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Dienstag | 17.10.2017

Glaubwürdigkeitskrise ist noch ein Euphemismus

| 23.09.2016 | 12 Kommentare

Die vielzitierte Glaubwürdigkeitskrise etablierter Medien ist real. Und ein Symptom dafür, in welch gefährlichen Fahrwassern wir uns gesellschaftlich bewegen.

Wir leben in einer Zeit, in der Menschen auf die Straße gehen und historisch belastete Parolen wie „Lügenpresse“ auf Plakate schreiben. Nicht der Blick auf derartige Transparente, auch das Lesen so mancher Feeds und Threads erschreckt mich. Fassungslos schaue ich auf pure Wut, grenzenlose Entrüstung sowie blanken Hass. Da wünsche ich mir bisweilen eine ordentlich gefilterte Bubble, in der ich mich online aufhalten darf – ein Prenzlauer Berg der Onlinewelt. Doch da ich nicht an vollständigem Realitätsverlust leiden möchte, immerhin wohne ich bereits in der Wohlfühl-Müsli-Yoga-Holzspielzeug-Käseglocke Berlins, werfe ich ab und an den Blick auf dieses Gruselkabinett von Misstrauen und Wut. Getarnt wird derartige Geschichtsvergessenheit regelmäßig mit der Sorge, in Deutschland sei die Meinungsfreiheit in Gefahr. Bei der Lektüre dieser Kommentare, Wertungen und Meinungen fällt auf, dass wir uns mit jener Art der öffentlichen Kommunikation, die jenseits der klassischen Massenmedien stattfindet, längst in eine postfaktische Gegenwart katapultiert haben. Ratio, Sachverstand und Ausgewogenheit der Argumente haben weltweit selten einen geringeren Stellenwert in der öffentlichen Auseinandersetzung gehabt als heute. Wenn ein US-amerikanischer Präsidentschaftskandidat ernsthaft Bürger für sich mit der kruden Ansicht einnehmen kann, dass es elitärem Gequatsche gleicht, wenn sich politische Akteure universitären Sachverstand einholen, bleibt mir außer ratlosem Kopfschütteln nichts. Wenn in Europa staatlich-humanitäres Handeln verhöhnt oder sogar mit tätlichen Auseinandersetzungen und übelsten Diffamierungen gegenüber unseren Staatsoberhäuptern quittiert wird, fasse ich mir erneut an den sich schüttelnden Kopf.

 

Ignorieren reicht nicht. Es werden inhaltsanalytische Forschungen nötig sein, um gehaltvoll auf den Vorwurf der Zensur und Gleichschaltung etablierter Medien eingehen zu können.

 

Dass ausgerechnet jene hetzerischen Stimmen den Massenmedien vorwerfen, gleichgeschaltet zu sein und sich in ihrer Stimmungsmache auf Meinungsfreiheit berufen, erfordert allerdings einen genaueren Blick auf unsere mediale Kommunikation. Ignorieren reicht nicht. Es werden inhaltsanalytische Forschungen nötig sein, um gehaltvoll auf den Vorwurf der Zensur und Gleichschaltung etablierter Medien eingehen zu können. Das kann ich hier nicht leisten. Jenseits dieser kommunikationswissenschaftlichen Aufgabe, fällt mir aber bei solchen Vorwürfen spontan der ausgezeichnete Versuch Dunja Hayalis im Morgenmagazin des ZDF ein. Als Reporterin besuchte sie 2015 eine Pegida-Demonstration, um die Stimmen der Teilnehmer einzufangen. Immer wieder betonte sie in ihrer unnachgiebigen und ruhigen Art, dass alle Äußerungen gesendet werden würden. Die Menschen, die in ihr Mikro sprachen und vor die Kamera traten, glaubten ihr das regelmäßig nicht. Stattdessen witterten sie ausschließlich Verschwörung. Das Transparenz- und Gesprächsangebot, dass die Fernsehfrau den Demonstranten unterbreitete, wurde aggressiv abgelehnt.

Eigentlich sollte uns das nicht wundern, denn der zuhörende Diskurs scheint derzeit nicht sonderlich gefragt zu sein. Mit dem Austausch von Argumenten halten wir uns nicht lange auf, stattdessen geht es um das lautstarke Präsentieren von Meinungen. Die öffentliche Kommunikation ist kein Dialog, wie sie es dank des ubiquitären Internets sein könnte. Selten standen die technischen Vorzeichen so auf dialogisches Miteinander wie heute. Das 21. Jahrhundert wäre für Brechts Utopie des Kommunikationsapparats das technologische Eldorado schlechthin gewesen. Derweil bewegen wir uns keinen Schritt aufeinander zu, sondern mit Siebenmeilenstiefeln voneinander weg. Die Wahlergebnisse belegen diesen Eindruck mit zahlenmäßiger Gewissheit: Wir rutschen in die Extreme. Bewegen sich die Enden des breiten und mehrheitlichen Meinungsspektrums immer weiter auseinander, scheint es fast zwangsläufig, dass beide Seiten brüllen müssen, um sich über diese Distanz hinweg überhaupt noch wahrnehmen zu können. Welche Rolle können Massenmedien in solch einer spannungsgeladenen Stimmung spielen?

Eine Antwort auf diese Frage, scheint schwierig genug. Noch komplizierter wird sie, wenn wir uns die Glaubwürdigkeitskrise der etablierten Medien vor Augen führen. Die Umfragen lassen sich euphemistisch dahingehend interpretieren, dass immerhin noch die Hälfte der Bevölkerung sich von den Nachrichtenmedien nicht bevormundet sehen und noch rund zwei Drittel die Medien für glaubwürdig halten. Allerdings geben auch 60 Prozent an, dass Nachrichtenmedien unerwünschte Meinungen ausblenden. Mit derartigen statistischen Ergebnissen können wir nicht zufrieden sein. Bei aller Sympathie für Optimismus empfinde ich diese Zahlen als alarmierend. „Krise“ lässt sich als der entscheidende Abschnitt einer schwierigen Zeit, als ein Wendepunkt beschreiben. Derartiges Misstrauen in unsere Massenmedien mit ihren ausgebildeten Journalisten verdient die Bezeichnung der Glaubwürdigkeitskrise allemal. Doch haben wir momentan nicht nur eine Zeit der Krise, die sich gegen Redaktionen und Verlagshäuser richtet. Tatsächlich scheint es sich um eine gesamtgesellschaftliche Tendenz zu handeln.

Es liegt in der Natur des Menschen, dass er sich und seine Standpunkte lieber bestätigt als in Frage gestellt sieht. Positiv ist das Gefühl, wenn andere uns Recht einräumen und an unsere Positionen glauben. „Glauben“ und „Glauben schenken“ fußt auf aus reflexiven Kommunikationsprozessen hervorgehenden Emotionen. Jemandem Glauben zu schenken, ist vielmehr ein Gefühl, als dass es ein faktenbasierender Abwägungsprozess ist. Nicht selten gelten Menschen als glaubwürdig sowie als Vertreter der ehrlichen Worte, wenn sie fern jeder Ratio und Überprüfung Meinungen verbreiten. Sogar nachweisliche Unwahrheiten spielen dabei eine erschreckend geringe Rolle. Glaubwürdigkeit funktioniert zutiefst emotional. Und der Gegenentwurf zum Glauben ist Wissen. Wissen basiert auf Zahlen, Fakten – und auf Unsicherheiten. Wissen ist nichts, was dem Stillstand unterliegt. Wissen wird hinterfragt, evaluiert, verifiziert oder falsifiziert. Was heute stimmt, kann morgen falsch sein. Wissen ist stets auf die Probe gestellt und nur so lange wahr, wie nicht das Gegenteil bewiesen wurde. Glauben und Wissen unterscheiden sich in ihrem jeweiligen Kern grundlegend. Am Glauben können zwar Zweifel aufkommen, doch ist der tiefe Glaube an etwas oder jemanden schwerer zu erschüttern, als dass Wissen als überholt gilt. Wissen ist in seinem Wesen deutlich vergänglicher und flüchtiger als Glauben.

Beides ist für das gesellschaftliche Funktionieren bedeutsam und insbesondere sollte es sich aber die Balance halten. Wenn Glauben dominiert, hat es das Wissen schwer, durchzudringen. In guter konstruktivistischer Manier lässt sich feststellen, dass die Wahrnehmung des Einzelnen hochgradig selektiv abläuft. Es besteht die Gefahr, dass nur noch das erkannt wird, an das auch geglaubt wird. Damit fällt aber all das aus unserem Wahrnehmungsfeld, das wir nicht wissen. Denn wir wissen zwar, was wir glauben, doch glauben wir noch längst nicht alles, was wir wissen. Wir werden auch immer eher das sehen und erkennen, an das wir glauben, da wir uns nun einmal lieber im Glauben bestärken als im Wissen schwächen lassen. Ebenjenem Tendenz der selbstreferenziellen Bestätigung und der faktenlosen Vorwürfe sehen wir unsere Debattenkultur derzeit besonders ausgesetzt.

Sprechen wir in diesem Zusammenhang von der Glaubwürdigkeitskrise etablierter Medien, wird deutlich, in welch gefährlichen Fahrwassern wir uns gesellschaftlich bewegen. Wie schaffen wir es, dass Menschen echte Unsicherheiten, nämlich das in Frage stellen der eigenen Position, ertragen oder sogar schätzen lernen? Die Antwort darauf kenne ich leider nicht. Mit Inbrunst glaube aber auch ich, dass es weiterhin die Aufgabe der freien und unabhängigen Medien sein muss, Gesprächsangebote zu unterbreiten, Gegendruck auszuhalten und niemals gegenüber dem platten, unwürdigen Vorwurf der Lügenpresse einzuknicken.

 

Der Text erscheint im Rahmen des Dossiers „Journalismus – Aufklärung oder Animationsarbeit?“, das in Zusammenarbeit mit der Otto Brenner Stiftung entsteht. Ausgangspunkt ist das dort publizierte Arbeitspapier „Journalist oder Animateur – ein Beruf im Umbruch. Thesen, Analysen und Materialien zur Journalismusdebatte“ von Hans-Jürgen Arlt und Wolfgang Storz. Wir setzen die Debatte in den nächsten Wochen fort.

 


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12 Kommentare

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Crystal | 29.09.2016 | 17:04 Uhr

Zum Thema „Dunja Hayalis ausgezeichneter Versuch, mit Pegida ins Gespräch zu kommen“: Es gibt auf YouTube eine ausführliche Analyse mit dem Material, das gesendet wurde und dem Rohmaterial.

Wie auch immer man zu Pegida steht, wird man nach Ansicht dieser Videoanalyse anerkennen müssen, dass Frau Hayali höchst manipulativ und denunziatorisch vorgegangen ist.

Ich nehme an, dass Ihnen dieser Beitrag wahrscheinlich unbekannt ist. Schauen Sie ihn bitte mal an.

Und wenn ich so etwas sehe, dann denke ich etwas anders über diesen „ausgezeichneten Versuch“.

Ich darf Ihnen ausserdem mitteilen, dass ich selbst jahrelang das Vergnügen hatte, an der Entstehung namhafter Medien mitzuwirken. Danach ging bei mir das Bedürfnis rapide zurück, diese Medien auch weiterhin konsumieren zu wollen.

Die Krise unserer Medien ist, wie Sie sagen, nur ein Spiegel der Krise unserer Gesellschaft. Vielleicht sollten wir diese Krise einfach mal zur Kenntnis nehmen und uns mit den Ursachen statt mit den Symptomen befassen.

Vielleicht sollten wir auch zur Kenntnis nehmen, dass Menschen, die ein anderes Weltbild haben, ihre guten Gründe dafür haben mögen.

Vielleicht sollten wir aufhören, politisch Andersdenkende zu verurteilen. Vielleicht sollten wir unsere Gesellschaft auch rationaler betrachten, dann wäre vieles einfacher zu diskutieren.

robbyb | 26.09.2016 | 15:13 Uhr

An „freie und unabhängige Medien“ muss man wirklich glauben. Diese Bezeichnung kann heutzutage wenn überhaupt nur auf Medien wie z.B. nichtkommerzielle private Blogs angewendet werden.

Die aktuelle deutsche Medienlandschaft zerfällt im wesentlichen in den Bereich private Medien die von kaum einer Handvoll global agierender Medienkonzerne kontrolliert werden und in den Bereich öffentlich-rechtliche Medien.

Die privaten Medien sind der Profit-Maximierung ausgeliefert, die öffentlich-rechtlichen Medien dem Wohlwollen der nationalen Politik.

Der platte, reduzierte und „einfache“ aber berechtigte Vorwurf der „Lügenpresse“ richtet sich an diejenigen, die uns glauben machen wollen das die „freie und unabhängige Presse“ im Sinne der Konsumenten tatsächlich existiert.

Leider fühlen sich nicht die eigentlichen Adressaten angesprochen. Getroffen fühlen sich diejenigen, die ihren Glauben an die wünschenswerten freien und unabhängigen Medien nicht verlieren wollen. Sie wünschen sich Medien die frei sind von allen möglichen -ismen und unabhängig von politischen und wirtschaftlichen Zwängen.

Ich glaube nicht, das ein solches (Massen-)Medienangebot auf diesem Planeten existiert – leider !

Für mich ist die entscheidende Frage bei der Beurteilung bzw. Interpretation von Medienangeboten „Qui Bono ?“ – „Wem nutzt es ?“

dr-faust | 25.09.2016 | 15:59 Uhr

#meyke/24.09
Das führt nicht weiter! Ich kann nur vermuten, dass Sie Frau Flecken unrecht tun, weil sie vermutlich noch ganz andere Positionen kennt.
Was ist Ihr Beitrag zu einem Voranschreiten, der uns hilft diese Probleme zu lösen?

#nadim/25.09.
Ja dieser Glaube ist doch gut. Ich kann doch nicht an Versagen glauben, wenn ich erfolgreich sein möchte.
Das Splitter/Balken-Gleichnis gilt doch wie alle diese Hinweise auch im Koran immer für den Leser selbst, aber nicht als Waffe gegen seine Feinde!
WIR müssen uns an unsere Werte halten und sie glaubhaft vertreten. Wenn wir aber so wenig an unsere Werte glauben, dass wir sie nicht selbst vertreten, sondern dies von unseren Gegnern verlangen, dann sind wir doch gar nicht handlungsfähig. Wir müssen also auch unsere vermeindlichen Gegner überzeugen und ermutigen, an das Gute und Richtige zu glauben und nicht an das Schlechte, von dem eigentlich alle wissen, das es schiefgeht.
Warum also das Falsche noch bekräftigen. Wir haben doch hier im Kommentar nur 1500 Zeichen. Wenn Sie die für das Falsche verbrauchen, dann ist kein Raum mehr für das Richtige.
Was ist denn nun das Richtige?

dr-faust | 25.09.2016 | 15:36 Uhr

Nicht Rechthaberei nach Hinten darf unser Ziel sein, sondern gangbare Wege noch Vorn schaffen. Wir brauchen jetzt eine emotionale Verstandesentwicklung, die wir bezüglichlich des 1. und 2. Weltkrieges leider erst rd. 100 bzw. 70 Jahre zu spät hatten.
Daraus ergibt sich Glaubwürdigkeit – oder?

#martinböttger/23.09.
Sie haben völlig Recht. Aber gerade deswegen ist Frau Flecken ein wichtiger Partner. Es kann ja nicht darum gehen, unser Übelnehmen zu kultivieren. Wir brauchen im 21. Jahrhundert Wege zur Lösung mit allen Beteiligten, jetzt nicht mehr gegen sie. Ob uns das gefällt oder nicht.

#mitscherlich/23.09.
Ja natürlich haben Sie Recht, genauso wie die die (anderen) Intellektuellen und solche, die es nicht sind. Wir alle können doch nur auf der Grundlage unserer Überzeugung reagieren auf das, was wir wahrnehmen. Was machen den die Jugendlichen in ihrer Pubertät – zumindest schämen sie sich.
Sie erwarten in Ihrem Beitrag etwas, was „augenscheinlich“ an jetzt dieser Stelle noch nicht stattfinden kann, weil es erst in Entwicklung ist. Wir müssen es also entwickeln und dürfen nicht die Feindschaft und den Untergang proklamieren, weil es uns sonst die Sicht verstellt.

Nadim | 25.09.2016 | 11:56 Uhr

„Freie und unabhängige Presse“, daran glauben Sie Inbrünstig. Sie sehen den Splitter im Auge ihres gegenüber, bitte schauen Sie einmal selber in den Spiegel.

Das Land ist gespalten, daran dürfte es keine Zweifel mehr geben. Ich sehe hier erschreckende Parallelen zwischen dem Libanon in den 70ern, kurz vor Ausbruch des Bürgerkrieges, und dem heutigen Deutschland.
Aber wem will ich hier etwas erzählen, es kommt so oder so….
سلام عليكم

Meyke | 24.09.2016 | 17:20 Uhr

In welchen Sphären schweben Sie? Haben Sie schon einmal die Ostsee-Zeitung gelesen? Das sollten Sie unvoreingenommen eine Woche lang tun. (Vorsicht, Bezahlschranke, da der Verlag das Blatt als kritisch-hochwertig ansieht!) Sie würden sich nicht mehr so sehr wundern, dass Medien heutzutage nicht mehr als glaubwürdig angesehen werden. Von dem gebotenen Einheitsbrei sehe ich dabei schon ab.

dr-faust | 23.09.2016 | 17:02 Uhr

4/4
Sie hat nichts eigenes und glaubt an den Untergang, für den Sie als Indikatoren ihre Gegner ansieht.
Würde eine „liebende Mutter“ oder von mir aus auch Vater – würden sie also in Erinnerung ihrer eigenen Pubertät ihre Tochter oder ihren Sohn für verloren halten? Wohl kaum. Aber: Wir bewegen uns auf universellem Neuland, dessen Basis zwar vorhanden, jedoch vorborgen scheint. Es gibt eben weitere Pubertäten, die wir alle personell und institutionell noch nicht hinter uns haben.

Leider kann es mir nicht um feststehende „Gesprächsangebote“ gehen, solange ich gar nicht weiss, was meinen Gegenüber „wirk“lich bedrückt und was ich selbst möglicherweise in seiner tatsächlichen Lage tun könnte. Wir sollten herauskommen aus dieser Polarität eines falschen Dualismus der Positionen. Die Gesprächsangebote auf der gleichen Ebene können doch nicht anders sein als die Parolen der AfD oder Pegida. Deshalb: Heraus aus der „Blutrache“ der Glaubenskriege (auch der Hilflosigkeit), hinein in ein Verständnis des Geschehens und zugrunde liegender Interessen, damit diese Pubertät möglichst mit geringem Flur- und „Kolateral“schaden durchlebt werden kann. Laufen oben auf dem Roten Meer des Zeitgeistes, ohne dass diesmal die Ägypter darin ertrinken sollten.

Ihr dr-faust

dr-faust | 23.09.2016 | 16:57 Uhr

3/4
Im Nachspüren der genannten Elemente zeigen sich bereit Einsichten und Schatten. In der Pubertät verliert sich vorübergehend der Bezug, den Archimedes ja gern benutzt hätte, um das Universum aus den Angeln zu heben. Den dualistischen Monismus als Steigungsdreieck der Differenzialrechnung des Universums haben wir schon weg- und umdiskutiert und im Übrigen auch ein wenig vergessen. Was also haben wir in der Pubertät von Demokratie und Political Correctness für einen Bezugspunkt?

Liebe Eva Flecken, nehmen Sie dazu ihren guten Text und wenden Sie alle darin enthaltenen Einsichten und Ratschlage nun genau auf diesen Text an und Sie sind in der Situation eines Menschen, der Mord und Blutrache ohne Todesstrafe bekämpfen möchte, weil es letztlich doch ahnt, das sich Mord nicht mit Blutrache bekämpfen läßt. Ein offensichtliches Dilemma, das mit dem bis heute philosophisch nicht gelösten Problem der Toleranz zu tun hat: Was tut die Tolaranz, wenn ihr die Intoleranz nicht folgen will? Wie sehr bin ich selbst verstellt?

Nun, die Lösung gibt es wie oft zunächst nicht oder soggar niemals, aber einen Weg dorthin, der im Übrigen laufend beschritten wird und bspw. dazu führt, daß Jesiden ihrem Glauben gemäß in Deutschland niemanden mehr steinigen müssen, aber Deutschland bspw. die Hartz IV Empfänger seelisch steinigt.

Sie ahnen es? Jetzt sollte sichbar sein, dass die Qualitätspresse genau das tut, was sie Pegida, AfD und Konsorten vorwirft.

dr-faust | 23.09.2016 | 16:57 Uhr

2/4
Was ist denn überhaupt die inhaltliche und die strukturelle Differenz oder Gleichheit in solcher Art von „Debatten“? Allein die Selbstbehauptung und Furcht der Kontrahenten vor dem Niedergang?

Eher per Zufall und in anderer Sache beschäftige ich mich gerade mit Musil und habe mir gestern Abend die Zeit für fast 300 Seiten „Die Verwirrungen des jungen Törleß“ genommen. Verwirrungen, die rd. 100 Jahre vorher erzählt wurden und mich doch strukturell an unsere heutigen Verwirrungen erinnern.

Ganz grob gesagt, haben wir ja inzwischen so etwas wie die Krise der Demokratie vor Augen, die 9/11 eigentlich fast niemand wahrhaben wollte, weil Emotionen und noch dazu entwicklungsbedingte (Törleß und der aktuelle Zeitgeist) ja nur zu leicht geeignet sind, alles in der eher psychiotischen Zuspitzung der Schärfe und Einsamkeit wahrzunehmen. Nun, Flüchtlings- und Ethikkrise in Deutschland, Brexit in England, Trump und Cinton in Amerika sind ja nur die grobsten Indikatoren, dass da nun wirklich (wirkend) etwas ist, was nun mit den besten Argumenten nicht mehr vollständig zuzudecken ist. Gibt es Alternativen zwischen gutem Glauben und bösen Verschwörungstheorien? Damit es jetzt nicht zu Mißverständnissen kommt: Beides ist wohl eher mangelnder Einsicht geschuldet und die Wahrheit liegt eigentlich im Konkreten selten in der Mitte, sondern immer an ihrem wirksamen Ort.

Also: weshalb Törleß, weshalb dualistische Monismus, weshalb vermuteter Euphemismus?

dr-faust | 23.09.2016 | 16:54 Uhr

1/4 Hey Eva Flecken,

im Grunde sollte ich Ihnen zustimmen. Eine nicht unsympathische Stellungnahme einer sympathischen jungen Frau. Also was sollte ich jetzt schreiben, ich könnte aufhören. Es ist alles in Ordnung.

Aber Sie schreiben ja selbst, es ist nichts in Ordnung. Ja Sie sprechen sogar von euphemistischer Gefahr („in welch gefährlichen Fahrwasser wir uns gesellschaftlich bewegen“). Also muss es etwas geben, was augenscheinlich nicht erfaßt werden kann, auch wenn alle darüber reden.

Ich will das Unmögliche, Widersprüchliche, Ambivalente zu versuchen. Der Versuch ist natürlich die Tat des Versuchers, das kann für die einen der Satan, für die anderen der Demiurg sein. Auch die Jesiden nehmen dazu ja eine interessante Haltung ein und steinigen dennoch in ihrer Heimat die Sündigen – zumindest scheinen sie aber auch Deutschland zu lieben, wo physisch meist nicht mehr gesteinigt wird.

Wir haben uns in der christlichen Kultur des Abendlandes die gnostische Sicht des Dualismus weitgehend erspart und dieses Ersparen bis zum Kreuzzug in der Mitte Europas geführt. Deshalb wissen wir heute nicht, dass der Dualismus einen differenzierten Monismus darstellt, so wie die Moslems ja augenscheinlich nicht wissen, dass die christliche Trinität eigentlich einen noch konsequenteren Monotheismus darstellt, als der Islam.

Nun, können wir denn in solcher Verwirrung und Verirrung überhaupt wahrnehmen, um was es der Qualitätspresse, Pegida und AfD usw. geht?

Martin Böttger | 23.09.2016 | 14:12 Uhr

Sehr geehrte Frau Flecken, die von Ihnen aufgeworfenen Fragen sind berechtigt, Ihre Sorgen sowieso. Vielleicht würde Ihnen ein Blick in The Sun helfen, ein Medium das im gleichen Konzern arbeitet wie Sie, um die Ursachen der aktuellen Glaubwürdikeitskrise vieler Medien besser zu verstehen.
https://www.thesun.co.uk
Oder Sie foltern sich selbst mal mit ganztägigem Konsum von Fox-News, dem „Flaggschiff“ Ihres Bosses:
http://www.foxnews.com
Ich nehme Ihnen (im Gegensatz zu Ihrem Milliardärsboss) nicht übel, wo Sie bezahlt arbeiten. Wir alle müssen das (fast alle). Aber Sie sitzen näher am Problem, als Sie denken.

Mitscherling | 23.09.2016 | 09:08 Uhr

Glaubwürdigkeit?

„Glaubwürdigkeit ist ein Maß der Bereitschaft des Adressaten, die Aussage einer anderen Person als gültig zu akzeptieren. Erst im Weiteren wird der Person und ihren Handlungen Glauben geschenkt.“ (Wikipedia)

Erst im Weiteren wird der Person und ihren Handlungen Glauben geschenkt. Und genau hier liegt offensichtlich das Problem. Wer einmal lügt dem glaubt man nicht! Haben die Medien nicht zu oft enttäuscht? Etwa durch unterlassen oder gar offensichtlicher Falschdarstellung? Und immer wieder! Tag für Tag – Tagesschau! Und was wird nach einem guten „Wieso“ und wie sie alle heißen, Beitrag? Was ändert sich? Nichts!

Die Intellektuellen, und dazu zähle ich den Journalisten, haben die Verantwortung die Wahrheit zu sagen und Lügen aufzudecken. (Noam Chomsky) Doch was tut der „Journalismus von oben“ wenn er tut? Er ist hauptsächlich euphemistisch im Sinne der vorherrschenden Macht!

Viele Grüße