Kapitalismuskritik und ökonomische Inkompetenz

Dicke Freunde und erbitterte Gegner des Kapitalismus haben einen gemeinsamen blinden Fleck. Beide tun sich schwer, im Kapitalismus etwas anderes als „die Wirtschaft“ und in der Wirtschaft etwas anderes als Kapitalismus zu sehen. Teil 6 der Serie über „Freiheit und Ausbeutung“.

Verstehen Kapitalismus-Kritiker so viel von Wirtschaft, dass ihnen die Leitung eines Unternehmens, vielleicht sogar die Regierung eines Landes anvertraut werden kann? Öffentliche Verdächtigungen ökonomischer Inkompetenz reichen bis hinein in die Sozialdemokratie, der nicht wenige bekannte Unternehmensvorstände, viele europäische Regierungschefs, auch amtierende Wirtschaftsminister angehören. Gewerkschaften, das Desaster der Gemeinwirtschaft ist schon fast unvergessen, sozialistische und kommunistische Parteien, der Zusammenbruch des realen Sozialismus bleibt im kollektiven Gedächtnis, haben im öffentlichen Urteil in Wirtschaft eine Fünf minus: mangelhaft mit Tendenz zu ungenügend. Drückt sich darin mehr aus, als die Meinungsmache gewöhnlich gut propagierender Wirtschaftskreise und wirtschaftsfreundlicher Medienredaktionen? Es kommt darauf an, was man unter Wirtschaft versteht und wie man Wirtschaft und Kapitalismus unterscheidet, genauer: ob man überhaupt einen Unterschied erkennt.

In diesem Punkt scheinen dicke Freunde und erbitterte Gegner des Kapitalismus einen gemeinsamen blinden Fleck zu haben. Beide tun sich schwer, im Kapitalismus etwas anderes als „die Wirtschaft“ und in der Wirtschaft etwas anderes als Kapitalismus zu sehen. Das hat zwar einen tiefen Grund und verwundert auf den ersten Blick trotzdem sehr. Erwiesenermaßen ist Kapitalismus historisch ein vergleichsweise junges Phänomen; zugleich ist es keineswegs so, dass die Erde seit dem 18. Jahrhundert flächendeckend vom Kapitalismus geprägt wäre. Zweifellos haben wir es mit einer expansiven Weise des Wirtschaftens zu tun, Globalisierung steckte schon in den kapitalistischen Kinderschuhen. Trotzdem hat er es noch nicht einmal in hochindustrialisierten und digitalisierten Ökonomien geschafft, keine andere Wirtschaft neben sich zu haben.

Was ist der Fall, was steckt dahinter? Ein antiker „Oikosdespot“ (Jürgen Habermas) oder ein feudaler Grundherr wären nie auf die Idee gekommen, die Arbeit(er), über die sie herrschten, und ihr Verhältnis zur Natur allein an wirtschaftlichen Kriterien auszurichten. Der Zweck, das Warum der Arbeit, war der Konsum. Was die Menschen für ihre Subsistenz haben mussten und was herrschende Familien darüber hinaus für ihren Gebrauch haben wollten, wurde in Form von Gütern und Diensten erarbeitet. Wie gearbeitet wurde, dafür hat in Handwerk, Haus- und Landwirtschaft auch Effizienz, das Verhältnis von Aufwand und Ergebnis, eine Rolle gespielt. Aber in erster Linie waren religiöse, familiäre, militärische Rücksichten zu nehmen. Die Arbeitsweise war sachlich und zeitlich in das soziale Leben eingebettet. Das hat sich seit dem 15. Jahrhundert in Europa nach und nach verändert.

Rationalisierte und technisierte Arbeit

Wenn sich die Sozialwissenschaften in irgendeiner Frage halbwegs einig sind, dann in dieser: Moderne Gesellschaften kennzeichnet funktionale Differenzierung. Wo sie herkommt, wie sie klappt, wo sie hinführt – alle Antworten darauf sind umstritten. Aber klar ist, dass sich Wirtschaft und Politik, Recht und Öffentlichkeit, Wissenschaft und Kunst etc. ausdifferenziert haben und ein gewisses Eigenleben führen – die schönen großen Worte dafür sind Autonomie und Freiheit.

Für die freie Wirtschaft bedeutet das, sie kann ihrem Prinzip, der wirtschaftlichen Effizienz, folgen und das Verhältnis von Aufwand und Ergebnis in das Zentrum ihrer Entscheidungen stellen. Es wird in der Moderne möglich, Arbeit nach wirtschaftlichen Effizienzkriterien verrichten zu lassen, sie zu rationalisieren und zu technisieren. Das hat einen Rattenschwanz gesellschaftlicher Folgen, sehr positiver wie hoch problematischer, die im Moment aber nicht unser Thema sind. Der interessierende Punkt ist, dass sich im Verlauf von mehr als 200 Jahren ein geldbasiertes Wirtschafts- und Finanzsystem entwickelt haben, in welchen es eine – nein, die einzige vernünftige Erwartung – ist, mit möglichst wenig Kosten möglichst viel Einnahmen zu erzielen.

Das Wirtschaftlichkeitsprinzip tritt uns monetarisiert entgegen, also der Aufwand als Kosten, das Ergebnis als Einnahmen und die Differenz zwischen beiden als Gewinn oder Verlust. Wirtschaftliche Kompetenz beweist sich am überzeugendsten daran, dass die Kosten niedrig, die Einnahmen hoch, die Gewinne somit beträchtlich ausfallen. Davon betroffen ist als erstes die Arbeit, die der Wirtschaftlichkeit unterworfen wird. Das Wie des Arbeitens, in seiner modernen Frühform bekannt als Taylorismus, und das Warum des Arbeitens verändern sich. Nicht für die Arbeitskräfte, Ziel ihrer Arbeitsleistung bleibt, Zugang zu Gütern und Diensten zu erhalten, die sie brauchen. Aber für Wirtschaftsakteure, für sie wird Arbeit zu einem Mittel zu wirtschaften; d. h. Arbeitskraft so einzusetzen oder auch durch Technik zu ersetzen, dass Wirtschaftlichkeit gewährleistet ist.

Das ökonomische Prinzip der Effizienz

Das wissenschaftliche Prinzip der Erkenntnis, das sportliche Prinzip des Sieges, das medizinische Prinzip der Gesundheit, sie können sich in modernen Gesellschaften in ähnlicher Weise entfalten wie das ökonomische Prinzip der Effizienz. Das Wirtschaftssystem ist jedoch das einzige gesellschaftliche Leistungsfeld, dessen Eigensinn einen eigenen Namen bekommen hat: Kapitalismus. Die Wissenschaft heißt weiter Wissenschaft, die Medizin heißt weiter Medizin, obwohl es einen riesigen Unterschied macht, ob Wissenschaft religiösen und herrschaftlichen Vorgaben gehorcht oder ob sie sich frei, fixiert auf das Streben nach Erkenntnis entfaltet. Kapitalismus ist nicht anderes als das Streben, das ökonomische Prinzip konsequent zu verwirklichen.

Für die Kritik am Kapitalismus ist es typisch, dass sie problematische Auswirkungen eines Wirtschaftens thematisiert, das mit möglichst wenig Rücksicht auf Arbeitskräfte, natürliche Ressourcen und soziale Nebenfolgen auf Kostenersparnis und Einnahmesteigerung ausgerichtet ist. Jedes Plädoyer für politische, rechtliche, familiäre, gesundheitliche, ökologische Rücksichten, die das Effizienzprinzip in seiner Umsetzung beschränken, erscheint aus rein ökonomischer, also kapitalistischer Perspektive, als wirtschaftlich inkompetent. Der Vorwurf, ihnen mangele es an wirtschaftlicher Kompetenz wird gegen alle erhoben, denen an Wirtschafts- und Arbeitsprozessen etwas anderes wichtiger ist, als die Kosten zu senken und die Einnahmen zu erhöhen.

Von kritischen Positionen aus wird immer wieder der Versuch gemacht, kapitalistischen Unternehmen zu sagen, sie seien auf Dauer erfolgreicher, wenn sie in bestimmten Situationen vom ökonomischen Prinzip abweichen. Kann sein, kann nicht sein. Wirklich überzeugend ist eine Argumentation nicht, welche die Dominanz des ökonomischen Prinzips nicht in Frage stellt, sondern seine temporäre Einschränkung fordert, um es anschließend noch besser zu realisieren.

Stattdessen wäre darüber zu streiten, ob das ökonomische Prinzip der Effizienz tatsächlich zeitlose Vernunft repräsentiert. Um auf die Idee zu kommen, eine Arbeitsleistung wirtschaftlich auszurichten, bedarf es einer bestimmten Erfahrung: Ohne das Erlebnis von Knappheit macht Wirtschaftlichkeit keinen Sinn. Wo Milch und Honig fließen, braucht über das Verhältnis von Aufwand und Nutzen nicht nachgedacht zu werden. Jeremy Rifkin (Die Null-Grenz-Kosten Gesellschaft) und Paul Mason (Postkapitalismus) haben von unterschiedlichen Ausgangspositionen aus den Kapitalismus betreffend starke Zweifel, „dass er sich über den Beginn der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts hinaus noch als dominantes ökonomisches Paradigma hält“ (Rifkin).

Rifkin spricht von den „kollaborativen Commons“, Mason von „neuen Formen des Gemeineigentums“, die den Garanten der Knappheit bei faktischem Überfluss, das Privateigentum, ergänzen, nicht abschaffen werden. Das ist ihr fast gleichlautender Befund:

Die Entwicklung der Informationstechnologie ist die treibende Kraft: Sie ist mit der heutigen Form des Kapitalismus nicht vereinbar. Wissen ist keine verkäufliche Ware mehr, Information ist für alle zugänglich, das zerstört Märkte und Eigentum, neue Formen des Gemeineigentums entstehen. Die Technologie bringt den vernetzten, hoch informierten Menschen hervor und eine Ökonomie der kostenlosen Dinge. (Paul Mason)

Das alte linke Lied, dass Ökonomie nicht kapitalistisch zu sein braucht, bekommt eine neue Strophe: sie wird es bei ausgereifter Digitalisierung gar nicht mehr können.

 

Folgt Teil 7: Wirtschaft ist nicht alles, Dummkopf

Der Text ist auch auf Oxi erschienen.

 


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