Angst: Warum wir unreif mit der Terrorgefahr umgehen

Die kollektive Angst vor dem Terror legitimiert eine Logik des „Mehr hilft mehr“ - mehr Befugnisse, mehr Geld, mehr Personal. 10 Versuche über diese Angst.

I.

Mit Köln ging es los. Es folgten Paris, Nizza. Dann München, Ansbach, Würzburg.

Gewalttaten, die unterschiedlicher kaum sein könnten in Ziel und Ausmaß. Und trotzdem reihen wir sie auf, in ein Narrativ von Übergriffen und Anschlägen. Das Ergebnis: Wo 2015 Zuversicht und Offenheit standen, stehen zunehmend Zweifel und Abschottung.

Entsprechend kennt das politische Berlin – im Vorwahlkampfmodus – aktuell vor allem ein Thema: Sicherheit. Gerade die großen Parteien wissen, dass sie hier als zumindest als angemessen aktiv wahrgenommen werden müssen, um mehrheitsfähig zu sein. Sie fordern deshalb vor allem eins: mehr. Mehr Geld, mehr Rechte, mehr Aufgaben für die Sicherheitsbehörden, von Polizei bis hin zu Nachrichtendiensten.

Wenn man bei Entscheidern nachfragt, warum das so ist, hört man vor allem ein Wort: Angst. Ihr will die Politik begegnen, wenn sie das Lied der Sicherheit singt. Schließlich ist der ängstliche Bürger tendenziell ein unzufriedener Bürger. Und wer unzufrieden ist, wählt, so die Annahme, eher keine der Regierungsparteien.

II.

Es geht also um Angst, wenn es um Sicherheit geht.

Aber haben die Leute wirklich so viel Angst?

Oder sind es die Demoskopen, die plötzlich alle nach der Verängstigung ihrer Interviewpartner fragen und sie so glauben lassen, sie müssten ja irgendwie angeben, ängstlich zu sein?

Ist es die Berichterstattung, die unzusammenhängende Ereignisse – ein rechtsradikaler AfD-Sympathisant in München, ein Islamist in Cannes, ein eifersüchtiger Syrer in Reutlingen – in ein Angst-Narrativ einordnet, das eigentlich keines sein dürfte?

Sind es Politiker, die Attentate (siehe Francois Hollandes Äußerungen zum Amoklauf in München) kurz nach Ende des Tötens in ein Narrativ einordnen, das uns so wohlvertraut klingt seit dem 11.9.2001?

Es ist das alte Henne-oder-Ei-Problem. Glauben die Politiker, das Volk habe Angst – um dann Maßnahmen zu ergreifen, die selbige erst schüren? Oder hat das Volk Angst und zwingt die Politiker so zum Handeln, und sei es noch so symbolisch?

III.

Nehmen wir einmal an, Demoskopen, Presse und Politik würden seit Monaten nicht über Angst, sondern vor allem über Mut und Gelassenheit sprechen:

Der Demoskop, der fragt: „Wie gelassen sind Sie? Sehr gelassen? Oder nur etwas gelassen?“

Die Presse, die schreibt: „Auch die Bürger von Ansbach zeigen sich gelassen. Auf den Schrecken ist ein neuer Tag gefolgt, der den Unzähligen davor mehr ähnelt als dem Tag des Anschlags.“

Der Politiker, der sagt: „Wir müssen die Gelassenheit der Menschen ernst nehmen und ihr politisch Taten folgen lassen.“

Was wäre dann?

IV.

Wer heute mit Politikern und Journalisten spricht, hört vor allem einen Satz: „Die Ängste ernst nehmen.“

2015 waren es „die Sorgen“ der Bürger, die ernst genommen werden sollten. Gemeint waren damit Versuche des Dialogs mit den vielen Hunderttausend Ausländerfeinden, die sich in Deutschland gerade da tummeln, wo es keine Ausländer hat.

Nun nehmen wir also die Ängste ernst, die ja auch eine Form von Sorge sind. Dahinter steckt die Grundannahme, dass ein Politiker oder Journalist „normale Menschen“ nicht ernst nimmt, wenn man ihre Ängste zumindest hinterfragt. Eine Annahme, die zumindest fragwürdig ist. Kann es nicht gerade Zeichen von Empathie und Verantwortung sein, wenn man die Ängste des Gegenüber gerade nicht verstärkt?

V.

Das, was derzeit medial-politisch stattfindet, befeuert die Angst: „Du nimmst Angst wahr? Da muss was dran sein! Nimm sie ernst und sei in andauernder Alarmbereitschaft. Und weil Du Angst hast, werden wir alles tun, um Dein Gefühl ernst zu nehmen und lauter Maßnahmen zu ergreifen, die Dich in Deiner Angst bestätigen werden.“

Die Psychologie führt drei Urreaktionen im Umgang mit Angst auf: Fight, flight, or freeze. Kämpfen, flüchten, oder sich totstellen.

Politische Runden zitieren das momentan gern. Dabei übersehen sie: Menschen können lernen, ihr Spektrum im Umgang mit der Angst zu erweitern. So haben wir als hochgradig intelligente Wesen das Potenzial, Gelassenheit zu lernen. Das können wir individuell, jeder einzelne von uns. Was auch heißt, dass uns kollektiv ein anderer Umgang mit Angst möglich wäre, als wir ihm momentan pflegen. Schließlich sind Gemeinschaften ebenso lernende Systeme wie Individuen.

VI.

Ein seit Jahrtausenden praktiziertes Beispiel für einen abgeklärteren Umgang mit Angst findet sich in der Achtsamkeitsmeditation. Emotionen sind hier – neben dem Körper, dem Geist und den Geistesobjekten – eines der vier Phänomene, die der Meditierende als Ablenkung vom tatsächlich Bestehenden begreift.

In der konkreten Praxis heißt das: Der Meditierende nimmt seine Angst als Emotion wahr, benennt sie – und lässt sie ziehen. Wenn die Angst wieder auftaucht, benennt der Meditierende sie wieder als solche – und lässt sie ziehen.

Wichtig dabei ist: Die Angst bleibt stehen als das, was sie ist. Sie ist ein informatives Gefühl. Mehr erst mal nicht. Wenn sie uns aufmerksam macht auf eine akute Gefahr, handeln wir. Wenn sie sich auf Dinge bezieht, die keine unmittelbare Aktion nach sich ziehen müssen – handeln wir nicht. Sondern lenken unsere Aufmerksamkeit wieder auf das, was tatsächlich ist.

Und was ist das, was ist? Für 99,9% der Deutschen ist es der normale Alltag. Keine konkrete Bedrohung. Keine unmittelbare Gefahr. Die Angst, die wir spüren, bezieht sich auf etwas, das nicht ist.

VII.

Die kollektive Fähigkeit, einen Schritt zurückzutreten und aus der Gelassenheit heraus auf unsere Angst zu blicken, täte uns gut. Menschlich – denn Angst ist anstrengend. Aber auch gesellschaftlich. Denn wir wissen, dass die Qualität der Antwort gerade auf komplexe Herausforderungen dann besser wird, wenn wir es schaffen, einen Schritt zurückzutreten. Zu betrachten. Und dann zu entscheiden.

Politik und Presse machen seit Januar 2016 das genaue Gegenteil. Sie treten näher an die Angst heran, zoomen so lange drauf, bis sie mächtig groß aussieht. Sie besprechen das Diffuse so lange in konkreten Worten, bis es echt wird.

Für die Presse mag das noch legitim sein. Aber für Politik? Sollte sie nicht einen Führungsanspruch haben? Den Anspruch, eben nicht mit loszuheulen, sondern genauer hinzuschauen und dann kluge Antworten vorzuschlagen, sie zu diskutieren und im Zweifel einen Kompromiss zu entscheiden? Haben wir nicht gerade hierfür Repräsentanten gewählt und mit Ressourcen ausgestattet? Repräsentanten, die sich – wenn es Sinn macht – in Gedanke und Tat vom Reaktionsmuster des Volks unterscheiden, anstatt es nachzuäffen?

VIII.

In einer hochrangigen Hintergrundrunde von Menschen aus Politik, Think Tanks und Universität wurde vor kurzem über Sicherheit und Angst gesprochen. Die breite Mehrheit der Teilnehmer war der Meinung, man müsse öffentliche Angst unbedingt ernst nehmen, und sei sie noch so irrational. Wer Angst ignoriere oder rationalisiere, der stürze sich politisch ins Messer.

Wer so denkt, geht einem küchenpsychologischen Irrtum auf den Leim: Nur wer die angebliche Angst des Gegenüber ernst nimmt, beweist sich als empathischer Kümmerer.

Hält das Stand?

Nehmen Sie an, Sie hätten ein Kind. Das Kind hat gehört, dass der Freund eines Freundes eines Kita-Freundes an einer extrem seltenen Krankheit gestorben ist. Das Kind hat nach dem Todesfall miterlebt, wie bestürzt Eltern, Freunde, Familie waren. In der Kita hingen Fotos aus, in denen Menschen das Beileid für die Angehörigen aussprechen und den Wunsch, die Krankheit möge ausgerottet werden.

Seitdem ist das Kind davon besessen: es wird unter Umständen diese Krankheit bekommen und sterben. Es lebt mit der Angst vor dem extrem Unwahrscheinlichen.

Was tun Sie als Vater oder Mutter?

Sagen Sie: „Wir nehmen Deine Angst sehr ernst und tun alles, damit Du nicht krank wirst.“ Sie fahren die hygienischen Maßnahmen in der Kita in die Höhe, sie stellen medizinisches Personal bereit, das immer wieder alle Menschen, die in der Kita ein- und ausgehen, auf Viren checkt. Sie verbringen viel Zeit damit, über die Krankheit und die Bedrohung, die von ihr ausgeht, zu sprechen.

Oder sagen Sie: „Das war eine extrem seltene Krankheit. Du musst keine Angst davor haben. Und wir kümmern uns, dass es Dir weiter gut geht.“ Natürlich informieren Sie sich ausführlich über die Krankheit, checken das tatsächliche Risiko und stellen sicher, dass vorbeugend alles gegen die mögliche Erkrankung Ihres Kindes getan wird. Aber Sie erzählen ihm davon nichts.

Ich nehme an, Sie würden die zweite Variante wählen.

Übertragen Sie das Beispiel auf den politischen Raum. Sagen unsere Politiker uns: „Es ist sehr, sehr unwahrscheinlich, dass Sie oder Ihre Familie durch einen Anschlag zu Schaden kommen. Und wir tun unser Bestes, dass das so bleibt.“ – und kümmern sich darum, dass alles, alles Sinnvolle getan wird, um Anschläge zu vermeiden?

Oder leben wir eher im ersten Szenario? Wo um uns herum andauernd über einen sehr unwahrscheinlichen Worst Case gesprochen wird, der uns glauben lässt, wir seien persönlich bedroht?

Momentan passiert in Deutschland wohl letzteres.

IX.

Nun ist klar: Der Staat ist kein Papa, und die Bürger sind keine Kinder. Im politischen Raum gibt es die Pflicht, bestehende Handlungsoptionen öffentlich zu diskutieren und dann zur Entscheidung zu bringen. Und es gibt die Kraft der Einzelereignisse, die manchmal die Notwendigkeit für Symbolpolitik mit sich bringen.

Und trotzdem können wir unsere kollektive Angst sinnvoller handhaben, als es gerade geschieht. Momentan dreht sich die Spirale der Angst immer weiter nach oben, weil auf jeden erneuten Vorfall, der Terror auch nur im Entferntesten ähnelt, die Logik des „Mehr hilft mehr“ zu Tragen kommt: „Weil wir es bislang nicht geschafft haben, mit den zur Verfügung stehenden Maßnahmen das zu verhindern, was passiert ist, brauchen wir jetzt mehr Befugnisse, mehr Geld, mehr Personal.“

Es ist die Logik des sterbenden Fordismus: Komplizierten Situationen wird mit mehr Ressourcen begegnet. Das geschieht in der Annahme, dass komplizierte Probleme mit korrespondierend mehr Aufwand gelöst werden können.

Der globale Terrorismus ist jedoch eine komplexe Herausforderung. Mit graduellen Steigerungen der Ressourcen für die Sicherheitsbehörden ist nicht geholfen. Wir können exponentielle Komplexitätszunahmen eben nicht mit derselben Logik begegnen, mit der wir komplizierte Probleme lösen. Die Verbindung von Ursache und Wirkung ist hier aufgehoben.

Um es anders zu sagen: Mehr Polizisten führen nicht automatisch zu mehr Sicherheit. Neue Befugnisse für die Bundeswehr auch nicht. Auch mehr Geld für die Nachrichtendienste wird nicht automatisch eine verbesserte Sicherheitslage mit sich bringen. Das mechanistische Prinzip des „Wenn-Dann“, das im öffentlichen Diskurs noch seine Funktion erfüllt, ist in der Praxis Schall und Rauch.

Die Entscheidungsträger wissen das natürlich. Sie sind ratlos – niemand hat ein Rezept gegen den Terrorismus. Weil es die goldene Lösung nicht gibt. Deshalb kamen nach dem Anschlag in München auch keine genialen neuen Ideen auf den Tisch. Sondern Forderungen aus der sicherheitspolitischen Mottenkiste: Mehr Geld für kleine Beamte hier, die Bundeswehr im Inneren da. Gegen den Terror bringt das beides nichts, aber man hofft, die Leute würden das Gegenteil glauben.

Das ist paradox. Dieselben Akteure, die Ängste ernst nehmen wollen, verkaufen Bürger für dumm. Indem sie so tun, als könnten sie über das bereits Bestehende hinaus etwas tun gegen eine Bedrohungslage, die letztlich unbeherrschbar ist.

X.

Angst ist laut der Psychologin Verena Kast „die emotionale Reaktion auf die Antizipation bedeutsamer persönlicher Verluste oder Misserfolge“. Angst als Emotion bezieht sich also auf das Nicht-Bestehende. Wenn das Gefürchtete eintritt, gehen wir mit dieser konkreten Situation um – wir haben nichts mehr zu fürchten, selbst wenn das Schrecklichste eintritt. Das, was ist, ist frei von Angst.

Die Philosophie trennt zwischen Angst und Furcht. Die Furcht ist auf das Objekt gerichtet, das Konkrete, das Furcht bereitet. Angst hingegen meint die Angst vor dem Nichts.

Vielleicht wird so ein Schuh draus. Manche Bürger haben Furcht vor Anschlägen, und seien sie im statistischen Abgleich noch so unwahrscheinlich. Die Politiker hingegen haben Angst – Angst vor dem Verlust ihrer Macht, Angst vor dem Nichts, das nach dem Absturz in die Bedeutungslosigkeit führt.

Dieser Text baut auf einer Keynote im Salon Polarkreis im Oktober 2015 auf. Der Autor ist Policy Fellow im Progressiven Zentrum.

 


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