No Economy: Ein Buch nur für Internetpessimisten

Die Ökonomie-Professorin Gisela Schmalz hat ein Problem mit dem Internet: Frei zugängliche Inhalte, narzisstische Blogger, Wikipedia-Ideologen und Google - sie alle stehen angeblich für "Gratiswahn" und Verantwortungslosigkeit. In ihrem Buch "No Economy" fordert Schmalz endlich mehr Mikrozahlungen. Mehr als Argumente für das nächste Stammtischgespräch liefert sie damit nicht.


Läuft das Internet Gefahr, durch einen „Gratiswahn“ zerstört zu werden? Diese Frage erörtet Gisela Schmalz in ihrem Buch „No Economy„, das jetzt im Eichborn Verlag erschienen ist. Das Erstaunliche daran ist, dass hier nicht etwa eine verbitterte Journalistin schreibt, die das Internet arbeitslos gemacht hat, weil ihre Zeitung Personalkosten einsparen musste. Nein, die Autorin ist Professorin für Medienökonomie (FH Köln) und forscht zudem am Institut für Medien- und Kommunikationspolitik (Berlin).

Grundsätzlich setzt das Buch schon an einer Achillesferse an, der Tatsache nämlich, dass im Internet nahezu alles frei und kostenlos zirkuliert, was sich nur digitalisieren lässt. Dass dabei die Frage nach dem geistigen Eigentum bzw. dem Urheberrecht häufig genug auf der Strecke bleibt, ist aber nicht direkt Thema des Buches. Gisela Schmalz befasst sich vielmehr mit den ökonomischen Folgen einer solchen Gratiskultur.

Sie sieht für Anbieter im Internet nur ein Geschäftsmodell, nämlich die Onlinewerbung. Und weil Werbung im Internet nach Klickraten bzw. Traffic bemessen und vergütet wird, können auf Dauer nur sehr große Anbieter damit Erfolg haben. Ein Konzentrationsprozess mit Oligopol- bzw. Monopolbildung ist die Folge, während gleichzeitig die kostenlos abzugebenen Inhalte und Dienstleistungen an Qualität verlieren und schließlich „Einfalt statt Vielfalt“ vorherrschen wird.

Eine solche These kann man schon aufstellen. Die Frage ist nur, wie sie begründet wird. Bei Gisela Schmalz muss es der Jargon richten, der das gesamte Buch durchzieht. Ein paar Kostproben gefällig? „Blogger, die sich smart anstellen, können sich auf vielfältige Weise an ihrem Schreibdrang bereichern“ (Seite 123). Zur Stützung der Kernthese des Buches trägt der Exkurs über die Blogger zwar nichts bei, aber schaden kann er offenbar auch nicht. Den Autoren der Wikipedia geht es kaum besser: Sie müssen sich als „Wikipedia-Ideologen“ bezeichnen lassen (Seite 98) und dem gesamten Abschnitt ist ein deutliches Befremden darüber anzumerken, dass Menschen sich viel Zeit nehmen, „um mehr oder minder fundierte Wissenseinheiten ins Netz zu tippen und diese außerdem in mühsamer Kleinarbeit mit Links und Literaturangaben zu versehen, ohne dafür Honorare zu verlangen oder zu wünschen, namentlich als Autoren erwähnt zu werden“ (Seite 97 bis 98).

Um es deutlich zu sagen: Die Autorin hat offensichtlich ein Problem mit dem Medienwandel, den das Internet ausgelöst hat. Denn Blogs oder die Wikipedia sind kein Beleg für einen zerstörerischen „Gratiswahn“, sondern im Gegenteil Teil einer Strömung, die Wissen demokratisiert. Das kann nur gut sein. Freilich: Wo jeder etwas veröffentlichen oder an der Wikipedia mitschreiben kann, sinken Status und Bedeutung traditioneller Wissensträger. Die alten Eliten müssen sich leider umstellen, was ihre Urteile über die Veränderungen beeinflussen mag.

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No Economy: Der Jargon muss es richten.

Dem Buch hätte so gesehen ein neutralerer Blick auf die Dinge gut getan. Denn es bleibt nicht beim Abgesang auf das Internet stehen, sondern stellt der negativen Perspektive eine positive Vision gegenüber, die „Yes Economy„. Damit appelliert Gisela Schmalz an die Vernunft und Verantwortung aller Nutzer im Internet, eben nicht der Verführung der Gratismentalität zu erliegen, sondern Qualität auch zu honorieren. Mit der Honorierung guter Leistungen könnte dann auch das Modell der Mikromärkte im Sinne von Alvin Toffler Realität werden. Leider führt die Autorin diesen Aspekt erst am Ende des Buches ein und diskutiert ihn nicht mehr weiter aus.

Insgesamt hinterlässt ihr Buch deshalb einen sehr zwiespältigen Eindruck. So richtig und wichtig die Feststellung ist, dass wir im Internet zu viel Gratismentalität haben, so einseitig ist die Darstellung einer Gefahr der Dominanz großer Konzerne.

Zudem fehlt eine ausführlichere Betrachtung von Geschäftsmodellen, die gerade nicht auf die Gratisstrategie setzen und doch funktionieren. Unter den Zeitungen wäre dies etwa das Wall Street Journal, bei den Social Networks sind Xing und LinkedIn zu nennen. iTunes (Apple) oder die Pro-Accounts von Flickr sind weitere Beispiele.

Natürlich haben weite Teile der Unternehmen im Internet es sich lange sehr leicht gemacht und gedacht, sie könnten ihre Leistungen verschenken und allein von Werbung leben. Das stellt sich spätestens jetzt als Irrtum heraus. Die Auswege aus dieser Falle sind aber schon in Sicht: So zeigen Applikationen (erstmals von Facebook ermöglicht), die auf offenen Entwickler-Schnittstellen basieren, immer deutlicher, dass hier mit dem „Freemium-Modell“ ein Konzept besteht, mit dem kostenlose und entgeltliche Leistungen gut in Einklang gebracht werden können.

Gisela Schmalz geht darauf leider nicht ein. Vielleicht, weil sie sonst ihr eigenes Bild vom Internet und den Tenor des Buches hätte ändern müssen? Wie dem auch sei: Wer Konzepte oder Vorschläge zu den aktuellen Problemstellungen des Internets sucht, kann auf die Lektüre dieses Buches getrost verzichten.

Wer aber das Internet noch nie mochte, ist mit „No Economy“ gut bedient und kann sich freuen, dass nicht irgendwer, sondern eine Professorin für Medienökonomie die Argumente für das nächste Stammtischgespräch liefert…

Das Buch „NO ECONOMY: Wie der Gratiswahn das Internet zerstört“ von Gisela Schmalz ist beim Eichborn Verlag erschienen. Es kostet 16,95 € und kann hier bestellt werden. Zum Buch gibt es auch eine Website.