Todenhöfers Stellungnahme und der allmächtige Uncle Sam

| 01.10.2016 | 14 Kommentare

Kritiker als „Schreibtisch-Helden“ zu diffamieren, das Monopol auf die Wahrheit exklusiv zu beanspruchen und ansonsten die USA verantwortlich für den ganzen Schlamassel im Nahen Osten zu machen, verhindert jeglichen Dialog. Die Reaktionen auf Jürgen Todenhöfers Interview mit einem vermeintlichen Jihadisten-Kommandeur zeigen einmal mehr, wie tief die Gräben in der deutschen Öffentlichkeit sind.

Die Debatte über die Echtheit des Interviews, das der Publizist Jürgen Todenhöfer mit einem Nusra-Kommandeur in Süd-Aleppo geführt haben will, hat einmal mehr ein Phänomen sichtbar gemacht, welches sich omnipräsent durch den Diskurs über den Krieg in Syrien zieht: Die Tendenz vieler Menschen, reflexartig darauf zu verweisen, dass die westlichen Medien Propagandamaschinen im Dienste ihrer politischen Führungen — den „wahren Aggressoren“ unter Führung der USA — seien. Deshalb werde Jürgen Todenhöfers investigativer Blick hinter die Kulissen verunglimpft. Der westlichen Propaganda würde es schlichtweg nicht passen, wenn publik würde, dass die USA hochentwickelte TOW-Panzerabwehrwaffen direkt an die Jihadisten von Jabhat al-Nusra lieferten.

 

Das Narrativ vom allmächtigen Uncle Sam

Ohnehin seien die USA verantwortlich für den ganzen Schlamassel im Nahen Osten. Den sogenannten Islamischen Staat gebe es nur, weil die Amerikaner 2003 im Irak einmarschiert sind. Die elenden Regime-Changes. Das ging schon damals, 1953, beim CIA-Sturz des demokratisch gewählten iranischen Premier Mossadeqh los, der nichts weiter wollte als sein Land in eine blühende Demokratie zu verwandeln. „Die Anstalt“ brachte es tatsächlich fertig, die Geschichte des Irans zu erzählen, ohne auch nur ein einziges Mal auf Dynamiken innerhalb des Landes und der benachbarten Staaten zu verweisen. Als könne man mit außenpolitischen Abenteuern der USA und den Bauplänen für die Verlegung neuer Öl-Pipelines eine ganze Region erklären. Da werden komplexe Zusammenhänge, derer sich das Team der Anstalt sicher bewusst ist, zugunsten eines gängigen und gerade in Deutschland populären Narrativs ignoriert.

Populär, weil es die Welt in einfache, geordnete Muster einordnet: Extremisten im Irak? Vielen Dank, USA! Unter Saddam war das Land friedlich und fast schon säkular. Krieg in Syrien? Vielen Dank, USA! Ohne die Unterstützung der Supermacht und ihrer verbündeten Golfmonarchien wäre der bewaffnete Aufstand der Extremisten schnell niedergeschlagen worden und Syrien weiterhin das moderne, gebildete und säkulare Land, welches es bis dahin war. Da gab es sogar Frauen ohne Kopftuch.

 

Von Grabenkämpfen, Schubladendenken und der notwendigen Alternative

Ich hoffe, der ironische Unterton ist deutlich geworden. Selbstverständlich lassen sich all diese Entwicklungen nicht alleine durch die „neoimperialistische“ Politik der USA erklären. Natürlich spielt deren Politik eine Rolle — nicht selten eine äußerst destruktive. Doch der alleinige Fokus auf das Treiben der USA verunmöglicht nicht nur ein breites Verständnis, sondern entmündigt die Menschen in den jeweiligen Ländern. Die syrische Opposition beispielsweise besteht nicht nur aus vom Ausland finanzierten Jihadisten, die ein Kalifat errichten wollen. In die Vergangenheit zurückreichende soziale, wirtschaftliche und politische Konflikte haben das Pulverfass gefüllt, welches im Frühjahr 2011 schließlich explodierte. Wenn die Syrerinnen und Syrer unsichtbar gemacht werden, ist das nicht nur ein Todesurteil für eine produktive Analyse des Krieges. Es ist selbst ein Akt neoimperialistischer Politik, nämlich der überhebliche Blick des Westens auf Araber, die nichts weiter als ein Spielball der Supermacht USA seien. So bringen es Teile der Öffentlichkeit gar fertig, den grausamen Krieg zu relativieren, den das Regime Bashar al-Assads und seine Verbündeten gegen Teile des eigenen Volkes führen: Es sei nun mal die demokratisch gewählte Regierung Syriens, die völlig legitim um militärische Hilfe für den Kampf gegen Terrorismus gebeten habe.

 

Verständliche Wut auf neoliberale Politik und Heuchelei

Die enorme Wut vieler Menschen auf die USA und westliche Politik ist mit Sicherheit nachvollziehbar. Viele Menschen erleben ein Demokratiedefizit, nicht nur in Deutschland. 2011 rauschte die Welle sozialer Proteste nicht nur durch viele arabische Länder — auch in Europa, von der Puerta del Sol bis nach Serbien, gingen Menschen auf die Straße um gegen Missstände zu protestieren. Die deutsche Regierung propagiert Demokratie, ist gleichzeitig aber einer der größten Waffenexporteure weltweit. Während die Kanzlerin die große Freundschaft zu den USA betont, spioniert die NSA deutsche Bürgerinnen und Bürger aus. Heuchelei wo man auch hinsieht. Das macht wütend und führt vielfach zu Grabenkämpfen: Wer das Assad-Regime als unhaltbar bezeichnet macht sich zum Jihadisten-Freund. Und wer einen weiteren Regime-Change in Syrien kritisch betrachtet, landet unmittelbar in der Schublade „Putin-Versteher“. Eine differenzierte Perspektive ist möglich, jedoch anstrengender: Man kann gleichzeitig die Folgen des Einflusses der USA im Nahen Osten für desaströs halten, die syrische Regierung für ein um das eigene Leben kämpfendes Regime, die Form des russischen Militäreinsatzes für unmenschlich und die jihadistischen Kräfte in der Opposition für fatal.

 

Selbst wenn das Interview echt wäre, sein politisches Potenzial wäre verschenkt

Todenhöfers Stellungsnahme  hat die besagten Grabenkämpfe leider nur befeuert. Latent aggressiv alle Kritiker als „Schreibtisch-Helden“ zu diffamieren und das Monopol auf die Wahrheit exklusiv zu beanspruchen verhindert jeglichen Dialog bereits im Vorfeld. Dabei hätte dieser durchaus fruchtbar sein können. Denn eine fundierte Erklärung der Umstände seines Interviews hätten ihm Glaubwürdigkeit verliehen. Glaubwürdigkeit, die notwendig ist, damit das Interview politischen Einfluss hätte ausüben können. Denn ein Nusra-Kommandeur, der direkte Beziehungen zu den USA offenlegt, hätte dem Image der Jihadisten in Syrien schwer geschadet. Das wäre eine Sensation. Verschiedene Beobachter haben großes Interesse gezeigt: Wo befindet sich besagter „Abu Al Ezz“ nach dem Interview? Ist er geflohen? Besteht die Möglichkeit für ein weiteres Gespräch? Denn eins ist sicher: Nach einer Offenlegung, wie Todenhöfer sie präsentiert hat, hätte die Führung Nusras — oder Jabhat Fatah al-Sham, wie sich die Gruppe seit einiger Zeit nennt — den Kommandeur umgehend zur Rechenschaft gezogen. Vermutlich auf die unfreundliche Art. So jedoch werden die Jihadisten das Interview als ein weiteres Indiz dafür darstellen, dass der Westen sie unterwandern und diskreditieren will.

 

 


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