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Politik, Ökonomie, digitale Öffentlichkeit

Montag | 23.01.2017

Wirtschaft ist nicht alles, Dummkopf

Zwischen nicht-wirtschaftlich und nur-wirtschaftlich, also kapitalistisch, tut sich eine ganze Welt auf. Was bedeutet Ökonomisierung und was macht sie aus dem sozialen Leben? Demokratien können darüber entscheiden, wie weit sie den Prozess der Ökonomisierung mitgehen. Teil 7 und Schluss der Serie über „Freiheit und Ausbeutung“.

„Ökonomisierung“ ist ein gebräuchliches Wort, das in vielen Ohren einen negativen Beiklang hat. Derselbe Sachverhalt positiv ausgedrückt, heißt „mehr Wirtschaftlichkeit“. Wer betonen will, dass sich sowieso alles nur um Wirtschaft dreht, sagt „it’s the economy stupid“. Um welchen Sachverhalt geht es? Eine Ärztin heilt Kranke, eine Lehrerin unterrichtet Kinder, ein Landwirt sät und erntet. Was passiert, wenn Medizin, Bildung, Landwirtschaft ökonomisiert werden?

Praktische Details sind bekannt. Einverleibt in die Wirtschaft, deren Vorstellungen von Effizienz unterworfen, muss sich die Ärztin eine Software anschaffen, um die Abrechnung ihrer Leistungen nach einem Punktsystem zu organisieren. Je mehr Punkte sie abrechnet, umso kleiner wird der Wert des einzelnen Punktes. Am Ende eines Quartals muss sie abwägen zwischen einer Leistung, die eigentlich zu erbringen wäre, weil der Mensch, der ihr gegenüber sitzt, tatsächlich krank ist, und dem Wissen, dass die für die Leistung abzurechnenden Punkte ihr gar nichts mehr bringen werden, weil sie schon viel zu viel Punkte „verbraucht“ hat. Sie braucht ein großes Herz oder die Fähigkeit, kreativ mit allem umzugehen. Oder sie entscheidet als Rechenmaschine.

Die Lehrerin unterrichtet aufgrund klammer Kassen des Bundeslandes, in dem sie arbeitet, und der allgemeinen Bildungsmisere nicht ausreichend Wochenstunden, um damit eine Familie zu ernähren, und stockt ein bisschen mit Hartz IV auf. Der Landwirt überlegt, ob es ihm mehr Geld bringen wird, ein paar Flächen stillzulegen und dafür Geld zu bekommen, oder Pflanzen für Biogasanlagen anzubauen.

Bevor wir eine systematische Antwort versuchen, was es mit Ökonomisierung auf sich hat, geben wir zu bedenken: Durch eine kapitalismuskritische Brille erscheint Ökonomisierung als ein ganz besonderer, sehr auffälliger Vorgang. Durch diese Brille bleibt ausgeblendet, dass es sich um einen absolut typischen Prozess handelt, der seit rund 200 Jahren nicht nur die Wirtschaft, sondern im Grunde alle sozialen Leistungsfelder betrifft. Sie dehnen sich aus.

Pluralismus unter dem Primat der Ökonomie

Wir sprechen – nicht so oft und nicht so (ab)wertend wie von Ökonomisierung – zum Beispiel auch von Verrechtlichung, Verwissenschaftlichung, Politisierung, Medialisierung. Journalisten, Politiker, Wissenschaftler, Ärzte, Erzieher, Künstler, jeder will sich überall einmischen, zu allem seinen Senf dazu geben. Soziologen nennen es die Tendenz zur Universalisierung, die jedem gesellschaftlichen Teilbereich anhaftet. Es entsteht eine Paradoxie, die absolut bezeichnend ist für unsere Alltagskonflikte: Niemand will sich in seine Sache hineinreden lassen, aber jeder will alle anderen beeinflussen, weil seine Expertise für das allgemeine Wohlergehen natürlich die wichtigste ist: Für Mediziner tragen in erster Linie Gesundheitsbewusste, für Medienleute gut Informierte, für Lehrkräfte Gebildete, für Juristen Rechtskundige, für Sportler Sportliche, für Künstler künstlerisch Kreative, für Politiker politisch Engagierte zum Besseren bei. Für Ökonomen, nicht zu vergessen, wirtschaftlich Erfolgreiche! Wer wirtschaftlich erfolgreich ist, geht von einem naturgegebenen ökonomischen Sachverstand aus. Und wird in den Talkshows und Handelsblättern auch so behandelt. Das ist genauso gewagt, als trauten wir jedem Mann zu, der größer ist als 2,10 Meter, mit Alba Berlin die nächste deutsche Basketballmeisterschaft zu gewinnen. Sei’s drum.

Der springende Punkt dreht sich darum, dass die Religion ihre exklusive Deutungsmacht verloren hat; es ist ein modernes Phänomen, dass nichts nur in einem Licht wahrgenommen, sondern zugleich in einem rechtlichen, wissenschaftlichen, öffentlichen, politischen, ökonomischen, gesundheitlichen etc. Sinn betrachtet und beurteilt werden kann. Einen Weihnachtsbaum zu kaufen, kann als ein wirtschaftlicher, rechtlicher, religiöser, familiärer, antiökologischer Akt gesehen werden; wenn die Nordmanntanne auf der Schulter schwungvoll nachhause getragen wird, sogar als ein sportlicher. In diesem prinzipiellen Pluralismus, auch das ist bezeichnend für unsere Gesellschaft, hat die Ökonomie eine Führungsrolle erobert, sie hat sich zur größten Krake ausgewachsen.

Um den Begriff der Ökonomisierung auszuleuchten, empfiehlt es sich, diese Mehrdeutigkeiten, solche Überlagerungen im Auge zu behalten. Weil Zahlungsfähigkeit für jede Person und für jede Organisation ein relevanter Gesichtspunkt ihres Tuns und Lassens ist, kann man davon ausgehen, dass Wirtschaftlichkeit in Jedermanns Entscheidungen irgendwann irgendwie eine Rolle spielt. Wie schlägt sich das nieder, wie drückt sich das aus?

Entscheidungen werden in unserer Gesellschaft vor allem in und von Organisationen getroffen, in Unternehmen, Parteien, Verwaltungen, Verbänden, Vereinen, Stiftungen.

Was hier nicht entschieden werden kann, wird nirgendwo entschieden. Und was hier nicht ausprobiert werden kann, hat dann nur noch die Möglichkeit, im folgenlosen Gespräch als bloße Möglichkeit beschworen zu werden. (Dirk Baecker)

Konzentrieren wir uns deshalb auf Organisationen. Was unterscheidet nicht wirtschaftliche und nur wirtschaftliche Organisationsentscheidungen und was liegt zwischen diesen?

Wirtschaftlichkeit, hatten wir im Teil sechs festgehalten, fragt nach dem Verhältnis von Kosten und Einnahmen, ihr Prinzip heißt Effizienz. Eine Organisation mit null Kostenbewusstsein ist kaum noch vorstellbar, zu viele soziale Beziehungen laufen inzwischen über Geld. Trotzdem, versuchen wir es.

In vier Hinsichten können Ausgabe- und Einnahmeaspekte für Organisationen eine Rolle spielen. Erstens im Verhältnis zwischen der Organisation und ihren Mitgliedern. Zweitens hinsichtlich des Aufwandes für die Tätigkeiten der Organisation. Drittens für die Beziehung zwischen der Organisation und ihrem Publikum. Die vierte Beziehung kommt erst später ins Spiel. Wir können die Komplexität der Variationen, die im richtigen Leben auftreten, hier nicht nachzeichnen. Es geht uns nur darum, den Begriff der Ökonomisierung zu entschlüsseln.

Stellen wir uns den Verein für Pilzfreunde vor

Eine gänzlich nicht-ökonomische Organisation, für die weder Ausgaben noch Einnahmen ein Thema sind, bezahlt ihre Mitglieder nicht und die Mitglieder zahlen keine Mitgliedsbeiträge; für die Aktivitäten der Organisation entstehen keine Kosten; und das Publikum bekommt die Leistungen der Organisation umsonst. Stellen wir uns den VfP, den Verein für Pilzfreunde vor. Seine Mitglieder tauschen ihr Wissen aus, gehen im herbstlichen Wald Pilze sammeln (achten dabei auf deren Bestandserhaltung), kochen gemeinsam, bringen alle Zutaten dafür selbst mit und laden ihre Kieznachbarn zum Essen ein. Es geht um Pilze, soziale Kontakte und sonst nichts. Für die Entscheidungen, die der Verein für Pilzfreunde trifft, sind das Wetter, die Terminkalender der Mitglieder und vor allem naturkundliches Wissen relevant, Ökonomie kommt nicht vor.

Von Stufe C nicht-wirtschaftlich zu Stufe B kaum-wirtschaftlich. Schauen wir auf die Bürgerinitiative „Radwege für Rüsselsheim“. Ihre Mitglieder zahlen einen Beitrag und Sympathisanten spenden. Aus Beiträgen und Spenden bezahlt die Initiative ihre Aktivitäten. Sie achtet auf kostengünstige Einkäufe für ihre Infomaterialien, im Zentrum steht ihr Engagement. Ihre Entscheidungen drehen sich um die Möglichkeiten, politischen Druck für die Förderung von Radwegen zu erzeugen, ihr Publikum ruft sie zum Mitmachen auf, Geld ist für die Tätigkeit der Initiative selbst ein Randthema.

Folgt Stufe A auch-wirtschaftlich. Nehmen wir das staatlich finanzierte Institut für Theorie und Praxis der Kommunikation, das seine Mitglieder, die Miete für seine Räume zu bezahlen und Kosten für seine technische Ausrüstung hat. Sein Jahresetat setzt ihm Grenzen, welche die Institutsleitung im Blick halten muss. Dieses Institut wirtschaftet mit seinen Finanzmitteln: Es interessiert sich für das Verhältnis von Gehalt und Leistung seiner Mitglieder, für niedrige Mieten, aber schöne Räumlichkeiten und das Preis-Leistungs-Verhältnis bei den Sachkosten. Seinem Publikum, den Studierenden, bietet es seine Leistungen kostenlos an.

Seine Forschungsthemen wählt es aus wissenschaftlicher, nicht aus ökonomischer Perspektive. Forschung und Lehre stehen im Mittelpunkt der Institutsentscheidungen, diese Entscheidungen denken den vorgegebenen finanziellen Rahmen mit; Schulden dürfen nicht gemacht werden. Hier kommt jetzt die vierte ökonomische Beziehung ins Spiel, das Verhältnis zwischen der Organisation und ihren Geldgebern. Der Staat erhöht seine Zahlungen nicht, aber er erwartet auch nicht, dass Geld zurückfließt.

Auf der Stufe AA wird vorrangig-wirtschaftlich entschieden. Das Verhältnis zwischen Ausgaben und Einnahmen soll mindestens ausgeglichen sein, wobei die Organisation ihre Einnahmen selbst erwirtschaften muss. Gewinne sind willkommen, weil Investitionsbedarf immer wieder anfällt. Auf dieser Stufe vollzieht sich der Wandel zur Wirtschaftsorganisation. Ob ein Sportverein seinen Mitgliedern Turngeräte zur Verfügung stellt oder ob ein Fitnessstudio seinen Kunden Nutzungszeiten für Räume und Geräte verkauft, sind zwei sehr verschiedene Dinge. Der Wechsel des Zwecks, beim Verein Turnen, beim Studio Einnahmen (mittels Turnen), hat vielfältige Auswirkungen.

Da gibt es das Autohaus Müller, das seine Einnahmen aus der Reparatur und dem Verkauf von Pkw erzielt. Als Geldgeber hat es neben seinen Kunden die Volksbank, bei der es seine Kredite bedienen muss. Für das Autohaus Müller gibt es keine Entscheidung, bei der die Möglichkeit der Kostensenkung beziehungsweise der Einnahmenerhöhung nicht mitgedacht wird.

Weihnachtsgänse und Wildgänse

Aber die Möglichkeiten, andere Kriterien mit zu berücksichtigen, sind in allen vier Hinsichten sehr groß. Die Entscheidungen über Bezahlung, Arbeitszeiten, Arbeitsgestaltung können die Bedürfnisse und Interessen der Beschäftigten mehr oder weniger beachten. Die Auswahl der Techniken und Materialien kann ökologische Gesichtspunkte mehr oder weniger einbeziehen. Die Service- und Qualitätserwartungen der Kunden können mehr rhetorisch oder mehr faktisch befriedigt werden. Die Volksbank kann für ihre Kreditvergabe ausschließlich ökonomische oder auch ökologische und soziale Kriterien geltend machen.

Auf der Stufe AAA wird rein wirtschaftlich entschieden. Die Gewinnerwartung ist das einzige Entscheidungskriterium. Rücksichten auf etwas anderes werden nur genommen, wenn sie rechtlich erzwungen sind oder am Ende doch wieder auf das Gewinnziel einzahlen. Was die Gewinnchancen einschränkt, wird als Marterwerkzeug klassifiziert, das die freie Entfaltung der Wirtschaftskräfte behindert. Kapitalistisches Wirtschaften ist oft genug beschrieben worden. Die rigorose ökonomische Zwecksetzung dominiert alle sozialen Beziehungen der Organisation, macht aus Mitgliedern Kostenfaktoren, aus der Natur ein Ausbeutungsobjekt, aus Kunden Kontoinhaber. Der Zweck heiligt die Mittel nicht, aber er verändert sie. Weihnachtsgänse, gezüchtet, gestopft, geschlachtet, sind andere Tiere als Wildgänse. Die einen wissen, was sie an den Festtagen machen, die anderen leben im Ungewissen.

Soziales und Natürliches primär in einem wirtschaftlichen Sinn zu beobachten und zu behandeln, stets die Frage voran zu stellen, was es kostet und was es einbringt, das ist die Veränderung, die der Prozess der Ökonomisierung bewirkt. Demokratien können darüber entscheiden, ob und wie weit die Gesellschaft ihn mitgehen will. Einfach mitzugehen bedeutet, in einer soziophoben Gesellschaft zu landen.

Im Prinzip leben wir in nomadischen Gesellschaften, unsere Familien sind lächerlich klein, und dennoch investieren wir deutlich mehr Ressourcen in unsere Wohnungen und Häuser als die Menschen traditioneller sesshafter Gesellschaften mit ausgedehnten familiären Netzwerken. Wir sehnen uns nach einem Zuhause, bekommen aber letztlich Hypotheken mit Wucherzinsen, Ausbeutung, erzwungene Arbeitsmobilität und Einrichtungsgegenstände von grotesker Hässlichkeit. Trotzdem können wir uns vorstellen, langfristige Investitionen zu tätigen, Karrieren zu verfolgen, unsere Wohnungen ästhetisch zu gestalten. Unser Dasein ist eine blasse Kopie der Lebensweise der Eliten, und wir blicken verächtlich auf jene herab, die unseren Standard nicht erreichen. (Cèsar Rendueles, „Soziophobie“).

Deshalb sagen wir, Wirtschaft ist nicht alles, Dummkopf.

 

Der Text ist auch auf Oxi erschienen.

 


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