Die amerikanische Konterrevolution

Der Brexit war kein Ausrutscher, er ist Programm. Die Sehnsucht, sich in der vertrauten Heimat ein- und abzuschließen, wird verstärkt durch die Unfähigkeit vieler Regierungen weltweit, die Modernisierungsbrüche unserer Zeit politisch zu begleiten.

Das ist die Konterrevolution. Nicht nur eine amerikanische, sondern eine weltweite; angeführt durch die Vormacht der westlichen Welt, durch einem Präsidenten, der zumindest über das Potenzial verfügt, die demokratische Ordnung der Vereinigten Staaten von Amerika nachhaltig zu beschädigen. Trump hat einen Volkssturm ausgelöst, der ihn nun ins Weiße Haus bringt. So wie er im Wahlkampf die Maßstäbe von Fairness und Respekt geschreddert hat, so, wird er auch regieren, vielleicht ein wenig gemäßigter, aber Trump wird kein anderer werden. Das fürchtet selbst Norbert Röttgen von der CDU. So richtet sich die erste Hoffnung auf die stabilen Institutionen dieser großen Nation. Trumps Konterrevolution, durch die digitalen Öffentlichkeit erst möglich geworden, richtet sich gegen die Moderne, gegen eine durch die digitale Technik mit einander verbundenen und voneinander abhängigen Welt.

Diese Wahlnacht macht klar: Der Brexit war kein Ausrutscher, er ist ein Programm. Denn längst gärt meist unterhalb der öffentlichen Wahrnehmung ein erbitterter Klassenkampf in den fortgeschrittenen Staaten der Welt. Es ist ein kultureller Aufstand derjenigen, die die Offenheit und Fremdheit einer sich zusehends vernetzenden Welt ängstigt. Sie erschreckt die Entwertung lange gültiger Wert-Vorstellungen. Sie mögen nicht akzeptieren, dass eine Patchwork-Familie das Ideal einer „vollständigen“ lebenslangen Familie ersetzt, ungeachtet dessen, dass das Ideal in der Wirklichkeit eher selten Bestand hatte; mögen nicht hinnehmen, dass das neue Familienbild einen höheren Wert besitze, nur weil es zweifelsohne lebensnäher ist. Und dass die europäisch-stämmigen US-Bürger zur Minderheit werden, ist schon ein historischer Umbruch, der bei der alten Mehrheit Ängste auslösen kann, die zumindest nachzuvollziehen sind.

Oder – um ein banaleres Beispiel zu wählen – dass die Einführung gendergerechter Toiletten mehr öffentliche Aufmerksamkeit findet als die Pausenregelungen ihres Betriebes. Oder dass unbegleitete Flüchtlingskinder stärkere Zuwendung erhalten als ihre eigenen, die mit den schulischen Ansprüchen nicht zu Recht kommen. Diese Widersprüche lassen sich ziemlich weltweit für viele Alltags- und Lebensbereiche durchbuchstabieren.

Zu alledem fühlen sich die Betroffenen von den selbst im Niedergang befindlichen Traditions-Medien allein gelassen. In den USA ist im Rundfunk noch das Ressentiment zu finden, das die BILD-Zeitung ihren Anhängern in der Regel erfreulicherweise verweigert. Die veröffentlichte Zustimmung zugunsten der Merkelschen Flüchtlingspolitik wirkte hier zu Lande fast so hermetisch wie die Wahlempfehlungen der amerikanischen Zeitungen zugunsten von Hillary Clinton. Dass diese Parteinahme nicht von bösen Kräften gesteuert wurde, sondern aus Überzeugung geschah, beruhigt diejenigen nicht, die sich mit ihren abweichenden Meinungen ausgeschlossen fühlen.

 

…eine politische Sprachlosigkeit im Umgang mit den Folgen der digitalen Revolution, die den begnadeten und faszinierenden Redner Obama mit der ihre Hausfrauenrhetorik pflegenden Angela Merkel verbindet.

 

Aber es geht nicht nur um einen kulturellen, sondern auch um einen sozialen und wirtschaftlichen Klassenkampf. Die Trump-Wähler beklagen zu Recht, dass ihre Jobs nach China exportiert werden. Aber das ist noch gar nichts, gemessen an der Vernichtung von Arbeitsplätzen, die ihnen die Digitalisierung bescheren wird. Auch wenn sie es vielleicht nur ahnen, haben sie also allen Grund zur Furcht.

Die anschwellende Sehnsucht, sich in der vertrauten Heimat ein- und abzuschließen, wird verstärkt durch die Unfähigkeit der Regierungen, diese politischen, sozialen und kulturellen Modernisierungsbrüche politisch zu begleiten. Sie verharren weitgehend im Business-as-usual-Modus. Und selbst dort, wo sie darüber hinaus gehen, hilft das in dieser Frage nicht: So bedeutend Obamacare für Millionen unversicherter Bürger ist, es ersetzt keine Antwort auf die Ängste der weißen Arbeiter um ihre Zukunft. Hinzu kommt eine politische Sprachlosigkeit im Umgang mit den Folgen der digitalen Revolution, die den begnadeten und faszinierenden Redner Obama mit der ihre Hausfrauenrhetorik pflegenden Angela Merkel verbindet.

Hillary Clinton repräsentiert die Abgehobenheit der politischen Eliten. Sie steht mit ihrer Person und ihrem Lebensweg für die Verkrustung des politischen Apparates. Doch das ist kein Washingtoner Problem, auch wenn es in Deutschland sicher noch nicht so stark ausgeprägt ist. Gabriels peinlich anbiedernder Versuch, im Frühjahr dieses Jahres mit einer Putzfrau und Gewerkschaftsfunktionärin zu diskutieren, zeigt, dass die Fallhöhe zwischen Politikern und Volk in allen westlichen Demokratien wächst. Die Politiker haben den Draht zu den Lebenswelten verloren, aus denen sie zum Teil stammen und denen sie ihr Mandat verdanken. Davon profitieren die Trumps, Le Pens und Gaulands gleichermaßen. Sie haben in der Regel mit ihren Wählern noch weniger als die traditionellen Politiker gemein, aber sie verstehen es, deren Zorn zu bestärken, sie setzen auf Missgunst und Neid, auf die niederen Instinkte, die dem Menschen nun einmal nicht fremd sind.

Nach Trumps Sieg wird Angela Merkel nicht umhin können, wieder als Kanzlerin zu kandidieren, wenn sie denn überhaupt gezögert hat. Denn die Welt ist nun gefährlicher geworden. Noch haben es die deutschen Parteien in der Hand, ein Übergreifen der amerikanischen Konterrevolution auf Deutschland zu verhindern. Denn hier zu Lande gibt es – zum Beispiel anders als in Frankreich – mit den drei Volksparteien SPD, CDU, CSU einen politischen Apparat, der bei allen Schwächen und Problemen noch nicht vollständig die Bodenhaftung verloren hat, am wenigsten übrigens in Bayern. Dort ist die CSU noch immer gut verankert in Städten und Dörfern. Darin liegt die deutsche Chance. Sie erfordert eine entschlossene Rückbesinnung auf ihre Wähler und auf das, was sie umtreibt. Ob sie den Parteien gelingt, bleibt offen.

Auf der Suche nach ihrem amerikanischen Traum haben die Wähler einen Mann gewählt, der diesen Traum zerstören wird. Aber historisch hat die amerikanische Konterrevolution keine Chance. Modernisierungsprozesse lassen sich bremsen, aber nicht verhindern. Der Bau von Mauern an der Grenze zu Mexiko wird die Zeit genau so wenig zurückdrehen wie die Errichtung von Zäunen am Mittelmeer. Daten lassen sich durch Stein oder Stahl nicht aufhalten. Und Menschen nur beschränkt.

Weltweit werden sich die jungen Generationen durchsetzen, die digital aufgewachsen und ohne nationale Mauern zu leben gewohnt sind. Wie lange werden sie brauchen? Zu welchem Preis? Unter welchen Verlusten und Kollateralschäden? Und wann werden die Jungen bereit sein, ihre politische Teilnahmslosigkeit aufzugeben? Die zu einem erheblichen Teil daher rührt, dass sie in einer Welt aufgewachsen sind, in der doch ziemlich viel gut gegangen ist, ohne dass sie dazu wirklich beitragen mussten. Wann nehmen sie ihre Zukunft in ihre eigenen Hände?

 

 


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