Trump und die Netzwerke

Ein Chat von Stefan Heidenreich und Pit Schultz über Filter Bubbles, Fake News und die alt.right-Bewegung.

Netzwerk-Effekte aller Art werden für die Niederlage Clintons verantwortlich gemacht: Filter Bubbles, Fake News oder die alt.right-Bewegung. Stefan Heidenreich spricht mit Pit Schultz (Netzkritiker, Gründer der Mailingliste nettime) über Hintergründe.

 

Stefan Heidenreich: Langsam lichten sich die Nebel nach der Trump Wahl. Die politischen Debatten sortieren sich neu.

Pit Schultz: Es werden Fehler eingestanden und Schuldige gesucht, aber wie kann man darauf vertrauen, dass auch die zu Wort kommen die bei dieser Wahl den Ausschlag gaben? Die alt.right bildete ihre eigenen Echokammern, unbeachtet von der linksliberalen Presse.

 

SH: Das bringt mich auf zwei Fragen. Wer sind „die“? Die „deplorables“ (das einzige effektive Framing von Clinton, btw), die „Rechten“, „Rassisten“. Ich habe den Eindruck, wir kommen mit den alten statistischen Kategorien oder Abgrenzungsbegriffen nicht wirklich weiter. Dahinter entdecken wir einen ganz anderen Wahlkampf hin, nämlich den zwischen alten Medien mit ihren Umfragen und ihrer Wahlstatistik und den neuen Netzwerken mit BigData-Techniken, etwa für Brexit und Trump die Firma Cambridge Analytica. In Zukunft sollten wir die Wähler eher in ihren Profilen und ihren Clusters suchen als in einer sozialstatistisch konstruierten Gruppe.

Damit hängen die Echokammern zusammen. Natürlich sagt jeder „Filterbubble“, aber ich habe den Eindruck, wir sollten da genau zwischen individuellen Effekten, die mit dem eignen Profil zu tun haben, und sozialen Effekten, die von einer Cluster-Verlinkung ausgehen, unterscheiden.

 

PS: Die Effekte werden auch für die kommende Wahl in Frankreich und die Bundestagswahl in zehn Monaten gelten. Zuerst werden endlich die sozialen Medien als wahlentscheidend anerkannt. Dann aber „Fake News“ als Hauptursache konstruiert. Damit einher gehen sogenannte Lösungsvorschläge: mehr Zensur, newsrooms statt Algorithmen, zwangsverordnete „suggested news“ zusätzlich zur Werbung, ausgewogen und geprüft, manche fordern sogar alternative öffentlich-rechtliche soziale Netzwerke. Ich stimme dir zu, es geht zuerst darum die Strukturen des Diskurses (alt.right und memeology), sowie die Algorithmen und Datenstrukturen von Social Media besser zu verstehen, mit der darin eingebetteten Ideologie. Dazu hat letztens Florian Cramer einen gut recherchierten Vortrag gehalten.

SH: Fake News scheinen mir eher Symptom zu sein, allerdings geht es dabei nicht vorrangig um falsche Berichterstattung, sondern um die Sorge der alten Medien, die Deutungshoheit zu verlieren (u.a. auch wegen eigener Fake News). Wir können zwar mit Medieneffekten viel erklären, aber es gibt dann eben doch immer noch das „Reale“ – nämlich die Lebensumstände der Leute. Gar nicht der Armen, sondern der Halbarmen und Verarmenden, die um den Rest Wohlstand fürchten. Die wurden von den Sozialliberalen mit der Mischung von Identitätspolitik plus Neoliberalismus so lange links liegen gelassen, bis sie rechts wieder auftauchen.

 

PS: Fake News betrifft Inhalte, die Glaubhaftigkeit von Quellen, das lässt sich im Prinzip sogar algorithmisch nachprüfen, z.b. die fake-domains von Fake News-Websites. Wenn diese ungefragt weitergeshared werden so liegt ein Versagen der Filterbubble vor. Aber nicht nur Rechte sind dafür anfällig. Wir erinnern uns an den Ukraine-Konflikt, oder wie versucht wurde den Clinton-Hack anderen in die Schuhe zu schieben.

SH: Versagen? Im Gegenteil. Fake News sind ja nicht einfach Lügen. Sondern Nachrichten, die genau auf ein kollektives Glaubenwollen gestrickt sind. Davon ist die politische Klasse genauso betroffen, man muss nur an den damaligen US-Verteidigungsminister Colin Powell und seine UN-Rede über die angeblichen Massenvernichtungswaffen im Irak erinnern. Ein Problem sehe ich aber darin, daß das Gerede von den „Fake News“ einen Begriff von „Wahrheit“ voraussetzt, den es so nicht mehr gibt. Wir leben nicht mehr in der guten alten Broadcast-Zeit der „objektiven“ Journalisten und einer Öffentlichkeit, die deren Sendungen lauscht. Der Verlust der Wahrheit äußert sich in Non-Themen und Redeverboten. „Russenfreunde“, „Lügenpresse“, „Fake News, „9/11 Truthers“ sind alles Symptome wechselseitiger Ausschlussverfahren, die an die Stelle einer Debatte treten. Ein „agonistisches“ Streitgespräch im Sinn von Chantal Mouffe hat sich damit genauso erledigt wie Habermas’sche Konsens-Phantasien.

 

PS: Wie kann aber das Anekdotische des Realen, das gruselig anschauliche, die Geschichten von der Straße, also Citizen Journalism Einzug in die Medien bekommen? alt.right macht es vor. Ich glaube allerdings schon, dass das Crowdsourcing im Netz und eine vielstimmige Analyse von Quellen, einen gesunden Zweifel verdichten kann, womit sich bestimmte Aussagen eben als Propaganda herausstellen. Transparenz ist ein Kriterium von Öffentlichkeit. Auch der Cluster, zumindest was die Zugänge und Ausschlusskriterien angeht.

Genau hier wäre ich sehr dafür, die Schnittstellen von Facebook genauer anzuschauen und möglicherweise zu regulieren. Wieso hat nur der Staat beziehungsweise die Firma die Möglichkeit des panoptischen Blicks? Das „wir müssen draußen bleiben“, die Apartheid gewisser geschlossener Gruppen, das könnte durchlässiger werden. Ich würde mich über ein paar störende Stimmen in so manchen Threads freuen. Auch wenn ich überhaupt nicht der selben Meinung bin.

Andererseits befinden sich der Meinungsjournalismus, die affektive Politik der Identifikation und ein Pluralismus der Subjektivitätsproduktion in einem wahnwitzigen Wettlauf, welche Wahrheit siegt, welche sich als Wirklichkeit etabliert.

Darum sollte man pragmatisch fragen: welche Lösung ermöglicht einen Zuwachs an Demokratie? Gerade weil die Rechte ja die Demokratie zwar ausnutzen, dann aber abschaffen will. Peter Thiel, einer der wenigen Trump-Unterstützer des Silicon-Valley, sagte schon 2009, Demokratie und Kapitalismus sind inkompatibel.

 

SH: Der gleiche Thiel, der nicht nur Facebook finanziert hat und dessen Firma Palantir Datenschnüffel-Software entwickelt. Ich würde zu gern wissen, was ihm seine Daten gesagt haben, als er sich dazu entschloss, Trump zu unterstützen.

Was Demokratie betrifft, muss man allerdings zugeben, dass die demokratischen Verfahren wahnsinnig veraltet sind. Das zeigt schon das Ritual des Electoral College, oder dass man zur Wahl das Haus verlassen muss. Unsere demokratischen Verfahren stammen aus der Zeit des 19. Jahrhunderts, als die Leute mit Pferdekutschen unterwegs waren und eben Kreuze auf Papier machen durften, alle paar Jahre. Hätte sich die Demokratie in der gleichen Geschwindigkeit entwickelt wie der Rest der Technologien und Medien, würden wir uns jeden Tag am Regieren beteiligen können, wenn wir wollen. Was wir im Augenblick haben, sind antiquierte Verfahren politischer Mitbestimmung, die sich von Netzwerken und Datenalgorithmen ausspielen lassen. Man müsste Demokratie unter Netzbedingungen neu erfinden, als App.

 

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