, wird von keiner der Autor_innen und Kommentator_innen grundsätzlich in Frage gestellt.

Eine breitere und kontroversere Diskussion um diese Kriterien wäre allerdings entstanden, wenn Arlt und Storz ihre sieben Normen noch weiter konkretisiert hätten. Ihre Ausführungen bleiben zu abstrakt und wagen nicht, in der Realität der vielen und vielfältigen Medienangebote konkrete Medien als nicht-journalistisch zu benennen.

Je konkreter eine Journalismus-Definition ist, desto mehr Schwierigkeiten handelt sie sich zwangsläufig ein. Eine präzise, am Einzelfall anwendbare Definition beinhaltet zwangsläufig Entscheidungen und Festlegungen, die dann auch kritisiert werden können, weil sie stets auch anders getroffen werden könnten. Dies wird zum Beispiel bei den Diskussionen um Punkt 5 des Medienkodexes von Netzwerk Recherche deutlich. Hier heißt es „Journalisten machen keine PR“. Medienschaffende, die sowohl im Journalismus als auch in der PR arbeiten, gelten damit nicht mehr als Journalisten. Dagegen wehren sich vor allem Freiberufler_innen, die sich selbst als Journalisten verstehen, aber wegen geringer Einkünfte im Journalismus auch Geld in der PR verdienen (müssen). Umgekehrt vertritt der Deutsche Journalistenverband (DJV) auch Menschen, die in „Öffentlichkeitsarbeit und innerbetrieblicher Information, medienbezogener Bildungsarbeit und Beratung“ tätig sind. Entsprechend kritisiert wird hieran die Vermischung der gegensätzlichen Berufsfelder Journalismus und PR in demselben Verband.

Im empirischen Detail ist die Zuordnung von konkreten Medien, Angeboten oder Personen zum Journalismus auch deswegen schwierig, weil wir gerade bei Medien und Medienberufen zahlreichen Grauzonen gegenüberstehen, die sich zudem in Zeitverlauf stark verändern. Bei der Frage, wer in einem Verband repräsentiert werden soll, ist eine solche Zuordnung aber ebenso unvermeidbar wie bei wissenschaftlichen Studien, die in Medieninhalten nach Journalismus suchen oder Journalisten (und nicht andere Medienberufler) befragen wollen. In der Praxis sind dann klare Kriterien und konkrete Entscheidungen nötig, auf die man sich längst nicht mehr so leicht einigen kann wie darauf, dass Journalismus im Idealfall aktuell, relevant, richtig und unabhängig ist. Aus diesem Grund wird es oft vermieden, die möglichen Grenzen des Journalismus konkret zu benennen und zu begründen. Und daher fehlen meines Erachtens auch in der Wissenschaft Inhaltsanalysen, die die Grenzen zwischen Journalismus und anderen Medienangeboten in journalistischem Gewand genauer ausloten. Man müsste dann zum Beispiel in der Frage Stellung beziehen, ob Beiträge von Jan Böhmermann im „Neo Magazin Royale“ (ZDF neo) oder von Oliver Welke in der „heute show“ (ZDF) nicht ebenso informierende, orientierende und kritisierende Funktion einnehmen wie Angebote klassisch-nachrichtliche Formate. Man muss klären, welche Blogs und Videokanäle aus welchen Gründen als journalistisch bezeichnet werden könnten. Und man muss entscheiden, ob in einer konkreten Studie Medienschaffende als Journalisten berücksichtigt werden, die den größeren Teil ihrer Arbeitszeit mit dem Verfassen von Pressemitteilungen, dem Moderieren eines Facebook-Auftritts oder dem Layout einer Zeitschrift verbringen. Und in einigen Jahren, wenn sich die technischen Arbeits-, Kommunikations- und Darstellungsmöglichkeiten noch weiter entwickelt haben, werden neue konkrete Fragen zu beantworten sein.

Solche Fragen könnte man vielleicht als akademische Erbsenzählerei abtun. Aber die Auseinandersetzung mit diesen Fragen führen Wissenschaft wie Praxis eben auch immer wieder zu der zentralen Frage, die auch dieser Debatte zugrunde liegt: Auf welche Informationen können wir uns als Gesellschaft gemeinsam verlassen, um möglichst fundierte Entscheidungen für uns selbst und unser Zusammenleben zu treffen? Es geht dann also darum, auf welcher Basis sich die Gesellschaft selbst beobachten kann, so dass alle die Möglichkeit haben, über alles Wesentliche auf dem Laufenden zu bleiben. Es geht um Medienangebote, die Themen mit Bezug zur Gegenwart aufgreifen, die über Themen mit Bedeutung für die Einzelnen oder für die Gesellschaft informieren, die somit als Seismograf, als Frühwarnsystem für relevante Probleme fungieren, und um Medien, die sich auf beobachtbare Tatsachen beziehen und hierbei auch verschiedene Perspektiven benennen. Mit diesen Themen bekommt die Gesellschaft eine gemeinsame Agenda und eine gemeinsame Vorstellung von der Wirklichkeit.

Dies können dann sowohl nachrichtliche als auch kommentierende oder unterhaltende Formate sein, in Form von Blogs wie auch auf gedrucktem Papier und vielleicht in Teilen auch von Maschinen erstellt. Finanziert werden können sie durch Spenden, Gebühren, Micropayment, Abonnements und auch durch Werbung, für die marktschreierisch um Aufmerksamkeit gekämpft wird. Solange Medienangebote (auch) aktuelle, relevante und auf Tatsachen basierende Informationen veröffentlichen, können sie grundsätzlich der gesellschaftlichen Selbstverständigung dienen.

Es mag vielen nicht gefallen, dass Simplifizierung, Visualisierung und Skandalisierung damit auch als Strategien des Journalismus akzeptiert werden (die es übrigens schon immer gab, wenn auch in unterschiedlichen Ausprägungen). Aber nicht diese „Animationsarbeit“ ist heute das zentrale Problem, sondern dass die Wahrnehmung von relevanten Themen und Problemen entlang verschiedener gesellschaftlicher Gruppen so stark gespalten ist (siehe die Beiträge von Meng und Flecken in dieser Debatte). Und erst recht, dass die Frage, welche Informationen wahr oder unwahr, zumindest plausibel und verlässlich sind, zu so unterschiedlichen Einschätzungen führt, wie dies zurzeit in vielen Ländern Fall zu sein scheint. Journalismus muss es daher vor allem schaffen, sich weiter auch in den Blasen der sozialen Netzwerke als verlässliche Informationsinstanz durchzusetzen und eben nicht den Cyber-Propagandisten das Feld zu überlassen.

[i] Ruß-Mohl, Stephan (1992): Am eigenen Schopfe. Qualitätssicherung im Journalismus – Grundfragen, Ansätze, Näherungsversuche. In: Publizistik 37, 1, S. 83-96.

 


Der Text erscheint im Rahmen des Dossiers „Journalismus – Aufklärung oder Animationsarbeit?“, das in Zusammenarbeit mit der Otto Brenner Stiftung entsteht. Ausgangspunkt ist das dort publizierte Arbeitspapier „Journalist oder Animateur – ein Beruf im Umbruch. Thesen, Analysen und Materialien zur Journalismusdebatte“ von Hans-Jürgen Arlt und Wolfgang Storz.

 


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