Gewinnen wollen

Demokratie ist Arbeit. Natürlich muss es Streit darüber geben, wenn über Gesellschaft und ihre Regeln und Rahmenbedingungen verhandelt wird. Was denn sonst? GEWINNEN WOLLEN ist die erste Voraussetzung für nicht verlieren müssen.

Politik ist abgeschrieben. Das Misstrauen in Houston und Bottrop, am Fließband oder im Co-Working Space gegenüber dem sogenannten Establishment ist groß. Egal welche Brille man aufhat, der Nenner lautet offenbar: Man kann nichts ändern, die Eliten in ihren Netzwerken machen was sie wollen und Politiker sind nichts weiter als willfährige Opfer von Lobbyisten.

Wie oft wurde in der Vergangenheit darüber gesprochen: es müsse nur einer kommen und ordentlich die Populismusmaschine anwerfen, einer der reden kann und der den Willen hat.

Das Ganze vor dem Hintergrund von Ängsten, Orientierungslosigkeit, der Krise des Mannes, der Krise der Mittelschicht, Globalisierungsverlierern, Modernisierungsängsten, dem realen Ausschluss und der realer Armut, dem gefühlten Ausschluss und gefühlten Abstieg, Rassismus, Verachtung der „kulturellen Unterschicht“ hier und Expertenverachtung dort, Kränkungen tradierter Wertevorstellungen und verunsicherten Konservativen, Frustration und Erwartungslosigkeit der Nachkommenden und noch all den anderen Dingen, die im sogenannten postfaktischen Zeitalter nur so durch die Gegend strömen.

Nun ist es also passiert

Donald Trump ist der „mächtigste Mann der Welt“.

„Nichts empört mich so sehr wie die Empörung selbst“, schreibt Deborah Feldmann in der taz. Und weiter: „Ich sehe das Entsetzen in den Gesichtern verblüffter Politiker, in ihrer Selbstzufriedenheit gestörte Journalisten, bestürzte Eliten und mürrische Pseudoliberale. Sie können nicht glauben, dass das System, das für sie bisher funktioniert hat, sich ändern könnte. Denn sie verstehen nicht, dass die Welt für viele Menschen anders aussieht als für sie“. Und das obwohl sie Stefan Zweigs „Die Welt von Gestern“ eigentlich kennen sollten.

Starke Zeilen. Ich finde wenig bedauernswerter und wenig macht mich so fassungslos wie Menschen, die sich sonst einen feuchten Dreck um Politik kümmern und sich noch nie in ihrem Leben aktiv um die Frage gekümmert haben, wie (ihre) Gesellschaft außerhalb ihrer eigenen vier Wände aussehen soll. Menschen, die jetzt aber erschrecken und reihenweise posten „schlimm, mir ist schlecht, das Ende der Welt wie wir sie kennen, Untergang, die furchtbare Zukunft meiner Kinder“. Menschen, die in ein paar Tagen wieder so weiter machen wie bisher und in deren Timeline diese Miniatur-Aufmückungen erbärmlich verkümmern zwischen Foodporn und Fashionporn.

Immerhin verspricht jemand seiner Tochter mal „…we’ll fucking fight.“ Ein paar Tage zu spät vielleicht.

„Wir haben uns losgesagt von den regionalen und nationalen kulturellen Standards, Idiomen, Weltanschauungen und sind auch noch stolz darauf. Wir rümpfen die Nase über die, die für ihre Identität und ihr Wertegefüge auf den Bezugsrahmen Nation nicht verzichten können oder wollen.“ Michael Seemann auf CARTA

Den Schuss nicht gehört

Man möchte jetzt auch Mal „fucking“ schreien. Aber schreiben muss reichen: Wie ohnmächtig und ratlos und fernab von Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten kann man denn sein? Habt Ihr den Schuss nicht gehört? Merken wir endlich, dass es was zu verteidigen gilt? Immer noch nicht? Auf was wollt ihr euch verlassen? Dass es besser wird? Von alleine?

Was ihr tut und vor allem was ihr nicht tut hat Auswirkungen. Immer. Ob wir den Mund aufmachen oder nicht. Ob ihr versucht, etwas zu ändern oder nicht. Ob wir anderen helfen oder nicht. Ob ihr Allianzen schmiedet oder nicht. Und ob wir wählen oder nicht.

Ja, Wahlen haben Auswirkungen. Wieso lassen sich die Menschen so gerne das Gegenteil einreden? Von ein paar frustrierten Berichterstattern, denen auch nichts mehr Neues einfällt. Wegen ein bisschen viel lahmer, großer Koalition und „eh alle gleich“? Von wegen. Siehe dazu James Carville im Oktober diesen Jahres mit ein paar Studis.

Man sollte beim Blick auf das Ergebnis der US-Wahl nicht ganz aus den Augen verlieren: „In raw numbers, that amounts to an edge of roughly 1.8 million votes as of Saturday“. Ja, „Hillary Clinton’s Popular Vote Victory Keeps Growing“.

Es stellt sich sogar heraus: „Hillary Clinton set to receive more votes than any US presidential candidate in history except Barack Obama.“

Aber so ist das Wahlsystem in den USA nunmal. Und das dürfte jedem, der Wahlkampf macht, von vornherein bekannt sein. Deshalb gibt es für den „Sieg“ bei den „public votes“ auch kein goldgerahmtes Zertifikat für Clinton.

Demokratie ist Arbeit

Demokratie ist Arbeit. Demokratie ist Auseinandersetzung. Demokratie heißt: jeden Tag in den Ring zu gehen. Über Politik sprechen. Auch wenn es weh tut. Auch wenn es Streit gibt. Natürlich muss es Streit darüber geben, wenn über Gesellschaft und ihre Regeln und Rahmenbedingungen verhandelt wird. Was denn sonst?

Wir haben offensichtlich unendliche Probleme, das zu akzeptieren.

Die Trump-Leute zum Beispiel haben dieses Problem nicht. Sie kritisieren das System zwar als korrupt und falsch und holen mit dieser platten Lästerei große Teile ihre Stimmen. Aber gerade sie haben nun bestätigt, dass das System Demokratie funktioniert und einen „Outsider“ (ein Milliardär zwar, aber vom sogenannten „Sumpf“ von DC offensichtlich für viele glaubhaft genug weit weg) nach oben bekommen. Sie haben es genutzt, um mit aller Macht dort hin zu kommen, wo sie jetzt sind.

Mit dem Einpeitscher Stephen Miller zum Beispiel. Man sollte sich das ansehen.

Oder Stephan Bannon (Breitbart, bald Chefstratege im Weißen Haus), der bereits im Jahr 2013 die komplette Agenda „take the country back“ inkl. Social Media ausrollt, die dann von der Trump-Kampagne umgesetzt wurde. Man muss sich das ansehen.

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Was kommen wird

Heraus kommt mit Trumps Transition ein „180-degree turn for the country“. Da gibt es kein Vertun. Alleine schon das Personal:
– Kris Kobach. „The architect of the most racist law in modern American history has been named to Trump’s team“
– Myron Ebell. „Trump Picks Top Climate Skeptic to Lead EPA Transition“

Und, ja, man kann es sich nicht ausdenken – Gingrich, Giuliani, Christie und „Sarah Palin being considered for Cabinet“. Ja, „Trump Campaigned Against Lobbyists, but Now They’re on His Transition Team“Der Albtraum wird Realität. Inkl. 3 Trumps + 1 Schwiegersohn mit Zugang zum „Presidential Daily Brief“.

Ein Blick auf die offizielle Transition-Website (greatagain.gov) von „President elect“ Donald J. Trump verrät schon im ersten Satz etwas über seine Qualifikationen für das höchste Amt: „Trump is the very definition of an American success story, continually setting the standards of excellence for real estate, sports and entertainment.“ Bisschen funny.

Aber es steht dort, recht zaghaft zwar, was kommen soll und kommen wird:

„Mr. Trump entered the 2016 presidential campaign because he was deeply concerned about the direction of the country. His motto has been to “Make America Great Again” by bringing jobs back to Americans through renegotiated trade deals and a reformed tax code, securing our borders and restoring the rule of law, repealing and replacing Obamacare, strengthening our military, caring for our veterans, and unifying Americans.“ President elect Donald J. Trump

Schauen wir Mal, welches Kabinett er bringen wird.

Es geht zurück. In die Zeit vor Obama. In die Zeit vor den 68. Zurück in die 50er. Die „Make America Great Again“-Agenda kann man auch in Liedform genießen.

Rache

Die ökonomische „Unterschicht“, die die „Kosten eines globalen Kapitalismus trägt“ (wieder Deborah Feldmann) ist das eine. Und es ist wirklich fraglich, ob man auf diesem Planeten überhaupt noch etwas gewinnen kann, ohne die unsichtbare neoliberale Allmacht infrage zu stellen. Aber es geht eben auch um die, die wir spüren lassen sie seien die „kulturelle Unterschicht“ (ökonomische Mittelschicht!). Menschen, die wir für dumm und unkultiviert halten. Menschen zum Beispiel aus dem vom international vernetzten Jetset verspotteten „Flyover Country“ zwischen West- und Ostküste. Zwischen Silicon Valley und SOHO.

„Für viele … war (die Präsidentschaft Obamas) persönliche Schmach und Erniedrigung. Dieser Perspektivwechsel macht die Wahl Trumps nicht besser. Aber er rückt sie ein Stück weit ins historische Verhältnis. Das weiße Amerika hat Rache genommen. Das historische Pendel, vor acht Jahren heftig in eine Richtung ausgeschlagen, kippt zur anderen Seite“, schreibt Hanno Burmester bei CARTA.

That´s „How Half Of America Lost Its F**king Mind“:

To those ignored, suffering people, Donald Trump is a brick chucked through the window of the elites. “Are you assholes listening now?“ David Wong

Die Welle

Aber bevor das gesehen wird, lassen sich die meisten Zeitgenossen lieber in ihrer Weltsicht bestätigen durch hoffnungsgeleitete Medien und mittlerweile vollkommen sinnfreien Umfragen, indem diese den „hidden Trump“ oder „hidden Leave Voters“ aufsitzen. Die Leute antworten schlichtweg nicht mehr. Dass es die in zunehmender Zahl gibt, ist kein Wunder: der liberale Moral-Papa zieht dem Sohnemann immer die Löffel lang, wenn er Mist baut – also macht er den Mist halt heimlich. Filterbubble.

Und dann stehen die Hoffenden bei jedem Ergebnis erneut überrascht und bestürzt und eben auch ziemlich blöd da: Vorgestern Brexit, gestern Trump und übermorgen Frankreich. Und zwischendurch Polen, Ungarn und die AfD. Es wird so weitergehen. Im Zweifel sorgt die digitalisierte Rechte Internationale schon dafür. Wie schnell das dann geht. Die Breitbart-Pest kommt nach Europa und ergänzt das „blaue Netz“.  Und viele Glückwünsche kommen zurück: „Auch deshalb muss es dem Rest der Welt zu denken geben, dass die ersten und überschwänglichsten Trump-Gratulanten aus aller Welt die europäischen Rechtsextremisten und –Populisten waren.“ Was für ein Wind unter rechte Flügel.

In Deutschland werden sich die Konservativen und Rechten im kommenden Jahr unter der Fahne bzw. dem Feinbild der „Linksrepublik“ als kleinstem gemeinsamen Nenner sammeln. Ein verführerischer und billiger Pappkamerad für alle links der CDU. Aber man wird ihn leider attackieren und die Kraft an ihm vergeuden.

Die Rede vom Narrativ

„Trump bietet eine klare Erzählung an“, schreibt Patrick Gensing, „ein Narrativ, eine Vision. Diese kann nicht durch Fakten entkräftet werden, denn die Erzählung basiert auf einer Ideologie der Irrationalität.“

„Er steht auf unserer Seite. Trump will die Interessen der USA und seiner Bürger schützen und richtet seine politischen Bestrebungen danach aus. Er will Amerika wirtschaftlich, militärisch und kulturell stärken. Er will mehr Arbeitsplätze schaffen (vor allem für diejenigen, die von dem jüngsten wirtschaftlichen Aufschwung kaum profitiert haben) und das Land vor Terrorismus bewahren. Außerdem verteidigt er, anders als die amtierende Regierung, die Verfassung und das System aus checks and balances.“ Daniel Bonevac

Mal sehen, was für seine Wähler am Ende übrig bleibt: „If you voted for Trump because he’s ‘anti-establishment,’ guess what: You got conned“.

Und Hillary Clinton? Mein Kollege Klaus Linsemeier aus dem Brüssel Büro der Heinrich-Böll-Stiftung fasst zusammen: „Der Unmut der Wähler/innen ist seit langem bekannt, bislang haben sich die Demokraten als unfähig erwiesen, eine Politik zu realisieren, die den Menschen das Gefühl gibt, gehört zu werden und nicht mehr sozial, ökonomisch und kulturell abgehängt zu werden.“

Man muss jedoch auch sagen: die Demokraten haben eine Kandidatin aufgestellt, mit der nichts zu gewinnen war. Die genau für das steht, was leicht angreifbar und auch anzugreifen ist, was sich bei allem guten Willen nicht mit einer alternativen Erzählung verbinden lässt und für was die Jungen auch nicht brennen oder auf die Straße gehen. Bernie Sanders hätte gewonnen? Etwa mehr Wahlmänner?

An diesem Punkt landete Frank Stauss exakt mit „Ein Blick in die USA ist ein Blick in unsere Zukunft“ bei CARTA: „die Zeiten sind zu ernst, um nicht einzusehen, dass eine falsche Kandidatur zur falschen Zeit verheerende Folgen haben kann. Für ein Land, für eine Partei, manchmal sogar für die ganze Welt.“

Dann kommt im Moment an jeder Ecke der Einwurf: Eine „neue Erzählung“ müsse her, gar eine Utopie. Sonst sei die rechte Nummer stärker. Das alte ziehe nicht mehr. Man müsse das besser erklären: Frieden. Wohlstand. Bewahren. Aber die Leute sehen das entweder nicht oder haben es selbst nicht. Was ist dann zu bewahren? Wenn Du das Gefühl hast, Du bist am Ende, ist alles andere besser. Siehe Brexit.

Das Problem an der neuen Erzählung und der Utopie ist auch: wie soll sie in dem, was ist denn überhaupt greifen und glaubhaft sein. In einer insgesamt doch ziemlich ungerechten Welt eine Geschichte der Gerechtigkeit und Hoffnung verkaufen, die aber sofort endet, wenn es um (den eigenen) Verzicht geht? Da müsste man dann ja schon etwas grundlegender ran, an die „große Transformation“.

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Entzauberung?

Aber vielleicht ist man als ordentlicher Westeuropäer mit Blick auf diese Woche ja auch einfach vom polaren, US-amerikanischen Wahlkampfstil überfordert gewesen und hat wirklich geglaubt, dass das, was uns diese Hypermaschine an Populismus, Anfeindungen und Dreck präsentiert, auch das ist, was nach dem Wahltag kommen wird.

Schnell wird beschwichtigt. Aber nach all den Monaten: „Dear White Friends: Stop Saying Everything Is Going To Be Ok“.

„Aber jetzt kommt es darauf an, ob der Präsident Trump genauso handelt wie der Wahlkämpfer Trump“, sagt Außenminister Steinmeier.

Vielleicht kann man ja einfach abwarten, was die kommenden Wochen und die erste Zeit der Amtszeit im kommenden Jahr ergeben. Vielleicht erledigt das politische System schlicht die Extreme, wenn sie erst Mal an der Macht sind. Vielleicht wird alles nicht so schlimm. Vielleicht. Entzauberung. Vielleicht. Selbst wenn: auch die Entzauberten bleiben uns im Zweifel erhalten. Zudem werden Leute wie Stephan Bannon alles dafür tun, das Weiße Haus nicht wieder so bald verlassen zu müssen.

Auch Mal gewinnen lassen können?

Günther Öttinger, der „auch kleinere Wahlen verloren und gewonnen hat“ (er ernsthaft über sich selbst im Deutschlandfunk letzten Mittwoch), meint wie so manch anderer: man müsse Wahlen auch verlieren können. Das sei eben Demokratie. Vollkommen richtig. Aber man muss eben auch gewinnen können. Und dazu muss man GEWINNEN WOLLEN. Sonst bestimmen die anderen wo es langeht. Punkt.

Zuhören?

„Nicht verteufeln, sondern zuhören, die Sorgen und Ängste der Menschen ernst nehmen“. Das waren gerade Mal zwölf Stunden nach „Trump elected President“ schon das zentrale Learning einiger Politiker. Exakt wie nach dem Brexit. Null überzeugend. Und btw. was denkt man denn, wem Trump, AfD und Le Pen zuhören werden? Dem Volk? Sich selbst?

Dabei: Zuhören. Daran war natürlich noch nie etwas Schlechtes. Und wenn Politik das verlernt hat, muss sie es in der Tat (wieder oder neu) lernen. Die Menschen und ihre Sorgen „ernst nehmen“. Dass muss in den Anforderungskatalog der Politik. Der Leiter der Heinrich-Böll-Stiftung in Washington, Bastian Hermisson, hat dazu eine weit beachtete Gastrede auf dem Parteitag der Grünen in Münster gehalten. Aber Politik kann sich vor lauter verunsichertem Zuhören wollen nicht nur um die lauten Ränder kümmern. Diese machen zwar auch in Deutschland mit ihren relativen Wahlerfolgen ziemlichen Wind im Moment und verführen mit ihrem radikal-provokativen Auftritt dazu, nur noch im Reflex über das nächste, noch schlimmere Stöckchen zu springen. Trump, AfD, die zentralen Akteure der Leave-Kampagne – es waren, sind und bleiben Populisten mit rassistischem Programm. Das Risiko dieser, aus lauter Befürchtung nun wirklich die Kontrolle zu verlieren, umgedrehten Scheuklappen von Medien und Politik mit reinem Außenblick ist enorm. Politik, progressive wie konservative, muss sich um „die Mehrheit“ kümmern. Und um ihre Wählerinnen und Wähler, die auch Sorgen und Ängste haben. Sicher haben die auch Schnittmengen mit den „angry white men“, aber eben auch ganz andere (Ängste vor „angry white men“ zum Beispiel). Wenn das nicht alsbald gelingt, geht diese Mehrheit flöten.

Wolfgang Merkel ist mir noch zu voreilig und ungenau: Eine repräsentative Demokratie „muss auch reaktionäre oder konservative Kritik außerhalb der politischen Korrektheit zulassen. Dies spricht nicht gegen unser kämpferisches Eintreten für Freiheit, Gleichheit und die kulturellen Modernisierungen der letzten Jahrzehnte. Ganz im Gegenteil. Sie müssen verteidigt werden. Aber Belehrungen von oben, moralische Intransigenz oder der diskursive Ausschluss der „Nicht-Repräsentierbaren“ spielen nur den Rechtspopulisten in die Hände.“

Der Schweizer Politikwissenschaftler Michael Hermann beschreibt zum Beispiel für die Schweiz, dass dort zu hart versucht wurde zu verstehen und auf die rechte SVP einzugehen. Gewonnen wurde dadurch nichts. Zuhören und verstehen reicht nicht. Man muss es auch richtig tun.

Das gilt auch für vorgeblich über Nacht lernende Journalisten, die jetzt im plötzlichen Umkehrschub verkünden, man müsse Mal: der Stimme der Abgehängten zuhören. Von jenen hört aber kaum jemand wirklich zu. Sondern es wird wieder reingedichtet und projiziert. Was man sich halt so darunter vorstellt, was der Abgehängte so denken müsste. Schon wieder Besserwisserei nach dem Motto „Ich schreibe was ich denke dass du denkst“. Da ist dann schon das neue Vonobenherab. Das ist aber keine Läuterung, kein Hingehen, sondern allenfalls eine billige Volte. Erst recht gilt das für den xten Stock des Springerhochhauses in Berlin und die dortige Verleugnung des eigenen Elitenhochamts. Filterbubble.

Wer ist schuld?

Bei der Schuldsuche landen „die Linken“ viel zu schnell bei sich selbst. (btw. Hillary Clinton eine Linke?) Und Die Welt bei den die Realität verleugnenden Intellektuellen: „Wir“ hätten ein „Monster“ geschaffen. So mächtig sind „wir“ also?

Doch Vorsicht vor der Selbstgeißelung! „Nach der Wahl von Donald Trump fragen sich viele, wer die Schuld trägt. Eine Antwort lautet: das arrogante linksliberale Milieu selbst. Kann das sein?“, schreibt Nils Markwardt. Wenn dann, weil es wie alle anderen darin versagt hat, wider besseres Wissen um Verteilungs- und Teilhabegerechtigkeit zu kämpfen. Ansonsten ist diese Tendenz zur leichtfertigen Selbstopferung inakzeptabel.

Und auch die gnadenlose Selbstüberhöhung der Medien in Form massiver Schuldübernahme wirkt peinlich. Wie viel Einfluss will man den (immer noch) beanspruchen?

Man muss gar nicht zurück ins 20. Jahrhundert: Schuld sind von Brexit bis Trump sind doch nicht die, die ihre Meinung sagen. Es sind diejenigen, die nichts gemacht haben, die still geblieben sind und abgewartet haben. Und dann – wenn es zu spät ist – überrascht und betroffen sagen: hätten wir doch nur…

Aber am besten ist ja eh: „Fuck Everything And Blame Everyone“.

Aussterben lassen?

Das, was gerade passiert und uns so verwirrt, wird sich auch nicht rein demographisch erledigen. National, rechtsorientiert, rassistisch etc. sind vielleicht eher die Älteren. Aber die sich aus den Mühen der Politik weitestgehend enthaltende „globale Klasse“ kann sich weder auf sich selbst (siehe eingangs) und schon gar nicht den sogenannten Millenials ausruhen. Denn trotz höherer Zustimmung zu Clinton (trotz massiver Enttäuschung bezüglich Bernie Sanders und vor allem weil der Trump noch schlimmer ist): nur wenige der Jüngeren haben bei der Präsidentenwahl überhaupt eine Stimme abgegeben. Siehe Brexit. Auf´s Aussterben der Alten setzen und darauf, dass das die Jungen schon alle brav liberal und progressiv denkende Menschen werden, ist wirklich eine denkbar schlechte Wette.

Das „Ende der Minderheiten“ abwarten?

Eine weitere Hoffnung, die in den USA von nahezu allen jüngeren, progressiven denkenden, politischen Menschen (ob mit oder ohne „Migrationshintergrund“) in Erwartung eines möglichen Wahlsiegs von Trump zur Selbstberuhigung zu hören war: Eine Generation noch, dann hat der Alptraum endlich ein Ende. „If current rates of national population change trend as they have for the past 20 years, by 2035, non-Hispanic whites will be outnumbered by minorities.“ Da werde der Begriff „ethnische Minderheit“ erst recht keinen Sinn mehr machen. Doch was denn bitte bis dahin? 20 Jahre!

Also will man sich auf verlassen auf 1) Entzauberung, 2) auch Mal gewinnen lassen, 3) mehr zuhören, 4) Aussterben der „alten Säcke“, 5) Millenials und 5) Ende der „Minderheiten“?

Die anderen gehen zum Beispiel wählen

Will man weiter Gründe finden für den Rückzug, weiter unpolitisch bleiben, sich weiter nicht einmischen?

Will man weiter mit einer gehöriger Portion Arroganz und historischer Blindheit einfach die Abneigung gegen Demokratie und Politik mit den anderen teilen?

Da ist Vorsicht geboten. Denn die anderen – diesen Unterschied gäbe es dann doch noch – tun viel dafür, zu gewinnen. Die anderen gehen zum Beispiel wählen.

Hier erledigt sich überhaupt nichts von alleine

Nun denn. „Es“ erledigt sich nicht von alleine. Wie kann man das glauben? Wie kann man glauben, dass es im Jahr 2016 nicht mehr um Definitionshoheit, Einfluss, Macht, Entscheidungen, um Politik geht? Natürlich geht es um was. Ist das mit Brexit und Trump, Österreich, Polen, Ungarn und AfD immer noch nicht deutlich genug? Reicht es immer noch nicht, uns aus den noch bequemen Sofakissen zu bekommen?

„Elite liberalism, it turns out, cannot defeat right-wing populism. We can’t move to Canada or hide under the bed. This is a moment to embrace democratic politics, not repudiate them.“ Megan Erickson, Katherine Hill, Matt Karp, Connor Kilpatrick, & Bhaskar Sunkara in Politics Is the Solution bei Jacobinmag

Gewinnen wollen

„In einer sich verhärtenden Welt und eines wachsenden Rechtspopulismus helfen keine politisch korrekten Mikromilieus… Sondern nur Mehrheiten“, schreibt Unfried in der taz. Ganz genau. Politik.

GEWINNEN WOLLEN ist da die erste Voraussetzung für nicht verlieren müssen.

„Die eigentliche Arroganz liegt ja in der Selbstkasteiung. Die eigentliche Arroganz liegt darin zu glauben, wir könnten Trump oder die AfD verhindern, indem wir unsere Blase verlassen. (…) Wir dürfen nicht raus aus der Blase. Wir müssen die Blase schützen. Wir müssen mehr denn je dafür kämpfen, jene wieder reinzuholen, die zwar rausgefallen sind, die aber noch nicht in der anderen Blase, der Blase der Hetzer, verschwunden sind. Das sind viele. Das ist die verunsicherte Mehrheit.“ Sebastian Gierke

Sebastian Gierke zitiert eingangs Tocotronic:

If you have a racist friend / Now is the time, now is the time for your friendship to end. / Be it your father be it your mother / Be it your cousin or your uncle or your brother.“ Tocotronic

Filterbubble extreme?

Ich weiß nicht was ich tun soll

Gewinnen wollen? Aber reicht dafür denn das, was ich kann und bringe, ich kleines Rad?

„Ich weiß ja nicht was ich tun soll“ ist schlicht eine lahmarschige Entschuldigung für den Verlust der eigenen Mündigkeit. Selbstverzwergung. Daran ist auch nicht irgendein Mehltau oder Angela Merkel schuld. Man muss mit der Kunst des Widerstands und die Kultur der Begegnung nicht erst beginnen, wenn es schon zu spät ist.

Es geht nicht ohne uns. Es geht nicht ohne dass wir ein wenig der Energie und Zeit, die wir für andere, teils wesentliche, teils profane Dinge aufbringen, einsetzen, um herauszufinden, wo und wie wir was bewegen können. Auch Mal auf Falsche setzen und Fehler machen gehört dazu. Jeder redet mit leuchtenden Augen von Fehlerkultur, lernenden Organisationen, iterativen Prozessen. Aber in der Politik und beim Herantasten an das eigene Engagement darf das nicht sein? Wer zu müde ist, um über Gesellschaft zu verhandeln, über den wird verhandelt und entschieden.

Forget your perfect offering

Gerade im Politischen geht es ums Ausprobieren, Versuchen, Scheitern und immer wieder neu Beginnen.

Mit Leonard Cohen gesprochen:

„Ring the bell that still can ring. Forget your perfect offering. There is a crack in everything. That’s how the light gets in.“

Oder mit Shakespeare: „Begegnen wir der Zeit, wie sie uns sucht.“

#gewinnenwollen

 

Veröffentlicht mit etwas mehr Videos und Bildern auf meinem Blog am 12. und überarbeitet am 14. November.

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