Die Unsicherheit Deiner Generation

Es betrübt mich zutiefst, dass ein Mann von Deinem Charakter, Deiner Bildung und Deiner Lebenserfahrung, ein Mann vor allem mit Deiner Geschichte, auf seine höheren Tage den Menschenfängern ins Netz geht, die Dokumente wie dasjenige veröffentlichen, das du geschickt hast. Ein offener Brief.

Lieber X,

ich habe heute die Broschüre gelesen, die Du mir gesendet hast. Ich gestehe, dass ich nicht recht weiß, wie ich darauf reagieren soll.

Es betrübt mich zutiefst, dass ein Mann von Deinem Charakter, Deiner Bildung und Deiner Lebenserfahrung, ein Mann vor allem mit Deiner Geschichte, auf seine höheren Tage den Menschenfängern ins Netz geht, die Dokumente wie dasjenige veröffentlichen, das du geschickt hast. Umso mehr betrübt es mich, als dieses Dokument mit seinen abstoßenden Irreführungen gerade auf Menschen deiner Generation abzielt, Menschen also, die Schwierigkeiten haben, sich in unserer zunehmend sich beschleunigenden Gegenwart zu orientieren. Nicht ohne meine Ernüchterung darüber zum Ausdruck zu bringen, dass wir in Zeiten leben, in denen solcherlei Versicherungen notwendig geworden sind, möchte ich Dir also versichern: Dass weder unsere Kinder noch anderer Leute Kinder irgendwo in Deutschland durch staatliche Erziehungseinrichtungen mit „Dildos“, „Lederpeitschen“ oder „Gruppensex“ konfrontiert werden, und dass kein Kind zu „frühkindlicher Masturbation“ angehalten wird.

Das Dokument, das Du uns gesendet hast, ist nicht das Erste seiner Art. Erst vor einigen Tagen hast Du mir einen Artikel von Gabor Steingart gesendet. Steingart ist ein anderes Kaliber, er mag ein respektabler Journalist sein. Aber natürlich sind Narrationen wie diejenige, die er im Handelsblatt verbreitet, der intellektuelle Nährboden für den Rechtsruck, den die Republik erlebt. Steingart nährt ein Klima der Verunsicherung und der Angst in Deiner Generation.

Broschüre (Foto: Aljoscha Brell)

Broschüre (Foto: Aljoscha Brell)

Lass mich Dir das Folgende nicht als Freund schreiben, sondern als einer, der an eine zeitgemäße Interpretation christlicher Werte glaubt: Ja, meine Generation will die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Ich hätte Susanne nicht geheiratet, wäre sie lediglich Hausfrau und Mutter. Ja, unsere Sprache hat sich verändert, das Deutsche ist durchsetzt mit englischen Begriffen. Aber das veränderte Deutsche reflektiert lediglich die Art und Weise, wie sich unsere Gesellschaften organisiert haben, mit offenen Grenzen und offenen Kulturen, mit Menschen, die von überall her zu uns kommen. Ja, es sind weit über eine Million Flüchtlinge zu uns gekommen. Ja, das stellt unsere Gesellschaft vor enorme Herausforderungen. Nicht jede werden wir ideal meistern. Aber so gewaltig die Herausforderungen auch sein mögen, eines ist gewiss: Meine Generation und die Generation meiner Kinder, wir werden sie bewältigen.

Die Neuen Rechten ernähren sich wie Parasiten von der Unsicherheit Deiner Generation: Von den Zweifeln derjenigen, die sich in der durch Digitalisierung und Globalisierung beschleunigten Welt nicht mehr zurechtfinden. Sie erzeugen ein Klima der Angst.

Ich bitte Dich, Dir die folgende Frage zu stellen: Will ich die letzten Jahre, die mir verbleiben, mit wachsender Angst im Herzen erleben? Will ich, der ich als junger Mensch ganz Europa bereist habe, der ich überall auf der Welt Freunde gefunden habe, in Kleinmut und Beklemmung verbringen? Oder kann ich darauf vertrauen, dass die Welt, die wir hinterlassen haben, bei denen, die uns nachfolgen, in guten Händen ist?

Diese Entscheidung musst Du für Dich treffen. Entscheidest Du Dich für die Angst, so bitte ich Dich, uns künftig damit in Ruhe zu lassen. Rechte Propaganda hat in meinem Haus keinen Platz. Entscheidest Du Dich dafür, uns zu vertrauen, dann ist mein Angebot, Dir jederzeit, so gut es mir möglich ist, die Beweggründe unseres Handelns zu erklären. Was es mit dem „Gender Mainstreaming“ wirklich auf sich hat, was daran vernünftig ist, was an einigen Ausdeutungen dieses Begriffs auch unvernünftig sein mag. Wenn Du möchtest, machen wir dazu einmal im Monat einen festen Termin, gehen Essen und reden.

In tiefem Respekt und großer Zuneigung:
Aljoscha


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