Ein Sammelsurium von Ungereimtheiten

| 28.09.2016 | 13 Kommentare

Jürgen Todenhöfer interviewt in Syrien einen Rebellenführer. Das Gespräch ist Wind in den Segeln des Assad-Regimes. Doch einiges spricht dafür, dass es sich bei dem vermeintlichen Scoop um einen Fake handelt. Welcher Art auch immer.

„Das ist ein Fehler. Wir sollten hier nicht runter fahren. Wir sitzen dann in der Falle. Sie haben uns“. Jürgen Todenhöfers neues Video — direkt aus Syrien — beginnt dramatisch und verheißungsvoll zugleich. Mit seinem Begleiter steuert der ehemalige Bundestagsabgeordnete der CDU direkt ins „Niemandsland“. Vermeintliche Kämpfer Jabhat al-Nusras (JAN), des syrischen Al-Qaeda Ablegers, der sich unlängst in Jabhat Fatah al-Sham umbenannt hat, geleiten ihn zu seinem Interviewpartner: Einem vermummten Jihadisten, unter dessen Kommando einige hundert Kämpfer stehen sollen. Todenhöfer sagt, der Kommandeur habe sich als „Abu Al Ezz“ vorgestellt.

Abu Al Ezz spricht offen über Verbindungen JANs zu den Regierungen der USA und Israels. Beide stünden auf ihrer Seite, Vertreter der Länder hätten sie mit Aufklärung und Waffen versorgt. TOW-Panzerabwehrwaffen seien von den USA direkt an die Jihadisten geliefert worden. Aber die Unterstützung genüge nicht, deshalb werde man sie zukünftig ins Visier nehmen. So geht es noch einige Zeit weiter: Abu Al Ezz spricht über das vom Ausland gesteuerte Hohe Verhandlungskomitee und erklärt, die gesamte bewaffnete Opposition stehe auf Seiten der Jihadisten.

Ist Todenhöfer der Blick hinter die PR-Fassaden gelungen? Er scheint die Doppelmoral des Westens offen gelegt zu haben und bestätigt was viele schon immer wussten: Syriens bewaffnete Opposition besteht aus Jihadisten und plant den großen Coup gegen den Westen. Das Interview hat bereits mehr als 650.000 Klicks — eine beachtliche Reichweite.

Doch es gibt Ungereimtheiten. So viele Ungereimtheiten, dass ich behaupte: Wer auch immer da mit Todenhöfer spricht, er ist kein Mitglied Jabhat al-Nusras.

  • Die Kämpfer, die Todenhöfer zu Beginn des Videos zu Abu Al Ezz geleiten, tragen nicht nur Uniformen der syrischen Armee, sondern sind glatt rasiert.
  • Abu Al Ezz trägt einen goldenen Ring am Finger. Jihadisten würden niemals goldenen Schmuck tragen: Ihre strenge Auslegung der ScharÄʿa verbietet es ihnen.
  • Abu Al Ezz’ Rhetorik ist mehr als unüblich. Es fehlen die obligatorischen Floskeln und Redewendungen.
  • Geotracker haben das Video analysiert und den Ort des Interviews glaubhaft lokalisiert: Gelegen im Süden von Aleppo und unter Kontrolle des Regimes von Präsident Bashar al-Assad.

Und vor allem: Ein Nusra-Kommandeur mittlerer Ebene würde sich nicht derartig äußern. Schon gar nicht vor einer Kamera. Was auch immer im Verborgenen passieren mag — da halte ich im Wesentlichen alles für möglich — ein Kommandeur der gut organisierten Nusra-Front widerspräche nicht öffentlich dermaßen dem Narrativ seiner Bewegung. Die Jihadisten leben von der Eigeninszenierung als Verteidiger sunnitischer Interessen in Syrien und unterstreichen immer wieder, den Kampf aus eigener Kraft, und ganz bestimmt ohne Hilfe der USA und Israels, zu führen.

Alex Rowell hat bereits vor einem Jahr über Todenhöfers exzellente Beziehungen zum Assad-Regime berichtet. In Auszügen aus geleakten E-Mails lobt Todenhöfer Assad und beschreibt ihn als den einzigen Führer, der Syrien eine moderne, stabile und demokratische Zukunft bieten kann. Und ja: Todenhöfers Interview mit Abu Al Ezz ist Wind in den Segeln des Assad-Regimes. Die Opposition sei durchweg jihadistisch, nicht verhandlungsbereit, von ausländischen Mächten unterwandert und eine Gefahr für den Westen. Ob Todenhöfer das Interview mit Absicht inszeniert hat, sei dahingestellt. Ein Urteil darüber wäre anmaßend. Gut möglich, dass er Geheimdienstlern des Regimes auf den Leim gegangen ist oder auch Rebellen, welche Jabhat al-Nusra diskreditieren wollen. Todenhöfer wird mit all den Ungereimtheiten konfrontiert werden und man kann gespannt sein, welche Erklärungen er anbieten kann.

 


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