Trump. Der größte Alligator im Sumpf

Hillary Clinton war sich ihrer Sache zu sicher. Die blaue Mauer der Demokraten in den alten Industriestaaten des Nordens ist zerbröckelt. Donald Trump hat all das erkannt, besser als sämtliche Demoskopen und Experten, besser als die Parteien. Und er hat es ausgenutzt.

Charlotte, North Carolina, der alte Süden der USA. Es ist der Nachmittag des 9. November, der Tag nach dem grossen Tag. Im Midnight Diner unweit des Stadtzentrums flimmert die Siegesrede von Donald J. Trump über die Bildschirme, des 45. Präsidenten der USA. Ganz Amerika redet heute über die Wahl.

Mein Tischnachbar, Anfang sechzig, weiss, Arbeiterkluft, spricht mich an: „Wir haben den Sumpf trocken gelegt.“ Damit ist für ihn alles gesagt. Der Sumpf, das ist in seinen Augen, in den Augen der Unterstützer Trumps die politische Elite Washingtons, der Geldadel der Wall Street, die White House Zirkel, die Journalisten bei CNN und der New York Times, auch die Umfrageinstitute, deren Zahlenschieber bis zum Wahltag ebenso überzeugt wie überzeugend den Sieg Clintons vorausgesagt hatten: möglicherweise knapper als erwartet, doch letztlich ungefährdet.

Und dann das: Ein „Urschrei“ grosser Teile der Bevölkerung, so formuliert es David Axelrod, einst Kampagnenchef Obamas, am Morgen bei CNN. Die Fassungslosigkeit steht ihm ins Gesicht geschrieben. Vielleicht, so orakelt Axelrod reichlich hilflos, sei dies auch gleichzeitig der letzte Aufschrei des alten weissen Amerika, der Zukurzgekommenen, der frustrierten Verlierer der Globalisierung, die um ihre Jobs bangen, sich ihre Versicherung nicht mehr leisten können und nicht verstehen, warum in manchen Landesteilen mehr Spanisch als Englisch gesprochen wird mittlerweile. All dies mag zutreffen, allein: Schon die Wortwahl dieses Chefstrategen der Demokraten zeigt, wie weit Hillarys Partei sich von ihren – vermeintlich so treuen – Anhängern entfernt hat.

Es gab nicht den einen grossen Fehler, der alles ruiniert hat. Clintons Wahlkampf war solide, stellenweise richtig gut, doch hat sie nie Enthusiasmus a la Obama wecken können. Stattdessen ist ihre Kampagne den Tod der tausend kleinen Schnitte gestorben, wie sie hier in Amerika sagen. Clintons Lager hatte darauf gesetzt, die Obama-Koalition aus Frauen, Menschen mit höherem Bildungsabschluss, Minderheiten und jungen Menschen noch einmal zu mobilisieren. Doch vor allem die letzten beiden Zielgruppen haben die vermeintlich unvermeidliche Kandidatin im Stich gelassen. Es gingen nicht mehr Latinos wählen als zuvor. Viele junge Wähler sind einfach zuhause geblieben, wohl im Glauben, ihre Stimme sei nicht notwendig, um den „gebuchten“ Sieg Hillarys herbeizuführen. Ein unheimliches Echo dessen, was Grossbritannien im Juli beim Brexit erlebt hat.

Clinton war sich ihrer Sache zu sicher, eine Niederlage nicht eingeplant, nicht einmal die Rede für diesen Fall war vorbereitet. Die blaue Mauer der Demokraten in den alten Industriestaaten des Nordens ist zerbröckelt, weil Clinton nicht erkannt hat, dass die Sorgen der Arbeiterklasse längst auch von anderen Schichten geteilt werden. Die Millionärin aus New York sah keinen Grund, sich häufiger im Rostgürtel der USA zu zeigen, in Wisconsin war sie kein einziges Mal. In den Augen der weissen Arbeiter spricht hieraus die abgehobene Arroganz der Machtelite der Hauptstadt, einer Elite, die für sich andere Regeln beansprucht als sie für den Rest der Bevoelkerung gelten (Stichwort Email-Affäre, Stichwort Clintons astronomische Redehonorare an der Wall Street) und mit ObamaCare den Menschen drastische Prämienerhöhungen zumutet, während das eigenen Haus im Speckgürtel Washingtons längst abbezahlt ist. Die Hälfte der Mitglieder des Senats sind Millionäre.

Donald Trump hat all das erkannt, besser als sämtliche Demoskopen und Experten, besser als die Parteien. Und er hat es eiskalt ausgenutzt, ruchloser und effektiver als Hillary Clinton, die immerhin über drei Jahrzehnte Politikerfahrung aufzuweisen hat.

Noch in der Nacht ihrer Niederlage hat sich die Unterlegene beim Sieger gemeldet und ihm gratuliert. Nur Minuten später tritt der gewählte Präsident vor die Mikrofone der Nation. Trump gibt sich unvermutet bescheiden, versöhnlich, gar praäsidial. Er kann es sich leisten: Nach Wahlmännerstimmen ist es ein deutlicher Sieg; der Kongress bleibt republikanisch. Trump kann nun zwei Jahre durchregieren. Dennoch spricht er sogleich von Einheit, davon, dass nun die im Wahlkampf gerissenen Wunden geheilt werden müssten. Das ist unglaubwürdig, wenn auch alle glauben wollen, dass ausgerechnet der Spalter das gespaltene Land nun zusammenführt. Und Trump lächelt sein Trump-Lächeln, das eigentlich ein Zähnefletschen ist.

„Wir haben den Sumpf trocken gelegt,“ sagt mein Tischnachbar noch einmal, bevor er sich verabschiedet und in seinen Pick-up steigt. Ich fürchte, der Sumpf ist tiefer denn je, die amerikanische Demokratie steckt fest. Und mittendrin sitzt seit Dienstag der grösste Alligator von allen.

 


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