Trump dramaturgisch. Und warum am Ende vielleicht doch noch alles gut wird.

Ist Donald Trump einer der apokalyptischen Reiter, der uns Tod oder Hölle bringt? Oder leitet er eine Zeitenwende ein, die am Ende zu etwas Gutem führen könnte? Eine Analyse Trumps mit den Werkzeugen der fiktionalen Dramaturgie führt zu interessanten Einsichten.

Vielen Menschen erscheint Donald Trump wie ein unrealistischer Film mit einer schlechten Hauptfigur, die einem miserablen Drehbuch entsprungen ist. Und seit seiner Wahl hoffen sie umso mehr, dass endlich der Abspann über die Leinwand laufen möge. Wird er aber nicht. Trump ist real. Dennoch ist der Vergleich mit einem Drehbuch gar nicht so weit hergeholt. Denn eine Analyse Trumps mit den Werkzeugen, mit denen Drehbuchautorinnen und -autoren ihre Geschichten entwickeln, kann zu interessanten Einsichten führen. Eine solche Betrachtung der Realität durch die Brille der fiktionalen Dramaturgie nenne ich dramaturgisches Denken. Die fiktionale Dramaturgie ist Theorie und Praxis des Geschichtenerzählens. Geschichten geben Antworten auf die existenziellen Fragen des Menschseins „Wie soll ich leben?“ und „In welcher Gesellschaft wollen wir leben?“. Sie thematisieren universelle Werte (Freiheit, Gerechtigkeit, Gemeinschaft, Sicherheit, Kontrolle, Solidarität, Anerkennung, Vertrauen etc.) und Wertekonflikte (Freiheit versus Sicherheit, Zugehörigkeit versus Ausgrenzung usw.). Sie beleuchten die Ziele, Motivationen, Ängste, Sehnsüchte und seelischen Verletzungen von Menschen und beschreiben die kausallogische Entwicklung von Konflikten, ihre Entstehung, ihre Austragung und ihre Auflösung. Das Ergebnis fiktionalen Arbeitens ist die verdichtete Nachahmung von Realität. Wendet man die dramaturgischen Werkzeuge auf reale Kontexte an, nimmt man die Wirklichkeit aus einer anderen Perspektive wahr, kann entsprechend Ursachen ergründen, Zusammenhänge erkennen, Dynamiken verstehen, Komplexität durchschauen und letztlich die Welt und das Leben begreifen, darstellen und gestalten.

 

Trump ist nicht unser Antagonist, sondern unser „Schatten“.

Was ist Trumps dramaturgische Funktion innerhalb der Geschichte, deren Protagonisten all jene sind, die für eine offene Gesellschaft stehen, gegen Nationalismus und Protektionismus sind, Rassismus, Sexismus, Diskriminierung und Ausgrenzung jeder Art ablehnen, denen die Demokratie etwas wert ist und die deshalb die Werte Gleichheit, Gerechtigkeit, Meinungs- und Religionsfreiheit hochschätzen? Er ist nicht wie man kurzgedacht meinen könnte unsere antagonistische Kraft, der große Bösewicht, der noch nicht einmal das Gute will, sondern stets geplant das Schlechte schafft. Vielmehr ist er unser „Schatten“. Der „Schatten“ ist einer der zentralen Archetypen des dramaturgischen Modells der Heldenreise, jenes Erzählmodells, das der amerikanische Mythenforscher Joseph Campbell in den 40er Jahren des 20. Jahrhunderts freilegte, indem er Mythen aus unterschiedlichen Kulturen, die zu verschiedenen Zeiten existierten, analysierte und dabei feststellte, dass sie alle nach dem gleichen Muster funktionieren.

Der Archetypus „Schatten“ steht einerseits für die Ängste, Zweifel und inneren Konflikte der Hauptfigur. Andererseits spiegelt er ihr ihre blinden Flecken, ihre Schattenseiten wider, also jene Aspekte, die die Hauptfigur an sich selbst nicht sehen will, die sie verleugnet oder erfolgreich verdrängt. Auch im echten Leben begegnen uns immer wieder Menschen, die die archetypische Schattenfunktion übernehmen. Man erkennt sie daran, dass man sich fürchterlich über sie aufregt und sie am liebsten an die Wand klatschen würde. Auch jedem Streit mit einem geliebten Menschen liegt ein Schattenaspekt zugrunde, sonst würden wir erst gar nicht in Streit geraten.

Ist einem das bewusst, kann man mit einem Schatten konstruktiv umgehen, etwas über sich lernen und sich weiterentwickeln. Ist es einem nicht bewusst, ist die Reaktion auf ihn heftige Ablehnung. Schließlich will man nicht sehen, was er einem zeigt. Daraus erklärt sich die harsche und ungestüme Reaktion vieler Politiker, Journalisten und Demokraten auf Donald Trump und auf die AfD. Das ist jedoch ein Fehler. Stattdessen sollten sie beide als Chance begreifen, ihr Selbstverständnis und Denken weiterzuentwickeln, ihr Handeln neu auszurichten, angemessener auf die Gegebenheiten zu reagieren und glaubwürdige Visionen für eine bessere Welt zu entwickeln.

Schatten können auch Aspekte eines weiteren zentralen Archetyps haben: des Mentors. Seine Aufgabe besteht darin, den Protagonisten dabei zu unterstützen, seine Reise anzutreten und sie zu bestehen, also seine Charakterentwicklung erfolgreich zu bewältigen. Ob ein Schatten auch eine mentorielle Funktion erfüllt, hängt jedoch nicht von ihm, sondern vom Protagonisten ab: Sieht der Protagonist, was der Schatten ihm widerspiegelt? Ist er mutig genug, hinzuschauen? Falls ja, hat er die Möglichkeit, sich weiterzuentwickeln, auf seiner (Persönlichkeitsentwicklungs-)„Reise“ voranzukommen und sie zu bestehen? Die entscheidende Frage ist also: Was spiegeln Trump – und die AfD – uns wider? Was wollen wir nicht sehen?

 

Trump ist ein ambivalenter Charakter: ein geniales Arschloch.

Trump ist ein typisch ambivalenter Charakter, wie er in den Qualitätsserien des „Third Golden Age of Television“ oft erzählt wird: Walter White in BREAKING BAD, Don Draper in MAD MEN, Rustin Cole in TRUE DETECTIVE, Francis Underwood in HOUSE OF CARDS etc. Ambivalente Charaktere zeichnen sich durch ihre Zwiespältigkeit aus. Einerseits sind sie böse, unmoralisch, verwerflich, kurz: Arschlöcher. Andererseits sind sie in dem, was sie tun die Besten, sind sie Genies: Walter White ist ein genialer Crystal Meth-Koch, Don Draper ist ein genialer Werber, Rustin Cole ist ein genialer Ermittler, Francis Underwood ist ein genialer Stratege und Intrigenspinner.

Die hässliche Seite von Trump ist unübersehbar: Er hat sich ausreichend rassistisch, sexistisch, diskriminierend und ausgrenzend geäußert, um als Arschloch bezeichnet werden zu dürfen. Oder als Held. Das dürfen wir nicht vergessen: Viele Menschen haben ihn genau deswegen gewählt. Ausgrenzung ist für sie die Lösung aller Probleme. Weil sie Angst um ihren Arbeitsplatz und ihren sozialen Status haben, davor, „überfremdet“ zu werden und ihre Identität zu verlieren, von Terroristen ermordet zu werden etc. Wie die Wahl Trumps zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gezeigt hat, sind es mehr als wir dachten. Und es werden immer mehr werden, so lange sich nichts Grundlegendes ändert. Trumps Sieg schreit uns regelrecht entgegen, dass sich etwas ändern muss. Und das wird es auch, das ist offensichtlich. Die Frage ist, wer etwas ändert. Wenn die demokratischen Kräfte es nicht tun, dann werden es eben ihre Feinde tun.

Trump ist also zweifelsohne hässlich. Aber wo bitte sehr ist er genial? In der Instrumentalisierung der Medien zu seinen Gunsten. Seine narzisstische Gier nach Aufmerksamkeit und Anerkennung hat ihn zu einem absoluten Medienprofi gemacht. Die Logik, der er dabei folgt, ist simple: Je mehr ich in den Medien bin, desto weniger sind es meine Konkurrenten. Trump ist durch die harte Schule des Reality-TV’s gegangen und weiß deshalb, wie man in die Medien kommt: durch Spektakel, das Unerhörliche, Erregende, Empörende, die Grenzüberschreitung, den Tabubruch. Und die Medien haben willig mitgemacht. Oder man sollte eher sagen: Sie sind darauf reingefallen. Sie haben genauso funktioniert, wie von Trump beabsichtigt. In Trump zeigt sich deshalb ein Versagen weiter Teile des Journalismus.

 

Warum identifizieren sich Menschen mit Trump?

Die Genialität eines fiktiven ambivalenten Charakters ist ein Grund, warum das Publikum sich mit ihm identifiziert. Wir bewundern ihn dafür und wären selbst gerne genial. Dass Trump gewählt wurde, weil er so genial die Medien instrumentalisiert, dürfte jedoch eher unwahrscheinlich sein. Eine andere Möglichkeit, mit der Drehbuchautorinnen und -autoren Identifikation mit einer ambivalenten Figur herstellen, ist das sogenannte „ungerechtfertigte Leid“. Mit ihm wird ihre böse Seite erklärt und gerechtfertigt: Walter White hat Lungenkrebs, obwohl er nie geraucht hat. Wenn wir sehen, dass jemand unverschuldet leidet, empfinden wir Mitgefühl mit ihm. Wir Menschen ticken nun mal so. Normalerweise. Wenn unsere Angst uns nicht mit Hass flutet. Schaut man sich an, wie Trump aufgewachsen ist, wer sein Vater und wie sein Verhältnis zu ihm war, wie er geprägt wurde und wie sich seine Persönlichkeit (nicht) entwickelt hat, dann kann man den Schluss ziehen, dass er eine ganz schön arme Sau ist, die einem im Grunde nur leidtun kann (wenn sie nicht der künftige Präsident der USA wäre). Oder gibt es irgendjemanden, der mit ihm tauschen will (von seinen Fans abgesehen)? Aber auch das ist wohl kaum der Grund, warum so viele Menschen ihn gewählt haben. Genauso wenig wie seine hässliche Seite, seine Ausfälle und seine Hasstiraden. Wenn wir verstehen wollen, warum Trump gewählt wurde, dann müssen weiter, tiefer schauen, müssen zu erkennen versuchen, was darunter liegt, was die Menschen, die ihn wählen motiviert. Dann sehen wir, dass wir es am Grunde des Sees mit Demütigungen und Ängsten zu tun haben, die sich in Ohnmachtssituationen in Wut und Hass ausdrücken, und dass Trump es versteht, sie aufzugreifen und vielen Menschen die Hoffnung auf ein Ende der Demütigungen und der Ängste zu geben.

Um diesen Zusammenhang zu verstehen, muss man die (kognitive) Handlungsebene und die (emotionale) Beziehungsebene betrachten, die Trump bisher bespielt hat. Jede gute Geschichte besteht aus diesen beiden Ebenen. Vereinfacht ausgedrückt ist die Handlungsebene die Oberfläche, das, was wir zu sehen und hören bekommen. Die Beziehungsebene ist das, was darunterliegt, das Eigentliche. Auf der Handlungsebene wird das dramaturgisch sogenannte „dramatische Ziel“ der Hauptfigur erzählt, bei Trump: die Mauer nach Mexiko, Einreiseverbot für Muslime, Aufnahmestopp von Menschen, die vor dem syrischen Krieg fliehen, massive Steuersenkungen, Aufkündigung von Freihandelsabkommen, Protektionismus und Strafzölle für chinesische Produkte mit dem Ziel, Arbeitsplätze zu schaffen usw. Auf der Beziehungsebene werden die emotionalen Themen in Form von universellen Werten erzählt: Liebe, Leben, Freiheit, Sicherheit, Gerechtigkeit, Wohlstand, Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft etc. Diese Werte stehen in einer Geschichte auf dem Spiel, für sie kämpft die Hauptfigur, die in dieser Geschichte nicht mehr wir, sondern Trump selbst ist. Diese Ebene braucht eine Geschichte, um das Publikum emotional mitzunehmen und ihm die Möglichkeit der emotionalen Identifikation zu geben. Es identifiziert sich mit der Hauptfigur, wenn sie glaubwürdig für die gleichen Werte steht, sie also gewissermaßen den Kampf des Publikums kämpft. Dadurch wird sie zu einem von uns.

Die meisten Berichte, Kommentare und Leserkommentare über Trump blicken zu sehr auf die Handlungsebene. Vielleicht hat das Unerhörliche von ihm sie dermaßen emotionalisiert – erregt, empört, erschüttert – , dass ihre emotionale Kapazität überlastet ist, um den emotionalen Effekt wahrzunehmen, den er mit der Beziehungsebene erzielt. Erst wenn man diese Ebene jedoch versteht, versteht man Trumps Erfolg, versteht man auch den Erfolg der AfD, und erkennt, was wir ändern müssen, um eine weitere Radikalisierung und Spaltung unserer Gesellschaft zu verhindern.

Betrachtet man nun die universellen Werte, die Trumps kognitiven Themen auf der Handlungsebene zugrundliegen, dann fällt auf, dass sein Wahlkampf stark von ökonomischen Themen geprägt war. It’s the economy, stupid. Die zentralen emotionalen Themen, die er immer wieder bedient hat, sind die universellen Werte Wohlstand – durch mehr Arbeitsplätze und weniger Steuern – und darauf aufbauend Sicherheit und Selbstbestimmung. Sie alleine erklären seinen Erfolg nicht, sind aber maßgeblich. Andere wichtige Themen, die ihm Identifikationspotenzial verliehen haben, sind Sicherheit (vor Terror und Kriminalität), Identität und Gemeinschaft – Ausländer raus und „Wir gegen die“ – und die Themen Kontrolle und Macht als Gegenteil von Ohnmacht und im Sinne von Selbstermächtigung.

 

Trumps Botschaft: Ich lasse nicht zu, dass Ihr weiter gedemütigt werdet.

Auf diesen Themen hat er sein Storytelling auf einer zu- und überspitzten Handlungsebene aufgebaut – die Anti-Elitenstory, die Anti-Globalisierungsstory, die Anti-Ausländerstory: Die Elite – allen voran Hillary Clinton – ist korrupt, die Chinesen und Mexikaner klauen unsere Arbeitsplätze, die Mexikaner berauben uns und vergewaltigen unsere Frauen, die Muslime wollen uns wegbomben. Die Botschaften, die er damit zuverlässig transportiert hat, lauten: Ich kümmere mich um euch. Ich lasse nicht zu, dass die da oben sich weiterhin die eigenen Taschen vollstopfen, zugunsten der Reichen und Unternehmen regieren und ihr ihnen egal seid. Ich lasse nicht zu, dass im apokalyptischen Kampf, den der Islam gegen uns ausgerufen hat, der Islam gewinnt. Ich lasse nicht zu, dass der freie Handel unsere Arbeitsplätze zerstört. Sein „Make America great again“ ist bloß die Botschaft der Handlungsebene. Was seine Wählerinnen und Wähler gehört haben, ist die Botschaft der emotionalen Ebene: Ich lasse nicht zu, dass ihr weiter gedemütigt werdet.

Daraus erklärt sich auch, warum eben nicht nur die Ungebildeten und Globalisierungsverlierer Trump gewählt haben. Denn in den Demütigungen, von denen Trump in seinen Storys erzählt, finden sich auch andere Menschen wieder, beispielsweise die potenziellen Globalisierungsverlierer, denen es an sich gut geht, die aber gesehen haben, wie schnell Menschen der Mittelschicht durch den Finanzcrash abgestürzt und auf der Straße gelandet sind; die Ängstlichen, die in jedem Anderssein eine Gefahr wittern; die Ungesehenen, die sich immer benachteiligt fühlen; die ewigen Opfer, die sich permanent ungerecht behandelt fühlen und glauben, dass ihnen noch etwas zusteht. Derartig verletzte Menschen wählen Trump. Und die finden sich überall in der Gesellschaft. Bildung, Beruf und Einkommen – dramaturgisch gesehen also die soziologische Dimension einer „Figur“ – sind nicht die Ursache für Trumps Erfolg. Die Gründe finden sich viel mehr in der psychologischen Dimension.

Trump zielt auf die Demütigungserfahrungen vieler Menschen, indem er permanent die großen universellen Werte bedient und auf ihnen eine klare und konkrete Vision aufbaut, die ein Ende der Demütigung verspricht: Die Kacke ist am Dampfen, aber alles wird gut, wenn wir alles anders machen, und zwar so, wie ich es sage. Dagegen konnte Hillary Clinton einfach nicht ankommen. Ihr Problem war, dass sie keine ähnlich konkrete und starke Vision wie Trump von einem großartigen Amerika anbieten konnte und ihr damit das nötige Identifikationspotenzial und die Anziehungskraft fehlten. Als zugehörig zur Politikelite und eng verbandelt mit der Wirtschaftselite ist sie eine der Demütigenden. Wie soll sie sich da auf die Seite der Gedemütigten schlagen? Bernie Sanders wäre das gelungen. Trump ist es trotz seines Reichtums gelungen. Dass ihm einiges davon bereits in die Wiege gelegt wurde und er auch schon in die Pleite gestürzt ist, hat ihm nicht geschadet, wie viele erhofft hatten, sondern genutzt. Zu glauben, dass viele Menschen ihn bewundern, weil er reich ist und er ihnen die Hoffnung gibt, ebenfalls den amerikanischen Traum leben zu können, ist eine naive Fehlannahme. Sie bewundern ihn, weil er es denen da oben mal so richtig zeigt, denen, die die Ausländer ins Land lassen, die uns die Arbeitsplätze wegnehmen, die Handelsabkommen abschließen, mit denen die Unternehmen noch mehr verdienen, wir aber unsere Jobs an Chinesen verlieren und so weiter – kurz: denen, die uns permanent demütigen.

 

Das Problem der deutschen Politik ist ihre Visionslosigkeit.

Was kann die Politik in Deutschland von Trump lernen? Dass sie eine Vision von einer besseren Zukunft braucht. Ihr Problem ist jedoch genau das von Clinton: ihre Visionslosigkeit, ihre Unfähigkeit zu eutopischem Denken. Visionen und Eutopien beschreiben die Welt als einen besseren Ort, einen zukünftigen Zustand also, in dem universelle Werte realisiert sind: Sicherheit, Freiheit, Selbstbestimmung, Gerechtigkeit, Gemeinschaft. Die Visionen, mit denen die etablierten Parteien für die Europäische Union und die Globalisierung geworben haben, sind aus Sicht vieler Menschen nicht eingetreten und werden aus Sicht einer wachsenden Anzahl von Menschen auch nicht mehr eintreten. Ihre Storys haben ihre Glaubwürdigkeit verloren und damit ihre Anziehungskraft. Weil die Menschen gegenteilige Erfahrungen machen: All die Milliarden und Rettungsschirme haben eben nicht dazu geführt, dass es mit Griechenland wirklich und nachhaltig aufwärts geht. Die Regulierung der Banken nach der Finanzkrise hat das Finanzsystem eben nicht stabiler gemacht, sondern stattdessen Schattenbanken und noch mehr Hedgefonds entstehen lassen, die genauso wenn nicht noch wilder spekulieren und wetten, so dass der nächste Finanzcrash eine logische Notwendigkeit ist. Globalisierung und Europäische Union haben eben nicht dazu geführt, dass der Wohlstand aller Menschen gestiegen ist, sondern nur der einiger weniger noch weiter wächst. Eine noch schnellere und tiefere europäische Integration hat eben nicht dazu geführt, dass die Menschen sich als Teil einer großen nationenübergreifenden Gemeinschaft verstehen, in der sie sich sicher fühlen und Solidarität erwarten können. Der Flüchtlingsdeal mit der Türkei hat eben nicht dazu geführt, dass die Flüchtlingsproblematik gelöst wird, sondern dazu, dass mehr Menschen im Mittelmeer ertrinken. Die Politik der etablierten Parteien hat eben nicht dazu geführt, dass die Gesellschaft und die Welt ein gerechterer Ort geworden sind. Im Gegenteil: Aus Sicht vieler Menschen ist in den letzten Jahren nichts besser, sondern alles schlechter geworden. Statistiken hin, Statistiken her. Sie fühlen sich durch die Politik der etablierten Parteien, die Europäische Union und die Globalisierung in ihrer Identität bedroht, verunsichert, ungerecht behandelt, nicht ernst genommen und fremdbestimmt, kurz: gedemütigt und verarscht. Und das Schlimme daran ist: Ihre Gefühle sind nicht aus der Luft gegriffen.

Und jetzt stehen die Parteien ohne neue Visionen da, können nicht zugeben, dass ihre alten falsch waren und wundern sich, warum immer mehr Menschen die AfD wählen. Obwohl doch offensichtlich sein müsste, dass ihre allzu einfachen Lösungen, die sie propagiert, nichts lösen, sondern alles den Bach runtergehen lassen. Aber das spielt keine Rolle. Denn der Grund dafür, dass sich ihre Anhängerschaft vergrößert, ist nicht die Qualität ihrer Vision, sondern dass sie überhaupt eine Vision anbietet, auch wenn einem vor der Vision vom deutschen Volk als natürlicher Einheit, die Sicherheit, Solidarität und Identität garantiert, grauen könnte. Aber selbst mit einer solch kruden Vision stößt sie in eine Lücke und befriedigt ein Bedürfnis vieler Menschen. Ob sie „wahr“ oder realistisch ist, spielt keine Rolle. Einfach und überzeugend muss sie sein oder zumindest erscheinen. Dann folgen Menschen ihr. Das ist ein großer Unterschied, und wir befinden uns wieder auf der Handlungs- und der Beziehungsebene einer Geschichte. Die Handlungsebene ist kognitiv: Ist das logisch? Kann man das planen? Ist es effizient? Ist es realistisch? Die Beziehungsebene ist emotional. Sie kümmert sich nicht darum, ob etwas logisch und realistisch ist. Ihr geht es um die Ästhetik und Emotionalität der Vorstellung: Ist es schön? Wollen wir es so haben? Fühlen wir uns damit wohl? Verschafft es uns Sicherheit? Ob man da überhaupt jemals hinkommt, ist erstmal egal. Eine Vision muss eutopisch sein. Und genau dieses eutopische Denken geht den etablierten Parteien, vielen Medien, aber auch vielen Unternehmen ab.

Auf ihrem Parteitag, der gerade stattgefunden hat, haben sich die Grünen beispielsweise in Streitereien über eine Vermögenssteuer verzettelt. Eine Vermögenssteuer ist keine Vision. Sie ist eine Maßnahme, die dazu beitragen kann, dass eine Vision Wirklichkeit wird. Sie ist Handlungsebene, nicht Beziehungsebene. Fünf Anträge wurden dazu gestellt. Und am Ende haben sie sich auf eine schwammige Formulierung geeinigt: eine Vermögenssteuer für „Superreiche“. Über so viel Visionsfähigkeit verfügt heute eine Partei, die einst dank einer großen Vision erfolgreich wurde.

Hätten die Grünen eine klare Vision von einer besseren Zukunft, dann könnten sie sich selbstbewusst hinstellen und sagen: Um diese Vision zu realisieren, brauchen wir eine Vermögenssteuer für Einkommen ab X Euro. Wäre das eine Vision, der auch Menschen mit einem solchen Einkommen folgen, dann wären selbst sie mit dieser Steuer einverstanden. Denn sie würden damit aktiv zur Realisierung einer besseren Zukunft beitragen. Sie würden die Bedeutung dieser Steuer verstehen, weil die Vision ihr Sinnhaftigkeit verleiht. Und sie würden sich dabei sogar noch gut fühlen. Es ist die Vision, der Menschen folgen. Nicht die Maßnahme.

Fehlt einer Partei eine solche Vision, dann entstehen Unsicherheit und Angst: Unsicherheit, weil es kein Kriterium gibt, mit dessen Hilfe sie entscheiden kann, ob eine konkrete Maßnahme die richtige ist oder nicht. Weil ihr Handeln willkürlich wird, sie es nicht ausreichend begründen und damit Menschen überzeugen, aktivieren und langfristig an sich binden kann. Dadurch entstehen Wechselwähler, vor deren Flatterhaftigkeit sie dann Angst hat, weil ihr Selbstverständnis und ihr Selbstwertgefühl von deren Gunst abhängig sind. Ohne Vision hat eine Partei nichts, woran sie glauben kann. Und wenn eine Partei an nichts mehr glaubt, wie und warum sollen dann die Wählerinnen und Wähler an eine Partei glauben?

Stattdessen dominieren Werbe- und Marketingüberlegungen die Gestaltung von Politik: Wie müssen wir auf einem Markt, auf dem die Produkte immer austauschbarer werden, kommunizieren, um bei unserer „Zielgruppe“ am besten anzukommen? Verprellen wir zu viele „Kundinnen und Kunden“, wenn wir von Vermögenssteuer sprechen? Sollten wir deshalb lieber von „Vermögenssteuer für Superreiche“ sprechen, um möglichst wenige zu vergrätzen? Politik regrediert dadurch zum Kind, das Angst davor hat, dass Mama und Papa es nicht mehr lieben. Das ist die Umkehrung einer Beziehung. Denn es ist die Politik, die erwachsen sein, Führung und Verantwortung übernehmen muss. Stattdessen verwandelt sie sich in eine Gefälligkeitspolitik, die die Menschen verachten, weil sie wissen oder spüren, dass ihnen nach dem Mund geredet wird, damit sie ihr Kreuz an der richtigen Stelle zu machen. Und das ist nicht nur schlechte Politik. Das ist feige Politik.

 

„Ich habe manchmal richtig Sehnsucht nach Ideologen.“

Michael Dobbs, der Erfinder von HOUSE OF CARDS, hat es unlängst in einem Interview in der ZEIT schön ausgedrückt:

 

„Sehen Sie jemanden, der eine Roadmap hat? Den möchte ich sofort kennenlernen. Es gibt gewaltige Probleme, ich sage nur: Währungspolitik, Nahostkrise, Afrikakrise. Hat irgendjemand einen wirklichen Plan, wie es weitergehen soll? Nehmen wir Aleppo. Wer kann den Kindern dort sagen, wir haben eine Lösung? Oder der Klimawandel. Okay, die allermeisten Politiker akzeptieren inzwischen die Tatsache, dass es eine globale Erwärmung gibt. Aber wie bitte sieht die Lösung aus? Puh.

 

ZEIT: Die Welt ist kompliziert geworden.

 

Dobbs: Und weil das so ist und sich jeder vor langfristigen Plänen scheut, ist ein neuer Politikertypus entstanden, der Kurzzeitpolitiker. Es werden nur noch kurzfristige Entscheidungen getroffen, alle versuchen, den besonders tiefen Schlaglöchern auszuweichen. Alle schielen auf schnelle Schlagzeilen, das wird noch beschleunigt von der Wirkung der Social-Media-Kanäle. Und wenn doch mal einer kommt mit einem langfristigen Plan, mit einer Roadmap, wird er von den Kurzzeitpolitikern als Ideologe denunziert, als einer, der unfähig ist, auf unsere moderne Welt zu reagieren. Ich muss sagen, ich habe manchmal richtig Sehnsucht nach den Ideologen.“

 

Gute Politik ist mehr als ein guter Slogan

Was können die Parteien von Trump also lernen? Dass gute Politik mehr ist als ein guter Slogan. Dass sie Visionen für ein neues europäisches System und für eine neue nationale, europäische und globale Ökonomie entwickeln müssen. Dass sie wieder ideologisch denken lernen müssen. Und dass sie den Mut aufbringen müssen, sich ihre Schattenseiten, die Trump und die AfD ihnen widerspiegeln, anzuschauen. Denn erst dann sehen sie die Ursachen für den Vertrauensverlust vieler Menschen in die Eliten der Politik (befeuert u.a. durch die undemokratischen Geheimverhandlungen über TTIP), der Medien (verstärkt durch ihr Verhalten nach den Ereignissen in der Kölner Silvesternacht) und der Wirtschaft (begründet vor allem dadurch, dass sich viele Wirtschaftslenker der Verantwortung für ihren Misserfolg entziehen und sich stattdessen obszöne Boni ausbezahlen). Sie sehen, dass ihre Integrations- und Einwanderungspolitik nach wie vor mangelhaft ist, sehen die Mängel in der Gestaltung der Europäischen Union, die negativen Folgen der Tabuisierung des Themas Islamkritik und die explosiven Ungerechtigkeiten, die durch eine manische Globalisierung und die tollwütige Hemmungslosigkeit deregulierter Finanzmärkte erzeugt werden.

Genau das müssen die Medien auch sehen und deshalb können auch sie etwas lernen. Nämlich dass sie wieder zu einer kritischen Distanz gegenüber den politischen und ökonomischen Eliten zurückfinden müssen. Dass sie also die Gefahr des Indexing vermeiden müssen, jener Tendenz, ihre Ansichten an der Bandbreite der Positionen der etablierten Parteien zu orientieren statt sie zu kritisieren. Denn dadurch werden sie blind für die Probleme und Lösungen jenseits ihrer Scheuklappen. Das gilt insbesondere dann, wenn diese Bandbreite immer kleiner wird und die Parteien ununterscheidbarer werden.

 

Führt uns Trump in die Tragödie oder zur „symbolischen Wiedergeburt“?

Und wie geht es nun mit Trump weiter? Wird die Politik des „ungelernten Politikers“ am Ende dazu führen, dass es den Menschen insgesamt besser geht, die Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten abnehmen, sie sich sicherer fühlen und dadurch friedlicher werden? Die Trump-Anhänger hoffen darauf, die meisten anderen können es sich nicht vorstellen. Denn auch wir Nicht-Journalisten leiden unter dem Indexing-Problem und sehen deshalb in der Globalisierung und der offenen Gesellschaft die Lösung aller Probleme. Und verschließen die Augen vor den Problemen, die sie verursachen, und die Trump, die AfD und Konsorten erst hervorgebracht haben.

Vielleicht führt seine Politik dramaturgisch gesehen aber auch in den Tiefpunkt und den „symbolischen Tod“, in dem alles zusammenbricht, in die nächste Finanz- und Wirtschaftskrise, zu Massenarbeitslosigkeit (die auch seine Wählerinnen und Wähler betrifft), vielleicht sogar zu Kriegen. Dramaturgisch müsste nach dem „symbolischen Tod“ die „symbolische Wiedergeburt“ erfolgen. Wie sieht sie aus? Wie werden wir danach leben? In welchem politischen und ökonomischen System? Eine Wiederholung dessen, was zu Trump und damit zum Untergang geführt hat, wird es nicht sein. So lernfähig ist der Mensch dann doch. Wenn man davon ausgeht, dass die Politik der letzten plus minus 20 Jahre dazu geführt hat, dass jemand wie Trump Präsident der Vereinigten Staaten wird, und dass wir deshalb dringend eine neue Politik und eine neue Ökonomie brauchen, zu der die etablierten Parteien aber offensichtlich nicht in der Lage sind, dann muss man sich ja geradezu dem Reiz der Apokalypse hingeben und hoffen, dass Trump seine Wahlversprechen umsetzt und die ganze Karre an die Wand fährt.

Wenn man Trump als Schatten betrachtet, dann können wir in ihn wie in eine Glaskugel schauen und sehen unsere europäische und deutsche Zukunft. Es wird uns genauso ergehen, nur nicht mit Trump, sondern mit Petry, Höcke, Wilders, Le Pen und wie sie alle heißen. So gesehen müssen wir Trump also sogar dankbar sein. Denn er gibt uns die Möglichkeit zu erkennen, was so schiefläuft, dass jemand wie er an die Macht gelangt. Und er gibt uns die Möglichkeit, darauf aufbauend zu erkennen, dass wir dringend grundlegend etwas ändern und neue Visionen für eine bessere Zukunft entwickeln müssen. Und diese Änderungen fangen damit an, dass wir die Demütigung-, Diskriminierungs- und Ausgrenzungsstrukturen unseres politischen, aber vor allem unseres ökonomischen Systems erkennen und auflösen. Denn solange es nicht gerecht zugeht auf der Welt, werden permanent Menschen gedemütigt und es wird keine Sicherheit, keinen Frieden und keine Weltgemeinschaft geben.

Es kann also durchaus sein, dass am Ende dank Trump doch noch alles gut wird.

 

 


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